Stadt der Geheimnisse – Hjorth & Rosenfeldt "Der Mann, der kein Mörder war"

Der 16-jährige Roger wird vermisst gemeldet. Erst Tage später nimmt die Polizei in Västerås ihre Ermittlungen auf. Schließlich ist Wochenende, und wer sagt, dass der Junge eigentlich sich nicht irgendwo in Stockholm eine schöne Zeit macht, denkt sich der zuständige Beamte Haraldsson und liegt gründlich falsch. Ein Irrglaube, der ihn lange verfolgen wird. Denn wenig später wird die Leiche des Jungen in einem Waldstück gefunden, übersät mit über 20 Messerstichen und herausgerissenem Herzen. Die Reichsmordkommission rund um ihren Chef Torkel rückt an und trifft zu Beginn gleich auf einen Bekannten: Sebastian Bergmann. „Stadt der Geheimnisse – Hjorth & Rosenfeldt "Der Mann, der kein Mörder war"“ weiterlesen

Draußen – Joshua Ferris "Ins Freie"

„Die Welt ist viel zu alt. Seele ist Geist ist Hirn ist Körper. Ich bin du, und du bist es, und es wird immer Sieger bleiben.“ 

Er könnte ein glückliches, erfolgreiches und zufriedenes Leben führen. So viele positiven Eigenschaften und Möglichkeiten verbinden sich mit Tim Farnsworths Leben. Als Anwalt und Partner einer New Yorker Kanzlei wird er geachtet. Seine Frau Jane und seine Tochter Becka lieben ihn. Gemeinsam wohnen sie in einem großen Haus im Grünen. Doch die Idylle kippt mit der Sucht des Mannes. Oder ist es ein eigener innerer Antrieb? Tims unerklärlichen Märsche, die plötzlich beginnen und in unbekannte Viertel und Straßen führen, bleiben unerklärlich. Er läuft und läuft und läuft. Viele Kilometer lässt der Held im Roman „Ins Freie“ von Joshua Ferris zurück. Bis zur Erschöpfung ist er unterwegs, bis er schließlich in einen Schlaf fällt. Wenn er aufwacht, weiß er meist nicht, wo er sich befindet. Denn Strecke und ihr Zielpunkt sind immer wieder verschieden. Mal ist auf einem Friedhof Schluss, mal auf einer Parkbank, an Müllcontainern oder im Fahrerhaus eines Lieferwagens. Das Wetter spielt keine Rolle. Es kann regnen, schneien, Hitze herrschen – Tim ist unterwegs. Weder ein wichtiger Termin kann ihn stoppen noch die Bitten seiner Familie.  „Draußen – Joshua Ferris "Ins Freie"“ weiterlesen

Schluss mit Süßkram

Häufig werde ich derzeit mit einer Frage konfrontiert: „Na, was macht das Fasten?“. Als ob „Fasten“ mein Wellensittich wäre, der die Mauser hat. Doch auch ich habe sprichwörtlich Federn gelassen. Denn zugegeben: So ein Stück Quarkkuchen wäre jetzt gar nicht so schlecht. Doch ich versuche, eisern zu bleiben. Schon allein die Tatsache, dass eine Kollegin sich ebenfalls dem Süßkram verweigert, bringt den Ehrgeiz wieder auf Touren. Sollte doch gelacht sein, wenn das nicht zu schaffen wäre – dachte ich zuerst.

Denn schon vor Aschermittwoch begann die Diskussion, was unter Süßkram denn alles fällt. Kuchen, Schokolade und Kekse sind klar. Aber wie sieht es mit dem Schokoraspeln im Müsli oder der Marmelade auf dem Brötchen aus? Als mir Verena Jähn während eines Besuches in ihrem derzeit veganen Haushalt eine Praline reichte, streifte mich schon ein Hauch des schlechten Gewissens. Das leckere Stück bestand weder aus Schokolade noch aus Zucker oder Milch, redete ich mich heraus. Meine Kollegin lächelte jedoch nur verschmitzt – ganz nach dem Motto „1:0 für mich“. Zum Ausgleich und zur Reue reichte ich einem Kollegen das Tiramisu vom Nachtisch.

Selbst schuld, werden jetzt einige meinen. Und sicherlich erscheint Fasten vielen nur als Verzicht. Aber es ist mehr: Es bietet die Chance, über den eigenen Konsum nachzudenken. Denn seien wir ehrlich: Oft heißt es zwar, ich will mir nur etwas gönnen, aber meist beginnt dann erst das große Fressen ohne Seele und Verstand.

