„Unmöglich, sich einen Reim auf die Welt zu machen, indem man alles hinterfragt und noch im Traum Zweifel hegt.“
Sie sind gestrandet in der Hölle: der Gefreite James Houston und der CIA-Agent Skip Sands. Gemeinsam kämpfen sie in Vietnam, jeder an unterschiedlichen Fronten. Der eine direkt im Dschungel als „Tunnelratte“, der andere in den Abgründen des Geheimdienstes. Während sich der eine durch Drogen und Sex betäubt, lebt der andere zurückgezogen in einem Landhaus abseits der Kämpfe, um die geheime Kartei seines Onkels zu pflegen, einem hochrangigen und gefürchteten Colonel. Der plant großes: eine geheime Übung in psychologischer Kriegsführung mit dem Titel „Ein gerader Rauch“.
„Es war einmal Krieg – Denis Johnson "Ein gerader Rauch"“ weiterlesen
Kategorie: Bücher
Leben als Parodie der Träume – Stephan Thome "Fliehkräfte"
„(…) manche Orte bleiben auf ähnliche Weise sie selbst wie Menschen.“
Er hat alles erreicht, wovon er geträumt hat. Hartmut Hainbach, Endfünfziger, ist Philosophieprofessor an der Uni Bonn. Mit seiner aus Portugal stammenden Frau Maria hat er eine bereits erwachsene Tochter. Doch das Paar lebt, seit zwei Jahren geografisch von einem halben Deutschland getrennt, eine Wochenendbeziehung. Überhaupt erscheint die Familie im Raum verstreut wie die Ecken eines Dreiecks, denn Tochter Philippa studiert in Santiago de Compostela. Als Hainbach von einem Freund, einem Verleger, das Angebot auf eine Stelle in dessen Unternehmen erhält, ringt Hainbach mit seiner Entscheidung. Soll er seinen Traum, als Professor zu wirken, aufgeben, um damit seiner Frau wieder näher zu kommen, die, an einem Theater tätig, in Berlin wohnt.
Stephan Thome, der vor drei Jahren mit seinem Romandebüt „Grenzgang“ von der Literaturkritik gefeiert wurde, legt nun mit seinem zweiten Roman „Fliehkräfte“ ein sowohl sensibles Porträt einer Familie als auch ein philosophisches Werk zum Thema Lebensziel und Lebenstraum vor. Denn was erwartet ein erfolgreicher Mann wenige Jahre vor dem Ruhestand vom Leben, wenn plötzlich ihn ein Angebot erreicht, mit dem alles auf den Kopf gestellt wird, in die bereits vertraute Situation etwas Unerwartetes eintritt. Soll er es wagen, das Lebensziel für nichtig zu erklären, um eine neue Aufgabe anzunehmen und eine andere Form des Glücks zu finden?
Die Zeit der Entscheidung füllt Hainbach mit Erinnerungen: an seine Studienzeit in den USA in den frühen 70er Jahren, an seine erste Beziehung mit der Französin Sandrine, an die Hochzeit seines Neffen Florian, den Auszug seiner Frau und der Tochter aus dem großen Haus in Bonn. Eines Tages werden ihm seine Einsamkeit und jene weinseligen Abende zu viel. Hainbach setzt sich in sein Auto und fährt spontan los. Sein erstes Ziel: Paris, wo er seine ehemalige Freundin Sandrine trifft, wenig später taucht er bei seinem früheren Kollegen Bernhard auf, der vor Jahren seine Juniorprofessur an den Nagel gehangen hatte und nun ein Restaurant nahe der Atlantikküste in Südfrankreich führt. Im Anschluss besucht er seine Tochter in Santiago, die ihm beichtet, dass sie mit einer Frau zusammenlebt. Die Tour durch Südeuropa endet in Portugal. Denn Hainbachs Schwiegervater liegt im Krankenhaus. Er und seine Frau Maria treffen in deren Heimat aufeinander. Und eine Entscheidung muss her.
