Stephen Crane – „Die rote Tapferkeitsmedaille“

„Es war wohl der instinktive Impuls eines Lebenden, in den Augen des Todes die Antwort auf die Frage aller Fragen zu finden.“

Bei einer Passage denkt man unweigerlich an den Klassiker „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque. 1929 erschienen, werden in dem Antikriegsbuch die Schrecken des Ersten Weltkrieges aus der Sicht des jungen Soldaten Paul Bäumer geschildert . „Am Rappahannock nichts Neues“ heißt es im 16. Kapitel des Romans „Die rote Tapferkeitsmedaille“ aus der Feder des amerikanischen Autors Stephen Crane (1871 – 1900), dem für das Leben und sein literarisches Schaffen nur wenig Zeit vergönnt war. Bereits 1895 unter dem Originaltitel „The Red Badge of Courage“ veröffentlicht, kann der Roman über den amerikanischen Bürgerkrieg in einer Neuübersetzung wiederentdeckt werden.

Die Schlacht bei Chancellorsville

Obwohl mehr als drei Jahrzehnte zwischen der Entstehung beider Bücher liegen, bestehen zwischen ihnen Parallelen – inhaltlicher wie stilistischer Art. Darüber hinaus haben sie bis heute nichts an ihrer eindrücklichen Wirkung verloren. Krieg bleibt Krieg und ist immer ein brutales Gemetzel, in dem das Leben des Einzelnen, egal welche Herkunft, welchen Status er hat, nichts gilt. Die Schlacht bei Chancellorsville bildet für Crane den historischen Hintergrund. Nahe dem Gehöft, nur wenige Kilometer von der Kleinstadt Fredericksburg (Virginia) gelegen, trafen in den ersten Maitagen des Jahres 1863 die Truppen der Union auf die Armee der Konföderierten. Rund 3.300 Soldaten fielen, knapp 20.000 wurden verwundet. 

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Auch der Held des Romans wird verletzt, allerdings auf eine wenig rühmliche. Henry Fleming, im Buch „der Junge“ genannt, hatte zuvor seine Mutter, die familieneigene Farm und seine Mitschüler verlassen, um in den Krieg zu ziehen. Voller Begeisterung schließt er sich einem Infanterie-Regiment der Unionstruppen an, obwohl ihn die Politik nicht interessiert. Seine Geduld wird zu Beginn auf eine harte Probe gestellt, als sich an der Front nichts rührt, die Soldaten stupide im Lager ausharren. Doch schließlich beginnt das Gefecht. Fleming erblickt die endlosen Reihen der Soldaten, sieht, wie von einem Moment auf den nächsten Menschen tot zusammenbrechen, von Kugeln aus Gewehren und Kanonen getroffen. Er wird hin- und hergerissen von seiner Kriegsbegeisterung und seiner Todesangst und Panik, die ihn für eine kurze Zeit die Flucht ergreifen und in der Landschaft herumirren lässt. Nachdem er unter anderem auf eine Gruppe Verwundeter trifft, stürzt er sich wenig später erneut in den Kampf.

„Schließlich setzte er sich wieder in Bewegung. Was er direkt vor sich sah, war ein furchteinflößendes Monstrum, eine gefräßige Maschine, die alles zermalmte, was ihr in den Weg kam.“

Diese Gemengelage aus den unterschiedlichsten Gefühlen prägen das Innere des Helden. Mal ängstlich, nachdenklich und selbstzweiflerisch empfindet Henry später einen Rausch und Stolz, als er zum Fahnenträger seiner Truppe wird. Was Cranes Roman so besonders macht, ist diese komplexe und konkrete Innenansicht. Aus der Perspektive des Protagonisten geschildert, wird die Schlacht zu einer sinnlichen, damit auch erschreckenden Erfahrung. Man riecht, hört, fühlt den Krieg in all seinen Erscheinungen. Man sieht durch Henrys Augen sowohl einen schnellen Tod als auch schmerzvolles Leid. Wie die Erlebnisse auf die Männer wirken, ihr Wesen verändern, auch darüber schreibt Crane. Ob mit Blick auf den Helden oder dessen Kameraden Wilson, der sich von einem nervtötenden und respektlosen „Schreihals“ – er wird auch so im Buch benannt – zu einer Person wandelt, die sich um andere sorgt und kümmert.  Nur wenige Charaktere tragen einen Namen. Sie sind austauschbar. Wenn sie fallen, rücken andere an ihre Stelle. Von den Offizieren werden die Gefreiten gedemütigt und in Scharen in den Tod geschickt. Immer stehen die eindrücklichen Schilderungen der Geschehnisse dabei an der Seite von bildhaften Landschaftsbeschreibungen.

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Stephen Crane 1899, Fotograf unbekannt

Crane war gerade mal 24 Jahre alt, als dieses Buch erschien, mit dem er seinen literarischen Durchbruch feiert und kommende Schriftsteller prägen sollte. Ernest Hemingway nannte es eines der besten Bücher. Zu seinen Freunden zählte der polnisch-britische Schriftsteller Joseph Conrad, von dem sich auch ein aufschlussreiches Zitat im Buch findet. Crane verfasste später weitere Romane sowie Erzählungen und Gedichte. Trotz seiner kurzen Lebenszeit schuf er ein umfangreiches Lebenswerk. Mit nur 28 Jahren starb er in Badenweiler (damals Großherzogtum Baden, heute Baden-Württemberg), wo er sich in einem Sanatorium Heilung von seiner Tuberkulose erhoffte.  An der sogenannten Villa Eberhardt erinnert seit Cranes 100. Todestag eine Gedenktafel an den Schriftsteller, wie Rüdiger Barth in seinem Text zum Leben des Amerikaners erwähnt.

Ein zeitloses Buch

Neben diesem Porträt umfasst der Band ein Nachwort von Thomas Schneider sowie die kurze Erzählung  „Der Veteran“, in der der Leser dem bereits betagten Henry Fleming erneut begegnet. Auch Jahrzehnte später, mittlerweile Großvater, lassen die Kriegserlebnisse den Helden nicht los. Traumatische Erfahrungen, die nicht nur die guten Seiten eines Menschen wie Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit, sondern auch negative Züge hervorbringen, über die die meisten, so auch der Held, schließlich schweigen. „Die rote Tapferkeitsmedaille“ ist trotz seiner pathetischen Färbung am Ende ein wichtiges und zeitloses Buch, das auch heute und morgen gelesen werden sollte.


Stephen Crane: „Die rote Tapferkeitsmedaille“, erschienen im Pendragon Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Bernd Gockel, mit einem Nachwort von Thomas Schneider und einem Porträt des Verfassers von Rüdiger Barth, 320 Seiten, 24 Euro

Foto von Chris Chow auf Unsplash

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