Der (Un)Geliebte – Tilmann Lahme "Golo Mann"

„Einmal in diesem Wasser muss man schwimmen und schwimmen, bis man untergeht.“

Sein Leben war Flucht und Streben zugleich. Er flüchtete vor dem Schatten seines Vaters und vor einer gewalttätigen Diktatur. Er strebte, vielleicht auch unbewusst, den Namen Mann gerecht zu werden. Trotz jener Hassliebe zu seiner Familie, die ihn prägte, in der er jedoch wenig Liebe und Anerkennung erfuhr. Golo Mann ist nicht nur dem riesigen Namen gerecht geworden. Er hat als Historiker, Journalist und Literat Respekt und große Anerkennung erworben – vielleicht wie keins der sechs Kinder von Katia und Thomas Mann.

18 Jahre nach seinem Tod im Jahre 1994 erschien die erste umfassende Biografie von Golo Mann. Auf mehr als 400 Seiten zeichnet Autor Tilmann Lahme ein Bild des nimmermüden Historikers, als melancholischer, zu Depressionen neigender Sohn der Mann-Familie, als Privatperson, der in seinen mehr als acht Jahrzehnten Lebenszeit nie die Liebe seines Lebens lebte, der seine Homosexualität im privaten Raum ließ und kaum erwähnte.

Golo Mann wird am 27. März 1909 als drittes Kind von Katia und Thomas Mann in München geboren und erhält den langen Namen Angelus Gottfried Thomas. Der kurze Titel Golo, eine Kindervariante des Namens Angelus, verdrängt allerdings das Ungetüm von Vornamen. Golo wächst in einer Familie auf, die nicht nur geprägt war von Literatur, großen Gedanken und dem Ruhm seines Vaters Thomas und des Onkels Heinrich. Sie ist wenig von Liebe und Herzlichkeit gezeichnet, vielmehr von Kühle und sicherlich auch von Neid und Ignoranz in einem Umfeld aus großen Namen, Denkern und Künstlern.
Nach den Kinderjahren folgt die Jugend, in der ein weiterer Schatten auf Golo Mann fällt: Während seines Aufenthaltes an dem Internat Salem holen sich seine Geschwister Klaus und Erika die ersten Erfolge als Autoren beziehungsweise als Schauspielerin. Was soll nur aus dem Dritten im Mannschen Kinderreigen werden, der mit der Geburt der beiden Schwestern Monika und Elisabeth sowie des Bruders Michaels auf ein quirliges Sextett anwächst. Golo entscheidet sich für ein Studium, unter anderem des Faches Geschichte. Neben des Interesses an der Vergangenheit scheint er zudem ein Leidenschaft vererbt zu bekommen haben: die Liebe zur Literatur. Gerade 18 Jahre alt veröffentlicht Golo Mann eine Novelle unter einem Pseudonym, die für erste Beachtung sorgt. Es soll allerdings noch viele Jahre dauern, eher der große Thomas Mann die Arbeit seines zweiten Sohnes wertschätzt. Doch dazwischen fällt nicht nur die Dissertation über die Philosophie Hegels. Vielmehr wandelt sich Deutschland mit der Machtergreifung Hitlers 1933 zu einem Hort des Schreckens. Wie viele andere Intellektuelle fliehen auch die Manns. Was sie zurücklassen, ist nicht nur die Heimat, sie verlieren auch den Glauben an Deutschland. Auch Golo Mann wird immer ein gespaltenes Verhältnis zu Deutschland haben. Die Flucht ist eine Odyssee über viele Länder Europas und schließlich über den Atlantik.
Nachdem Golo Mann für Exilzeitschriften und den englischen Rundfunk gearbeitet hat und damit mehr und mehr die Anerkennung seines Vaters verdient hat, tritt er schließlich eine Dozentenstelle an der Universität Claremont, Kalifornien, an. Auch wenn er dabei wissenschaftlich arbeiten muss, zeigen seine ersten Schriften wie auch die späteren großen Erfolge wie die „Deutsche Geschichte“ und der „Wallenstein“ seine Arbeits- und Denkweise: die enge Verbindung zwischen Literatur und Geschichtsschreibung.

