Innenleben – Jeffrey Eugenides "Die Liebeshandlung"

„Was, wenn die Sanftmütigen das Erdreich tatsächlich besäßen?“

Sie liebt ihn, sie liebt ihn nicht, sie liebt ihn – Mitchell hilft keine Margarite, selbst wenn diese mit ihrem letzten Blütenblatt die frohe Botschaft verkünden würde. Madeleine liebt halt einen anderen, nämlich Leonard. Sie wird ihn heiraten, obwohl er Einzelgänger ist, ein Freund des Kautabaks und am Tag ihrer Abschlussveranstaltung des Colleges aufgrund seiner Depression in der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses liegt, der erste Zusammenbruch von vielen, die in den kommenden Monaten beide und ihre Partnerschaft zermürben werden.

Man schreibt die 80er Jahre. An der Brown University an der amerikanischen Ostküste gelegen steht Madeleine Hanna vor ihrem Collegeabschluss. Ihr Fach: Literatur. Vor allem die viktorianischen Romane haben es ihr angetan und eben deren „Liebeshandlung“, die dem neuen Roman des amerikanischen Autors Jeffrey Eugenides schließlich auch den Namen verleiht. Madeleine stammt aus einer renommierten Familie, ihr Vater war Präsident eines anderen Colleges. In einem Semiotik-Seminar lernt sie Leonard kennen, der aus eher zerrütteten Verhältnissen stammt. Sie werden ein Paar, und Mitchell kann nur noch zusehen, wie sich diese Beziehung verfestigt. Mit einem Freund geht er nach seinem mit Bravour bestandenen Studium der Religionswissenschaft auf Europareise; sie sehen Paris und Athen. Schließlich fliegt Mitchell weiter nach Indien, um in Kalkutta in einem Hospital von Mutter Theresa freiwillig zu arbeiten. Im Gepäck immer dabei ein Brief, in dem Madeleine ihm schreibt, dass sie mit ihm nichts mehr zu tun haben will. Trotz eines Ozeans und Kontinents zwischen beiden, trägt Mitchell weiterhin schwer an seinem Herzen und den Gefühlen zu Madeleine. In einem Brief will er sie vor der Hochzeit mit Leonard warnen. Die Zeilen werden sie nie erreichen. Beide treffen jedoch nach einem guten Jahr bei einer Party in New York aufeinander.

Das Ende des Buches bleibt an dieser Stelle unerwähnt. Nicht nur bei Krimis sollten die letzten Szenen nicht erzählt werden. Jedenfalls überrascht der Schluss, so viel sei schon einmal gesagt. Wer sich jetzt enttäuscht auf die Schenkel haut, dem sei ebenfalls gesagt: Bitte lesen Sie dieses Buch! Es ist ein Schatz. Selbst für diejenigen, die vielleicht Liebesromane nicht mögen. Nun ja, es geht in diesem Roman mit diesem Titel natürlich in erster Linie um die Liebe, Gefühle, das Miteinander, Sex und Streit. Und sicherlich gibt es Romane über Universitäten und Internate, in denen es oftmals ziemlich zur Sache geht – da ist Kautabak ja noch recht harmlos -, wie Sand am Meer.

Doch Eugenides, der für seinen Roman „Middlesex“ 2003 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, zählt zu den erfolgreichsten amerikanischen Autoren. Er ist ein großartiger Erzähler, sagt selbst sein Kollege Jonathan Franzen. Und das muss man sein, will man den gemeinen Leser angesichts des aktuellen Werkes über 600 Seiten bei der Stange halten. Eugenides verknüpft ungemein intelligent die verschiedenen Handlungsstränge, Rückblicke und Reflexionen der Personen. Am Ende der Dreiecksgeschichte ist es Mitchell, der dem Leser besonders nahe gekommen ist. Kühl und gescheitert erscheinen dagegen Madeleine und Leonhard, die zurückbleiben, kaum eine eigene Identität gebildet haben, im Verhältnis zu der inneren Entwicklung, die ihr Freund Mitchell gemacht hat. Die Gedanken zum Thema Religion und Glaube sind philosophische Geniestreiche. Ja, man muss bei diesem Roman sehr viel nachdenken und aufmerksam sein, um die Ideen nachzuverfolgen und vor allem die vielen Literaturhinweise von Franz Kafka bis Roland Barthes, von Henry James bis hin zu Jane Austen aufzunehmen. Nicht zu vergessen, die religiösen Schriften, die der junge Religionswissenschaftler „verschlingt“. Eugenides hat zudem aufwendig zum Thema Psychiatrie und manische Depression recherchiert.