Foto: PeeF/pixelio.de

Zwischen den Kulturen – Joseph Boyden "Durch dunkle Wälder"

„Zeit ist bloß ein Gedanke.“

Will liegt im Koma. Der Cree-Indianer wurde Opfer eines brutalen Überfalls, kurze Zeit nachdem er aus der Wildnis wieder in die Siedlung Moosonee hoch oben im Norden Ostkanadas zurückgekehrt war. Seine Nichte Annie harrt an seinem Krankenbett aus und erzählt ihm ihre Erlebnisse, die sie in die Big-Cities Toronto und New York auf der Suche nach ihrer Schwester Suzanne führten, die spurlos verschwunden war. Annie hat dabei viel zu erzählen: von ihrer Begegnung mit dem stummen Gordon, der, ebenfalls indianischer Abstammung, nicht mehr von ihrer Seite weicht, von ihrer Zeit als Model in der Glitzerwelt der Mode, in deren Kreise auch ihrer Schwester zu finden und bekannt war.

So prallen zwei unterschiedliche Kulturen im Roman „Durch dunkle Wälder“ des kanadischen Autors Joseph Boyden aufeinander: die ursprüngliche und einfache Lebensweise der Indianer in der Wildnis gegen die moderne Welt des Westens mit ihren Gefahren und Verlockungen, denen auch Will und Annie ausgesetzt sind beziehungsweise sich nicht entziehen können. Will ist dem Alkohol verfallen, nachdem er durch ein schreckliches Unglück seine Familie verloren hat. Mit seinen beiden Kumpanen trinkt er meist über den Durst. Die Zeit, als er als Pilot Touristen geflogen und damit sein Einkommen gesichert hat, ist längst  vorbei. Der Rückzug in die Wildnis, in der sich Eisbär und Wolf „Guten Tag“ sagen und in der jeder kleine Fehler mit dem Tod bestraft werden kann, sollte ein Neuanfang sein, nachdem er wegen der stetigen Bedrohung durch Gang-Mitglieder zur Waffe greift. Doch wenige Wochen später entscheidet er sich für die Rückkehr mit fatalen Folgen.

Boyden, 1967 in Kanada geboren und selbst Nachfahre von Indianern, lässt beide, sowohl Will als auch Annie, rückblickend zu Wort kommen. Beide berichten abwechselnd von ihren Erfahrungen und Erlebnissen. Will erinnert sich zudem an seine Kindheit und seinen Vater, der im Ersten Weltkrieg in Europa zum Einsatz kam. Jene Geschichte, die sich einem kaum bekannten Thema widmet, findet sich in Boydens Romandebüt „Der lange Weg„, mit dem der Kanadier auch hierzulande lobende Kritiken eingeheimst hatte und dadurch bekannt wurde.   

Dabei setzt der Nachfolger nicht nur an das Geschehen fast nahtlos an. Auch „Durch dunkle Wälder“ besticht durch eine besondere Geschichte, erzählerisches Können, eindrucksvolle Charaktere und einem ernsten, gesellschaftlich relevanten Thema, das tiefgründig aufgearbeitet wird. Boydens neuestes Werk kann man auf zweierlei Weise lesen: sowohl als spannenden Thriller als auch als wichtige und kritische Auseinandersetzung mit den Kulturen. Denn Boyden hält nicht nur der modernen westlichen Welt einen Spiegel vor. Auch das Scheitern seiner indianischen Landsleute, die von den Auswüchsen der Moderne schier vergiftet zu sein scheinen, stehen hier am Pranger. Der Rückzug in die Wildnis, sofern dafür geeignet, scheint ein Ausweg zu sein. Ein anderer könnte in der Gemeinschaft liegen – wie das Happy-End am Schluss des Buches beweist.

„Durch dunkle Wälder“ von Joseph Boyden erschien 2010 im Knaus-Verlag, 2012 als Taschenbuch bei btb, in der Übersetzung aus dem Englischen von Ingo Herzke.
448 Seiten, 10,99 Euro 

Rache für Hobbes – Gerard Donovan "Winter in Maine"

„Vielleicht gibt es für viele Dinge gar keinen Grund, und sie passieren nur, weil die Menschen sie tun.“ 

Julius Winsome ist ein Einzelgänger. Zurückgezogen lebt er in einer Jagdhütte in den Wäldern von Maine. Die Wände des kleinen Hauses sind mit Bücherregalen tapeziert. Die Zeit der Einsamkeit verbringt Winsome mit Lesen. Vor allem die Werke Shakespeare und dessen Sprache sind es immer wieder, die ihn beschäftigen. Er hat eine Wörterliste angelegt, um jeden shakespearschen Wort eine heutige Bedeutung zuzuweisen.

