Schicksalhafter Wurf – Chad Harbach "Die Kunst des Feldspiels"

„Es war immer etwas Unnahbares in seinen Augen, wie bei einem Solisten, der so sehr eins mit der Musik ist, dass man nicht zu ihm durchdringt. Hierher könnt ihr mir nicht folgen, schienen die blauen Augen zu sagen. Ihr werdet niemals wissen, wie das ist.“

Er galt als dürrer und unscheinbarer Sonderling. Nichts sprach für eine große Zukunft, geschweige denn für eine herausragende Karriere als Baseball-Spieler. Bis er eines Tages entdeckt wird. Mike Schwartz, Spieler am Westish-College, sieht Henry Skrimshander und erkennt dessen einzigartige Begabung als Shortstop. Er wirft nicht nur zielsicher, er erkennt schon früh die Bahn des Balles, um schnell reagieren zu können. Schwartz holt Henry an das College und in die Mannschaft, die fortan den Meisterschaftskurs einschlägt . Henry wird zu einem Star in der College-Szene, umkreist von Agenten, die ihn verlockende Angebote unterbreiten. Doch während eines Spieles geschieht ein Unglück: Henry trifft mit dem Ball seinen Zimmerkollegen Owen, der vertieft in einen Schmöker auf der Mannschaftsbank sitzt. „Schicksalhafter Wurf – Chad Harbach "Die Kunst des Feldspiels"“ weiterlesen

Im Fadenkreuz von Politik und Religion – Amy Waldman "Der amerikanische Architekt"

„Die Trauer war ein Land, das sie sich nicht ausgesucht hatte, aber sie konnte entscheiden, wann sie es wieder verlassen wollte, obwohl sich das ein bisschen  nach Verrat anfühlte.“

Das Bild hat sich in das Gedächtnis der Menschheit eingebrannt: Zwei Flugzeuge fliegen über New York und schließlich in die beiden Türme des World Trade Centers hinein. Flammen schießen in die Höhe. Menschen springen aus den Fenstern. Die beiden hohen Gebäude stürzen zusammen. Eine Wolke aus Schutt und Asche legt sich über die Stadt. Rund 2.900 Menschen kommen am 11. September 2001 ums Leben, Männer und Frauen, die in den Häusern gearbeitet haben, die Insassen der beiden Flugzeuge sowie eine große Anzahl an Rettungskräften. Von vielen Opfern bleibt nur noch Asche und Staub zurück. „Im Fadenkreuz von Politik und Religion – Amy Waldman "Der amerikanische Architekt"“ weiterlesen

Der Körper, vom Leben gezeichnet – Paul Auster "Winterjournal"

„Wir alle sind uns selbst fremd, und wenn wir irgendeine Ahnung haben, wer wir sind, dann nur, weil wir in den Augen anderer leben.“

Er ist 64 Jahre alt. Sein Blick zurück ist ein besonderer. Denn sein Körper ist gezeichnet vom Leben. Mit schmerzhaften Unfällen in der Kindheit kamen die ersten Narben, die Herausforderung des Schriftstellerberufs, eine zerbrochene Ehe, Alkohol sowie Zigaretten und natürlich das Altern brachten die ersten Falten und grauen Haare. Wenn der amerikanische Autor Paul Auster sein Leben Revue passieren lässt, ist sein Körper Spiegel der Veränderungen, wie auch die Körper- und Beweglichkeit Ausdruck des Lebens ist.

In seinem neuesten Werk „Winterjournal“ wird seine Biografie zu einer Geschichte seines Körpers. Er erzählt von seiner Kindheit, seiner Faszination für Baseball, seinen Empfindungen, wenn  der Körper den Elementen wie Wind oder Wasser ausgesetzt ist, wie der Perspektivwechsel mit dem Erwachsenwerden eintritt, als die kleinen Dinge, die man als Kind noch faszinierend betrachtet hat, unbedeutender werden, weil die Distanz zum Boden größer geworden ist. Auster schildert seine erwachenden Empfindungen für das andere Geschlecht, seine zahlreichen Liebschaften und seine besonders innige Beziehung zu seiner zweiten und jetzigen Frau – der Autorin Siri Hustvedt. Wenn er von seinen beiden Kindern oder seiner Mutter berichtet, sind Hingabe und Liebe zu spüren, wenn er von seiner gescheiterten ersten Ehe, der Begegnung mit einer Prostituierten und sein Verhältnis zu Alkohol und Zigaretten erzählt, werden Offenheit und Ehrlichkeit erkennbar.

