„All diese Geschichten, denke ich.“
Ein Tag im März 2019. Oslo, ja Norwegen steht Großes bevor. Im Nationaltheater feiert die Inszenierung „Hedda Gabler“ nach dem Drama von Henrik Ibsen Premiere. Kein Geringerer als der berühmte Theatermacher Kyrre Ellingsen führt Regie, die Hauptrollen sind mit Hedda Christine Foss als Hedda und Hendrik Adler als Assessor Brack prominent besetzt. Für die Schauspieler und das Publikum wird der Abend jedoch anders als gedacht. Der norwegische Schriftsteller Jan Kjærstad hat mit seinem neuesten Roman „Eine Zeit, zu leben“ weit mehr als ein Buch über Theater und den großen Ibsen geschrieben.
buntes Potpourri aus Lebenswegen
Der Roman startet mit der Angst eines Mannes. Eystein Laudal ist Norwegisch-Lehrer in dem kleinen Städtchen Gran. Mit Schülern besucht er die Premiere und hat die große Sorge, dass seine intime Annäherung an eine Schülerin auffliegt. Neun weitere Personen aus dem Publikum stellt Kjærstad vor, die unterschiedlichen Alters sind, verschiedene Berufe haben, Erfolge und Misserfolge erfahren mussten; quasi ein buntes Potpourri aus diversen Lebenswegen und Lebenserfahrungen. Nach Jahren als Autor in der zweiten Reihe und einer Schreibkrise sorgt Felix Boger für Schlagzeilen. Influencerin Stine Franzen ist mit ihren satirischen Blick auf Film und Theater berühmt geworden.
Der Brite Edward Hart arbeitet als Diplomat in Norwegen und ähnelt auf verblüffende Weise dem Schauspieler Colin Firth. Merete Sand gilt als Ibsen-Expertin und schreibt ihre Doktorarbeit über „Hedda Gabler“. Den Polizeianwärter Markus Hansen hat ein Date zur Premiere geführt. Rakel Borg ist die Tochter eines Ideenhistorikers, die sich um den Zustand der Welt sorgt. Frans Ottesen arbeitet beim Roten Kreuz und trauert um seine Tochter, die sich das Leben genommen hat. Samah Ayoub ist aus Syrien nach Norwegen geflohen und ist Pflegerin in einem Altenheim. Und wir lernen den Theaterkritiker Paal Løchen, der seine Notizen mit spitzem Bleistift schreibt, sowie den Schauspieler Henrik Adler kennen. Der Blender, dessen beste Jahre vorbei sind, schmiedet mit seiner Kollegin Hedda einen raffinierten Plan.
Unheimlich kluger Aufbau
Um diese zahlreichen Figuren unter einen Hut bekommen, hat Kjærstad seinem Werk einen recht strengen wie auch cleveren Aufbau gegeben, der beeindruckt. Auf jedes Porträt folgt nicht nur eine längere Passage, in der die Schauspielerin Hedda Christine Foss im Mittelpunkt steht und von den Proben zur Inszenierung geschildert wird. Die Porträts sind zudem miteinander auf verschiedene Weise verknüpft; durch früheren Beziehungen und Begegnungen oder auch durch Verweise wie ein Buch, ein Musikstück oder spezielle Orte. Und in jedem der Darstellungen werden zwei besondere Momente, bei denen die Protagonisten eine folgenreiche Entscheidung treffen und ihr Leben eine Wendung erfuhr, erzählt.
„Alles ist eitel und jämmerlich vergänglich.“
So entsteht nicht nur ein sehr komplexes Figurenkarussell, sondern auch eine eindrucksvolle Themenvielfalt, es geht um Liebe und Verrat, Verlust und Trauer, schicksalshafte Wendungen und Entscheidungen sowie natürlich um das Theater, Ibsen und sein 1890 veröffentlichtes Drama „Hedda Gabler“ über eine Frau, die, gefangen in einer unglücklichen Ehe, sich am Ende mit einer Pistole selbst tötet. Kann das fast 130 Jahre alte Stück eine Verbindung zum Hier und Heute schaffen – auch darüber erzählt der Roman.
Kjærstad beschreibt eine oberflächliche Gesellschaft, die sich durch „Likes“ und hippe, nichtssagende Videos definiert, in der Theater nicht auf der Bühne, sondern im täglichen digitalen Leben geboten wird. Die Figur der Influencerin wird als eine Art Parasit beschrieben, die andere ohne Gewissensbisse ausnutzt und einen Menschen nach dem Modus „Für mich brauchbar oder nicht“ betrachtet und bewertet. Mit seiner Kritik an aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen hält der Norweger nicht hinter dem Berg. Wie schon in früheren Romanen, so auch in „Femina erecta“, rechnet er schonungslos mit seinem Heimatland ab, das durch seinen Reichtum selbstgenügsam, träge und bequem geworden ist. Es sei, wie der Diplomat Hart an einer Stelle meint, auf dem Weg zu einem Heimatmuseum.
„Die Menschen logen, frisierten ihre Geschichten auf. Die anderen wussten das. Und lachten trotzdem.“
Kjærstad, 1953 in Oslo geboren und einer der anerkanntesten zeitgenössischen Autoren Norwegens, ist leider hierzulande noch immer eher ein Geheimtipp, wenngleich seine Fangemeinde wächst. Mit seinen Büchern begleitet er mich schon viele Jahre seit seiner „Wergeland“-Trilogie. Seit der Herausgabe des Romans „Das Norman-Areal“ haben die deutschen Übersetzungen ihre verlegerische Heimat im Wiener Septime Verlag gefunden.
Norwegen Gastland auf der Buchmesse Leipzig
In diesem Frühjahr, wenn nun Norwegen Gastland der Leipziger Buchmesse ist, gibt es womöglich keinen Roman, der norwegischer ist als „Eine Zeit, zu leben“. Nicht nur schlendert der Leser/die Leserin mit den Figuren durch Oslo. Wir erfahren viel über das Land, vor allem natürlich über die Literatur – auch über Ibsen hinaus. Wir werden vielleicht mal wieder in die Songs der norwegischen Indie-Band „Kings of Convenience“ hineinhören. Doch letztlich werden wir uns vielleicht fragen: Was ist das Leben überhaupt, was macht es lebenswert, wie und wo nimmt ein Lebensweg eine Wendung, wo und wann biegt es ab? Darüber lässt sich trefflich sinnieren mit Kjærstads großen weil reichhaltigen Roman, in dem die Frau, die einst mit Nichts nach Norwegen gekommen ist, um sich ein sicheres Dasein aufzubauen, die Figur ist, die dem Leser wohl die größte Lektion bereitet.
Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „literaturleuchtet“.
Jan Kjærstad: „Eine Zeit, zu leben“, erschienen im Septime Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel; 480 Seiten, 28 Euro



Liebe Constanze
Wir sind große Kjærstad Fans, besonders gut gefiel uns seine Wergeland-Trilogie. Seinen neuen Roman kennen wir noch gar nicht, was sich nun nach deiner Rezension ändern wird.
Vielen Dank für diese Besprechung
The Fab Four of Cley
:-) :-) :-) :-)
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Sehr gern geschehen. So erging es mir damals auch, die Wergeland-Trilogie war auch bei mir der Anfang. Viel Freude bei der kommenden Lektüre. Viele Grüße und ein schönes Wochenende
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