Sien Volders – „Norden“

„Der Norden ist verflucht verführerisch.“

Wodurch erhält ein Ort eine besondere Anziehungskraft, die ganz verschiedene Menschen nahezu magisch in den Bann zieht? Forty Mile ist solch ein Ort. Das einstige Goldgräberstädtchen inmitten einer imposanten Landschaft hoch im Norden Kanadas hat zwar schon bessere Zeiten erlebt, doch noch immer ist eine Reihe eigenwilliger Männer und Frauen gewillt, in diesem verlassenen Kaff zu leben. Über diese besonderen Menschen an jenem besonderen Ort erzählt die belgische Autorin Sien Volders in ihrem Debütroman „Norden“.

Zeit scheint still zu stehen

Der Name ist Programm. Volders entführt in ihrem Erstling in ein raues, von hohen Bergen geprägtes Land. Man schreibt die 80er-Jahre. Die junge Silberschmiedin Sarah verschlägt es von der wuseligen und hektischen Metropole Vanvouver nach Forty Mile, wo Stille und Einsamkeit herrschen. Für eine folgenreiche Entscheidung braucht sie einen anderen Ort, ein anderes Umfeld, so dass sie sich eines Tages in ihren olivgrünen 1969er Dodge Challenger setzt und gen Norden fährt. In Forty Mile, in der die Zeit stillzustehen und wie aus der Welt gefallen zu sein scheint und es nur wenige Telefone gibt, lernt sie die beiden Musiker Adam und Jacob sowie Mary, eine einstige Künstlerin und nunmehr Inhaberin eines Ladens, kennen. In jenem urigen Geschäft, das zugleich als Poststelle dient, sowie in der örtlichen Kneipe treffen die verschiedensten Menschen aufeinander; gerade im Frühjahr und Sommer, wenn nach dem langen, dunklen und kalten Winter das Licht und die Wärme zurückkehren und das Eis des breiten Stroms, das den Ort teilt, schmilzt.

Sarah ist fasziniert von Forty Mile, nicht minder von Adam. Eine leidenschaftliche Liebesbeziehung nimmt ihren Lauf, die indes ihre Schattenseiten hat und von Konflikten geprägt wird, weil Adam unter Selbstzweifeln und dunklen Stimmungen leidet, dem Alkohol zugetan ist und nur noch einen Ausweg sieht, um sich von seiner Sucht zu lösen und sich selbst zu retten. Sarah begibt sich indes auf die Spuren von Mary, die früher einen andern Namen trug und sehr bekannt war. Beide Frauen weisen Ähnlichkeiten auf, das Leben der Jüngeren spiegelt sich in dem der Älteren wider. Beide sind mit einem besonderen künstlerischen Talent, Willen und Ehrgeiz gesegnet, beide müssen sich um wenige Jahrzehnte zeitversetzt schließlich für einen Mann entscheiden und sind mit Forty Mile eng verbunden.

„Die Sommergäste, die seit Jahren kamen, kehrten wie späte Schwalben zurück. Jeden Herbst, jeden Winter, jedes Frühjahr spürten sie bis in die Knochen, wie der Norden rief und lockte. Die Täler und die Tundra, die Flüsse und die Stille.  Die Leere, die so niederschmetternd sein konnte.“          

Volders hat einen Roman mit einer herber Schönheit, eindrücklichen Charakteren und einer markanten Atmosphäre geschaffen. Man spürt die besondere Anziehungskraft des abgelegenen Ortes, kommt dem Leben, Denken und Fühlen und den Leidenschaften der Protagonisten sehr nah, deren Alltag von dem kargen Land und den Jahreszeiten beeinflusst wird. Sie haben oft besondere Begabungen, mussten indes im Verlauf der Zeit auch gewisse Schicksalsschläge erleben. Man möchte dabei mehr erfahren, als Volders schließlich in ihrem Roman schildert, vor allem die Vorgeschichte von Mary und ihre besondere Beziehung zu dem charismatischen Fallensteller Walker hätten gut und gern noch ein paar Seiten, ein paar Szenen mehr verdient. Neben der Kunst spielt die Musik in der Handlung eine wesentliche Rolle, speziell die der Athabasken, indigene Stämme, die in Alaska und Nordwest-Kanada leben und zu deren nahezu hypnotischen Klängen sich Adam hingezogen fühlt.

Roman mit realen Vorbildern

Sien Volders wurde 1983 in Gent geboren, wo sie noch heute lebt und arbeitet. Nach dem Studium der Kunstgeschichte und Anthropologie arbeitete sie als Innenarchitektin, Journalistin und Lektorin. 2017 erschien ihr hochgelobter Debütroman unter dem Originaltitel „Noord“, für den sie im Vorfeld vielfältig recherchiert hat. Vorbild für die Figur der Sarah, die norwegische Wurzeln hat, war die schwedische Silberschmiedin Vivianna Torun Bülow-Hübe.  Auch Raven’s Nook, wo Adam seinen Entzug macht, hat mit der Gemeinschaft Old Grow im Yukon Territorium ein reales Vorbild. „Norden“ ist ein eindrückliches Debüt, das von Selbstbestimmung, einer speziellen Gabe und vom Leben und Überleben in einer beeindruckenden Kulisse erzählt und das auf weitere Romane der Autorin hoffen lässt.


Sien Volders: „Norden“, erschienen im Residenz Verlag, in der Übersetzung aus dem Niederländischen von Bettina Bach; 288 Seiten, 24 Euro     

Foto von Elijah Hiett auf Unsplash 

4 Gedanken zu „Sien Volders – „Norden““

  1. »Norden« ist eines der Bücher, die ich mir vor dem Lockdown auf Vorrat gekauft habe. Nach Deiner wunderbaren Rezension freue ich mich nun umso mehr auf die Lektüre. Liebe Grüße und komm gut und gesund ins neue Jahr.

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