Müllbehälter mit literarischem Namen

Recht anspruchsvoll geht es auf dem Naumburger Weihnachtsmarkt zu. „Professor Unrat“ steht auf den Deckeln der stinknormalen Müllbehälter. Wie wohl der große Heinrich Mann auf die Nutzung des Titels seines bekannten Werkes reagieren würde? Womöglich würde er auch anderweitig wohl klingendere, weil literarische Namen vergeben. Ein Straßenmusikant sorgt für die „Dreigroschenoper“ (Bertolt Brecht). So manche Behörde erscheint kafkaesk wie das „Schloss“, ein nicht funktionierender und daraufhin von Fäusten traktierter Parkscheinautomat in Naumburg dagegen als „Blechtrommel“ (Günter Grass). Das wirre Treiben auf den Kirschfestwiesen erweist sich als „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ (William Makepeace Thackeray), ein untalentierter und für einen Wasserschaden sorgender Klempner-Azubi dafür als „Zauberlehrling“ (Johann Wolfgang Goethe). Und was wäre ein unfähiger Lokalpolitiker? „Der Mann ohne Eigenschaften“ (Robert Musil).

Der weiße Planet – Jørn Riel "Das Haus meiner Väter"

Der weiße Planet: eine von Eis und Schnee überzogene Landschaft, Monate der Dunkelheit wechseln sich mit Wochen im Schein der Mitternachtssonne ab. Nur die am besten Angepasstesten, ob Tier oder Mensch, überleben im rauen Klima der Arktis oder Antarktis. Doch trotz der unwirtlichen Verhältnisse – die Gegend rund um Nord- und Südpol zieht sowohl Entdecker als auch Naturfreunde magisch an.  „Der weiße Planet – Jørn Riel "Das Haus meiner Väter"“ weiterlesen

Religion, Regeln und Ruhe – Klosterlandschaft Sachsen-Anhalts

In der modernen Zeit sind sie Ruhepole geworden, Ziele so manch gestresster Seele. In die historischen Mauern eines Klosters und in einen noch bestehenden Ordensalltag kehren Menschen ein, um für Tage oder Wochen der Hektik zu entfliehen. Doch über einen Erholungsurlaub und als Ausflugsziel hinaus haben diese Stätten eine besondere Bedeutung, und das seit Jahrhunderten. Sie waren Orte intensiven religiösen Lebens. Einige sind es noch immer. Zudem sind sie mit ihren eindrucksvollen Bauten architektonische Schätze einer Kulturlandschaft – auch jene in Sachsen-Anhalt, das reich ist an Klöstern.

 Klosterlandschaft Sachsen-Anhalt heißt ein Band, der in der Reihe Kulturreisen Sachsen-Anhalt im Verlag Janos Stekovics neu erschienen ist. 50 dieser religiösen Stätten in 43 Orten des Bundeslandes   widmet sich das 256-seitige  Buch. Aus dem Burgenlandkreis sind mit  Memleben, Schulpforte, Weißenfels, Zeitz und Posa fünf   Klöster vertreten. Es gibt nicht nur umfassende Informationen über  die einzelnen Klöster mit Angaben zu den Öffnungszeiten,  der Anreise und touristischen Angeboten sowie  zur Historie und dem Erhaltungszustand der Gebäude.   Der Leser erhält vor allem einen Überblick über die  zwischen Elbe und Saale ansässig gewesenen Ordensgemeinschaften,  ihre geschichtliche und kulturelle Bedeutung. Sogenannte Denkanstöße fordern zur Auseinandersetzung mit dem Thema Religion auf.

In einem Vorwort  zum Band schreiben  Harald Schwillus, Professor am Institut für Katholische Theologie und ihre Didaktik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, und Herausgeber Christian Antz über die Entstehung, das Wirken und die Regeln der verschiedenen Ordensgemeinschaften. In einem Geleitwort ermuntert Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff zudem, die Klosterlandschaft mehr in das Bewusstsein zu rücken – eine Aufgabe, die der Band sich stellt.