Auster ist schonungslos. Auch wenn es um das Lebensende geht. Wenn er vom Tod schreibt, dann in Metaphern wie den Blitzen, die unberechenbar vom Himmel fahren. Doch Auster weiß, dass das Leben Zufall und Geschenk zugleich ist, das Leben wie der Tod unberechenbar sind. Zwischen all jener nachdenklichen in Melancholie abgleitenden Stimmung finden sich immer wieder Momente der Lebensfreude, der Hingabe zur eigenen Existenz. Sein Rückblick hat keine feste Form, sein Schreiben ist ebisodenhaft und wechselt schnell die Jahre, die Zeiten und die Lebensabschnitte. Wenn er seine insgesamt 21 Wohnungen und Häuser, in denen er gelebt hat, beschreibt, werden nicht nur die örtlichen Veränderungen, sondern auch jene Umwälzungen seines Leben deutlich: die Zeit als junger Mann in Paris, die Umzüge innerhalb New Yorks abhängig von der eigenen finanziellen Lage, die Suche nach einem richtigen Zuhause für seine Familie. Trotz seines literarischen Ruhms bleibt er mit beiden Beinen auf dem Boden und bescheiden, denn gerade in seiner Körperlichkeit liegt so viel an Alltäglichem und Normalem. Auch ein Herr Auster schnarcht, rülpst, wechselt die Windeln seiner Kinder und sucht regelmäßig das Klo auf.

Seine Erinnerungen schreibt er in der du-Perspektive. Ganz so als ob er ein Selbstgespräch mit sich führen würde. Dass er uns Leser jedoch daranteilnehmen lässt, ist ein großer Schatz.Und nicht nur, weil wir interessante Einblicke in das Leben und den Alltag eines berühmten Schriftstellers erhalten. Er lässt uns wissen, dass jedes Leben und jeder Körper etwas Kostbareres ist – eben weil im Leben der Zufall herrscht, im positiven wie im negativen.

„Winterjournal“ von Paul Auster erschien im Rowohlt-Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Werner Schmitz.
256 Seiten, 19,95 Euro

Zerbrochen – Jonathan Franzen "Schweres Beben"

„Wie tief sie alle in die Welt gebettet waren, wie tief sie selbst  es war – ein Dasein nicht auf der dünnen Haut der Welt, sondern tief in ihr, in einem Ozean aus Atmosphäre und wogenden Bäumen (…).“

Die Erde rund um Boston wird von einem Erdbeben erschüttert. Das einzige Todesopfer ist Rita, die letzte Frau des vermögenden Jack Kernaghan, Vorstandmitglied des Chemiekonzerns Sweeting-Aldren. Das Unternehmen ist reich geworden wurden durch Lycra-Kunststoff in Bademoden sowie Entlaubungsmittel, das im Vietnam-Krieg zum Einsatz kam. Rita fiel sturzbetrunken vom Stuhl, als die Erde zitterte. Weitere Beben folgen. Von da an zeigen sich auch innerhalb der Familie Holland erste Risse, die als Erben vor einem riesigen Geldvermögen in Form von Sweeting-Aldren-Aktien stehen – die kleinen und großen familiären Tragödien, für die Jonathan Franzen als Autor des 2001 mit dem National Book Award gekrönten Romans „Die Korrekturen“ bekannt ist, nehmen bereits in seinem zweiten, einige Jahre zuvor erschienenen Roman „Schweres Beben“ ihren Lauf.

Während Mutter Melanie nicht weiß, was sie mit dem bald fließenden Reichtum von knapp 22 Millionen Dollar anfangen soll, erhält Tochter Eileen regelmäßige Finanzspritzen aus Mutterhand, Sohn Louis indes geht leer aus. Selbst dann, als er seinen Job als Radiotechniker verliert, nachdem der Prediger Stites die Station übernimmt, um für seine Gemeinde und seine Anti-Abtreibungskampagne die Werbetrommel zu rühren. Louis‘ einziger Trost: die neue Beziehung zu Renée, die einige Jahre älter und als Seismologin an der Harvard-Universität tätig ist. Sie stößt bei ihren Forschungen auf nahezu Unglaubliches: Das Unternehmen Sweeting-Aldren verursacht die Erdstöße, in dem sie giftigen Restmüll kilometertief in die Erde pumpen. Innerhalb ihrer Forschungen lässt Louis Renée sitzen, nicht weil ihm das Ganze zu heiß wird, sondern weil seine frühere Freundin Lauren plötzlich auftaucht.