Den Lesespaß kann die Weisheit und gedankliche Tiefe des Buches nicht minimieren. Ganz im Gegenteil: Sie setzen diesem wunderbar erzählten Buch die Krone auf. Ein weiterer großer Preis würde Eugenides ehren, es wäre ihm zu wünschen.     

Der Roman „Die Liebeshandlung“ von Jeffrey Eugenides erschien im Rowohlt Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald.
624 Seiten, 24,95 Euro

Klippenfall – Antje Ravic Strubel "Sturz der Tage in die Nacht"

„Man sieht Menschen nicht immer gleich alles an. Man sieht es vor allem nicht, wenn das, was man sehen müsste, die eigene Vorstellungskraft übersteigt.“

Während seine Freunde als Bagpacker an das andere Ende der großen Welt reisen, reist Erik auf die kleine Insel. Hoch oben, im Norden, mitten in der Ostsee, abgeschieden vom Rest der Welt liegt sie. Naturparadies, Schutzgebiet, Heimat unzähliger Vögel. Erik sucht seinen Weg, will neu anfangen, etwas neues studieren. Er legt eine Pause ein zwischen den Lebensetappen und findet auf dem kleinen schwedischen Eiland nahe Gotland Inez, die Ornithologin. Aus einem Tagesausflug wird für den jungen Mann ein Sommer. Erik bleibt mit Hilfe von Inez, die ihn als Praktikanten einstellt, denn eigentlich dürfen Inselgäste nur eine begrenzte Zeit bleiben.
Zwischen beiden beginnt eine Beziehung unter Beobachtung. Denn Rainer Feldberg, der mit der selben Fähre wie Erik auf die Insel gekommen war, überwacht das seltsame Pärchen. Und keiner der beiden ahnt, dass mit dem nebulösen Mann nicht nur ein unbequemer Zeitgenosse angekommen ist, sondern die Vergangenheit schlechthin.

Denn Inez und Rainer kennen sich. Rückblick: Es sind die 80er Jahre. Inez ist gerade mal 16, als sie Felix Ton kennenlernt, ein Freund Rainers. Während ihre Eltern dem DDR-Sozialismus kritisch gegenüberstehen, hat sich Felix, der in Berlin studiert, von der Stasi anwerben lassen. Als Inez jedoch schwanger wird, lässt er sie ihm Stich. Sie bringt das Kind zur Welt und gibt es mit Hilfe von Rainer zur Adoption frei, auch er ist Teil der „Firma“. Jahre nach der Wende hofft Felix auf eine politische Karriere, natürlich reingewaschen von seiner Vergangenheit. Nur sein unbekannter Sohn spielt in diesem Drängen in die ersten Reihen eine Rolle. Feldberg baut für Ton eine sympathische Legende auf: Er, der verlassene Vater, der seinen Sohn sucht. Beide Männer agieren ohne Gewissensbisse, nur auf den eigenen Vorteil bedacht.

Und hier beginnt der neueste Roman von Antje Ravic Strubel „Sturz der Tage in die Nacht“ sich von einem Liebesroman in romantischer Landschaft in ein erschütterndes Buch der Vergangenheitsbewältigung zu wandeln, das zeigt, welche Schicksalsfäden durch andere gesponnen werden können. Denn Inez und Erik sind nicht nur ein Paar, sie sind auch Mutter und Sohn, ohne es indes zu wissen. Die Erkenntnis, die mit Hilfe eines alten Fotos entsteht, erschreckt beide ins Mark. Schlimmer noch: Feldberg hat über Jahre Erik und seine Adoptionseltern beschattet und soll nach all den Jahren den verlorenen geglaubten Sohn für Ton zurückbringen.  

