Zurückgezogen – David Shields und Shane Salerno „Salinger. Ein Leben“

„Ich glaube, irgendwann musst du herausfinden müssen, wo du hin willst. Und dann musst du auch da hingehen. Aber sofort. Du kannst es dir nicht leisten, auch nur einen Augenblick zu verlieren. Du nicht.“ („Der Fänger im Roggen“)

Salinger. Da war doch was. Englischunterricht bei Herrn Polke und dann diese Lektüre. „Der Fänger im Roggen“, besser gesagt. „The Catcher in the rye“. Und ist es nicht so, dass neben den guten und den schlechten Lehrern vor allem die Bücher, die man lesen musste, sich in das Gedächtnis eingeprägt haben? Der 1951 erschienene Roman „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger (1919 – 2010) zählt da ganz gewiss dazu. Millionen von Jugendlichen haben ihn gelesen und geliebt. Seine Popularität besteht bis heute. Damit hat er einen Kultstatus erreicht, der nahezu ungebrochen ist und seinesgleichen sucht. Doch was wissen wir über den Autor selbst und die Entstehung des Romans? Sicherlich wenig. Wenn nicht in der derzeitigen Salinger-Begeisterung und unter den aktuellen Publikationen – so den beiden Romanen „Oona und Salinger“ von Frederic Beigbeder und „Lieber Mr. Salinger“ von Joanna Rakoff – auch eine bemerkenswerte Biografie heraussticht, die sich zum Ziel gesetzt hat, mit den Mythen und falschen Überlieferungen rund um die Person des Kultautors aufzuräumen. „Zurückgezogen – David Shields und Shane Salerno „Salinger. Ein Leben““ weiterlesen

Amerika – Philipp Meyer „Der erste Sohn“

„Die Menschen verwandeln Erde zu Sand, Obst zu Dornen. Etwas anderes kriegen wir nicht zustande.“ 

Das Land ist weit und unermesslich reich. Es könnte für viele Menschen Heimat bieten, wo sie in Frieden und Eintracht leben. Doch die Gewalt kennt keine Grenzen. Als Eli im Jahr 1836 geboren und der Staat Texas aus der Taufe gehoben wird, liegen im Grenzgebiet die Siedler mit den Mexikanern und den Indianern im Clinch. Blut fließt auf allen Seiten. Er selbst und sein Bruder werden in jungen Jahren von den Comanchen entführt, während Mutter und Schwester während des Überfalls mehrfach vergewaltigt und schließlich getötet werden. Es ist der Beginn eines Lebens voller Erfolge und Verluste, der Beginn einer Familiendynastie, die in den folgenden Jahrzehnten einen unvergleichlichen Aufstieg erleben wird, und die entscheidende Szene zum Auftakt des Romans „Der erste Sohn“ von Philipp Meyer. „Amerika – Philipp Meyer „Der erste Sohn““ weiterlesen

Das Leben des Einen und der Anderen – James Salter „Alles, was ist“

„Das Leben, das nicht vorhersehbar war, das Leben, das sich ihm eröffnet und das er gelebt hatte.“ 

Was bedeutet ein Leben? Das Fließen der Zeit zwischen Geburt und dem Tod, Erlebnisse und Begegnungen, Erfolge und Tiefschläge, Erfahrungen von Liebe, Freundschaft und Hass aneinandergereiht?  Vor allem aber hat es so viel zu bieten. In dieser Zeit kann viel geschehen. Auch im Leben von Philip Bowman. Als junger Mann erfährt er das schreckliche Ausmaß des Zweiten Weltkriegs hautnah aus nächster Nähe – als Marine-Soldat im Pazifik. Er überlebt, während andere Kameraden ihr Leben ließen. Bowman kehrt zurück, studiert, findet eine Anstellung als Lektor in einem renommierten New Yorker Verlag und mit Vivian die erste Liebe seines Lebens. Was dann kommt sind Veränderungen, nichts bleibt, wie gedacht und erhofft – das Leben halt. Aber das gibt ausreichend Stoff für Romane, andere Werke beweisen es. Bestes Beispiel: die beiden herausragenden Bücher „Stoner“ von John Williams und „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler. Und nun James Salters Roman „Alles, was ist“, der mit seinem eindeutigen wie sicherlich auch diskussionsanregenden Titel – das Original ist mit „All That is“ überschrieben –  die Neugierde weckt. „Das Leben des Einen und der Anderen – James Salter „Alles, was ist““ weiterlesen

