Zwei Welten – Georg Klein „Die Zukunft des Mars“

„Und wenn das dumpf Gefühlte helle Wirklichkeit errungen habe, sei auf einen immer schon furchtsam Gewesenen eher Verlass als auf die vielen, die sich von ihrem Tun sorglos durch die Tage treiben ließen.“

Irgendwann in unserer Zeit. Die Menschen leben auf dem Mars. Über und unter der Oberfläche des roten Planeten. Die Bewohner der Kolonie teilen sich in Gruppen, je nach Art ihrer Beschäftigung. Sie sind Allesmacher oder Altfinder, Neubastler oder Nothelfer. Einer von den Samaritern ist Porrporr. Der junge Mann hilft allerdings nicht nur Mitmarsianern, die verletzt worden sind. Er hat sich dank des weisen Smosmo das Lesen und Schreiben angeeignet, Fähigkeiten, die auf dem Mars schon seit langem verschwunden und zudem verboten sind.

Georg Klein, der für sein Schaffen mit dem Bachmann-Preis und dem Preis der Leipziger Buchmesse geehrt wurde, beschreibt in seinem Roman „Die Zukunft des Mars“ den rund 225 Millionen Kilometer von der Erde entfernten Planeten so, wie wir uns ihn dank der Bilder der Nasa womöglich vorstellen würden. Er ist karg und wüst. Die Bewohner der Kolonie nutzen Gesteinsvorkommen und andere Materialien und ernähren sich von der mysteriösen Kreatur Mockmock, die stets und ständig unterhalb der Oberfläche überwacht wird, mal Pflanze, mal als Spinnentier erscheint. Moderne Technik gibt es nicht. Die Altfinder suchen nach den Überresten vergangener Generationen.  Der Panik-Rat als Parlament und die Barmherzige Schwester als religiöses Oberhaupt führen die Kolonie an. Rituale und Mythen bestimmen das Denken.

Heimlich liest Porrporr in den Heiligen Büchern und schreibt seine Gedanken und Erlebnisse auf, die an die Bewohner der Erde gerichtet sind. Seine Aufzeichnungen sind Chronik und zugleich Vergleich beider Welten. Doch ohne dass es indes die Marsianer wissen, existiert die Zivilisation auf der Erde noch; wenn auch nur in einem sehr begrenzten und rückschrittlichen Niveau. Eine verheerende Naturkatastrophe hat weite Teile Amerikas verwüstet, nach einem „ewigen“ Winter versuchen die Menschen, wieder zurück in den Alltag zu finden. Doch nichts ist mehr, wie es war. Die Verbindungen der Kontinente sind nahezu abgebrochen. Es gibt kein Benzin mehr, nur noch kurze Zeit elektronischen Strom. Das Freigebiet Germania ist eine Art Rest-Europa, das von drei Machthabern regiert, von Terroranschlägen und Kriminalität unsicher gemacht wird.  Hinter der Wolga beginnt die chinesische Provinz Sibirien, von wo Elussa mit ihrer kleinen Tochter Alide nach Germania gekommen ist, um die Wohnung ihres Bruders, der mit dem Schiff nach Amerika gefahren ist, zu beziehen.

„Das Nahe, das allzu Nahe ist, so soll es auch bei Euch bisweilen sein, am schwierigsten mit Worten zu greifen sein.“

In Germania lernen sie den alten Sprithoffer kennen, der ein sogenanntes elektronisches Hospital führt und alte technische Apparate repariert und aufbewahrt. Er wird zum Schüler Elussas, die ihm die russische Sprache lehrt. Sprithoffer versorgt indes Alide mit Büchern und Geschichten, die auch auf der Erde rar geworden sind. Für einen der Machthaber, Don Dorokin genannt, hat Sprithoffer eine wesentliche Bedeutung, da er dessen Technik reparieren kann. Trotzdem hegt Don Skepsis gegenüber Sprithoffer, hinter dessen Geschäft ein merkwürdiger Turm existiert. Und eines Tages ist nicht nur der schlaue Tüftler verschwunden.

Als ich mit der Lektüre begann, war mir auf den ersten Seiten vieles merkwürdig und rätselhaft erschienen. Der erste Abschnitt widmet sich dem Leben auf dem Mars und stammt aus den Aufzeichnungen Porrporrs, der einen recht eigenartigen Sprachstil pflegt. Hinzu kommen die Bezeichnungen, die Klein, um die Kolonie und das Leben auf dem Mars zu beschreiben, erdacht hat. Nach und nach setzt sich der Entwurf beider Welten und die ganze Geschichte zusammen, die von verschiedenen Stimmen berichtet wird. Die komplette Auflösung, die hier an dieser Stelle natürlich nicht verraten wird, findet sich indes in den letzten Abschnitten des Buches, in denen beide Welten zusammengeführt werden; denn der Transport zwischen den Planeten ist auch ohne riesiges Raumschiff möglich – so viel sei an dieser Stelle gesagt.