Erzählt wird die Handlung auf verschiedenen Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven, eingangs berichtet Erik, der sich auf der Fähre zum Festland befindet, rückblickend von den Ereignissen. Strubels Roman ist ein gewaltiges Werk. Nicht nur, dass sie sich mit dieser Ödipus-Geschichte an ein Tabu-Thema wagt. Sie spinnt auf magische Weise und wortgewaltig-poetisch die Fäden zwischen den verschiedenen Lebensläufen. Inmitten des kleinen Personenensembles ragt Inez heraus, eine Frau, die stets ihren Weg gegangen, aufgestanden ist, wenn sie gefallen war, und nun zurückgezogen auf dem kargen Eiland inmitten des Meeres lebt. Die besondere Eigenschaft der Lummen, einer Vogelart, die auf der Insel lebt, zieht sich als Metapher durch den ganzen Roman: die Jungtiere fallen von den Klippen. Auch Erik steht schließlich dort oben, 60 Meter über dem Meer… Die unzähligen Gesichter und Stimmungen des Meeres und die besondere Naturlandschaft, abgeschottet vom Festland, verleiht dem Roman eine weitere besondere Facette. Poesie zeigt dort ihren Glanz, wenn die kleinsten Bestandteile der Wirklichkeit beschrieben werden, für die die meisten kein Auge, kein Bewusstsein haben.  

Bücher über die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit hat es in den letzten Jahren einige gegeben – Tellkamps „Turm“, Runges „In den Zeiten des abnehmenden Lichts“. Strubels Roman unterscheidet sich jedoch von beiden. Er bringt ans Licht, wie lang der Arm der Schattenrepublik reicht, nicht nur weit in eine andere Zeit und an andere Orte. Sie packt auch andere Generationen, die die DDR nicht bewusst erlebt haben. Erik war noch ein Kind, als die Mauer fiel.

Der Roman „Sturz der Tage in die Nacht“  von Antje Ravic Strubel erschien im August 2011 im S. Fischer Verlag.

448 Seiten, 19,95 Euro

An seiner Seite Dora – Michael Kumpfmüller "Die Herrlichkeit des Lebens"

„Ist nicht alles Weg?“


Die letzte Zeit bricht für ihn an, für den ganz Großen, für den Literat mit der traurigen Gestalt. Er, der mit seinen Werken, den Erzählungen und Romanen, noch immer unzählige Leser vor Rätsel stellt, über den mehr geschrieben worden ist, als ihm selbst gelungen ist, wird wieder ein Teil der Literatur. Michael Kumpfmüller beschreibt in seinem aktuellen Roman „Die Herrlichkeit des Lebens“ die letzten Monate im Leben von Franz Kafka und damit die Zeit seiner großen Liebe.  Man schreibt das Jahr 1923. Im Sommer lernt der hagere „Doktor“ im Ostseebad Müritz Dora Diamant kennen, die Köchin des dortigen Ferienheims. Mit langen Spaziergängen entlang des Strandes und langen Gesprächen verknüpft sich  ihr Leben. Beide fühlen eine tiefe Verbundenheit und Liebe zueinander, obwohl zwischen ihnen ein Altersunterschied von 15 Jahren besteht, Kafka selbst Schwierigkeiten hat, eine Beziehung einzugehen.

Kafka verlässt mit seinen Schwestern Ottla und Elli nach einigen Tagen den Ferienort, die Reise geht zurück in die Heimat Prag.  Der Schriftsteller und die aus Polen stammende Köchin halten mit Briefen den intensiven Kontakt aufrecht. In Berlin sollen sie schließlich beide nach mehrmaligen Umzügen in einer bescheidenen Wohnung  ein gemeinsames Zuhause finden. Auch wenn die Situation nicht immer ungetrübt ist: Das Geld ist knapp, die Inflation herrscht.  Franz leidet unter den Beschwerden seiner Tuberkulose-Erkrankung. In der Großstadt macht sich zudem der Antisemitismus breit, der Jahre später ein Großteil von Kafkas Familie in den Vernichtungslagern von Chelmno und Auschwitz den Tod bringen wird. Der große Schriftsteller wird dies nicht erleben: Er stirbt genau einen Monat vor seinem 41. Geburtstag im Juni 1924 im Sanatorium Kierling in Niederösterreich. An seiner Seite: Dora. Auch wenn ihr Vater, ein orthodoxer Jude, die Heirat mit dem pensionierten Angestellten einer Versicherungsanstalt und bereits bekannten Künstlers verweigert.

