Living Stories – John Updike "Die Tränen meines Vaters"

„Das menschliche Bewusstsein hatte sonderbare Fähigkeiten. Wie groß auch immer Dinge waren, es konnte sie umfassen, als sei es selbst noch größer.“

Das Leben ist ungerecht, sagen wir, glauben wir.  Nie haben wir ein ganzes Leben Glück. Selbst die Suche danach führt in die Irre. Glück darf nicht gefunden werden, es findet uns. Mit dem Unglück ist es dasselbe. Leben ist Wandel. Und nicht immer gehen unsere Pläne auf.

Was heißt es zu leben, zu lieben, über Tragödien zu stolpern und doch wieder aufzustehen? Einer weiß es und erzählt darüber. Wer das Leben mit allen seinen Höhen und Tiefen, seinen Besonderheiten und seinen trivialen Alltag lesen will, sollte zu John Updikes Werken greifen. Zwei Jahre nach dem Tod des großen amerikanischen Erzählers veröffentlichte der Rowohlt-Verlag den Band „Die Tränen meines Vaters“ mit 18 Erzählungen aus dem Nachlass.

Es sind die großen Lebensthemen, denen sich Updike darin widmet: das Leben und die Liebe, Irrungen und Wirrungen innerhalb der Familie, die inneren und äußeren Brüche, vor allem aber das Vergehen der Zeit. Recht zahlreich sind deshalb die Rückblicke – auf die Kindheit, die Jugend, Menschen, persönliche Fehler. Die Spannung liegt nicht in den großen Katastrophen, sondern in den Veränderungen der Personen und deren Leben, die sich meist still und leise anbahnen und dann doch die anderen überraschen. Der Lebenskenner Updike schaut hinter die Kulissen, offenbart sowohl Stärken als auch Schwächen, die Hoffnungen wie auch die Ängste. Die Handlungsorte sind weit verstreut, reichen von der amerikanischen Provinz, über Indien, Spanien bis nach Marokko. Der Zeitbogen ist ebenfalls weit gezogen, umfasst eine Spanne, die von 30er Jahren des vergangenen Jahres bis in in das neue Jahrtausend reicht. Besonders eindrucksvoll: die Erzählung „Spielarten religiöser Erfahrung“, in denen Updike den 11. September literarisch verarbeitet, das Schicksal mehrere Personen in einer Geschichte bündelt.

Erzählungen haben es als Genre im Gegensatz zum Roman leider um vieles schwerer. Manch einer entdeckt die Lebensweisheit und Wucht von gut geschriebenen Erzählungen erst spät. Wer von ihrer Qualität überzeugt werden will, ohne Wenn und Aber, sollte zu diesem Band greifen. Über die Größe von John Updike, der 2009 verstarb und dem es leider nicht vergönnt war, den Literaturnobelpreis entgegenzunehmen, brauch an dieser Stelle nicht geschrieben werden. Und wenn, dann nur dieser Hinweis: Eine Erzählung just aus diesem 360-seitigen Werk sollte für ein respektvolles Staunen über den großen Erzähler schon genügen.

„Die Tränen meines Vaters“  von John Updike  erschien 2011 im Rowohlt Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Maria Carlsson.
368 Seiten, 19,95 Euro

Leben zwischen Trümmern – Steven Galloway "Der Cellist von Sarajevo"

„Jeder hat mehr zu tragen, als er sagt.“

Sie wollten nur Brot kaufen – an einem Tag im Jahr eins des Krieges. Eine Granate der bosnisch-serbischen Einheiten, die die Stadt Sarajevo von den umliegenden Höhenzügen belagern, beendet ihr Leben in Bruchteilen von Sekunden. Mehr als 20 Männer und Frauen sterben, rund 70 weitere werden verletzt. Ein Mann ist Zeuge jenes grauenvollen Moments, ein Cellist des Philharmonischen Orchesters, der sich wenig später mit seinem Instrument und im Anzug gekleidet auf jenen Platz setzt und zu spielen anfängt. Inmitten des Blutes und Blumen, die nach und nach als Ausdruck der Trauer und des Gedenkens niedergelegt werden. 22 Tage lang spielt der Künstler, um an das Leid zu erinnern, die Toten zu ehren. Seiner wahren Geschichte widmet sich der Roman „Der Cellist von Sarajevo“ des kanadischen Autors Steven Galloway.