Alle Wege führen zu "Spirit-in-the-Woods" – Meg Wolitzer "Die Interessanten"

„Man konnte von seiner Besessenheit ablassen, interessant sein zu wollen. Die Definition, auch das wusste sie, änderte sich sowieso und hatte es auch für sie getan.“

Es ist der Sommer ihres Lebens, der sie zusammenbringt – für die folgenden Jahre und Jahrzehnte. Die sechs Jugendlichen Ethan, Ash, Jules, Cathy, Goodman und Jonah lernen sich in dem Feriencamp „Spirit in the Woods“ in Massachusetts kennen. Es ist ein Camp voller Kunst und Kultur, in dem die Jugendlichen ihre besonderen Talente aufspüren und sich ausprobieren können – im Tanz und Theater, in Musik und dem Zeichnen. Das Sextett, das sich den Namen „Die Interessanten“ gegeben hat, wird schließlich trotz ihrer verschiedenen Mitglieder zu einer eingeschworenen Gemeinschaft, die Freundschaft und Liebe erlebt und in dieser Zeit die Basis für den späteren Zusammenhalt legt, obwohl nicht jeder vom Glück des Lebens verfolgt wird, jeder seine eigenen Bahnen zieht. Nie bleibt ein Teil der Gruppe im Strudel des Lebens zurück. Immer hat einer der sechs Kontakt zu einem anderen. Selbst wenn sie schon in die Mittfünfziger angekommen sind. „Alle Wege führen zu "Spirit-in-the-Woods" – Meg Wolitzer "Die Interessanten"“ weiterlesen

Klänge für die Ewigkeit – Richard Powers "Orfeo"

„Musik sagt die Vergangenheit voraus, erinnert an die Zukunft. Dann und wann werden die beiden eins, und allein mit der simplen Gabe eines kreisenden Lauts entziffert das Ohr das ganze verworrene Kryptogramm. Ein gleichbleibender Rhythmus, ewige Gegenwart, schon ist man frei. Doch nach ein paar Takten schließt sich der Mantel der Zeit wieder um uns.“

Er ist auf der Flucht, der Heimatschutz auf der Jagd nach ihm. Die Reise ins Ungewisse wird für Peter Els eine Reise in die eigene Vergangenheit. Ein ganzes Leben hat sich der Professor für Komposition der Musik verschrieben. Nun ist es die Kunst der Klänge, die ihn in Nöten bringt. Denn seinen Ruhestand nutzt Els für Forschungen im selbst gebauten Bio-Labor, wo er sich mit dem Gefüge der DNA und der ihnen zugrundelegenden Struktur als Ordnungsprinzip für ein musikalisches Werk beschäftigt. Als er nach dem Tod seiner geliebten Hündin Fidelio den Notruf wählt, werden die Behörden aufmerksam und zugleich skeptisch. Eine Verfolgung und Hysterie beginnen, während sich Els, nunmehr als Bio-Terrorist unter Verdacht, mit Hilfe einer Freundin aus dem Staub macht. „Klänge für die Ewigkeit – Richard Powers "Orfeo"“ weiterlesen

Ein innerer Strom – Edith Wharton "Das alte Haus am Hudson River"

„Es gab Zeiten, da war seine Seele wie ein Wald, voller Schatten und Gemurmel, geheim und fern, ein Ort, wo man sich verirren konnte, fast furchterregend, um dort allein zu sein.“ 

Es ist eine innere Stimme, ein Strom, ein inneres Regen, das seinen Weg nach draußen sucht. Vance Weston spürt früh seine besondere Begabung. Er schreibt. Obwohl als Sohn eines erfolgreichen Immobilienmaklers aus gutem Haus stammend, im mittleren Westen der USA aufgewachsen, scheint sein Leben eine andere Richtung zu bekommen. Biografisch und geografisch. Nach einer schweren Erkrankung soll der 19-Jährige sich bei der Cousine seiner Mutter im ruhigen Städtchen Paul’s Landing, nicht weit von der Millionenstadt New York gelegen, auskurieren.
Und dies ist der Beginn des Schriftstellers Vance Weston und des Romans „Ein altes Haus am Hudson River“ der amerikanischen Autorin Edith Wharton, an die der btb-Verlag mit einer Neuauflage ihres 1929 erschienenen Werkes erinnert. „Ein innerer Strom – Edith Wharton "Das alte Haus am Hudson River"“ weiterlesen