All jene gegensätzlichen Stimmungen fließen in jenem wunderbaren Roman zusammen, jene heitere und hoffnungsvolle, ausgelöst durch die Beziehung, sowie jene erdrückende und düstere Atmosphäre, die durch den kritischen Gesundheitszustand Kafkas und die gespannte Situation in Berlin verursacht wird.
Wie Kumpfmüller das Wachsen der Gefühle beschreibt, ist meisterhaft, nicht minder, wie er ehrlich und unumwunden den Niedergang des weltbekannten Schriftstellers und das Leid des Paars erzählt, das nur wenige gemeinsame Monate erlebt hat. Doch neben den privaten Seiten Kafkas widmet sich Kumpfmüller auch dem Thema Schreiben. Immer wieder finden sich in dem Roman, wie dem große Autor die Schaffenspausen  aufgrund seiner Erkrankung  zu schaffen machen. Selbst sein größter Unterstützer Max Brod kann ihm wenig helfen. Kaum eine Zeile bringt er zu Papier, kommen wieder gute Zeiten, zeigt sich Kafka glücklich. Selbst in den letzten Tagen bringt ihm die Korrektur von Druckfahnen frohen Mut.

Kumpfmüller, der 1961 in München geboren wurde, heute in Berlin lebt und für seinen Roman „Nachricht an alle“ mit dem Döblin-Preis geehrt wurde, webt in seinen wunderbar poetischen Roman Kafkas Texte behutsam ein, Tagebücher, Briefe und Notizen und eine ganze Zeit finden so ihren Weg in ein großes Stück Literatur. Ein Teil der Korrespondenz sowie Notizen wurden indes 1935 von der Gestapo beschlagnahmt  und gelten bis heute als verschwunden. Dem Verfasser standen zudem die beiden Germanisten Prof. Peter-André Alt und Prof. Klaus Wagenbach zur Seite.

Wer sich vor den meist düsteren Werken Kafkas bis jetzt fürchtete, wird mit dem Roman einen anderen, weil persönlicheren Bezug zu Kafka finden und möglicherweise seine Texte in einem ganz anderen Licht sehen. Zu wünschen wäre es. Und eines darf nicht vergessen werden. Mit dem Buch wird auch einer besonderen Frau ein Denkmal gesetzt:  Dora Diamant, die ihre Liebe um 20 Jahre überleben wird. Sie starb 54 Jahre alt in London.

Der Roman  „Die Herrlichkeit des Lebens“ von  Michael Kumpfmüller  erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch im August 2011.
240 Seiten, 18,99 Euro

Leben ist Kunst – Michel Houellebecq "Karte und Gebiet"

„Ein Menschenleben ist im Allgemeinen nur eine Kleinigkeit, es lässt sich in wenigen Ereignissen zusammenfassen (…).“


Das moderne Leben ähnelt einer Autobahn. Die Durchstarter rasen auf der Überholspur. Die hohe Geschwindigkeit oder das Gespräch am Mobiltelefon verhindert, dass sie nach links oder rechts schauen oder überhaupt etwas außerhalb ihres Kokons aus Glas und Blech registrieren. Wer ihnen die freie Bahn verstellt, wird geblendet. Jenen mit dem gemählicheren Tempo entgeht nur wenig. Vielmehr zählen sie die Abfahrten, werfen einen Blick auf jene, die Rast machen, schmunzeln über die Raser und ihren törichten Glauben, mit Geschwindigkeit Zeit zu gewinnen. Auch mit Tempo 200  vergeht das Leben. Da hilft kein Technikschnickschnack, kein Glanz, kein hohler Stolz. Nichts hilft.

Vielleicht tröst nur ein großer Namen über den Gedanken hinweg, dass alles  ein Ende hat. Er muss jedoch Ergebnis persönlicher Anstrengungen sein. Wie bei Jed Martin. Er ist Künstler, sein Vater ein Architekt, der weltweit Tourismustempel baut, seine Mutter hat sich mit 40 Jahren das Leben genommen. Über den Grund schweigt sich Jeds Vater aus. Ein Leben lang. Jed findet über die Fotografie zur Malerei. Einen Namen macht er sich mit Werken, in denen er Straßenkarten mit Satellitenbildern vereint, die in Paris erfolgreich ausgestellt werden. Ruhm erntet der Pariser  Künstler indes mit einer Reihe von Gemälden, die Menschen bei ihrer Arbeit oder in einem besonderen Moment zeigen. Während der Vorbereitung zu einer Ausstellung lernt Jed den bekannten Schriftsteller Michel Houellebecq kennen, der sich allen gesellschaftlichen Kreisen entzogen hat und ein Leben als Eremit in Irland, später wieder in Frankreich auf dem Land führt. Der Autor soll das Vorwort für den Katalog schreiben. Als Honorar bietet Jed Houellebecq ein Porträt an, das er selbst malt. Doch wenige Monaten nachdem er das versprochene Gemälde dem Schriftsteller übergeben hat, wird dieser auf entsetzliche Art und Weise ermordet, so dass es selbst erfahrene Polizisten den Magen umdreht beim Anblick der sterblichen Überreste.