Schon jetzt wird klar, in diesem Roman gibt es kaum eine ruhige Minute. Alles ist immerzu in Bewegung, die Erde bebt, die Menschen nähern sich an, um sich wenig später wieder abzustoßen. Hinzu kommt der Blick auf das Gesamtgesellschaftliche und die Geschichte des Landes. Beide Themen umhüllen und durchwirken die Entwicklung in der Familie und die Katastrophen. Franzens Blick ist kritisch, sein moralischer Zeigefinger ein hoch erhobener: Er klagt die Ausbeutung und Verschmutzung der Erde an, die in der Neuen Welt schon begonnen hat, als erste Siedler das Land in Beschlag genommen hatten, um nicht nur von den Schätzen des Landes zu leben, sondern auch Profit aus ihnen zu erzielen. Diese Gier findet sich nun wieder im neuen Vorstand von Sweeting-Aldren, der nicht nur weiter, an den Forderungen des Umweltamtes vorbei, Gift in die Tiefe abpumpen lässt, sondern auch in der Seismologin eine Gefahr sieht. Renée wird angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Und selbst dann kehrt keine Ruhe ein: die Erde bebt ein weiteres, stärkeres Mal. Allerdings in jenem Moment, wo Louis – in der Zwischenzeit zu Renée zurückgekehrt -,seine Schwester Eileen und ihr Verlobter Peter dessen Vater,  den Unternehmsvorstand Stoorhuys, in die Mangel nehmen.

Ohne Frage – das Buch ist trotz einiger Längen wegen einiger (moral)-philosophischer Abhandlungen sehr spannend, und Franzen erweist sich als ein begnadeter Erzähler, der für den Blick auf die Charaktere und ihr Innenleben nicht nur zur Lupe, sondern vielmehr zum Mikroskop greift, und die Familiengeschichte in das ganz große Gesellschaftliche einbettet. Am Ende ist jeder gezeichnet – sowohl von den ungeheuren Kräften der Erde als auch von den Brüchen und Konflikten innerhalb der Familien, die aufgrund eigener Fehleinschätzungen und charakterlicher Schwächen entstanden sind. Für Louis Beziehung zu seiner Liebe Renée deutet sich indes eine positive Wende an, die den Katastrophen-Gesellschafts-Familien-Roman noch mit einer berührenden Liebesgeschichte „würzt“. Und auch die Vorstandsmitglieder von Sweeting-Aldren geht es nach der verheerenden Katastrophe im Übrigen blendend – so viel sei an dieser Stelle schon einmal verraten.

„Schweres Beben“ erschien 2006 im Rowohlt Taschenbuch Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Thomas Piltz.
688 Seiten, 9,99 Euro

Jahre des Glücks – Ernest Hemingway "Paris. Ein Fest fürs Leben"

„Inzwischen wusste ich, dass alles Gute oder Schlechte eine Leere hinterließ, wenn es aufhörte.“ 

Von der Depression heimgesucht, vom Alkohol zerfressen erinnert sich Ernest Hemingway an die glücklichen Jahre. In den letzten Monaten seines Lebens, das er 1961 mit Hilfe einer Flinte selbstgewählt ein Ende setzt, blickt er zurück auf Paris und die 20er Jahre. Und wie sollte es bei einem Autor anders sein, für den das Leben unabdingbar mit dem Schreiben verknüpft ist – er schreibt darüber; nachdem er, Mitte der 50er zurückgekehrt in die Stadt an der Seine, einen Koffer mit Aufzeichnungen zurückerhalten hat. Entstanden ist das Buch „Paris. Ein Fest fürs Leben“, das erstmals posthum 1964 mit dem Originaltitel „A Moveable Feast“ erschien. Der Rowohlt Taschenbuch Verlag veröffentlichte nun die Urfassung des Werkes, das damals durch die Herausgeber mit Eingriffen in den Text und die Anordnung der einzelnen Kapitel nicht unwesentliche Veränderung erfuhr.

