Jan Seghers – „Der Solist“

„Ein Haus, eine Straße, ein Platz aber logen nicht. Sie erzählten Geschichten.“

Der islamistische Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz nahe der Gedächtniskirche am 19. Dezember 2016 hat für Entsetzen und Fassungslosigkeit, Wut und Trauer gesorgt. Elf Menschen starben, 55 wurden damals verletzt, als ein Lkw in die Besuchermenge auf dem Weihnachtsmarkt fuhr. Der tunesische Attentäter Anis Amri hatte zuvor den polnischen Fahrer des Lasters ermordet. Ein Jahr später, wenige Wochen vor der Bundestagswahl, muss die Sondereinheit „Terrorabwehr“ einen Mord an dem Juden David Schuster aufklären. Bei der Leiche wurde ein Bekennerschreiben mit Verweis auf den damaligen Attentäter gefunden. Jan Seghers hat mit seinem neuen Roman „Der Solist“ ein hochpolitisches Buch über einen charismatischen Ermittler geschrieben, das nicht mit Kritik geizt und zur richtigen Zeit kommt.

Domizil im einstigen Flughafen

Zur Einheit, die in der „Baracke“, einem Gebäude auf dem ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof, ansässig ist, stößt im Spätsommer der Frankfurter BKA- Ermittler Neuhaus hinzu. Weitere Morde geschehen in verschiedenen Berliner Bezirken. Die Opfer stammen aus unterschiedlichen Milieus, sind verschiedener Herkunft. Auch auf Neuhaus selbst wird später ein Anschlag verübt. Seine Beziehung zu den Mitgliedern der Sondereinheit unter Leitung von Günther Jeschke bleibt von Anfang an unterkühlt. Der Frankfurter will eigene Wege gehen und scheut die Nähe. Einzig und allein zu der türkisch-stämmigen Kollegin Suna-Marie mit dem ungewöhnlichen Spitznamen Grabowski entwickelt der eingefleischte Einzelgänger mit der Zeit ein zugewandtes, später sogar freundschaftliches Verhältnis.

Beide ahnen zu Beginn nicht, wer die wirklichen Drahtzieher der Serienmorde  und deren Motive sind. Immer wieder führen ihre Ermittlungen sie an Orte, an denen der Attentäter Amri einst unterwegs gewesen ist. Erst auf einer späteren Seite des Romans wird klar, dass Neuhaus, der an keiner Stelle im Buch mit seinem Vornamen erwähnt wird, im Vorfeld noch einen besonderen Auftrag seitens des BKA erhalten hatte.

„Der Anschlag ist ein Ergebnis unserer Faulheit, unserer Gleichgültigkeit und Schlamperei. Ich habe die Aussagen der Überlebenden, der Angehörigen, der Augenzeugen und der Rettungskräfte gelesen. Es gibt wahrscheinlich tausend Menschen, die dieses Attentat ein Leben lang mit sich herumtragen werden. Ein Verbrechen, das ein Einzelner ausgeführt und das gerade mal zweieinhalb Minuten gedauert hat.“

Dieser neue, indes recht schmale, aber nicht minder vielschichtige Roman von Jan Seghers erweist sich zunehmend als ein eindrücklicher weil atmosphärischer Berlin-Roman, der zu unterschiedlichen markanten Orten wie dem Spreepark (Treptow) und den Rundlok-Schuppen (Pankow) führt und teils auch deren Geschichte erzählt. Seghers gelingt es, die flirrende Atmosphäre der Metropole mit ihren Schattenseiten zu schildern, einer Stadt, die von Geschichte aufgeladen ist, aber von sozialen Brennpunkten und Gentrifizierung geprägt wird. Mittendrin: ein charismatischer Ermittler, der einen alten Jaguar fährt und bei seinem Einsatz im Osten des Landes auf einen schweren Packen Schallplatten nicht verzichten mag. So begleitet viel Musik die Handlung, für den speziellen Soundtrack – von Bob Dylan bis Nina Simone – ist also gesorgt.

Unheilvoller Aufstieg rechter Kreise

„Der Solist“ sorgt für packende Unterhaltung und ist zugleich ein Buch der Stunde, geht es doch darin sowohl um Antisemitismus und Rassismus als auch um den Aufstieg rechter Kreise und deren Verbindungen in den Polizei-Apparat, die bekanntlich bis heute regelmäßig für Schlagzeilen sorgen. Gerade mit Blick auf die Figur des Niklas Junker, der mit 80 Jahren die rechtspopulistische und islamfeindliche Partei „Der Aufrechten“ als Ehrenvorsitzenden anführt, hätte der Roman an einigen Stellen durchaus etwas ausführlicher sein können, obwohl die Parallelen zur realen Gegenwart deutlich  erkennbar sind.  Zugleich erinnert der hochpolitische Roman an den einstigen Anschlag und die folgenreichen Pannen sowie Versäumnisse der Sicherheitsbehörden, mit denen sich später ein Bundestags-Untersuchungsausschuss beschäftigte. Seghers, Pseudonym für den preisgekrönten Journalisten und Autoren Matthias Altenburg und bekannt für seine verfilmten Bände rund um Kommissar Robert Marthaler, legt dabei seinen Finger tief in die Wunde.

„Der Solist“ lebt darüber hinaus von seinen knackigen Dialogen, vor allem Neuhaus und Grabowski beim Lesen im Kopf sprechen zu hören, ist eine wahre Freude. Der Roman weckt aufgrund seines thematischen Hintergrunds eine nachdenkliche und womöglich auch wütende Stimmung, löst aber zugleich eine Vorfreude auf weitere Fälle des Ermittlers Neuhaus aus, wobei es zu wünschen wäre, wenn auch Grabowski sowie die nicht minder interessante Figur des indischen IT-Profis Naresh den Krimi-Fans erhalten bleiben. Und sicher gibt es noch einiges über Neuhaus zu erzählen, dessen Leben voller Geheimnisse ist. Große Krimi-Empfehlung!


Jan Seghers: „Der Solist“, erschienen im Rowohlt Verlag, 240 Seiten, 20 Euro

Bild von KarinKarin auf Pixabay

3 Thoughts

      1. Jetzt habe ich es gelesen. Bin nicht 100%ig überzeugt, aber doch so, dass ich weiterlesen würde. So wie auch du, hätte ich es mir an manchen Stellen etwas deutlicher gewünscht. Insgesamt ist es ein gutes Buch!

        Gefällt 2 Personen

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