Ein Autor, der sich in einem Buch selbst ein Ende setzt, und dann ein so grausames – Michel Houellebecq beweist mit seinem jüngsten Roman „Karte und Gebiet“ nicht nur gehörige Portionen an Selbstironie und schwarzen Humors. Wie er über die großen Themen das Leben und der Tod, das Leben und die Kunst, Gesellschaft und Kultur schreibt, ist Meisterklasse. Dabei habe ich noch bis vor kurzem die Bücher des Franzosen nur mit hoch gezogener Augenbraue aus der Ferne „gewürdigt“. Er gilt als Exzentriker, seine Romane verband ich immer mit dem Adjektiv „schlüpfrig“. Nun wurde ich eines Besseren belehrt und bitte um Vergebung mit der Bitte: Lesen Sie dieses Buch! Es ist ein Meisterwerk. Nur Meisterwerke können sowohl unterhalten als auch belehren, einen an der Seele packen. Mit „Karte und Gebiete“ kann man zugleich schmunzeln und grübeln. Der Protagonist Jed ist zudem so gestaltet mit seinen genialen Fähigkeiten und seinen menschlichen Ecken und Kanten, dass er dem Leser schon irgendwie sympatisch erscheint. Und auch das Spiegelbild (?) des Autors muss man irgendwie mögen ob seiner Exzentrität. An diese Seite stellt Houellebecq, der reale, eine ganze Reihe interessanter Charaktere, wie Jeds erfolgreiche, aber auch gefühlvolle Freundin Olga oder Kommissar Jasselin, der sich auf die Suche nach dem Mörder Houellebecqs, dem fiktiven, begibt.
Mit  Beklemmung liest man dagegen von den Schattenseiten und den finsteren Ecken der modernen Gesellschaft, über die in sich verliebte High Society, die aus Raffgier krisengeschüttelte Finanzwelt und ja, die unvorstellbare Macht der Kunst, deren Preise oftmals in die Verhältnislosigkeit abdriften.

„Karte und Gebiet“ vereint in sich so verschiedene Genres: Das Buch ist melancholischer Künstler- und Entwicklungsroman und zugleich kritisches Abbild der Gegenwart und entwickelt sich im letzten Drittel gar zu einem spannenden Krimi, der an einigen Stellen leicht ironische Züge aufweist. Dass Michel Houellebecq für diesen Roman schließlich mit einem der wichtigsten französischen Literaturpreise, dem Prix Goncourt, geehrt wurde, erscheint wie ein selbstverständliches Naturgesetz oder so eindeutig wie eine mit Akribie gefertigte Straßenkarte.   

Der Roman „Karte und Gebiet“ von Michel Houellebecq erschien 2011 in der Übersetzung aus dem Französischen von Uli Wittmann im Dumont-Verlag.
416 Seiten, 22,99 Euro (als Taschenbuch 9,99 Euro)

Stille nach dem Sturm – Claudie Gallay "Die Brandungswelle"

„Es gibt tausend Gründe, sich einzuschließen. Herauszukommen ist viel schwerer.“

Der Sturm braust über das Meer und die Küste, er zerrt an den Häuserwänden, an den dicken Tauen der Boote im Hafen, er greift nach jenen Dingen, die der Kraft der mächtigen Böen nichts entgegenzustellen haben. In La Hague im Nordwesten der Normandie suchen die Einwohner in ihren Häusern Schutz. Es sind nur wenige, denn der Ort ist klein. Wer will sich schon den trotzigen Unbilden tagein tagaus aussetzen, auch wenn der Blick aufs Meer ein malerischer, ein von den Touristen geliebter ist.

Sie ist beruflich hier gestrandet, die Ornithologin, die an der Küste die Vögel zählt und beobachtet. Sie, die nach dem Tod ihrer großen Liebe mit La Hague einen neuen Landstrich und das Leben entdecken soll und diese Geschichte erzählt. Gemeinsam mit einem Künstler und dessen Schwester wohnt sie in einem ehemaligen Hotel. Und sie ist nicht der einzige Mensch, der für Gesprächsstoff unter den Einwohnern sorgt. Lambert, ein Polizist, hat es ebenfalls in den Ort getrieben, auf der Suche nach einer Antwort. Warum mussten seine Eltern und sein kleiner Bruder vor 40 Jahren während eines Bootsunglücks sterben?

