Tom Kromer – „Warten auf nichts“

„Ich bin ein Mensch und ich habe Hunger.“

Sein Zuhause ist die Straße. Er lebt von der Hand in den Mund, zieht von Suppenküche zu Suppenküche, von Armenhaus zu Armenhaus. Leerstehende Gebäude oder Waggons bieten ihm nur kurzzeitig ein Obdach. Arbeit findet er wie so viele andere keine. Es sind die harten Jahre der Weltwirtschaftskrise, die Zeit der großen Depression nach dem Börsencrash 1929. Der Amerikaner Tom Kromer (1906-1969) hat seine Erlebnisse niedergeschrieben, als er – ganz unten – obdachlos ist, als Hobo durch das Land reist. Sein eindrücklicher Roman „Warten auf nichts“ erschien 1935, geriet in Vergessenheit und kann allerdings nun (wieder)-entdeckt werden; erstmals auch in deutscher Übersetzung.

Kind einer Arbeiterfamilie

Einer hat bereits über die Erfahrungen von Armut und Hunger berichtet: 1890 erschien der Roman „Hunger“ des norwegischen Literaturnobelpreisträgers Knut Hamsun, der sich damit einen Platz unter den Klassikern der modernen Weltliteratur sichern konnte. Darin schildert ein namenloser Ich-Erzähler, der durch die Straßen Oslos (damals: Kristiania) streift, in der damals innovativen Form des inneren Monologs seine Erlebnisse und Eindrücke, seinen psychischen wie physiologischen Verfall. 45 Jahre später führt Kromer nun in die USA, wo er ebenfalls wie Hamsun in einfachen Verhältnissen aufwächst – als Ältester von insgesamt fünf Geschwistern. Sein Vater schuftet im Kohlebergbau von West-Virginia, später als Glasbläser. Er stirbt früh im Alter von 44 Jahren an Krebs. Später nimmt die Mutter die Stelle in der Fabrik ein, um die Familie über Wasser zu halten.

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Um Geld fürs College zu erhalten, wo er Journalismus und Literaturwissenschaft studiert, jobbt Kromer nebenbei: in den Glasfabriken, als Korrekturleser bei Zeitungen. Mit 23 geht er nach Kansas, um als Erntehelfer zu arbeiten. Doch eine Stelle findet er nicht. Er zieht mehrere Jahre durchs Land, auf jenen Waggons, die er auch in seinem autobiografischen Roman schildert. Der Hunger wird zum stetigen Begleiter. Almosen sind rar. Er lernt Gewalt, manchmal auch Mitmenschlichkeit kennen, ist Hass, Erniedrigungen und seiner eigenen Hilflosigkeit ausgesetzt. Die Gesellschaft mag nicht mit der traurigen Möglichkeit eines Lebenswegs konfrontiert werden: dem wirtschaftlichen wie sozialen Abstieg und seinen Folgen, die jeden von uns treffen können. In seiner Zeit als „Penner“ wird er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Mehr als ein Jahr verbringt er zudem in einem Arbeitslager.

Die Sprache der Strasse

In zwölf Kapiteln zeichnet Kromer verschiedene Szenen seines Alltags nach. Es sind Begegnungen, Auseinandersetzungen mit Polizisten und Ladenbesitzern, Beschreibungen von der nervenaufreibenden Suche nach Essen und Geld, manchmal berichtet er von Schicksalsgefährten. Wie Karl, einem Schriftsteller, der über Armut schreibt, aber kaum Geld verdient. In einem Kapitel schildert er, wie er sich prostituiert, um einen sicheren Schlafplatz zu erhalten, in einem anderen, wie er den Mantel eines Tuberkulose-Kranken an sich nimmt und Yvonne, eine Prostituierte, trifft. Kromers Stil ist markant, seine Sprache klar, fast kantig, ohne poetische Ausschmückungen, sondern in den derben Worten der Straße gehalten – oder wie es in seiner Kurz-Autobiografie, die dem Roman vorangestellt ist, heißt: nicht in den „gepflegtesten Ausdrucksformen der Welt“, sondern „wie Penner eben sprechen“.

