Lucine – Delphine de Vigan „Das Lächeln meiner Mutter“

„Ich schreibe wegen des 31. Januars 1980. Der Ursprung des Schreibens liegt genau dort, das weiß ich dunkel, in diesen wenigen Stunden, die unser Leben kippen ließen, in diesen Tagen davor und in der Zeit der Isolation.“

Mit dem Blick eines stillen Beobachters erscheint es, dass viele Familien ein harmonisches und zufriedenes Leben führen. Auch die Fotos, die an den Wänden hängen, auf Kommoden stehen, unterstreichen diesen ersten Eindruck. Erst durch das Erzählen oder durch das Schreiben dringen oftmals traurige und tragische Geschehnisse und Details an die Öffentlichkeit. Die französische Autorin Delphine de Vigan hat ihre Familiengeschichte niedergeschrieben, die von Dramatik, Emotionen, Krankheit und Tod sowie einer besonderen Beziehung zu ihrer Mutter Lucine geprägt ist. 

In Deutschland bekannt geworden ist Delphine de Vigan vor allem mit ihrem wunderbaren und preisgekrönten Jugendroman „No & ich“, in dem ein hochbegabtes Mädchen die Bekanntschaft mit einer jungen Obdachlosen macht. Für ihr neuestes und autobiografisches Werk indes verlässt sie die sicheren Gefilde der Fiktion und begibt sich in die reale Welt ihrer Familie mit all ihren Abgründen. Ihre Mutter Lucine wächst Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre in einer großen kinderreichen Familie auf – ihre Mutter Liane liebt es, viele Kinder um sich zu haben, sie zu umsorgen, sie aufwachsen zu sehen. Trotz der oftmals finanziell angespannten Lage, da die Werbeagentur des Vaters wenig Erfolg verbuchen kann. Lucine bringt da etwas Geld in die Haushaltskasse: Als kleines Starmodel mit einem bezaubernden Lächeln steht sie vor der Kamera und sitzt eines Tages sogar auf dem Schoss der berühmten Brigitte Bardot. Doch die Familienidylle wird jäh zerstört, als der jüngere Bruder Antonin im Alter von gerade mal sechs Jahren in einem Brunnen ertrinkt.

Um das Unglück aufzuwiegen, nimmt die Familie mit Jean-Marc einen Jungen aus zerrütteten Familienverhältnissen auf. Zudem wird, als Lucine bereits 16 Jahre alt ist, der kleine Tom geboren, bei dem die Ärzte das Down-Syndrom feststellen. Und die tragischen Ereignisse reißen nicht ab: Ein Jahr später wird Jean-Marc tot mit einer Plastiktüte über dem Kopf in seinem Zimmer aufgefunden. Einige Jahre später nimmt sich Milo, vier Jahre jünger als Lucine, das Leben. Doch nicht nur diese traurigen Erlebnisse haben Lucine schon recht früh dazu gebracht, das elterliche Zuhause zu verlassen und auf eigenen Beinen zu stehen. Die Autorin entdeckt, was wie ein Schatten auf dem Leben ihrer Mutter gelegen hat. Lucine ist von ihrem Vater Georges vergewaltigt worden.


Dieses Erlebnis legt sich wie ein dunkler Schleier über die junge Frau, die schon in der Kindheit einen nachdenklichen, gar traurigen und geheimnisvollen, aber auch freiheitsliebenden und unkonventionellen Charakter offenbart. „Blue“ wurde sie deshalb genannt. Mit 18 bekommt Lucine ihr erstes Kind – eben Delphine, die Autorin. Ein zweites folgt. Doch ihre Ehe scheitert früh, und ihr Leben wird zu einer einzigen Talfahrt. Sie verliert den Job, nimmt Drogen. Es folgen in einer Zeit aus Lethargie und Wahn mehrere Aufenthalte in der Psychiatrie, nachdem sie ihre jüngste Tochter verletzt hat. Nach zehn Jahren geschieht das Unmögliche, eine Wiedergeburt. Sie schafft es, wieder auf eigenen Beinen zu stehen; das Abitur nachzuholen und mit Anfang 40 noch ein Studium zur Sozialarbeiterin zu beginnen und letztlich erfolgreich abzuschließen. Doch eine Krebs-Diagnose reißt sie schließlich erneut aus dem bewussten Leben.

„Die Traurigkeit ist nie vorübergehend. Für diese Traurigkeit gibt es durchaus ein Heilmittel, aber es ist radikal und für die anderen unangenehm (einige werden alt werden, andere sterben). Ich hätte gern eine unheilbare Krankheit, an der ich jung stürbe. Letztes Jahr hatte ich keinen einzigen Schnupfen.“

Das Buch setzt ein mit einer bestürzenden Szene: Die Autorin findet ihre Mutter nach deren Suizid tot in der Wohnung. Schon einige Tage sind seit ihrem Ableben vergangen. Dieser Schock und auch eine gewisse Schuld, die Anzeichen für den Freitod im Vorfeld nicht erkannt zu haben, sowie das von mehr dunklen als hellen Tönen durchzogene Leben ihrer Mutter geben der Autorin den Anlass, die Familiengeschichte niederzuschreiben. Ihre Quellen sind Gespräche, Filme und Fotografien sowie Texte ihrer Mutter und das eigene Tagebuch. An vielen Stellen finden sich Reflexionen auf das eigene Schreiben sowie Gedanken und Hoffnungen, wie wohl die anderen Familienmitglieder das Buch wohl aufnehmen werden.

Zwei Perspektiven teilen dieses Buch, das einen Zeitraum von insgesamt sechs Jahrzehnten beleuchtet und das sowohl längere Passagen als auch kürzere Gedanken im Wechselspiel beinhaltet: Im ersten Part, in dem auf Lucines Kindheit und Jugend eingegangen wird, erzählt die Autorin wie ein allwissender Biograf, im zweiten Part schreibt sie in der Ich-Perspektive und damit auch ihr Verhältnis zur Mutter nieder; das kein einfaches und sehr angespanntes ist. Delphine ist 14 Jahre alt, als ihre Mutter das erste Mal in die Nervenheilanstalt eingewiesen wird und sie mit der jüngsten Schwester Manon bei der neuen Familie ihres Vaters aufwächst. Als junge Frau leidet die Autorin zudem an Magersucht.

Dieses Auf und Ab und diese beständige Wechsel von einigen harmonischen Jahren und dramatischen Szenen sind keine einfache Lektüre, das sie den Leser in einen gefühlten Abgrund mitzieht, sehr berührt und sicherlich auch schmerzt. All jene, die womöglich traurige Erlebnisse in der jüngsten Vergangenheit gemacht haben, sollten dieses Buch wohl nicht gleich lesen. Sensible Menschen – so auch ich – werden zu den Taschentüchern greifen. Am Ende scheint die Autorin mit der letzten Entscheidung ihrer Mutter indes versöhnt zu sein, die mit 61 Jahren starb, wie sie es wünschte: lebendig. Und der Leser wird mit diesem bemerkenswerten Buch, das sowohl Familienchronik aber auch Seelenporträt ist, vor allem eine besondere Bekanntschaft gemacht haben: mit zwei Frauen, die eine besondere Kraft ausstrahlen, trotz oder gerade wegen ihrer vielen tragischen Erlebnisse und Zeiten.

Das Buch „Das Lächeln meiner Mutter“ von Delphine de Vigan erschien als Taschenbuch im Droemer-Verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen von Doris Heinemann; 400 Seiten, 9,99 Euro