Vermisst – Jon McGregor „Speicher 13“

„Nichts, was sagen könnte, schien das Richtige zu sein.“

Es könnte so ein beschaulicher Ort sein. Landschaftlich reizvoll, umgeben von Bergen, einem Moor und mehreren Speicherseen, laufen die Uhren in dem mittelenglischen Dorf im eher ruhigen Takt – gezeichnet vom Alltag und dem eher unauffälligen Leben seiner Einwohner, nur durchbrochen vom Erscheinen einiger Touristen, die dann und wann in der Landschaft des Nationalparks Erholung suchen. Wie die Shaws, deren 13-jährige Tochter Rebecca jedoch eines Tages spurlos verschwindet. Ihre Eltern stehen unter Schock, das Ereignis macht schnell die Runde, die Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Wie das Leben in dem Ort weitergeht und noch viel mehr, erzählt Jon McGregor in seinem aktuellen Werk „Speicher 13“, das nur auf den ersten Blick als ein Kriminalroman erscheint und das im vergangenen Jahr für den renommierten Booker Prize nominiert war. 

Verschwinden immer wieder Thema

Weder fliegen hier die Kugeln oder fließt Blut, noch gibt es einen charismatischen Ermittler, der selbst am Leben verzweifelt. McGregor schiebt dieses tragische Ereignis und Rätsel um das Verschwinden des Kindes sowie den Schmerz seiner Eltern in den Hintergrund, um all das dann und wann wieder hervorzuholen – und das mit aller Regelmäßigkeit.  Mal wird das Mädchen zum Gesprächsthema, weil der eine oder andere es gesehen haben will, mal tauchen plötzlich Kleidungsstücke des Kindes auf, mal erzählt man sich eigene Erinnerungen an die einstige Tragödie. Doch den Fokus setzt der auf den Bermuda-Inseln geborene und heute in Nottingham lebende Autor auf das Leben im Ort, die kleinen und großen Herausforderungen vor denen die Einwohner stehen, die nicht verschiedener sein können; wie es in einer Ansiedlung von Menschen, ob größer oder kleiner, nun mal ist.

IMG_20180123_210908_272

Der Engländer entwirft für die Handlung seines Romans ein recht umfangreiches Figurenkarussell. Da ist unter anderem die Familie Jackson, die Landwirtschaft betreibt. Auch die Thompsons sind Bauern. Sie halten Milchkühe und verzweifeln am niedrigen Milchpreis, Töpfer Geoff Simmons an geringer Kundschaft. Martin Fowlers Fleischerei geht den Bach runter, seine Ehe mit Ruth ebenso. Su und Austin, beide Journalisten, sie für die BBC, er gibt die Lokalzeitung heraus, sind Eltern von Zwillingen geworden. Jane Hughes ist die Pfarrerin im Ort. Hausmeister Jones kümmert sich um die Schule, Irene gilt als äußerst zuverlässige Putzfrau, die sich noch immer um ihren erwachsenen Sohn kümmern muss. Cathy führt täglich den Hund von Mr. Wilson aus. Richard Clark ist viel in der Welt unterwegs und kommt nur dann und wann zurück in die Heimat, um seine Mutter zu besuchen. Susanna zieht es mit ihren Kindern Ashley und Rohan neu in den Ort und beginnt, Yoga-Kurse anzubieten. Und dann hat sich noch eine Gruppe von Jugendlichen gefunden, die hier aufwachsen, Freunde sind und deren Wege sich nach dem Schulabschluss doch nie völlig trennen können. Es gibt im Dorf einen Gemeinschaftsgarten und ein Gemeinschaftshaus, Schule und Kirche sowie einen Pub namens Gladstone. In der Nähe befindet sich zudem ein Steinbruch, der wieder geöffnet werden soll, so dass Unmut und Widerstand entstehen, es zu Demonstrationen kommt.

„Die Tage waren lang und still. Man hatte ein schlechtes Gewissen, wenn man in der warmen Sonne einfach so durch die Landschaft lief.  Manche Leute bemühten sich mehr als andere, sich von ihrem schlechten Gewissen nicht abhalten zu lassen.“

Der Alltag, die Rituale im Dorf, der stetige Verlauf der Jahreszeiten und das fortschreitende Leben mit seinem Fluss aus Werden, Leben und Vergehen greifen ineinander. McGregor verwebt all die Ereignisse zu einer dichten Handlung, die sowohl Höhepunkte als auch Wiederholungen kennt. Nicht nur das Verschwinden von Rebecca ist so ein besonderer Punkt. Der eine oder andere im Ort hat ein Geheimnis, das früher oder später ans Licht kommt. Liebespaare finden oder trennen sich. Krankheit und Tod führen zu Schmerz und Trauer. Die Redundanz, die mit den Jahren aus den immer gleichen Ereignissen entsteht, lässt indes keine Langeweile aufkommen. Vielmehr zeigt diese Struktur, wie der Menschen sich im Leben verankert –  durch seine Beziehungen, durch Rituale, wiederkehrende Feste. Wie Weihnachten und der Jahreswechsel oder wie die Gemeinderatssitzungen im Ort, das Schmücken der Kirche. Bilden das Verschwinden Rebeccas nur wenige tragische Momente, umfasst die Handlung des Romans ein Teil eines Lebens, in dem unter anderem die Jugendlichen im Alter von Rebecca schließlich zu Erwachsenen werden.

Blick auf pulsierende Natur

Doch was diesen Roman zu einer literarischen Perle werden lassen, sind vor allem seine intensiven Naturbeschreibungen – der weite Blick auf die Veränderungen der Landschaft, auf das pulsierende Leben von Flora und Fauna, die ebenfalls vom Wechselspiel der Jahreszeiten geprägt sind. Zahlreiche Pflanzen- und Tierarten finden sich in dem Buch; bekanntere wie Dachs und Fasan oder wohl unbekanntere wie Wintergoldhähnchen und Dickkopffalter. Man hat während der Lektüre nicht nur das Gefühl, man ist ein stiller Beobachter und Begleiter der Protagonisten und wandelt durch die Landschaft. Vielmehr wird man im weiteren Verlauf des Geschehens nahezu zu einem Einwohner, der mit den Schicksalen und Lebenswegen der Figuren vertraut wird. Man wird Teil einer Gemeinschaft, in der es nicht immer friedlich zugeht, in dem auch Konflikte ausgetragen werden, es unheilvolle Geheimnisse gibt. „Speicher 13“ ist ein großartiger Roman, weil er spannend und poetisch und mit seinen zahlreichen Geschichten dicht und komplex ist. Und, weil er als lebendiges Porträt eines Dorfes und seiner Menschen viel Menschlichkeit und Mitgefühl ausstrahlt, was ungemein faszinierend ist.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Die Buchbloggerin“.


Jon McGregor: „Speicher 13“, erschienen in der Verlagsbuchhandlung Liebeskind, in der Übersetzung aus dem Englischen von Anke Caroline Burger; 352 Seiten, 22 Euro

Foto: pixabay