Jonathan Lee – „Der große Fehler“

„Es war an der Zeit, die Stadt zu öffnen, während er sich selbst verschlossen hielt.“

Ich war noch niemals in New York. Zugegeben. Aber ich träume in regelmäßigen Abständen von Big Apple, ganz so, als ob ich angezogen werde, in mir eine nicht zu beschreibende Sehnsucht existiert. Ich sehe Wolkenkratzer, Menschenmassen, Häuserschluchten, die Brooklyn Bridge – und ich verlaufe mich regelmäßig in der Stadt, die niemals schläft und trotz ihres modernen Erscheinungsbildes eine interessante Vergangenheit in sich trägt, die es lohnt zu erzählen. In seinem Roman „Der große Fehler“ erweist der Engländer Jonathan Lee  Andrew Haswell Green (1820 – 1903) die Ehre, jenem Mann, der New York in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wie kein anderer geprägt hat und trotzdem heute nahezu vergessen ist.

Vor dem Haus ermordet

Der Roman setzt ein mit dessen tragischem Tod. Green wird auf offener Straße an einem Freitag, dem 13., mit fünf Schüssen aus der Waffe eines Farbigen niedergestreckt. Wenige Schritte vor seinem Haus in der Park Avenue, wenige Minuten vor dem Mittagessen, das seine langjährige Haushälterin Mrs. Brady zubereitet. Green ist 83 Jahre alt, sein Leben bisher ein wechselvolles und überaus erfolgreiches. Als eines von insgesamt elf Kindern wird er auf einer Farm in Massachusetts geboren. Seine Mutter stirbt, als er 12 ist, sein Vater trinkt. Andrew ist ein Träumer, ein Wanderer, ein stilles kluges Kind, das gern und viel liest, aber auch im Schatten seines Bruders Oliver steht. Mit 15 wird er nach New York geschickt, weil er sich zu einem gleichaltrigen Jungen namens Samuel hingezogen fühlt. Es ist wohl eine unerklärliche Wendung des Schicksals, dass Green in der großen Stadt während seiner Arbeit in einem Laden einen Mann mit dem selben Vornamen kennenlernt und ein besonderes inniges Gefühl für ihn verspürt: Es ist kein Geringerer als Samuel J. Tilden, der spätere New Yorker Gouverneur und Präsidentschaftskandidat. Er wird sein engster Vertrauter und Freund. Ein einjähriger prägender Aufenthalt auf einer Plantage in Trinidad kann das besondere Verhältnis nur kurz unterbrechen. Es ist Tilden, der ihn den Zugang zu Büchern ermöglicht und ihn den Weg für ein Jura-Studium freimacht – trotz Greens einfacher Herkunft.

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Denn es ist gerade diese Kluft zwischen den Schichten und der allmähliche wie stets von Ehrgeiz getriebene Aufstieg Greens zum visionären Stadtplaner, die Lee in seinem Roman verarbeitet – neben besonderen Lebensstationen des Helden: wie die Gründung des American Museum of Natural History und des Metropolitan Museum of Art,  den Zusammenschluss von Manhattan und Brooklyn, den Bau der Brooklyn Bridge sowie die New York Public Library, die auf der Büchersammlung seines Freundes Samuel basierte. Wie ein roter Faden durchzieht das Buch jedoch vor allem ein Thema: der Central Park, der 1859 eingerichtet und in den 1870er-Jahren schließlich fertiggestellt werden konnte und sich heute auf einer Fläche von mehr als drei Quadratkilometer erstreckt. Als Reminiszenz benennt Lee die Kapitel seines Romans nach den Eingängen der riesigen Anlage, die teils illustre Namen tragen, aber auch dem wechselvollen Gesicht der Stadt und deren vielfältiger Bürgerschaft Ausdruck verleihen sollen.

„In New York waren seine Kampagnen für mehr Gleichheit bei der höheren Gesellschaft oft so willkommen wie Salat und die Krätze.“

Letztlich steht über allen Visionen Greens ein großer, bis heute wohl imponierender weil vorbildhafter Gedanke: Die Stadt soll offener und gleichberechtigter werden, Einrichtungen und Bereiche sollen für jeden, egal welche Herkunft, welche Hautfarbe und Geschlecht er hat und welchem sozialen Stand er angehört, zugänglich sein. Er setzte sich für die Bildung für jedermann und die Rechte der Farbigen ein und kämpfte gegen Korruption, wobei er in den elitären Kreisen auf wenig Gegenliebe stieß.

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Andrew Haswell Green (1820 – 1903)

Mittels zwei gröberer Zeitlinien erzählt der Autor die Lebensgeschichte Greens sowie von den  Ermittlungen, die nach dessen Tod einsetzen. Inspektor McClusky versucht, den Mord aufzuklären, keine einfache Angelegenheit, denn zwischen Opfer und Täter gibt es auf den ersten Blick keinerlei Verbindung, wenn nicht da die Edelprostituierte Bessie Davis wäre, in deren Betten die männliche Oberschicht ein- und ausgegangen und die zu einem großen Vermögen gekommen ist.

Lee stieß vor einigen Jahren bei einem Besuch des Central Parks auf eine alte Stein-Bank, die als einziges „Denkmal“ an Green bis heute erinnert; damals im Übrigen unschön mit Taubenkot verschmutzt. Sie inspirierte den Engländer, der in einem New Yorker Verlag tätig ist und Drehbücher schreibt, schließlich zu seinem Roman, für den er intensive Recherchen betrieb und für den er in Übersee vielfach lobende Kritiken einheimste. So las er die unveröffentlichten Tagebücher und Briefe Greens sowie Zeitungsbeiträge und Gerichtsakten. Entstanden ist ein vielschichtiges Buch, das vor allem das wechselvolle Leben und den besonderen Charakter des heute nahezu unbekannten Anwalts und Stadtplaners in den Mittelpunkt stellt. Die schon damals berühmte Metropole erscheint hingegen eher eine Nebenrolle einzunehmen, als mit ihrer schieren Größe und ihrem unersättlichen Wachstum  im Rampenlicht zu stehen.

Welche Folgen Fehler haben können

Auch wenn das Erzählen und auch Sinnieren an einigen Stellen etwas allzu schwelgerisch erscheinen mag und die Zeitebenen etwas zu verworren geraten, bleibt der Leser fasziniert von der spannenden und berührenden Geschichte, die nicht nur vom eindrucksvollen Aufstieg eines Visionärs erzählt, der selbst als erfolgreicher Mann eher bescheiden und zurückgezogen lebte. Wie der Titel es schon verrät, beschäftigt sich der überaus lehrreiche Roman darüber hinaus mit Fehlern und Fehleinschätzungen, die nicht nur ein Leben auf eine andere Bahn lenken und das Verhältnis zwischen den Menschen bestimmen, sondern letztlich auch zu einer Tragödie führen können.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „Buch-Haltung“, „arcimboldis world“ und „Sounds & Books“.


Jonathan Lee: „Der große Fehler“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence; 368 Seiten, 25 Euro

Foto von Garin Chadwick auf Unsplash

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