In dem Roman „Die Brandungswelle“ der Französin Claudie Gallay, Jahrgang 1961, erzeugt diese Suche nach der Antwort und die allmähliche Rekonstruktion eines Familiendramas eine ungemeine Spannung. Das Faszinierende an diesem grandiosen Buch liegt indes in den vielen kleinen Details und Stimmungen, die eine besondere Atmosphäre bilden. Jeder Dialog, jede noch so kleine Regung der handelnden Personen, jede detaillierte Beschreibung der Szenerie ist ein Mosaikstein in diesem Porträt eines Küstenortes und seiner Einwohner, die nicht nur meist eine besondere Vergangenheit zu erzählen wüssten, sondern auch Geheimnisse haben und damit auch eine Schuld tragen. Da ist Theo, der einstige Leuchtturmwächter, der an jenem tragischen Herbsttag das Licht ausgeschaltet hatte, früher sich um die Vögel kümmerte und nun eine ganze Reihe Katzen um sich scharrt. Da ist Nan, seine Liebe, die früher ein Kinderheim führte und in Lambert bei seiner Ankunft ein früheres Kind erkannte. Ihre Widersacherin ist die Mutter der Wirtin Lili und Theos Frau.

Zusammen sind sie gebeugt und enttäuscht von ihrem Lebensweg, der nicht von einem selbst gewählten Ziel, sondern vom  passive Dulden eines Zustandes gezeichnet ist. Es existiert kein liebevolles Miteinander, das Ungesagte hat sie verbiestert und einsam werden lassen. Man geht sich aus dem Weg, anstatt miteinander zu sprechen und die Fronten zu klären. Das ist auch bei Max der Fall, dem Mann, der in die Schwester des Künstlers verliebt ist, aber kaum eine Möglichkeit der Annäherung findet. Mit seinem selbst gebauten Boot indes als Fischer eine gewisse Zufriedenheit erlangt. Der sensible Theo wird schließlich die Flucht in ein neues, unerwartetes Zuhause antreten. Gallay lotet die psychologischen Untiefen ihrer Charaktere aus, wie es selten in der Gegenwartsliteratur ist.

Als Nan stirbt, völlig entkräftet nach einer Bootstour, fügt sich allmählich das Puzzle zu einem Bild, das die Vergangenheit erklärt und die Gegenwart verändert. Am Ende hat auch die Ornithologin zu sich gefunden und den Schmerz nach dem Tod ihres Partners abgestreift. Inmitten einer Landschaft am Rande des mächtigen Meeres, dem in diesem Roman ein auf den ersten Blick düsteres, aber beim genauern Hinsehen eindrucksvolles Denkmal gesetzt wird. La Hague ist zwar das Ende der Welt, aber eines, an dem manches Leben eine neue Richtung erhält.

Der Roman „Die Brandungswelle“ von Claudie Gallay erschien als Taschenbuch im btb-Verlag in der Übersetzung aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Der Roman wurde mit dem Grand Prix de Elle ausgezeichnet.
Originaltitel: „Les déferlantes“.
560 Seiten, 9,99  Euro

Der tragische Tod eines Sportlers – Josef Haslinger "Jáchymov"

„Das Erinnern gehört zu uns lebenden Menschen. Das, was wir mit Erinnerung meinen, gibt es nur hier auf dieser Welt.“

Das Leben hält Begegnungen bereit, die nur das Schicksal knüpfen kann. Manchmal ist das so. Rein faktische Erklärungsversuche gibt es nicht. In der Literatur finden wir solche Aufeinandertreffen zuhauf. Klar, Literatur ist Fiktion, das riesige Feld für Denkspiele nach dem Motto „was wäre wenn“, ein kunstvolles Vermischen von Orten, Zeiten und Personen. Aber vielleicht hätte es diese Begegnung zwischen einem Verleger und der Tochter eines tschechischen Eishockeystars wirklich gegeben, die Josef Haslinger in seinem neuesten Roman „Jáchymov“ Raum gibt. „Der tragische Tod eines Sportlers – Josef Haslinger "Jáchymov"“ weiterlesen