Das Stück des Cellisten: das Adagio des venezianischen Komponisten Tomaso Albinoni. Die Gefahr: von Heckenschützen erschossen zu werden. Strijela ist Heckenschützin der bosnisch-kroatischen Truppen, die die Stadt verteidigen, und eine der besten. Ihr Auftrag ist es, den Cellisten zu beschützen.
Währenddessen machen sich zwei Männer auf den Weg durch die zerstörte Stadt; der eine, Kenan, will Wasser für seine Familie und die Nachbarin holen, der andere, Dragan, Brot aus einer Bäckerei. Beide setzen sich dabei der Gefahr aus, von Heckenschützen erschossen oder von Granaten getötet zu werden. Zwischen Leben und Tod sind es nur wenige Sekunden, dass sehen beide gerade an jenen Menschen, die sterben – ob Männer, Frauen oder Kinder.

Es ist ein Leben zwischen Trümmern, das die Menschen aufreibt. Könnte doch der heutige Tag der letzte sein. Die Angst geht um. Der Alltag wird zum Versteckspiel zwischen Trümmerteilen, zum Wettlauf mit der Zeit und zu einem Kampf ums Überleben. Ein Heckenschütze könnte dich bereits ins Visier genommen haben, und der Weg zu Nahrungsmitteln ist lang und gefahrenreich. Man lebt auf einem untersten Level, selbst Strom gibt es nur ab und an. Die friedliche Vergangenheit existiert nur noch als zarte Erinnerung, die immer mal wieder auftaucht und die Menschen berührt, Mut macht, auch wenn der Krieg unerbittlich ist. Man träumt von einem Besuch in einem Restaurant, einen Ausflug in die Berge. Während die einen sich gegenseitig helfen, Medikamente verteilen, Verletzte aus der Schusslinie bringen und versorgen, bereichern sich andere an der Not der anderen, machen krumme Schwarzmarkt-Geschäfte. Erkennbar sind sie an ihrer gut genährten Figur, an den großen Autos. Es sind gerade jene Kontraste, diesen Roman rund um das Grauen des Bürgerkriegs und den besonderen Auftritt des Cellisten inmitten Tod und Leid so besonders werden lässt. So treffen die grauenvolle Gegenwart des Krieges auf die Sehnsüchte und Erinnerungen der Bewohner, die unterschiedliche Schicksale, die der jungen Heckenschützin und des Familienvaters, aufeinander. Erst die verschiedenen Blickwinkel schaffen ein plastisches Bild der damaligen Ereignisse.

Für das Buch hat Galloway aufwendig recherchiert, hat unter anderem mit Einwohnern der Stadt gesprochen und ein authentisches Beispiel als Vorlage genommen:  Vedran Smailovic hieß der Cellist, der mit seinen Auftritten nach dem Anschlag für Aufsehen sorgte. Im Buch zieht er sich wie ein roter Faden durch das Geschehen, mit seiner mutigen Tat, die den Menschen nahe geht. Es gibt kaum einen, der von der Musik nicht berührt wird. Selbst ein feindlicher Heckenschütze hört wie gebannt zu.
Zu Beginn des Romans zieht Galloway zudem eine Parallele zu Dresden, der am Ende des Zweiten Weltkriegs innerhalb von drei Tagen zerbombten sächsischen Landeshauptstadt. Nach den verheerenden Luftangriffen soll ein italienischer Musikwissenschaftler jenes Werk Albinonis in den Überresten der Dresdner Musikbibliothek gefunden haben.

Gerade in der Beschreibung der Personen, ihrer Gedanken wird die entsetzliche Atmosphäre des Krieges deutlich. Obwohl die Trümmerlandschaft und die Gewalt ebenfalls in erschütternden Bildern beschrieben werden – die Geschehnisse unmittelbar aus den Eindrücken der Personen erzählt, machen die Auswirkungen des Krieges ausdrucksvoller und ergreifender. Wer sich bisher noch nicht mit diesen jüngsten historischen Ereignissen auseinandergesetzt, wird vielleicht mit diesem ergreifenden Roman beginnen, der auf einer wahren Geschichte beruht.

