Anna Nerkagi – „Weiße Rentierflechte“

„Das Alter ist die Weisheit der Seele.“

Die Nenzen leben in den nahezu menschenleeren und unwirtlichen Weiten der Tundra im äußersten Norden Russlands. Samt ihren unzähligen Rentieren, mit denen sie von Ort zu Ort ziehen. Dieses indigene Nomaden-Volk gehört zu den kleineren im Norden unserer Erde. Erstmals ist mit “ Weiße Rentierflechte“ von Anna Nerkagi ein Buch einer nenzischen Autorin ins Deutsche übertragen worden.  Ein Buch voller Weisheit und Schönheit, das Einblicke in die archaische Lebensweise der Nenzen gibt.

Mit der falschen Frau verheiratet

Erzählt wird von Aljoschka, einem jungen Mann. Er heiratet eine Frau, die er nicht liebt, denn er sehnt sich nach einer anderen, die jedoch unerreichbar scheint. Die Hochzeit fällt karg aus und so ganz anders als die Traditionen bestimmen. Seine Mutter hofft sehnlichst auf Enkelkinder. Doch Aljoschka geht seiner frisch Angetrauten, die sich mit ihrer Schwiegermutter um den Haushalt kümmert, für Wärme und Tee sorgt, aus dem Weg. Petko hat hingegen seine Frau verloren. Er lebt im Zelt eines Freundes, seine beiden Töchter haben das Nomadenlager längst verlassen und sind in die Stadt gezogen, ohne sich um ihren Vater zu kümmern. Er trauert der vergangenen Zeit nach. Eines Tages kommt Chassawa, verarmt und von mehreren Schicksalsschlägen gezeichnet, mit seiner stummen Tochter in das kleine Nomadenlager. 

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Es ist das einfache Leben, das Nerkagi schildert. Noch einfacher, erd- und naturverbundener, als wir es kennen. Die Menschen leben in Zelten, den sogenannten Tschums, ihr größter Reichtum sind die Familie, das Feuer und die Rentiere. Ihre Kleidung besteht aus Fell und Leder. Für Einkäufe fahren sie mit dem Schlitten in die nächst gelegene Siedlung. Die Kinder werden mit dem Hubschrauber in das Internat geflogen. Doch mit der Zeit werden die Traditionen der Nenzen brüchiger, viele aus der jüngeren Generation verlassen die Lager und ziehen in die Städte, um ein modernes und bequemeres Leben zu führen.

„Wenigstens einmal in seinem Leben muss man sein Innerstes besehen, sich auf links wenden, wie man es mit einer abgewetzten Maliza tut, um all ihre Löcher und dünnen Stellen zu besehen. Und dabei sollte man sich nicht schonen.“

 

Nerkagis Roman erzählt, welche Rollen dem Mann und der Frau zugewiesen werden, welche Aufgaben die Generationen, Jung und Alt, im Laufe der Zeit übernehmen, welche Bedeutungen Mythen und Sagen spielen.  „Weiße Rentierflechte“ ist ein Buch voller Lebensweisheiten, die auch uns zum Nachdenken anregen können. Wie eng das Leben der Nenzen mit der Natur verbunden ist, wird in den Geschichten, die in dem Roman anklingen, aber auch in den sprachlichen Vergleichen sehr deutlich. Ich würde mir wünschen, dass die indigenen Völker häufiger Eingang in die Literatur finden würden, um so sichtbarer zu werden.   

Autorin gründete Tundra-Schule für Kinder

Die Autorin ist Teil dieser für unsere Augen wohl fremden Welt. Anna Nerkagi, 1952 auf der Halbinsel Yamal in Westsibirien geboren, gehört dem Volk der Nenzen an. Als Kind wurde sie von den sowjetischen Behörden von ihren Eltern getrennt und lebte in einem Internat. Sie durfte ihre Eltern nur in den Ferien besuchen. Nerkagi debütierte 1977 mit der autobiografischen Erzählung „Aniko des Nogo-Clans“. 1980 kehrte sie nach ihrem Studium in Tjumen wieder zur nomadischen Lebensweise zurück. Zehn Jahre später gründete sie die Tundra-Schule für Nenzen-Kinder. Ein Dokumentarfilm über ihr Leben wurde 2012 auf dem Film-Festival im russischen Radonezh mit einem Preis geehrt.  Rund 41.000 Menschen gehören dem Volk an. Der selbst gewählte Name „Nenzen“ hat die Bedeutung „Mensch“.  Die Bezeichnung „Samojede“ ist kaum noch gebräuchlich. Sehr hilfreich: In einem Anhang werden viele der nenzischen Wörter und Ausdruckweisen erläutert.

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Der Band wird Freunden schöner Bücher ansprechen. Denn begleitet wird der Roman von eindrücklichen Aufnahmen des berühmten brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado, der bekannt dafür ist, die entlegensten Winkel der Erde zu bereisen, um die Landschaft und die Menschen, die in ihr leben, mit der Kamera festzuhalten. Ich hatte das Glück, Salgados Foto in Ausstellungen in Berlin und Erfurt zu sehen. Bilder, die  den Betrachter in den Bann ziehen, die die Zeit für einen Moment stillstehen lässt.

„Weiße Rentierflechte“ ist ein poetischer wie auch melancholischer Roman über den Wert des Miteinanders und des Mitgefühls, über die oftmals schwierige Suche nach Glück und Hoffnung sowie über die Bedeutung von Demut. Ein Buch, das uns vieles lehren kann und ein großes Geschenk ist.

Eine weitere Besprechung findet sich auf „Der Hotlistblog“.


Anna Nerkagi: „Weiße  Rentierflechte“, erschienen im Verlag Faber & Faber, in der Übersetzung aus dem Russischen von Rolf Junghanns, mit Fotos von Sebastião Salgado; 192 Seiten, 22 Euro

Foto: Manfred Werner/wikipedia

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