Jan Kjærstad – „Femina erecta“

„Die Geschichten fließen. Die Geschichten fließen voneinander fort und aufeinander zu.“

Es entsteht immer ein recht eigenartiges Gefühl, wenn ich Romane von Jan Kjærstad lese. Ich fühle mich wie zu Hause – trotz der mitunter skurrilen Handlung und der teils auch ungewöhnlichen, markanten Figuren. Sicherlich liegt es an meiner sehr engen Bindung zu Norwegen, über die ich bereits mehrfach auf diesem Blog geschrieben habe. Der mehrfach preisgekrönte Schriftsteller zählt zu den angesehensten des skandinavischen Landes, das in nahezu jedem seiner Romane eine nicht unwesentliche Rolle einnimmt, wenngleich der Blick des Autors meist ein überaus kritischer ist. So auch in seinem kürzlich in deutscher Übersetzung erschienenen Roman „Femina erecta oder der Pfad der Geschlechter“, der bereits 2015 unter dem Titel „Slekters gang“ in Norwegen veröffentlicht wurde.

Sechs Generationen

Ein großes Personenensemble, eine lange Zeitspanne, die nahezu 150 Jahre umfasst, sowie ein recht ungewöhnlicher Blickwinkel machen diesen recht dicken Wälzer aus, der prädestiniert gewesen wäre für die Frankfurter Buchmesse 2019 mit Norwegen als Gastland. Im Mittelpunkt steht die Familie Bohre. Nahezu jedes Familienmitglied hat einen bestimmten Bekanntheitsgrad, allen voran die charismatische Rita Bohre. Die angesehene Geologin, Paläontologin und Verfechterin für die Gleichberechtigung der Frau, geboren vor der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, ist Lichtgestalt und Fixpunkt, um den sich die Lebenswege und Schicksale der anderen Familienmitglieder drehen. Mit ihr beginnt das Buch, mit ihr endet es auch. Ihre Villa in Lysaker, unweit von Oslo gelegen, ist ein Ort der Begegnungen, Zufluchtsstätte und inspirierendes Familienzentrum. Sechs Generationen umfasst der Roman, dessen Geschehen aus einer fernen Zukunft berichtet wird. Mehrere Frauen aus China erzählen anhand historischer Quellen die Geschichte der Familie, die großen Einfluss auf die Entwicklung des fernöstlichen Reiches übernahm, nachdem mehrere Familienmitglieder Norwegen verlassen haben, das nordeuropäische Land letztlich eine große Krise namens Dunkelzeit und einen langen 70 Jahre währenden Krieg erfahren musste.

Jedes Familienmitglied steht dabei für eine bestimmte Zeit, ein bestimmtes Thema in der norwegischen Geschichte. Rita Bohre, Tochter eines Spaniers und einer Norwegerin, ist eng verbunden mit zwei herausragenden Persönlichkeiten: dem berühmten Polarforscher Fridtjof Nansen (1861 – 1930) und dem nicht weniger namhaften Bildhauer Gustav Vigeland (1869 – 1943), der mit seinen Skulpturen das Land geprägt hat wie wohl kein anderer seiner Zunft. Der erste ist für sie ein netter Nachbar und Vorbild, für den anderen steht sie als Jugendliche spontan Modell. Rita erlebt die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkriegs und dessen tragische Folgen. Ein Leben lang beschäftigt sie sich intensiv mit der Rolle der Frau, ihren eingeschränkten Möglichkeiten, ein selbst bestimmtes und erfolgreiches Leben nach den eigenen Vorstellungen und gemäß eigener Fähigkeiten und Talente zu führen.  Ihre Erfahrungen und Gedanken zu diesem bis heute präsenten und viel diskutierten Thema fließen in ihr Werk mit dem Titel „Femina erecta“. Ihr wechselvolles Leben hätte allein für sich einen Roman füllen können.

Ihr Bruder Albert steht als Reeder für den Walfang, dessen Sohn Sindre sowie Enkel Marcus erleben ganz aktiv den Aufstieg des Landes zur vermögenden Erdöl-Nation; letzterer wird sich indes nach einer mehrjährigen Gefangenschaft im Kongo mit erneuerbaren Energie beschäftigen. Die Kultur in ihren verschiedenen Facetten spiegelt sich in den Lebensläufen von Ritas Schwiegertochter Maud, einer angesehenen und vielgereisten Journalistin, in den Brüderpaaren Karl und Frederik, zwei Theatermenschen, sowie in Mo und Jawa, zwei Spiele-Entwicklern, wider. Dass sich Norwegen zu einem multikulturellen Land entwickelt hat, zeigen Hilde und ihr indischstämmiger Mann Prem oder Bård, der während seiner Zeit als Musiker in London ein dunkelhäutiges Mädchen adoptiert, das später für die Familienhistorie Bedeutung haben wird.