Wenn auf den ersten Blick das Geschehen des Romans recht unaufgeregt erscheint, die Lektüre des Buches ist es durchaus nicht. Ganz im Gegenteil. Die intensiven Dialoge zwischen Hainbach, seiner Frau und zwischen seiner Tochter, die persönlichen Rückblicke und Reflexionen auf Vergangenes erzeugen einen besonderen Sog; vor allem auch der Tatsache geschuldet, dass Thome sich dank einer geringen Anzahl an Charakteren auf die Ausgestaltung seiner Hauptakteure konzentrieren kann. Wenngleich Hainbach melancholisch, unsicher und kraftlos erscheint – an vielen Stellen finden sich im Gegensatz dazu wunderbare, mit einem gewissen Augenzwinkern erzählte Szenen, beispielsweise die Gespräche zwischen Vater und Tochter oder die Begegnungen des intellektuellen Wissenschaftlers mit dem Familienalltag seiner Schwester Ruth. In dieser liebevoll wie sensibel erzählten Familiengeschichte streut der Autor gesellschaftliche Entwicklungen der jeweiligen Jahre und Jahrzehnte ein. Sowohl das geteilte Deutschland, der wachsende politische Erfolg der Grünen und der künftige SPD-Kanzler Schröder sind hier zu finden als auch die Reisefreiheit in einem vereinigten Europa. Hainbachs Reise durch einen großen Teil des Kontinents verbindet sich mit einem Rückblick auf sein Leben, angefüllt mit Begegnungen unterschiedlichster Lebensmuster und -pläne. Die Suche nach Antworten auf seine Fragen entwickelt sich zu einer Pilgerfahrt, die sicherlich nicht umsonst als eine der Stationen Santiago de Compostela weiß.
Thomes neues Buch, das auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2012 stand, ist damit eines, das all jene sehr prägen wird, die sich Gedanken machen über das Leben, über Träume und Ziele, das Verlockende an Veränderungen und die Kraft des Beständigen. Man kann ganz sicher gespannt sein auf Thomes dritten Roman. Denn er hat sich schon mit seinen ersten beiden Werken einen besonderen Rang unter den besonderen deutschen Erzählern erschrieben.
Der Roman „Fliehkräfte“ erschien im Suhrkamp Verlag.
474 Seiten, 22,95 Euro
Schatten – Rebecca Hunt "Mr. Chartwell"
„Black Pat stand in der Mitte des Raumes, ein Ungeheuer mit wachsamen Augen.“
Esthers Hammerhans‘ neuer Untermieter hat dunkles Fell, einen klobigen Kopf und vier Beine. Im Gegensatz zu seiner riesigen Gestalt ist sein Anstand eher von geringem Umfang. Mr. Chartwell alias Black Pat klopft zwar eines Tages manierlich mit der Pfote an Esthers Haustür, in den kommenden Tagen soll der große Hund indes sein wahres Gesicht zeigen. Aus einem possierlichen Kerlchen, das in der Wanne plantscht und sich auf der Couch fläzt, wird ein düsterer Schatten, der sich auf die Stimmung der jungen Frau legt und zu ihrem ständigem Begleiter wird. Esther lebt bis auf die Freundschaft zu ihrer Kollegin Beth und deren Familie sehr zurückgezogen. Eigentlich kennt sie nur die Arbeit in der Bibliothek des Unterhauses mit einem despotischen Chef und hochmütigen Abgeordnete. Was Esther noch nicht weiß: Auch ihr Mann Michael, der sich vor zwei Jahren das Leben nahm, kannte den großen Hund mit dem schwarzen Fell. Und nicht nur er.
Denn kein Geringerer als der ehemalige britische Premierminister und Nobelpreisträger Winston Churchill ist ebenfalls mit der plumpen Gestalt vertraut. Denn Churchill und sein „black dog“, wie er seine depressiven Phasen nannte, bilden den realen Hintergrund für den ersten Roman der englischen Malerin Rebecca Hunt (Jahrgang 1979) mit dem Titel „Mr. Chartwell“. Das Buch spielt im Jahr 1964, ein Jahr vor Churchills Tod. Der große Mann der Weltgeschichte hat sich auf seinen Herrensitz in Kent zurückgezogen, der Abschied aus dem Politikalltag steht ihm kurz bevor. Esther nun fürchtet den zweiten Todestag ihres Mannes entgegen. Und da taucht eben Mr. Chartwell auf. Die Situation könnte nicht besser sein für ihn, um sein nächstes Opfer in die Fänge zu bekommen und zu behalten. Doch das Monstrum mit dem fiesen Grinsen und den nervigen Sprüchen hat nicht die Rechnung mit dem unvorhergesehenen Schicksal gemacht: Denn eines Tages lernt Esther nicht nur einen neuen Kollegen kennen. Sie erhält einen wichtigen Auftrag im Hause Churchill.
