Anne Reinecke – „Hinter den Mauern der Ozean“

„Die fünf, das sind wir. Aber wer hat uns Rettung gewährt? Wir selbst? Die Fremden? Wir wissen so wenig.“

Irgendwann in Berlin. Eine unüberwindliche Doppel-Mauer umringt den Stadtkern, dahinter erstreckt sich das weite Meer. Berlin – eine Insel. Vieles ist zerstört, einige Gegenden gelten als ungesichert. In der einstigen Millionen-Metropole leben nur noch eine Handvoll Menschen. Auserwählte, die sogenannten Ewigen, die zu unterschiedlichen Zeiten als Kinder in die Stadt gebracht worden sind. Darunter Lola, die die Geschichte der Fünf erzählt, die nicht viel wissen über ihre Herkunft.

Welt ohne Papier

Anne Reineckes neuer Roman mit dem Titel „Hinter den Mauern der Ozean“ lässt sich nicht festschreiben, ob er eine Dystopie oder eine Utopie ist. Er wirkt teils aus der Zeit gefallen, indem er Verweise auf verschiedene Epochen und Abschnitte beinhaltet. Friedrich, Wilhelm, Alexander, Else und Lola leben ein beschränktes und einfaches Leben. Aufgabe der Gruppe ist es, das Erbe zu hüten. In der Bibliothek befinden sich die Schriften der Altvorderen. Es ist das einzige Papier, das in der Stadt existiert. Moderne Technik gibt es nicht. Wie im weiten Amerika grasen Büffel und Pferde. Die Mauer und das Meer kennen die Fünf, doch nicht die Welt dahinter. Lola, die Jüngste des Quintetts, ist die einzige, die Fragen stellt, mit Mut und Neugierde Grenzen und Regeln überschreitet und die ungesicherten Regionen, vor denen sie gewarnt wurde, aufsucht.

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Regelmäßig kommen im Sommer fremde Besucher in Begleitung von Übersetzern und Dienstfertigen in die Stadt. Die Stippvisite der Fremden, die herumgeführt werden, wirkt wie ein Staatsakt mit Regeln und Ritualen. Die Stimmung kippt, als bei einem jener Besuche Schüsse fallen, zuvor ein Kind namens Friedrich auf die Insel kommt und der alte Friedrich um seine Existenz bangt, denn wer alt ist oder krank, dem droht das Ende. Gemeinsam mit Lola teilt er ein Geheimnis: Er baut an einem besonderen Gefährt: Mit einem Ballon wollen sie beide der Stadt entfliehen, um dem vorgeschriebenem Leben zu entkommen und zu erfahren, was sich hinter dem Horizont befindet.

„Ich erzähle von den großen Kriegen der Alten, von ihren Verbrechen, von ihrer Unbegreiflichkeit, Jubel, Massenmord, Völkermord, von der Alten Zeit, der Blutbodenzeit, die Reihen geschlossen, der Himmel weit.“

Auf nur knapp 240 Seiten entfaltet Reinecke nicht nur diese besondere, bildgewaltige Welt anders der unsrigen. Sie reichert die Handlung mit zahlreichen Verweisen und Bezügen an: Gestalten der griechischen Mythologie wie Odysseus, Kassandra und Dädalus finden sich ebenso wie Zitate aus der Literatur und der Musikwelt. Ob David Bowie und Iggy Pop, ob Goethe, Grimm und Kafka. Zugleich führt das Geschehen zu bekannten Orten Berlins wie die Museumsinsel und der Dom, der einstige Flughafen Tempelhof, Schloss Charlottenburg und der Tiergarten. Das Buch lässt viel Raum die Geschichte mit eigenen Gedanken und Fantasievorstellungen anzureichern.

Die Vornamen der drei Männern erinnern an die Humboldt-Brüder und die Könige Preußens, hingegen in die Handlung eingebettete Nebentexte an Gesänge und Gebete. In einer Zeit, wo es kein Papier mehr gibt, bleiben nur noch mündliche Kommunikation beziehungsweise Überlieferungen. Die Flucht mit Hilfe eines Ballons und die Mauern lassen an die Zeit der DDR denken, die entstanden und wieder untergegangen ist.

Alles Eis geschmolzen – Ein szenario

Das Szenario eines vom Meer umgebenen oder sogar überfluteten Berlins könnte indes eines Tages Realität werden. 2013 veröffentlichte das National-Geographic-Magazin eine Simulation. Wie sähe die Welt aus, wenn durch den Klimawandel und den globalen Temperaturanstieg alles Eis der Erde geschmolzen wäre und dadurch der Meeresspiegel angehoben würde? Neben Berlin würden auch andere Metropolen untergehen: wie New York, London, Miami, Hongkong und Shanghai. Dänemark, Florida und die Niederlanden wären Geschichte. In Australien würde sich ein Binnenmeer bilden. Antarktika, das von einem riesigen Eisschild bedeckt wird, wäre ein Archipel.

Anne Reinecke kennt Berlin sehr genau. Seit den 90er-Jahren lebt sie dort. Geboren wurde sie 1978 im sächsischen Meißen. Ihre Familie verließ die DDR, als sie noch ein Kind war, fünf Jahre vor dem Fall der Mauer. Die Autorin studierte Kunstgeschichte und Neuere deutsche Literatur und arbeitete für verschiedene Theater-, Film- und Ausstellungsprojekte sowie als Stadtführerin. Ihr Debütroman „Leinsee“ über Kunst, die Liebe und das Erwachsenwerden, 2018 erschienen, war nominiert für den Debütpreis der LitCologne und stand auf der Shortlist für das Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen.

Mit „Hinter den Mauern ein Ozean“ hat die Berlinerin erneut ein Buch geschrieben, das einen Sog entwickelt, von dem man sich nicht lösen kann und will, und das nachsinnen lässt über Individualität und Gemeinschaft, über das Wesen des Menschen, der lebt, liebt und voller Entdeckerdrang und Neugierde neue und unbekannte Welten erreichen will, wissen will, woher er kommt, wohin er geht. Erschienen ist der Roman in der neuen Reihe „Diogenes Tapir“, die sich Natur und Umwelt, aktuellen Themen und Fragen widmet.

Eine weitere Besprechung auf dem Blog „Lust auf Literatur“


Anne Reinecke: „Hinter den Mauern der Ozean“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Reihe „Diogenes Tapir“; 240 Seiten, 18 Euro

Foto von Ryan Loughlin auf Unsplash

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