Er ist mit seinen zahlreichen Abbildungen wie Fotos, Grundrissen und Lageplänen sowohl eine spannende und anschauliche Geschichtsstunde als auch eine Einladung, die Klöster Sachsen-Anhalts zu entdecken und damit ein bedeutsames kulturelles Erbe zu erleben. Ob nun nach und nach diszipliniert der alphabetischen Ordnung des Buches folgend oder nach der Devise die hiesigen zuerst – auf jeden Fall eignet sich das mit viel Detailfreude und Aufwand gestaltete Werk in seiner kompakten wie handlichen Form als Reiseführer.  Und sicherlich auch als besonderes Weihnachtsgeschenk: für Freunde der Geschichte, Architektur und Religion, oder aber auch für jene, die  in einem Kloster Erholung suchen und ihren Besuch in einer eindrucksvollen historischen Atmosphäre einfach (nur) genießen. 

Klosterlandschaft Sachsen-Anhalt erschien im Verlag Janos Stekovics
256 Seiten, 18,90 Euro

Fensterchen öffne dich!

Nach dem ersten Fensterchen kommt heute das zweite dran. Huch, was bloß drin ist? Und vielleicht  lässt sich auch gleich das dritte bis siebente öffnen. Beim Naschen ist Zügellosigkeit ab und an erlaubt. Wer sagt denn, dass ein mit Vollmilchschokolade gefüllter und damit eher preiswerter Adventskalender Disziplin verlangt. Die winzigen Nummern an den Türchen erwecken kaum das schlechte Gewissen.
Mit jenen eher  kostspieligen   und besonders gefüllten Varianten verhält es sich indes etwas anders. Mittlerweile  gibt es  von ihnen eine große Auswahl, je nach Geschmack des Konsumenten.  Teetrinker erleben  ebenso Abwechslung wie die süßen Kleinen mit  ihrem neuen Spielzeug für jeden Tag. Selbst Hund und Katz’ können wir eine Überraschung bieten, während wir immer noch in eher langweiliger Manier den Piepmätzen im Vogelhaus was zum Futtern vorsetzen.  Oder ob heute zu später Stunde in so mancher guter Stube am Fensterchen  genestelt wird  mit der Aussicht auf ein erotisches Bildchen?  Huch – bloß wieder zumachen, sonst sehen es noch die Kleinen.

Schreiben übers Schreiben – Siegfried Lenz "Selbstversetzung"

Er zählt zu den stillen Autoren. Wenig hört man von ihm. Die Herren Grass und Walser sind da schon lauter, öffentlichkeitswirksamer. Erscheint indes ein neues Werk von ihm, liest man einige Rezensionen in der Tagespresse. Sonst bleibt es ruhig um Siegfried Lenz. Nach Romanen wie „Deutschstunde“, „Arnes Nachlass“ oder „Schweigeminute“, letztere beide wunderschön, aber auch tieftraurig, fiel mir mit „Selbstversetzung“ kürzlich ein Buch mit Essays in die Hand.

Der recht schmale Band, vor fünf Jahren bei Hoffmann und Campe anlässlich des 80. Geburtstags  des Schriftstellers erschienen, enthält neun Texte, die sich vor allem dem Schreiben und der Literatur widmen. Der 1926 in Ostpreußen geborene Autor erzählt in ihnen vom Beginn seiner unter dem Wirken seines Deutschlehrers erwachten Leseleidenschaft, von seinem ersten Roman „Es waren Habichte in der Luft“, über den großen Einfluss Ernest Hemingways auf sein Schaffen und dem wachsenden Bekanntheitsgrad als Schriftsteller. Viel verrät Lenz dabei von sich: Er berichtet von seiner Kindheit, dem schnellen Erwachsenwerden im Krieg, seinen ersten Schritten als Schreibender, als Journalist. Mit einer nicht kühlen, von oben herabschauenden, sondern vielmehr einer herzenswarmen Ironie erzählt er unter anderem von seiner Straße, in der er mit seiner Frau ein Domizil gefunden hat.  Es sind somit sehr persönliche Erinnerungen und Erfahrungen – von einem großen deutschen Schriftsteller, der in der Jugend auch schon mal zu Groschenheften griff, um seine Lesesucht – Lenz schreibt, er wurde „mit Literatur infiziert“ – zu stillen.