Während das Buch auf seinen ersten Seiten als komisches Werk erscheint, über dessen zahlreiche witzige Szenen und einen unglaublich ausgeprägten Wortwitz man sich ungemein amüsiert, dreht sich mit den folgenden Kapiteln die Stimmung um 180 Grad. Spätestens als die Rolle des Hundes erkennbar wird. Die Autorin könnte nun jedoch eine ernste Atmosphäre aufbauen, die Handlung in einem traurigen Ton weitererzählen. Doch falsch. Engländer sind bekanntlich Meister des schwarzen Humors, der zu kräftigen Lachern reizt, ohne den kritischen Hintergrund aus den Augen zu verlieren. Übertreibung ins oftmals Groteske ist sein bestechendes Merkmal. Nur so streut man Salz in die Wunde. Es muss weh tun, das Lachen wie das Weinen.
Wie Rebecca Hunt es gelingt, beide Gesichter ihres ersten Buches zu vereinen, ist meisterhaft. Ihr gelingt es zum einen, den realen Hintergrund in eine originell erzählte fiktive Geschichte rund um die schüchterne Esther und ihre traurigen Erlebnisse zu betten und die Figuren, allen voran der sprechende Hund plastisch zu gestalten. Zum anderen erdrückt der Humor nicht das eigentliche, traurige Thema. Depression, die Krankheit, die keiner dem anderen ansieht, ist weiterhin keines, über das man gern spricht, das nicht wirklich ernst genommen wird. Trotz immerwiederkehrender Präsenz in den Medien. Doch vielleicht schafft es dieses Buch, für dieses Thema zu sensibilisieren. Denn das Unverständnis der anderen macht den schwarzen Schatten nur noch größer und schwerer.
„Mr. Chartwell“ von Rebecca Hunt erschien im Luchterhand Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring.
256 Seiten, 18,99 Euro
Das Böse – Ferdinand von Schirach "Schuld"
„Es waren ganz normale Männer, und niemand hätte geglaubt, dass so etwas passiert“, heißt es in der ersten Geschichte, in einem ihrer ersten Absätze. Man ahnt leise, das Böse findet seinen Weg in sonst harmonische Zeiten. Es schreckt vor nichts zurück und versteckt sich hinter der Maske der Harmlosigkeit und nutzt den Moment der Überraschung.
Ferdinand von Schirach, einer der bekanntesten Strafverteidiger in Deutschland und mit seinem Erstling „Verbrechen“ von der Literaturkritik gefeiert, legt mit diesem zweiten Band nach. Und der Zwillingsbruder des ersten Buches steht diesem in nichts nach. Wieder erzählt von Schirach von seinen Fällen und Klienten, denen er in seiner nunmehr 18-jährigen Laufbahn als Jurist begegnet ist. Und wieder erfasst jede dieser Stories den Leser hoch emotional. „Das Böse – Ferdinand von Schirach "Schuld"“ weiterlesen
Malerin des Heimwehs – Elena Poniatowska "Frau des Windes"
Schon als Kind entzieht sie sich der Allmacht ihrer Eltern. Selbst die Lehrer scheitern an ihr. Sie fliegt gleich aus mehreren Schulen hochkant raus – zu wild, zu stolz und eigensinnig zeigt sich Leonora. Dem Wunsch ihrer Eltern, als Tochter des Wirtschaftsmagnates Carrington und damit aus gutem Haus stammend einmal vollwertiges Mitglied der englischen High Society zu werden, trotzt sie bereits als Jugendliche. Die Kunst ist schon früh Lebensinhalt und -ziel und wird es bis zu ihrem Tod im Alter von stolzen 94 Jahren bleiben.
Elena Poniatowska, 1932 in Paris geboren, aufgewachsen in Mexico, widmet sich in ihrem Roman „Frau des Windes“ einer einzigartigen Frau, der Malerin und Schriftstellerin Leonora Carrington (1917 – 2011). Beginnend mit den Auseinandersetzungen im Elternhaus aufgrund des ungestümen Wesens des Mädchen bis zu den großen Erfolgen als Künstlerin. Doch neben den hellen Phasen eines aufregenden Lebens spart die Autorin nicht mit den Beschreibungen der dunklen Kapitel. Einfühlsam berichtet sie in ihrer Romanbiografie von Schattenseiten dieses Künstlerdaseins, gezeichnet von einem ungebändigten Drang nach Freiheit, Gerechtigkeit und der steten Suche nach Liebe.
