Willy Vlautin – „Nacht wird es immer“

„Und ich werde alles geben und drauf achten, dass mich die Dunkelheit nicht überfällt.“ 

Sie schuftet für zwei, pendelt tagtäglich zwischen Bäckerei, College und Bar, um sich ihren Traum zu erfüllen. Die 30-jährige Lynette will das Haus kaufen, in dem sie mit ihrem Bruder Kenny aufgewachsen ist und darin ein Zuhause für die Zukunft schaffen, obwohl es alles andere als ein Prachtschloss ist, sondern eher einer Bruchbude gleicht. Sie versucht, das nötige Geld Cent für Cent zusammenzukratzen. Und das über Jahre. Doch ihre Mutter Doreen hat ganz andere Pläne. Doch das wird ihrer Tochter erst später bewusst. Mit „Nacht wird es immer“ hat der US-Amerikaner Willy Vlautin einen großartigen Roman geschrieben, der sowohl einen Grundkonflikt in einer bereits zerrütteten Familie schildert, als auch die Abgründe der US-amerikanischen Gesellschaft aufzeigt, in der unzählige Träume wie billiges Geschirr zerschlagen werden. 

Eine besondere nacht   

Mit ihrem Traum eines Hauses will Lynette ihre Vergangenheit hinter sich lassen, eine tieftraurige Vergangenheit voller einschneidender Ereignisse. Der Vater verlässt die Familie, als Lynette noch ein Baby ist. Ihr älterer Bruder Kenny ist geistig behindert wegen einer Entwicklungsstörung. Mutter und Schwester müssen sich Tag und Nacht um ihn kümmern. Mit 16 haut Lynette ab und gerät auf die schiefe Bahn. Als sie am Tiefpunkt ist, versucht sie, sich das Leben zu nehmen. Nun Jahre später, als die Chancen für den Hauskauf gut stehen, kauft Lynettes Mutter jedoch auf Pump ein neues Auto, der große Wunsch ihrer Tochter ist ihr dabei herzlich egal, was Lynette allerdings nicht abschreckt. In einer Nacht will sie das nötige Geld eintreiben – bei all jenen, die bei ihr noch in irgendeiner Weise in der Kreide stehen. Sie findet sich wieder in der ihr bekannten kriminellen Szene.  

20221203_122504(1)

Dabei wird die Tour durch Portland/Oregon, wo Lynette, ihr Bruder und ihre Mutter leben, zu einer Odyssee voller Gewalt und dunkler Erinnerungen. Sie trifft nicht nur eine alte drogenabhängige Freundin, die ihr viel Geld schuldet, sondern auch auf kaltblütige Einbrecher und Dealer – allen voran JJ, der sie einst aufgenommen hatte und der sie damals in ein zerstörerisches Abhängigkeitsverhältnis trieb. Lynette muss in jenen wenigen Stunden nicht nur um ihr Geld, sondern auch um ihr Leben kämpfen, denn die Männer gehen wenig zimperlich mit ihr um, weil sie selbst ein Geschäft mit ihr wittern.   

Ist dieser Trip durch die Nacht und zu dunklen Orten der City nervenaufreibend, zeichnen die Rückblenden ein berührendes Bild einer besonderen Heldin. Lynette ist eine Kämpferin, die nie auf der Sonnenseite des Lebens stand, die ihre große Liebe Jack selbstverschuldet aufgrund ihrer extremen Stimmungsschwankungen zwischen Zorn und Wut verloren hat, aber nun für ihren Traum hart kämpft. Während ihr Verhältnis zu ihrem Bruder liebevoll ist, sind Mutter und Tochter wie Öl und Wasser, wie es mehrfach in dem Roman heißt. Doreen hat jegliche Hoffnungen auf Zufriedenheit und einen gewissen Wohlstand aufgegeben und verflucht das Haus, in dem sie leben, Lynette hingegen hat sich für ihr Leben noch etwas vorgenommen. Sie hält verzweifelt an ihrem Ziel fest, streitet erbittert mit ihrer Mutter darüber. Wenn etwas diesen Roman besonders prägt, dann sind es seine langen, aber stets realen und fesselnden Dialoge.    

„Ihr Zorn verschwand so vollständig, dass sie sich gar nicht mehr daran erinnern konnte, wie es sich anfühlte, voller Wut zu sein. Ihre Hoffnungslosigkeit verflüchtigte sich. So musste wahre Liebe sein, sagte sie sich. Sie rettet und verändert einen. Es ist, als lebte man in einem Film und der Schmutz in einem drin und die Narben auf der Haut wären ausgelöscht.“ 

Immer wieder thematisiert Vlautin die Schattenseiten der US-amerikanischen Gesellschaft und jene Menschen, die trotz harter Arbeit nie auf einen grünen Zweig kommen, für die der amerikanische Traum eine Illusion bleibt. 1967 in Reno/Nevada geboren, ist der Schriftsteller, der mit seinem Roman „Motel Life“ 2005 debütierte, auch als Musiker und Songschreiber bekannt. Von 1994 bis 2016 war er Leadsänger, Gitarrist und Songschreiber der Rockband „Richmond Fontaine“. In seinem jüngsten, 2021 auf Deutsch erschienenen Werk „Nacht wird es immer“ geht es um die tiefen Abgründe des Immobilienmarktes und um die Unberechenbarkeit von Hypotheken, die Familien in die Schuldenfalle und damit ins Verderben führen. Die kleinen Leute werden an die Stadtränder, in unattraktive Viertel oder im schlimmsten Fall in die vielen Trailerparks getrieben, die wie Pilze aus den Boden schießen und für viele die einzige Möglichkeit ist, sich  ein Dach über den Kopf zu leisten. Schätzungsweise 20 Millionen Menschen leben in den USA in diesen Wohnwagensiedlungen. Und dass Ausbeutung indes nicht nur eine Erscheinung großer Firmen sein kann, zeigt sich in der Person von Lynettes Vater, der in seiner Malerfirma Lateinamerikaner für einen Hungerlohn beschäftigt. 

Ungeahnte Perspektive

Trotz aller Dramatik und Verzweiflung zeichnet Vlautin für seine Heldin am Schluss einen überraschenden Weg auf. Eine Perspektive, die man nahezu als Happy End bezeichnen könnte, wenn nicht gleich wieder das bittere Gefühl wäre, dass sich angesichts der wechselvollen Story jegliche Hoffnung wieder in Luft auflösen könnte. Doch Lynette würde man ein gutes Leben wünschen, das hätte sie sich auch verdient, selbst wenn es trotz all ihrer bisherigen Anstrengungen vorerst nur ein weißes Blatt wäre.   

Weitere Besprechungen auf den Blogs „Buch-Haltung“ und „Feiner reiner Buchstoff“


Willy Vlautin: „Nacht wird es immer“, erschienen im Berlin Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Nikolaus Hansen; 288 Seiten, 25 Euro

Foto von Sean Benesh auf Unsplash

4 Kommentare zu „Willy Vlautin – „Nacht wird es immer“

  1. „Die kleinen Leute werden an die Stadtränder, in unattraktive Viertel oder im schlimmsten Fall in die vielen Trailerparks getrieben …“
    So ist es hierzulande auch schon, zumindest kenne ich es in Berlin aus eigener bitterer Erfahrung. Trailerparks scheinen immerhin noch nicht auf dem Vormarsch, aber lange wird auch das vermutlich nicht mehr dauern …
    Viele Grüße!

    Gefällt 1 Person

Kommentar schreiben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..