Julius‘ einziger Mitbewohner ist Hobbes, ein kleiner Pitbullterrier, der nicht von seiner Seite weicht. Es könnte alles so idyllisch sein in dem Roman „Winter in Maine“ von Gerard Donovan. Doch eines Tage findet Julius seinen treuen Begleiter angeschossen nicht vom Haus entfernt, der Hund stirbt wenig später. Seine letzte Ruhestätte findet er umringt von Blumen. Winsome sinnt nun auf Rache. Denn das Beste, was er hatte, ist von ihm genommen werden. Doch nicht nur eine harmlose Vergeltungsmaßnahme nimmt ihren Lauf, bei der der Täter nur erschreckt werden und seine Lehre daraus ziehen soll. Julius beginnt einen  Rachefeldzug sondersgleichen, so viel sei an dieser Stelle verraten, doch nicht in welcher Form, denn dann würde der Roman viel von seiner Wirkung, seiner Wucht verlieren. Nur so viel noch: Gewalt scheint für Julius die einzige Antwort zu sein. Dass es dabei auch Unschuldige trifft, scheint ihn und seinem Gewissen nicht zu stören.

Zwischen seinen Taten kreuzt er dann und wann in der nahegelegenen Stadt auf, um mit einem Plakat nach dem Täter zu suchen und in aller Ruhe einzukaufen. Dabei trifft er auf Claire, jener Frau, die seine große Liebe war und mit der er sich ein gemeinsames Leben vorstellen konnte. Sie hat ihn auch den Vorschlag gemacht, sich doch einen Hund als Begleiter zu suchen. Allerdings endet die kurze Beziehung so schnell wie sie auch begonnen hat.  Winsome blickt während all jener Zeit zurück auf sein Leben. Er erinnert sich an seine früh verstorbene Mutter, an den bücherversessenen Vater, der wie auch der Großvater die Schrecken des Krieg erlebt hatte und den Jungen allein aufgezogen hat. Winsomes Leben scheint so immer wieder von tragischen Ereignissen durchbrochen zu sein, die ihn zu einem Einzelgänger gemacht haben.

Donovan verwendet für die sehr poetische Schilderung der Handlung, die den unvorbereiteten Leser zu Beginn erst einmal in Schockstarre versetzen, als Erzähler die Hauptperson. Ein kluger Schachzug. So werden die Ereignisse nicht bewertet, nach Moral und Unmoral hinterfragt. Wichtig erscheinen nur die Ereignissen und die Beziehung von Winsome zu seiner Familie, zu Claire und natürlich zu Hobbes. An dem Leser ist es, die Taten des Einzelgängers und seine Person zu bewerten. Wer an dieser Auseinandersetzung zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit kein Interesse hat, kann hingegen das nur gut 200-seitige Buch als unheimlich spannenden Krimi lesen und sich nebenbei in eine Idylle im Norden der USA zurückziehen. Denn die bekommt kaum einen Kratzer – trotz der furchtbaren Ereignisse in ihrer Mitte. Dem irischen Autor ist ein atemberaubendes Meisterwerk gelungen, dem man sich nur schwer entziehen kann. Kein Wunder, dass Donovans Werk 2008 von der englischen Zeitung „The Guardian“ zum Buch des Jahres gekürt wurde.

„Winter in Maine“  von Gerard Donovan erschien im Luchterhand-Verlag, später bei btb, in der Übersetzung aus dem Englischen von Thomas Gunkel.
208 Seiten, 9,99 Euro

Das Jahr am Südhang der Geschichte – Florian Illies "1913"

Mit einem Schuss aus dem Revolver begrüßt der zwölfjährige Louis Armstrong das neue Jahr 1913. Die Polizei befördert ihn daraufhin in die Besserungsanstalt. Schlimm möchte man meinen. Doch der kleine Louis bekommt dort eine Trompete in die Hand gedrückt. What a wonderful world. A star is born. Arthur Schnitzler ist es in jenem Jahr schon, seine erotischen Werke machen von sich reden. Am Nachmittag des Silvestertages liest er Ricarda Huchs „Der große Krieg in Deutschland“. Ein Prophezeiung! „Das Jahr am Südhang der Geschichte – Florian Illies "1913"“ weiterlesen