Wie Klein dieses für uns sehr fremd erscheinende Leben auf dem Mars und auf der Erde beschreibt, fasziniert ungemein, verlangt allerdings auch ein erhebliches Maß an Fantasie und Auffassungsgabe des Lesers. Eine leichte Lektüre für den Strandkorb ist sein Roman deshalb nicht. Denn man ist immer wieder bemüht, die Unterschiede im Vergleich zur jetzigen Zivilisation sowie die Verbindungen der zwei Welten nachzuvollziehen. Das kann eine große Herausforderung sein, denn Klein, auch wenn er vor allem eindrucksvoll die Bedingungen und das Leben auf dem Mars beschreibt, lässt einiges dem Vorstellungsvermögen des Lesers überlassen. Dazu trägt an einigen Stellen eine rätselhafte Sprache bei. Zum Ende des Buches zu hätte ich mir ein paar Seiten und Kapitel mehr gewünscht, weil es diese wundervolle Geschichte voller Geschichten auch durchaus hergibt und verdient hätte.

Denn „Die Zukunft des Mars“ ist vor allem ein Buch über die Bedeutung der Bücher und Geschichten, des Lesen und des Schreibens; Ergebnisse unserer Kultur und Fähigkeiten, die die Grundlage der Entwicklung unserer Zivilisation bilden und gleichzeitig trotz widriger Umstände auf beiden Planeten am Leben erhalten werden.  Zudem zeigt der Roman vortrefflich, dass nach einem Ende ein Anfang kommt. Darin liegt für mich das Faszinierende an Dystopien, die dem Leser vor Augen führen, wie der Mensch nach einer Katastrophe auf verschiedene Art und Weise überlebt, welche Dinge aus der Vergangenheit Bestand haben, welche indes verschwinden. Kleins Roman ist ein Lesevergnügen für all jene, die Herausforderungen mögen, sich gern in fremden Welten wiederfinden und sich womöglich ein Buch auch ein zweites, drittes… Mal greifen, um jedem Rätsel und jeder ungelöster Frage auf die Spur zu kommen.

Der Roman „Die Zukunft des Mars“ von Georg Klein erschien als Taschenbuch im Rowohlt Taschenbuch Verlag; 384 Seiten, 10,99 Euro

Foto: Janusz Klosowski/pixelio.de

10 Comments

  1. Georg Klein ist ja Augsburger – für mich also fast schon eine Pflicht, ihn einmal zu lesen. Aber sein Roman einer Kindheit, der ja auch in Augsburg spielt, hat mich leider sehr enttäuscht…ich glaube nicht, dass ich nochmals zu einem Buch von ihm greife. Auch das von Dir vorgestellte spricht mich trotz der gewohnt guten Einführung durch Dich nicht sehr an…

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    1. Schade, dass ich dich nicht für diesen Roman begeistern kann. Aber ich bin der Meinung, man sollte nur jene Bücher Aufmerksamkeit und Zeit schenken, die einen interessieren und die einen Freude, Unterhaltung und Informationen schenken. Ich ärgere mich immer, wenn ich ein Buch zur Seite lege, weil es mir nicht gefällt, weil ich in jener Zeit wohl ein anderes, besseres gelesen hätte. Viele Grüße

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  2. Ich habe von ihm nur „Roman unserer Kindheit“ gelesen, das mir sehr gut gefallen hatte. Dieses hier hört sich doch recht kompliziert an. Aber vielleicht ist es mir nur gerade zu heiß für so anspruchsvolle Lektüre. Es wird ja wieder kühler, vielleicht pack‘ ich es dann…

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    1. Ja, manche Lektüre braucht eine gewisse Zeit – die Zeit des Lesens und die richtige Stimmung. Ich habe ab und an erlebt, dass ich ein Buch zur Seite gelegt habe, um es wenig später wieder zu lesen – und dann mit Begeisterung. Viele Grüße PS: „Roman unserer Kindheit“ hat mir auch gefallen, wenn es auch irgendwie eine mystische Note hatte, oder?

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  3. Mich hast du damit angefüttert – ich werde es lesen. Als Rollenspielerin, die ab und zu in Sience Fiction- oder apokalyptischen Settings unterwegs ist, eine interessant anmutende Sekundärliteratur. Beim Lesen der Rezension habe ich einige Parallelen zum Setting einer aktuellen Rollenspielkampagne festgestellt, schon von daher Pflichtlektüre.

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    1. Vielen Dank für den Kommentar und den Lesetipp. Ich werde mich mal umschauen, vor einiger Zeit ist mein Interesse an SF-Literatur wieder erwacht. Habe da auch den Roman „Der Marsianer“ von Andy Weir auf der Leseliste. Viele Grüße

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