„Selbst wenn er bis ans Ende der Welt ginge, wird der Mensch nicht los, was am festesten in ihm sitzt.“
Es gibt literarische Helden, die lassen einen nicht los. Der Abschied von ihnen fällt schwer, ein Wiedersehen bereitet wiederum große Freude. Genau so eine Figur ist Angus. Seinen ersten großen Auftritt hat er im Roman „Die Himmelskugel“. Nun schreibt der finnische Schriftsteller Olli Jalonen die Geschichte des Jungen von der Atlantik-Insel St. Helena und Gehilfe des bekannten englischen Wissenschaftlers Edmond Halley (1656-1742) weiter. „Die Kunst, unter Wasser zu leben“ führt diesmal nach London, wo Angus erwachsen wird, und über den Atlantik in eisige Welten.
Vom Himmel ins Wasser
Man schreibt das Jahr 1688. Angus ist nunmehr ein Jugendlicher. Vor vier Jahren ist er mit dem Schiff von seiner Heimatinsel St. Helena nach England gekommen, um schließlich in die Dienste Halleys zu treten. Nach dem Himmel hat der Forscher mittlerweile eine andere Sphäre für sich entdecken können: das Meer. Halley gründet eine Tauchgesellschaft und will das Tauchen nach Wracks forcieren. In der Themse, später an der englischen Küste macht er erste Versuche mit einer Tauchglocke – mit Angus als Versuchsmensch. Derweil sind die Zeiten rauer geworden. Nicht nur herrscht Krieg. Halley muss sich als Wissenschaftler behaupten, auch gegen üble Widersacher und obwohl er mit Isaac Newton einen prominenten Fürsprecher hat.

Währenddessen plagen Angus ganz andere Sorgen. Er beschäftigt sich immer wieder mit seiner Herkunft, fühlt, dass sein Leben vor einem Scheideweg steht. Außerdem verliebt er sich unglücklich in das Dienstmädchen Henrietta, das bereits einem Franzosen versprochen worden ist. Bei einem tragischen Vorfall verliert Angus sein Augenlicht. Enttäuschung herrscht, als sein Mentor auf eine erste Atlantik-Expedition geht, ohne ihn mitzunehmen. Vielmehr soll er sich um Halleys Frau Mary und die gemeinsamen Kinder kümmern.
Trotz der Arbeit findet Angus Zeit für seine eigenen Beobachtungen, zudem gestaltet er eine Reliefkarte, die Halley fasziniert. Doch nachdem die erste Forschungstour nicht unter einem guten Stern stand und den erhofften Erfolg brachte, bricht der Wissenschaftler schließlich zu einer zweiten Reise auf – nun mit Angus an Bord, der das Logbuch führen soll. Die Expedition soll der Vermessung von unbekannten Gefilden dienen. Als das neue Jahrhundert beginnt, erreicht die Crew Terra Incognita, die eisige Welt der Antarktis, wo Angus bei einer gefährlichen Tour erneut schwer verletzt wird. Auf der Rückreise mit Halt auf seiner Heimatinsel, wo er nach Jahren in der Fremde seine Mutter und seinen Bruder wiedersieht, steht Angus vor einer schweren Entscheidung.
Voller Gedanken
Wieder ist Angus Held und Ich-Erzähler zugleich, sein Ton – wieder eindrucksvoll von Stefan Moster ins Deutsche übertragen – ein besonderer, versucht er doch, den Redestil der damaligen Zeit und die Sprache eines jungen Menschen wiederzugeben. Und wieder verbinden sich Schilderungen von Ereignissen mit einer Innenschau. Angus ist ein kluger Kopf, der sich über alles und jeden Gedanken macht, den allerdings auch Selbstzweifel und eine gewisse Unruhe quälen. Er sinniert stets und ständig – über die Entstehung des Lebens genauso wie über das Verstreichen der Zeit. Auch denkt er immer wieder über seine Herkunft und ungleiche Chancen nach. Zwar ist er Gehilfe eines bekannten Wissenschaftlers, doch kann er weder eine Schule besuchen, noch erhält er in England für seine Dienste Geld. „Die Kunst, unter Wasser zu leben“ ist in weiten Abschnitten ruhiger, gedankenvoller und nahezu melancholischer als sein Vorgänger. Das Ende wird sicherlich viele Leser überraschen, womöglich auch bei dem einen oder anderen für eine gewisse Wehmut sorgen. Denn ein Abschied steht an.