Trotz Reichtum bedeutungslos

Die Frauenfiguren zeichnet Kjærstad dabei positiver, die männlichen Charaktere rückt er in ein deutlich negatives, oft von Ironie geprägtes Licht: So den dominanten, herrschsüchtigen und Frauen verschleißenden Sindre oder Ritas Enkel Roar, der seine Zeit im Paris der 1960er anders darstellt, als sie wirklich geschehen ist und nach einigen Jahren als Literaturkritiker später als Weinkenner berühmt wird. Das Böse findet sich in der Seele von Ritas Jugendfreund Max, das Gute in ihrem Vater Miguel und ihrer großen Liebe Konrad. Wie schon in den anderen Romanen übt der Norweger Kritik an seinem Land, das sich dank des Erdöls vor der Küste zum reichsten Staat der Welt mit einem von vielen bewundernden Sozialsystem entwickelt hat, aber aus der zukunftsfernen Sicht der Chronisten mit diesem Reichtum auf globaler Ebene im Verhältnis dazu nur wenig bewirkt hat und nahezu bedeutungslos blieb.

„Man  glaubt, man hat die Zügel in der Hand, eine eindeutige Richtung, doch wenn man zurückblickt, ist das Leben eine Zickzacklinie, in jedem Winkel ein Zufall.“

Wie in den anderen Werken des 1953 in Oslo geborenen Autors, der in Deutschland leider noch nicht den Bekanntheitsgrad seiner Landsleute und Kollegen Knausgård oder Espedal hat und noch entdeckt werden kann, ja sollte, ist auch dieses reich gefüllt mit klugen Gedanken und Verweisen auf Kunst und Literatur, Politik und Gesellschaft, wobei manchmal dieser Roman an manchen Stellen dann doch allzu moralisch erscheint und in seiner deutschen Ausgabe leider einige inhaltliche wie orthografische Fehler aufweist.

„Femina erecta“ ist ein bunt schillernder und vielschichtiger Roman, der seine eindrückliche Magie dann entfaltet, wenn er in seinen Episoden verschiedene Zeiten und Lebenswege, Vergangenheit und Gegenwart, fiktive und reale Personen wie in einem Strom zusammenfließen lässt und die Grenzen Norwegens überschreitet, um in ferne Länder zu führen, die mit ihrer Kultur die Protagonisten besonders beeinflusst haben. Nahezu jedes Kapitel erweist sich als ein kleiner Roman und damit Kjærstad erneut als ein großer Erzähler, der sein Werk darüber hinaus mit wiederkehrenden Leitgedanken und symbolischen Bildern aufgeladen hat, seien es Lebensmaximen oder einst versteckte Dinge, wie der versteinerte Trilobit, den Rita als Kind von Nansen erhalten hatte, oder eben jener strikte Befehl „Steh auf!“ ihrer Mutter. Beides soll sie ein Leben lang prägen.


Jan Kjærstad: „Femina erecta oder der Pfad der Geschlechter“, erschienen im Septime Verlag, in der Übersetzung aus dem Bernhard Strobel; 816 Seiten, 28 Euro

Foto von Vidar Nordli-Mathisen auf Unsplash

6 Thoughts

  1. Danke für die tolle Besprechung und das wunderbare Beitragsbild: ich liebe den Vigelandpark in Oslo. Die Skulpturen sind unglaublich ausdrucksstark und berührend. Bei dem Bild ging mir sofort das Herz auf. Herzliche Advents- und Weihnachtsgrüße!

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  2. Bin gerade auf Seite 400 angekommen und finde den Roman auch sehr gut erzählt! Deine Besprechung trifft meine Empfindungen bei der Lektüre ziemlich genau – klasse!
    Ich war leider noch nie in Norwegen, aber seine Beschreibungen und Nennungen von Städten, Stadtteilen, Personen, Gegenständen und vor allem der Natur (Nordmarka, Krokskogen, Nibbitjern usw.), die ich mir immer parallel zum Lesen im Internet recherchierte, weckten doch sehr das Fernweh in Richtung Norden… :-)

    Was mir allerdings, ebenso wie dir, auffiel, waren die sehr vielen Fehler. Ich hatte mit dem Septime-Verlag noch nicht so viel zu tun – kann mir aber für ihn nur wünschen, dass das Lektorat bei anderen Büchern bessere Tage erwischt hat…

    Freue mich schon auf die nächsten 400 Seiten!

    LG
    Sebastian

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    1. Vielen Dank, Sebastian, für Deinen ausführlichen Kommentar. Ja, dieser Roman ist wunderbar, auch weitere Titel des Norwegers kann ich Dir sehr ans Herz legen. Und das Land sollte man wirklich bereisen, da gibt es sehr viel zu entdecken. Ich habe nach dem Abitur zeitweise in Norwegen gelebt, meine Großmutter stammte von dort, das Land lässt mich einfach nicht los und ist irgendwie auch ein Teil von mir. Viele Grüße

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