Von Unruhe – Merethe Lindstrøm „Aus den Winterarchiven“

„Du bist ohne dich in dir.“

Unruhe, Chaos, eine dumpfe Lebensmüdigkeit beherrschen Mats. Viele Gesichter hat seine für Außenstehende unsichtbare Krankheit, deren oftmals unberechenbaren Auswirkungen auch die Familie beeinflusst. Mats ist der Mann von Merethe Lindstrøm. Die norwegische Schriftstellerin, 2012 ausgezeichnet mit dem Literaturpreis des nordischen Rates, erzählt in ihrem autobiografischen Werk „Aus den Winterarchiven“ von dem Leiden ihres Mannes und jenen, unter denen bereits ihr Vater und die Mutter von Mats zu kämpfen hatten.       

Familie im Fokus

Das Autobiografische scheint sich in der Literatur des skandinavischen Landes zu verwurzeln, einen festen Platz einzunehmen. Mit einer eindrucksvollen Präsenz. Man denke an Karl Ove Knausgårds Romanprojekt „Min kamp“ (erschienen bei Luchterhand), man denke an Tomas Espedal und seine Bücher „Wider die Natur“ und „Wider die Kunst“. Vor wenigen Monaten erschien in deutscher Übersetzung Linn Ullmanns autobiografisch geprägter Roman „Die Unruhigen“, der ihren legendären Vater Ingmar Bergman in den Mittelpunkt rückt. Alle widmen sich der Familie im weitesten Sinne. So auch Lindstrøm.  Gemeinsam mit ihrem Mann Mats, den drei Kindern und den Hunden wohnt sie in einem Haus auf dem Land. Ihr neues Zuhause. Ihr früheres Heim haben sie verlassen, weil es trotz ihrer Anwesenheit nach und nach verfiel. Die Familie lebt in bescheidenen Verhältnissen, oft ist das Geld knapp, stehen Notverkäufe an, um finanziell wieder über die Runden zu kommen.

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Es ist Winter, und Merethe schaut zurück: auf ihre Kindheit und die ihres Mannes, die erste Begegnung mit Mats, die Beziehung, die verschiedenen Lebensorte. Einen großen Teil nehmen auch die Beschreibungen der Eltern ein. Sowohl Mats‘ Mutter Marina als auch Merethes Vater Jens, der einst mit seiner kleinen Tochter mittels Briefe und Tonbandaufnahmen Kontakt gehalten hatte, litten unter psychischen Erkrankungen. Beide wurden jeweils in einer Klinik behandelt. Und beide Elternpaare hatten sich getrennt. Vielleicht ist es auch die Gemeinsamkeit und diese ähnlichen Erfahrungen, die Mats und Merethe zusammengeführt, verbunden haben.

Ihre Beziehung ist intensiv und leidenschaftlich, doch nicht frei von Wunden, Narben und Schmerz ob der Krankheit des Mannes, der malt und in wechselnden Jobs tätig ist. Wie sich seine bipolare Störung konkret in Handlungen und Äußerungen bemerkbar macht, benennt Lindstrøm indes nicht konkret. Vielmehr umschreibt sie sein Wesen, sein Verhalten, ohne ihn zu entblößen, verwendet Bezeichnungen wie Unruhe, Chaos, Unberechenbarkeit und erkennt an ihm diesen auch gefährlichen Unwillen zu leben. Über all dem schwebt die furchtbare Angst, ihn zu verlieren. Ihre sehr eindrücklichen Beschreibungen resultieren aus ihren sehr genauen Beobachtungen und ihrer körperlichen wie seelischen Nähe zu ihm.

„Ich brauche Chaos, beim Schreiben muss ich den Text, die Sätze überlisten. Den Text zieht es in einer Richtung, die Sätze, diese angeleinten Hunde ziehen dorthin, wohin sie wollen, ziehen uns auf dem gewohnten Weg nach Hause, das ist am einfachsten, macht sich von selbst, was ich aber brauche, ist versteckt, das Beste ist schwierig, es liegt im Chaos. Immer zufällig, kurz, im Aufblitzen.“

In ihrem episodenhaften wie von Selbstreflexionen geprägten Werk pendelt die Autorin zwischen den Zeiten, den Orten, den Menschen, die ihr etwas bedeuten, die sie in ihrem Leben begleiten. Sie wechselt zudem die Perspektive, spricht mal ihren Mann mit „Du“ und sich gemeinsam als „wir“ an, um in einigen  Passagen einen recht fernen und fremden Blickpunkt einzunehmen, von „sie“ und „er“ zu schreiben. Lindstrøm erzählt auch aus ihren verschiedenen Rollen heraus – als Frau und Mutter, als Tochter und eben als Schriftstellerin. Gerade auch jene Ausführungen zum Lesen und Schreiben, ihrem Schreiben und ihrer Arbeit am Text, sind ungemein faszinierend. Ihr gelingt es in eindrucksvoller Weise, für Situationen, Gedanken und Gefühle Worte und Beschreibungen zu finden, die auch wortlos machen können. Ihre Beschreibungen von Landschaften und Orten sind sehr bildhaft und eindrücklich.

Erst drittes Werk übersetzt

„Aus den Winterarchiven“ ist erst das dritte Werk der Norwegerin, das in deutscher Übersetzung erscheint, obwohl sie in ihrem Heimatland bereits 1983 mit einer Kurzgeschichten-Sammlung ihr schriftstellerisches Debüt feiern konnte und seitdem zahlreiche Werke veröffentlicht hat. Es ist auch der Verdienst der Übersetzerin Elke Ranzinger, dass nun ihr neuestes Werk hierzulande erscheinen kann und es ihr vor allem gelungen ist, die Poesie von Lindstrøms Muttersprache ins Deutsche zu übertragen.  Dieser Band, der trotz oder vielmehr wegens seines emotionalen Themas, mit sehr viel Aufmerksamkeit und Respekt gelesen werden sollte, ist berührend, mutig, ehrlich und poetisch und deshalb ein besonderer Botschafter der norwegischen Literatur, die zwar erst auf der Frankfurter Buchmesse im kommenden Jahr in Form des Gastlandes im Rampenlicht steht, aber schon jetzt und eigentlich schon eine ganze Weile eine größere Aufmerksamkeit verdient hätte – nicht nur wegen Knausgård.


Merethe Lindstrøm: „Aus den Winterarchiven“, erschienen im Verlag Matthes & Seitz, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Elke Ranzinger; 294 Seiten, 22 Euro

Foto: pixabay

2 Gedanken zu „Von Unruhe – Merethe Lindstrøm „Aus den Winterarchiven““

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