Kseniya Melnik – „Schnee im Mai“

„Die Welt fühlte sich wie eine dunkle Kiste an.“ 

Die russische Küstenstadt Magadan am Nordpazifik gibt heute fast 100.000 Menschen ein Zuhause. Ihre tragische Vergangenheit hat sie indes längst noch nicht ablegen können. Hier, knapp 6.000 Kilometer von Moskau entfernt im tiefsten Osten des riesigen Landes, befand sich eines der gefürchteten Gulag-Lager. Tausende Häftlinge errichteten Stadt und Hafen sowie die Kolyma-Trasse, deren Bau das Leben unzähliger Gefangener kostete. In Magadan geboren ist die Autorin Kseniya Melnik, die in ihrem eindrucksvollen Erzählband „Schnee im Mai“ die wechselvolle Geschichte der Stadt, aber auch die Rolle von Geschichte im Leben von Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Miteinander verwoben

Mittlerweile ist Melnik in den USA ansässig. Als Jugendliche war sie nach Alaska emigriert, heute lebt sie mit ihrer Familie in Los Angeles/Kalifornien und arbeitet fürs Fernsehen, wo sie für die Paramount-Network-TV-Show „Coyote“ schreibt. Wenn man ihren Erzählband, der zugleich ihr Debüt ist, liest und einen Blick in ihre Biografie wirft, wird man unweigerlich Parallelen entdecken. Neun Texte beinhaltet ihr bereits 2014 im Original erschienenes Buch, das viel Lob sowohl von Lesern als auch Kritikern erhalten hat. Die Geburtsstadt der Autorin ist dabei oft Ausgangspunkt, von dem sie die Fäden der Handlung zu anderen Schauplätzen zieht. Hier lebt unter anderem Tanja, eine Museumsmitarbeiterin, die im Flieger von Leningrad – die Story spielt in den 70er-Jahren – nach Moskau von einem Spieler der italienischen Fußball-Mannschaft angesprochen wird und der sie um ein Date bittet. Tolik stammt aus Magadan, lebt mittlerweile in den USA. Er erinnert sich an seine Jugend und die enge langjährige Freundschaft zu Toljan, die schließlich jedoch zerbrach. Olja kommt als junge Frau an der Seite des Offiziers Alek nach Magadan, den sie nach seinen Eskapaden allerdings wieder verlässt, um schließlich einen eigenen Weg zu finden. Und da ist auch der Tanztrainer Roman, der in Asik ein großes Talent sieht.

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Die Erzählungen spielen zu verschiedenen Zeiten, eine führt an das Ende der 50er-Jahre, die letzte und längste schildert als Rückblick das Schicksal des Tenors Wadim Andrejewitsch Makin, das angelehnt ist an das Leben von Wodim Aleksejewitsch Kosin (1903 – 1994), der in den 20er-Jahren zum Star wurde, 1944 wegen seiner Homosexualität zur mehrjährigen Lagerhaft verurteilt wurde und in Magadan schließlich verblieb. Die Geschichten werden zu einem Spiegel, der die Historie des Ortes, seine düstere Vergangenheit, aber auch seinen Wandel zu einer von Bildung und Kultur geprägten Stadt einfängt und aufzeigt.

Melnik schildert in ihren Erzählungen, da sie über sich hinaus reichen und miteinander verwoben sind, Lebens- und Familiengeschichten. Man trifft auf einige Protagonisten mehrmals, erlebt, welche Richtung ihr Leben einschlägt, welche Wendungen es nimmt, wie sie von einer Nebenfigur zu einer Hauptfigur werden, die auch die Rolle des Ich-Erzählers übernimmt. So begegnen wir in „Sommermedizin“ Sofija, die Tochter von Tolja, die wie ihre Großmutter Olja Ärztin werden will und eine Erkrankung vortäuscht, um als Patientin ins Krankenhaus zu kommen und dort den Alltag zu erleben.

„Krutschina-Kummer war anders als die übliche Traurigkeit oder Enttäuschung angesichts alltäglicher Probleme. Es war der existenzielle Kummer über das Los der Frau. Dieser Kummer verschwindet niemals ganz, nicht einmal in den glücklichsten Augenblicken.“

In Melniks Erzählungen, in denen vor allem Frauen im Fokus stehen, lässt sich eine Wehmut und Melancholie spüren, die ihren Ursprung in den Erlebnissen und Lebenserfahrungen der Figuren haben. Immer wieder werden diese mit ihrer eigenen Geschichte oder die ihrer Familie konfrontiert. Kein Mensch scheint ungebunden von der Vergangenheit und ihren unterschiedlichen Schattierungen zu sein. Oft geht es um Liebe und Liebesschmerz, um Enttäuschungen und Verluste, um Herkunft und Wurzeln, um politische wie gesellschaftliche Zeitenwenden und ihren Einfluss auf die Menschen. Darüber hinaus besitzen die Geschichten allerdings zugleich einen humorvollen wie menschlich warmen Zug. Zeichen dafür, dass die Protagonisten sich nicht von ihrer Geschichte völlig vereinnahmen lassen, ihr nicht gänzlich ausgeliefert sind, sondern noch immer eigene Entscheidungen fällen, einen eigenen Weg gehen, der allerdings hinterfragt wird.

Für Preise nominiert

Mit ihrem Band, der dankenswerterweise auch ein Glossar mit Anmerkungen umfasst, stand die Autorin auf der Shortlist für den Dylan-Thomas-Prize und auf der Longlist für den Frank O’Connor International Short Story Award. Ihr Debüt beweist dabei nicht nur eine besondere Begabung für das Schreiben von komplexen Erzählungen, sondern auch ein spezielles sprachliches Gespür. Melniks Stil ist einnehmend und gezeichnet von einer präzisen Sprache, die jedoch besonderen Bildern und Vergleichen Raum gibt. Die russischstämmige US-Amerikanerin schreibt mittlerweile an einem Roman. Man kann gespannt sein. Wer ihr Debüt gelesen hat, wird ihren Namen in Erinnerung behalten.


Kseniya Melnik: „Schnee im Mai“, erschienen im Verlag Nagel & Kimche, in der Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Hella Reese; 336 Seiten, 22 Euro

Foto von Damian McCoig auf Unsplash

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