Die Essay entstanden in den 60er und 70er Jahren und vermitteln ein persönlicheres Bild als es eine Biografie jemals zu zeichnen vermag. Wenn man die Werke von Lenz schätzt, sollte man auch zu jenem schmalen Band greifen, um einen Einblick in die Motivation für sein Schreiben zu erhalten. Denn es ist immer die große Frage: Warum schreiben, wenn es doch schon Literatur, gute Literatur gibt? Lenz dazu: „Ich wollte gleichzeitig verstehen und zugeben: so begann ich zu schreiben.“

Und wer Lenz noch nicht kennt? Sollte ihn kennenlernen. Nein, muss ihn kennenlernen. Wenn ich nur fünf Bücher auf eine einsame Insel mitnehmen könnte, ein Lenz wäre sicherlich dabei.

Selbstversetzung von Siegfried Lenz erschien bei Hoffmann und Campe.
Februar 2006
104 Seiten, 25 Euro

Die Zeitung – "Gefällt mir"

Im Kollegenkreis gibt es einen kleinen Reim, der die besondere Rolle der Zeitung auf den Punkt bringt: Zeitung lesen, dabei gewesen, Diese vier Worte fallen meist ironisch, wenn einer mal nicht auf den neuesten Stand ist. Dass der Spruch nun auch angesichts der herrschenden Präsenz von Facebook weiterhin Gültigkeit hat, verblüffte mich unlängst. Die bekannte Community nutzten wir, um über ein hier in Naumburg heiß diskutiertes Thema noch einmal zu berichten. Im Mittelpunkt stand der Text einer Kranzschleife zum Volkstrauertag mit den Worten „Wir gedenken der gefallenen Helden“. Hoch schlugen die Wellen der Empörung bei der Partei Die Linke. Doch ein Landtagsabgeordneter musste schließlich klein beigeben, als er die Zeitung aufschlug. Die Reaktionen auf seinen Facebook-Eintrag  las er dort zuerst, musste er freimütig gestehen – natürlich auf Facebook. Uns hat’s gefreut. Wurden wir doch eher registriert als die schnelllebigen und auch meist schnell hingetippten Meinungen und Einträge.

Und ist es nicht auch so, langsam wird’s zu viel. Es blinkt und piept nur noch, wenn Kommentare per Mail angekündigt werden. Die neuen Postings (ein schönes Wort, wenn man an die Behäbigkeit der Post denkt) sind oft so inhaltsleer, so ohne Aussage. Was bitte schön mache ich mit Einträgen über das gerade absolvierte Frühstück eines anderen, über Kopfschmerzen nach einem Saufgelauge – den virtuellen Salzstreuer oder die virtuelle Aspirin reichen? Wir kreieren Datenmüll und freuen uns noch darüber; das zeigen wir auch an mit einem „Gefällt mir“ auf das „Gefällt mir“. Leider sind gute Einträge Mangelware, wie kluge Kommentare in einer Diskussion, ein interessanter Link auf ein wirklich interessanten Beitrag oder eine richtige Antwort auf eine ernst gemeinte Frage.
Wir brauchen uns nicht zu beschweren, angesichts jener Zeit, die wir auf den Bildschirm glotzend vergeuden und uns etwas widmen, das dabei wenig Bedeutung für unser Leben hat. Und da ist die Zeitung wiederum im Vorteil. Sie hat einen bestimmten Umfang an Seiten und sie fordert auch kein Klick auf den „Gefällt mir“-Button, vielmehr Konzentration auf’s Lesen und ein Thema. Und sie raschelt so schön.