„Wie Viehzeug zwängen sie uns in den Transporter. Wir sind Vieh für die, zur Hölle mit denen. Irgendwann lässt die einer dafür blechen. Zehn Minuten hecheln wir so nach Luft. Eng an eng, wie Sardinen.“

In seinem Nachwort erzählt Herausgeber und Übersetzer Stefan Schöberlein nicht nur von der Grabplatte Tom Kromers auf dem Spring Hill Cemetery in Huntington, der Heimatstadt des Autors. Er blickt darüber hinaus zurück, wie es der Roman in die Literaturwelt geschafft hat. 1935 erscheint „Warten auf nichts“ (im Original: „Waiting for Nothing“) im New Yorker Verlag Alfred Knopf, der zu den führenden Verlagen der literarischen Moderne zählte. Kromer erhielt dafür 200 Dollar. Die Kritik lobte das Werk, vor allem dessen psychologischen Realismus, der an Ernest Hemingway und Maxim Gorki erinnern soll. In der allgemeinen Leserschaft kam indes Kromers Buch nicht gut an. „In den späten 1930ern will man vom wahren Elend der Straße nichts wissen“, heißt es in dem sehr informativen Nachwort. Der Gedanke einer Verfilmung scheitert.

Zwei Kurzgeschichten im Band

Als Teil der Unterschicht und mit deren Problemen vertraut, ist Kromer politisch dem Proletariat nahe. Sein Verständnis und seine Sympathie für die Arbeiterklasse zeigt sich auch in den beiden Kurzgeschichten, die der Band darüber hinaus enthält: „Grubengas. Eine Zechengeschichte“ berichtet vom Leben einer Arbeiterfamilie. Der Vater stirbt bei einem Grubenunglück, die Mutter wenig später, zurückbleibt der Sohn, der schließlich einen Zug nach Pittsburgh nimmt, um in einer der dortigen Fabriken zu arbeiten. Über den körperlichen wie seelischen Verfall von arbeitslosen Männern und ihren gefährlichen Leben schreibt Kromer in „Hungernde Männer“, ein Text, der reportagehafte Züge trägt.

„Es war 1931. Spätnachts und wir sind zwanzig Mann, die klagen, rotzen und spucken, stöhnen, hier auf dem splittrigen Holzboden des Wagons. Wir lauschen dem Gesang der Räder im Gleis und dem Getöse des Winds unter unseren Füßen. Wir sind Mechaniker und Lehrer und Maurer und Straßenfeger aus Iowa und Texas, Rhode Island und Utah und Maine.“

Der Autor starb mit nur 62 Jahren an Herzversagen, nachdem er an Tuberkulose erkrankt war und einen Blutsturz erlitten hatte. Mit seiner Frau Janet Smith schrieb er für Zeitungen und Zeitschriften und war politisch aktiv, bevor sich beide trennten und er sich komplett zurückzog. Er verwahrloste, das gemeinsame Haus in Albuquerque, New Mexico, verfiel. Mutter und Schwester brachten ihn in eine Nervenklinik.

Später soll auch seine Heimatstadt einen Absturz erleben. In Huntington grassiert die Drogensucht – 2017 war jeder vierte Einwohner süchtig -, weite Teile der Stadt sind entvölkert. Kromers Werk ist in den vergangenen Jahrzehnten vergessen worden, wobei es wegen seiner Zeitlosigkeit, seiner Authentizität, seiner schonungslosen Nähe zur untersten Schicht überzeugt und ein eindrucksvolles Dokument jener schwierigen Zeit ist. „Warten auf nichts“ erschüttert ungemein – wegen des Elends der Menschen am gesellschaftlichen Rand und der Unmenschlichkeit derer, die sich darüber wähnen.


Tom Kromer: „Warten auf nichts“, erschienen im Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, übersetzt und herausgegeben von Stefan Schöberlein“, 224 Seiten, 24 Euro

Foto von Jose Thormann auf Unsplash

3 Kommentare zu „Tom Kromer – „Warten auf nichts“

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