„Was wir über die Erde, das Meer und den Himmel wissen, dürfte noch immer nur ein Körnchen sein. Zu wissen, dass man wenig weiß, ist der Anfang des Lernens.“
Jalonen, 1954 in Helsinki geboren und einer der bekanntesten Autoren seines Landes, erhielt für seinen Roman „Die Himmelskugel“ 2018 den renommierten Finlandia-Preis, der seit 1984 von der Finnischen Buchstiftung vergeben wird. Bereits 1990 war der Finne für seinen Roman „Isäksi ja tyttäreksi“ geehrt worden. Sein Debüt feierte Jalonen 1978 mit einer Novellen-Sammlung. Seine Werke werden in zahlreichen Sprachen übersetzt, ebenfalls in deutscher Übertragung erschien sein Roman „Von Männern und Menschen“ (mare Verlag, 2016).
„Das Erinnern liegt eben nicht ganz in den Gedanken, sondern ein Teil davon kommt von der Umgebung und liegt dort, wo man gerade ist.“
Jalonen gelingt wieder eine faszinierende wie lebendige Mischung aus Entwicklungs- und historischem Roman, der nicht nur viel über Halleys Schaffen als Astronom, Mathematiker, Kartograf und Meteorologe, sondern auch über die besondere Zeit der Aufklärung erzählt. Eine Zeit, in der die Naturwissenschaften und die Bildung an Bedeutung gewannen, einen Gegenpol zu Religion und Aberglauben setzten. Erfindungen wie das Fernrohr werden in dem Buch genauso erwähnt wie die Erforschung des menschlichen Körpers mit Hilfe von Obduktionen. Halley spricht sich dafür aus, dass auch Frauen eine umfassende Bildung erlangen. Am Beispiel einer weiteren realen Persönlichkeit, des deutschen Jesuiten Athanasius Kircher, wird auf das Wirken eines weiteren Universalgelehrten verwiesen. Von beiden Wissenschaftlern finden sich Textauszüge in dem Roman, der darüber hinaus auch aus Logbuch-Einträgen zitiert.
Trotz seiner Hinwendung auf längst vergangene Zeiten kann man Jalonens vielschichtigen Roman mit einem überaus liebenswerten Protagonisten auch durchaus mit Blick auf unsere Gegenwart lesen. Denn Wissenschaft und Bildung braucht es auch weiterhin. Wenn man nicht sogar von einer dringenden Rückbesinnung und Stärkung sprechen sollte – angesichts Verschwörungstheorien und eines zunehmenden Misstrauens gegenüber der Arbeit von Wissenschaftlern.
Olli Jalonen: „Die Kunst, unter Wasser zu leben“, erschienen im mare Verlag, in der Übersetzung aus dem Finnischen von Stefan Moster; 528 Seiten, 28 Euro
Foto von Guillaume Bassem auf Unsplash


Olli Jalonen – Tolle Empfehlung! Mein Mann und ich haben beide Bücher über Angus gelesen und uns darüber ausgetauscht. Wir waren uns einig: Gut angepasste Sprache an ein Kind, dann an einen Jugendlichen und schließlich den Mann. Beide Bände haben uns sehr ergriffen und in Spannung gehalten. Schließlich befanden wir Angus‘ Werdegang trotz aller Hochachtung doch sehr traurig. Aber das war den damaligen Zeiten geschuldet. Sehr gute Einblicke ergaben sich dadurch in die damalige gesellschaftliche Ordnung. Wir bedanken uns ganz herzlich für diese Vorstellungen!
Silvia Falk
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Ja, ich bin auch sehr froh, dass ich den Autor und seine beiden Romane für mich entdecken konnte. Ich finde, er hat auch einen ganz besonderen Bezug zu seinem jungen Helden, der sich schließlich auch auf den Leser überträgt. Und ich stimme Dir da voll und ganz zu, dass vor allem der zweite Teil auch sehr melancholisch ist. Was wäre womöglich aus Angus geworden? Das habe ich mir immer wieder gefragt. Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja noch Teil 3. Vielen Dank für Deinen Kommentar, und es freut mich sehr, dass Dir die Besprechungen gefallen haben. Viele Grüße
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