Tarjei Vesaas – „Die Vögel“

„Merkwürdig, wird man vielleicht erst klug, wenn es zu spät ist?“

Ein Haus auf dem Berg mit Blick auf das Meer, drumherum dichter Wald. Der Himmel ist klar und wolkenlos. Vor dem Haus sitzt Hege – und strickt. Es ist eine stille und ruhige Szene, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Wie viele andere Szenen auch aus dem mit dem Originaltitel „Fuglane“ 1957 erschienenen Roman „Die Vögel“, dem bekanntesten Werk des Norwegers Tarje Vesaas (1897 – 1970), das nun in einer deutschen Neuübersetzung entdeckt werden kann und sollte. Denn dieser Roman ist anders und sehr speziell – wie es auch der Held der Geschichte ist.      

Der Sonderling mit dem Blick für das Spezielle

Mattis ist Heges gut drei Jahre jüngerer Bruder. Im Dorf wird er Dussel genannt, weil er die ihm zugewiesenen Arbeiten nicht schafft und als sonderbar gilt. Hege ist es, die mit ihren Strickereien sich und ihn ernährt. Bruder und Schwester leben allein, die Eltern sind schon tot, die Mutter starb, als ihr Sohn noch klein war. Mattis hat Angst vor Gewitter, in seinem Kopf sprudeln die Gedanken. Er stellt Fragen, die keiner stellt. Für die Anderen ist er ein Außenseiter, ein scheuer Sonderling, der belächelt wird, der die Liebe nur aus seinen Beobachtungen erfährt. Eines Tages zieht eine Waldschnepfe in ihrem Balzflug über das Haus von Bruder und Schwester. Ein Ereignis, das Mattis in den Bann zieht. Als Einziger erkennt er das Besondere daran und bangt um das Leben des Vogels.

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Doch Mattis kann nicht verhindern, dass das Dunkle in sein Leben tritt, das Unweigerliche geschieht, er mit dem Tod konfrontiert wird. Vesaas beschreibt zwar eine Naturidylle, die so typisch für sein Heimatland ist, aber mit fortlaufendem Geschehen brodelt es in dem auf den ersten Blick beschaulichen Geschehen, kommt es zu Spannungen zwischen den Geschwistern. Die tote Schnepfe sowie der heftige Blitzschlag in eine der beiden Eschen, die die Namen von Mattis und Hege tragen, sind  zwei düstere Vorzeichen. Spätestens als Mattis, der sich in den Kopf gesetzt hat, als Fährmann sein Geld zu verdienen, den rustikalen und spröden Holzfäller Jørgen im Schlepptau in das Haus bringt, gerät sein sonst recht routiniertes Leben aus dem Gleichgewicht. Denn der Gast und Hege finden zueinander. Fortan beschleicht und verfolgt Mattis die Angst, allein gelassen zu werden.      

„So leicht und fein ist der Vogel, dachte er. So leicht geht mein Vogel über die Moore, wenn er des Himmels müde ist.“

Vesaas hat mit dem hochsensiblen Mattis, der für das „normale“ Leben scheinbar nicht taugt, aber mit einem Gefühl und einen Blick für das Besondere des Lebens beschenkt wird, eine unvergessliche literarische Figur geschaffen. „Die Vögel“ ist reich an Weisheit und symbolischen Anspielungen. Die der Waldschnepfe zugewiesene Eigenschaft, ein scheuer Einzelgänger zu sein, trifft zweifellos auch auf den ungewöhnlichen Helden zu. Darüber hinaus besticht der Roman durch seinen Kontrast zweier verschiedener Welten: Mattis und Hege erscheinen wie zwei Märchenfiguren, ihr Alltag ist ereignislos und mutet sehr traditionell an, während die Welt des nahe gelegenen Dorfes mit Autos und Motorbooten als moderner Gegenentwurf erscheint. 

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Tarjei Vesaas – Foto: Leif Ørnelund

Vesaas wurde in seinem Schreiben von skandinavischen Autoren wie Selma Lagerlöf und Knut Hamsun beeinflusst. Letzterer ist es, den Judith Hermann in ihrem Nachwort zur Neuübersetzung mit Blick auf die Naturkulisse erwähnt. Mehrfach war Vesaas für den Literatur-Nobelpreis nominiert, jene hohe Auszeichnung, die sein Landsmann 1920 für seinen Roman „Segen der Erde“ erhalten hat. Das Lebenswerk Vesaas‘ ist reich und umfasst neben Romanen – so konnte bereits 2019 „Das Eis-Schloss“, im Original 1963 erschienen, in einer Neuübersetzung hierzulande wiederentdeckt werden – auch Dramen, Lyrik und Kurzprosa; allesamt in Nynorsk, eine der beiden Schriftsprachen Norwegens, verfasst. In seiner Heimat gilt er heute als Klassiker und zählt zum Kanon der norwegischen Literatur.   

Man kann sehr dankbar sein, dass der Guggolz Verlag mit den Neuübersetzungen – Hinrich Schmidt-Henkel war für jene zu „Die Vögel“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert – und wunderschön gestalteten Ausgaben das Interesse für Vesaas neu erweckt hat.  „Die Vögel“ ist ein poetischer und überaus menschlicher Roman voller Schönheit, der einen wärmt, aber auch erschüttert. Ein Roman, der zugleich als Plädoyer verstanden werden kann, Feinfühligkeit nicht als Belastung, sondern als besondere Gabe und Bereicherung zu betrachten. Es wäre sehr zu wünschen, dass die aktuelle Vesaas-Begeisterung, sichtbar in vielen lobenden Besprechungen, mit weiteren Neuübersetzungen lebendig bleibt.

Weitere Besprechungen auf den Blogs „literaturleuchtet“, „Der Leser“, „Sounds & Books“ und „Der Hotlistblog“.


Tarjei Vesaas: „Die Vögel“, erschienen im Guggolz Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel; 279 Seiten, 23 Euro

Bild von Iulian Ursache auf Pixabay

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