Die endgültige Rückkehr nach Europa nach dem Krieg nach einigen Jahren wird allerdings nicht zu einer erfolgreichen Heimreise. Vielmehr schlägt Golo Mann Skepsis seiner Kollegen entgegen, als er sich auf die Suche nach einer Professur begibt. Er sei ein Emigrant, der wenig über die Geschehnisse auf dem alten Kontinent während des Krieges sagen kann, zudem entspräche seine Arbeitsweise nicht unbedingt dem neuesten Stand der Geschichtswissenschaft, so die kritischen Stimmen.
Doch Golo Mann macht seinen Weg. Mit zahlreichen Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften sowie der Herausgabe von Geschichtswerken wie der Propyläen Weltgeschichte. Aber er wird weit mehr. Golo Mann wird zu einer politischen Stimme, die bereits vor dem Brandtschen Blick gen Osten für eine gemäßigtere Ostpolitik, beispielsweise mit der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, eintritt.

So erscheint Golo Mann als nimmermüder und kritischer Historiker und Publizist. Und das bis zu seinem Tode am 7. April 1994. Zahlreiche Preise wie der Mannheimer-Schillerpreis (1964) und das Große Bundesverdienstkreuz (1972), mehrere Ehrendoktorwürden sowie die Freundschaften zu Künstlern und Politikern zeigen sein verdienstvolles und bedeutendes Wirken. Trotz der Last eines großen Namens oder vielleicht auch deswegen.

Viel ist schon über die Familie Mann geschrieben worden. In Bibliotheken füllen Bücher die Regale, ähneln sich die Schriften zu den Manns und denen über Kafka in ihrer Häufigkeit. Doch wer glaubt über die bekannteste literarische Familie Deutschland alles zu wissen, wird bei der Lektüre der neuen Biografie überrascht werden. Denn das Porträt des zweiten Sohnes von Thomas und Katia Mann erzählt nicht nur dessen Leben, seine Erfolge, sein Scheitern, seine Bedeutung in der Geschichtswissenschaft, vielmehr kann dieses Buch auch als Porträt eines ganzen Jahrhunderts beschrieben werden. Tilmann Lahme beschreibt dabei nicht nur das Wirken und das umtriebige Streben Manns, er lässt ein facettenreiches, manchmal sehr intimes Bild des Historikers entstehen. Er erzählt von dessen Verwirrung aufgrund seiner Homosexualität und der Suche nach der Liebe, er erzählt von den schwierigen Verhältnissen in der Familie, von zerbrochenen Freundschaften, die mit der Güte Manns wieder gekittet wurden, und Lahme erzählt des Weiteren von dessen psychischen Problemen, den Depressionen und der Angst vor der Einsamkeit.

Hinter diesem so faszinierenden Bild stehen umfangreiche Recherchen, der Blick in Archive, die Lektüre von Briefen und dem Tagebuch, das viel von seinem Schreiber verrät. Zudem sprach Lahme mit Bekannten und Freunden.
Sprachlich zeigt sich Lahme als Erzähler, so dass an vielen Stellen nahezu ein Dokumentarfilm im Kopf des Lesers abläuft, der Mann zeigt, in Schwarz-Weiß, als Erzähler, als Wanderer, als Denker. Zahlreiche Fotos sind neben einem umfangreichen Anhang mit Quellen und Daten in diesem Buch zu finden.

Vielleicht muss man an wenigen Stellen die langen Sätze ab und an entwirren, allerdings bleibt trotz dieses kleinen Mankos das Werk ein unbedingt lesenswertes. Es einzureihen in die besten Sachbücher, die in den letzten Jahren zu den Manns veröffentlich wurden, wäre ein Muss. Denn es ist Lese- und Lehrbuch zugleich. Sicher auch im Sinne seines Hauptdarstellers, der aus dem Schatten seines Vaters mehr als herausgetreten ist.

Golo Mann – Die Biografie  von Tilmann Lahme erschien im S. Fischer-Verlag.
551 Seiten, 24,95 Euro