Schon früh macht Carrington Bekanntschaft mit dem Künstlerkreis der Surrealisten um André Breton. Paris bildet die erste Station ihrer unermüdlichen Lebensreise um den Globus. Mit ihrer starken Persönlichkeit und ihrem Talent macht sie Eindruck auf die schon gestandenen Künstler, allen voran auf den deutschen Maler Max Ernst, mit dem sie eine Beziehung beginnt. Als Paar ziehen sie aufs Land, in den Süden Frankreich. Sie kaufen sich ein Haus, bewirtschaften einen Weinberg. Doch der Zweite Weltkrieg und die nahende Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht zerstört das gemeinsame Glück. Ernst wird verhaftet und in ein Internierungslager gesteckt. Von dieser plötzlichen Trennung und der Ungewissheit, ob ihr Partner noch am Leben ist, wird sich Leonora, wie auch von den späteren Monaten in einer spanischen Nervenklinik, nie erholen. An der Seite des späteren Schriftstellers Renato Leduc steigt sie auf einen Dampfer, der sie nach Amerika bringt – zuvor gab es ein überraschendes Wiedersehen mit Ernst, der die Internierung überstanden hat und gemeinsam mit der Kunstmäzenin Peggy Guggenheim ebenfalls in die Neue Welt reist. Spannungen zwischen den beiden Paaren, von denen auch der gesamte Kreis der Surrealisten gezeichnet ist, entstehen. Lange werden beide Beziehungen nicht halten. Leonora lernt in Mexico, ihrer neuen Heimat, Emérico Chiki Weisz, einen Gefährten des berühmten Kriegsreporters Robert, kennen. Ihre beiden Söhne Gaby und Pablo werden geboren. Und trotz einer Familie und des steigenden Ruhms – Leonora bleibt eine Getriebene, zu Beginn noch verfolgt von den Fängen ihrer Eltern, später von einem starken Heimweh zu ihren europäischen Wurzeln. Hinzu kommt die unsichere politische Lage in Mexico, die zu Unruhen führt, von denen auch ihre beiden Söhne bedroht sind. Erneut flieht sie in die USA, pendelt später zwischen Mexico, New York und Europa.
Wechselvoll war das Leben der Leonora Carrington, eindrucksvoll ist jene teils dokumentarische, teils fiktive Romanbiografie. Diese beleuchtet nicht nur von vielen Seiten das Leben und Wirken der surrealistischen Malerin, die sich zudem intensiv mit Mystik und Alchemie auseinandergesetzt hat. Poniatowska gelingt ein farbenprächtiges Porträt eines Jahrhunderts und seiner Kunst, das sich wie in einem Rausch liest und an vielen Stellen nicht nur chronologischen und biografischen Charakter hat, sondern mit sehr viel Poesie angereichert ist. Grundlage für dieses Buch waren Gespräche zwischen der Autorin und der Malerin, die sich beide kannten. Trotzdem gelingt es Poniatowska einen Abstand zu wahren und die starke Person der Leonora Carrington auch mit ihren Zweifeln und psychischen Schwächen zu zeichnen.
Der Roman „Frau des Windes“ von Elena Poniatowska erschien im Insel Verlag, in der Übersetzung aus dem Spanischen von Maria Hoffmann-Dartevelle.
495 Seiten, 24,95 Seiten
Endlose Eiszeit – Dan Simmons "Terror"
„Die Temperatur beträgt minus fünfundvierzig Grad und fällt noch immer.“
An einem Maitag im Jahr 1845 beginnt für die mehr als 130 Besatzungsmitglieder der „Terror“ und „Erebus“ die Eiszeit. Die stolzen und modernsten Schiffe ihrer Zeit der Royal Navy stechen in See. Ihr Ziel unter dem Kommando von Sir John Franklin: die legendäre Nordwestpassage, die hoch im Norden Amerikas Atlantik und Pazifik verbindet. Doch was als erfolgversprechende Expedition mit erfahrenen Seeleuten an der Spitze beginnt, endet in einer Tragödie. „Endlose Eiszeit – Dan Simmons "Terror"“ weiterlesen





