Alexander Gorkow – „Die Kinder hören Pink Floyd“

„Wer nicht atmet, fällt um.“

Jeder von uns hat wohl einen Soundtrack des Lebens. Songs wie ewig währende Ohrwürmer von Musikern, deren Alben unweigerlich Erinnerungen in uns auslösen.  Bei mir war/ist es Elton John (bitte nicht lachen!). Während in meiner Klasse die meisten Hip-Hop, Grunge, Wave oder Gothic hörten, kannte und sang ich die Songs des Pianoman aus dem Londoner Vorort Pinner. Sogar jene ellenlangen und schwermütigen wie „Funeral For A Friend /Love Lies Bleeding“. Meine erste Brille, nach der Schuluntersuchung angemahnt, war nahezu rund. Nur nicht so bunt wie die von Elton.  Der Ich-Erzähler aus „Die Kinder hören Pink Floyd“ wird geprägt – wie es der Titel und das auffällige Cover des Buches verrät – durch die Hingabe seiner älteren Schwester an die britische Kultband. Alexander Gorkow hat mit seinem neuen Roman ein melancholisches wie humorvolles autobiografisches Porträt seiner Kindheit und der 70er-Jahre geschrieben.

Eine Kindheit im Rheinland der 70er-Jahre

Seine früheste Kindheitserinnerung hängt – es kann nicht anders sein – mit seiner Schwester und dem Pink Floyd-Album „Atom Heart Mother“, 1970 mit einer Kuh auf dem Cover erschienen, zusammen. Es sollten noch viele solcher prägenden Erlebnisse folgen, die alle um die Kult-Band und ihre Musik, die Generationen beeinflusst haben, kreisen: Die neueste Scheibe der Briten wird nach dem Einkauf wie ein Schatz geschützt nach Hause in die Dietrich-Bonhoeffer-Straße im Düsseldorfer Vorort Meerbusch-Büderich gefahren. Die Mutter macht dem Vater unmissverständlich klar, was die Kinder mal wieder machen („Die Kinder hören Pink Floyd“). Der Vater bangt um seinen wertvollen Plattenspieler der Marke Thorens (Made in West Germany under Swiss license), wenn dieser mal statt der geliebten Jazz-Platten die der Tochter auflegt. Und der Junge zerbricht sich stotternd sogar am nur zweisilbigen Namen der Band die Zunge.

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Gorkows Roman besteht aus vielen dieser einzelnen, kleinteiligen Szenen, die Spiegelbilder der Familiengeschichte und jener Zeit sind. Es ist eine Zeit, in der in deutschen Büros noch Schreibmaschinen stehen, in der in der „Bravo“ ein Poster der Gruppe „The Sweets“ zu finden ist, Gerhard Klarner die „heute“-Nachrichten im ZDF moderiert.  Die 70er-Jahre im Rheinland werden lebendig – und all das aus der Perspektive des Jungen geschildert, der nicht nur neugierig, sondern sich als ein genauer Beobachter mit dem Blick für Details, für Geschehnisse und Personen erweist.  Der Ernst, mit dem der junge Ich-Erzähler seine Erlebnisse schildert, lässt einige der Szenen für den erwachsenen Leser fast absurd erscheinen. Bei der Lektüre habe ich oft an den herrlichen Witz Loriots denken müssen. Wenn die Klasse des Jungen ein Klärwerk besucht, der heimische Schnellkochtopf in die Luft fliegt und die neue Küche versaut oder im örtlichen Kino in der Kinder-Matinee Horrorfilme über die große Leinwand laufen. Schon allein einige der Namen der Figuren erinnern an den großen Humoristen.   

Humorvoll und melancholisch

Doch neben den humorvollen und selbstironischen Episoden zeichnet ein melancholischer Zug diesen persönlichen und empathischen Rückblick aus, denn diese Jahre der Kindheit sind keineswegs sorgenlos. Die geliebte Schwester, contergan-geschädigt und schwer herzkrank, verbringt die meiste Zeit in der Klinik. Für die Ärzte ist das Kind mit dem „groteskem“ Herzen ein Versuchsobjekt. Dass sie mit 16 noch lebt, grenzt an ein Wunder. Vater und Mutter sind vom Zweiten Weltkrieg gezeichnet. Die Nazis streuen nach knapp 30 Jahren hingegen noch immer ihre eklige Weltanschauung und ihren Hass aus, wogegen sich die Schwester als Jung-Sozialistin genauso stellt wie gegen das System und Establishment. In der Schule wird der Junge von kleingeistigen und gewaltbereiten Mitschülern gehänselt, geschlagen, gedemütigt.  

„Die Schwester nimmt die Dinge selbst in die Hand. Schau in die Welt nicht in den Himmel. Auf wessen Seite stehst du? Es gibt uns und die anderen. Die Pyramide ist nicht am Himmel. Die Monster wohnen nicht unter dem Bett.“

„Die Kinder hören Pink Floyd“ ist ein berührendes Buch, das Emotionen auslöst, Heiterkeit, aber auch Wut und Trauer weckt, bei dessen Lektüre ich geschmunzelt, gelacht und am Ende fast geweint habe. Gorkow, 1966 geboren, Journalist für die „Süddeutsche Zeitung“ und seit 2020 mit Laura Hertreiter verantwortlich für das Ressort Kultur und Medien, ist von der Liebe zur Musik, jener ersten bewussten Erinnerung aus der Kindheit zeitlebens geprägt worden. Er hat das erleben dürfen, was seiner Schwester, mit der er gemeinsam das „The Wall“-Konzert 1981 in Düsseldorf besuchte und die unaufhörlich Briefe an die Gruppe geschrieben hat, ob ihres tragischen Schicksals verwehrt blieb. Er ist den Musikern von Pink Floyd mehrfach persönlich begegnet und hat sie oft interviewt, sein überschwänglicher Blick auf die Band veränderte sich allerdings mit der Zeit, wie der Autor im Epilog schreibt, in dem er zudem die literarisch verarbeitete Kindheit mit dem realen Erwachsenenleben verknüpft. Für sein Interview mit Roger Waters erhielt er 2018 den Deutschen Reportagepreis. Bereits in seinem 2019 erschienenen Roman „Hotel Laguna“ erzählt Gorkow von seiner Kindheit und seiner Familie. 

Um noch einmal zu Elton zurückzukommen: 2002 gastierte der berühmte Brite in einer sächsischen Kleinstadt an der Elbe. Ich schrieb in meinem ersten Jahr als Journalistin über das Konzert, nach dem nahe der Veranstaltungshalle ein Hubschrauber in den abendlichen Himmel emporstieg. Der Beitrag endet mit einer leicht abgewandelten Liedzeile: „Thank God, his music is still alive.“ Das gilt wohl neben dem Paradiesvogel auch für Pink Floyd. Welch großes Glück!

Weitere Besprechungen auf den Blogs „Sören Heim – Lyrik und Prosa“, „aus.gelesen“, „Sounds & Books“ und „Feiner reiner Buchstoff“.


Alexander Gorkow: „Die Kinder hören Pink Floyd“, erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch, 192 Seiten, 20 Euro

Foto von Marcela Vitória auf Unsplash

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