Hemingway ist 22 Jahre alt, als er gemeinsam mit seiner ersten Frau Hadley nach Paris zieht. Zuerst für mehrere Tageszeitungen und Presseagenturen tätig, wendet sich der Amerikaner schließlich dem literarischen Schreiben zu. Das tägliche Leben ist nicht leicht. Die Hemingways müssen den Centime mehrmals umdrehen, da Honorare nur unregelmäßig fließen und das Glück auf der Pferderennbahn ihnen nicht immer hold ist. Trotzdem ist es ihre Zeit, denn Paris ist die Welthauptstadt der Kunst: Große und angesehene Namen ob Künstler oder Literaten tummeln sich dort. Hemingway lernt selbst James Joyce, Ezra Pound, F. Scott Fitzgerald und Ford Madox Ford kennen. Er ist Gast im intellektuellen Kreis von Gertrude Stein. Der Tag wird mit Schreiben und Flanieren, Essen und Trinken verbracht. In den Cafés von Paris lässt sich Hemingway gern sehen.

All das findet sich wieder in seinem Werk. Der spätere Literaturnobelpreisträger erzählt von seinem Alltag als Schriftsteller, den Begegnungen und Debatten mit Künstlerkollegen, die Reisen in die Berge Österreichs  sowie von seiner Familie, seiner ersten Frau Hadley und dem kleinen Sohn John, liebevoll Bumby genannt. Doch nicht nur Ereignisse und Erlebnisse, Gedanken und Rückblicke finden sich in dem Band.  Immer wieder klingt die Bedeutung des Schreibens an, die Erklärung seines besonderes Stils, nur das Wahre zu schreiben, auf „Füllmaterial“ zu verzichten. Und ein Thema, nein gar eine Hauptperson sollte an dieser Stelle nicht vergessen werden: Die Stadt Paris ist die eigentliche Heldin dieses Buches, der Hemingway auch ein literarisches Denkmal setzt. Der Ton schwingt zwischen Melancholie im Rückblick auf die vergangene Zeit und Humor. Herrlich wie er eine Autofahrt gemeinsam mit Fitzgerald sowie dessen hypochondrichen Neigungen erzählt. Besonderes Stilmerkmal: Die Erzählperspektive wechselt. Für die Erinnerungen verwendet Hemingway neben dem „ich“ auch das „du“, als wollte er sich die Erinnerungen immer wieder selbst vor Augen führen.

Es ist nicht nur dieser ganz persönliche Blick von Ernest Hemingway, der dieses Buch zu einem eindrucksvollen Werk macht. Es erinnert auch als besonderes Zeitzeugnis an die damalige Ära, ein Jahrzehnt voller Kraft und Lebensfreude, in dem Kunst und Kultur neue Wege gingen. Gemeinsam mit Bildern aus diesen Jahren, die Hemingway und seine Freunde und Mitstreiter zeigen, sowie einem umfangreichen Anhang mit Entwürfen einiger Kapitel und Nachworten von Hemingways Sohn Patrick und seinem Enkel Sean ist ein Band entstanden, der für Fans von Hemingway und allgemein für Anhänger der amerikanischen Literatur ein Muss ist. Bei allen anderen weckt er (sicherlich und hoffentlich) das Interesse, sich einer der größten Stimmen der amerikanische Literatur näher zu widmen.

„Paris. Ein Fest fürs Leben“ von Ernest Hemingway erschien im Rowohlt Taschenbuch Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz.
320 Seiten, 9,99 Euro

Strom des Lebens – John Williams "Stoner"

„Die Welt fand wieder zu sich selbst.“ 

Er verlässt die bereits ausgetretenen Pfade. Von den Eltern an die Universität geschickt, um Landwirtschaft zu studieren, später die recht armselige Farm zu übernehmen und ein hart arbeitender Bauer zu werden, vollzieht William Stoner eine Kehrtwende zur Überraschung seiner Eltern. In den ehrwürdigen Räumen der Universität Missouri macht er Bekanntschaft mit der Literatur, die zur Liebe seines Lebens werden und ihn bis zu seinem Tod begleiten wird. „Strom des Lebens – John Williams "Stoner"“ weiterlesen