Und es ist nicht nur dieser Krieg, der nachdenklich stimmt, es ist auch jener Gedanke, dass dieser Bürgerkrieg auf dem Balkan – es waren in den 90er Jahren mehrere Kriege an verschiedenen Orten – nur wenige Hunderte Kilometer von Deutschland entfernt stattgefunden hat. Und das über mehrere Jahre. Allein die Belagerung von Sarajevo von 1992 bis 1996 forderte das Leben von rund 10.000 Menschen. Über 80 Prozent der Gebäude in der Stadt wurden schwer beziehungsweise teilweise beschädigt.

 „Der Cellist von Sarajevo“ von Steven Galloway erschien im btb-Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Georg Schmidt. 
240 Seiten, 9,95 Euro

Der (Un)Geliebte – Tilmann Lahme "Golo Mann"

„Einmal in diesem Wasser muss man schwimmen und schwimmen, bis man untergeht.“

Sein Leben war Flucht und Streben zugleich. Er flüchtete vor dem Schatten seines Vaters und vor einer gewalttätigen Diktatur. Er strebte, vielleicht auch unbewusst, den Namen Mann gerecht zu werden. Trotz jener Hassliebe zu seiner Familie, die ihn prägte, in der er jedoch wenig Liebe und Anerkennung erfuhr. Golo Mann ist nicht nur dem riesigen Namen gerecht geworden. Er hat als Historiker, Journalist und Literat Respekt und große Anerkennung erworben – vielleicht wie keins der sechs Kinder von Katia und Thomas Mann. „Der (Un)Geliebte – Tilmann Lahme "Golo Mann"“ weiterlesen

Bücher, das Verbrechen – Ray Bradbury "Fahrenheit 451"

„Wir sollten nicht verschont werden. Wir sollten von Zeit zu Zeit richtig aufgestört werden.“ 

Irgendwann nach unserer Zeit. Die Menschen leben in feuerfesten Häusern. Die Wohnzimmer bestehen aus riesigen Fernsehbildschirmen. Der Besitz eines Buches gilt als Verbrechen. Wer ein Buch besitzt, kommt ins Zuchthaus oder ins Irrenhaus, je nach Geisteszustand. Zuvor rückt die Feuerwehr an, die die Bücher samt des Hauses verbrennt. Meist erhält sie einen Hinweis aus  der Nachbarschaft. Denunziationen sind an der Tagesordnung. Denn Bücher in der Nähe will keiner um sich wissen. Guy Montag steht in den Diensten der Feuerwehr, die ihre einstige Aufgabe der Brandbekämpfung schon lange verloren hat. Seine Frau Mildred lebt dagegen in einer Scheinwelt und lässt sich von den Fernsehsendungen berieseln. Eines Tages lernt Montag die junge Clarisse kennen, ein Mädchen, das anders ist, die reale Welt hinterfragt, mit anderen Augen sieht. Als sie verschwindet und Montag einen entsetzlichen Einsatz erlebt, bei dem eine Frau mit ihren Büchern verbrennt, beginnt sein Umdenken. Die Menschheit steht währenddessen vor ihrem dritten Atomkrieg.

Ray Bradbury hat seinen Klassiker „Fahrenheit 451“ – Fahrenheit 451 ist die Temperatur, bei der Papier zu brennen beginnt – zwar in den 50er Jahren geschrieben, der jedoch so aktuell wie nie ist und zugleich schreckliche Erinnerungen an die Vergangenheit weckt. Gut, Bücher gibt es wie Sand am Meer, und eine Buchhandlung findet sich in jeder Stadt. Doch die großen Plasmabildschirme sind uns heute schon vertraut. Die Zahl der eifrigen Leser und Buchbesitzer sinkt. Und sicher können wir ebenfalls sein, dass uns nicht immer die Wahrheit gesagt wird und die bunte Werbung und die Nachrichten aus der Glitzerwelt Ablenkung beschert. Viele stellen keine Fragen mehr nach den Dingen, die die Welt zusammenhält. Individualismus gilt als unschick, als fragwürdig, für manche beängstigend.

Ähnlich ist die Zeit, die Bradbury, 1920 in Waukegan (Illinois) geboren, beschreibt. Und trotz dieser gerade zu düsteren, gar apokalyptischen Atmosphäre entwickelt sich die Geschichte zu einem hoffnungsvollen Schluss. Dem abtrünnigen Feuerwehrmann gelingt die Flucht, der zuvor den Hauptmann der Truppe und den mechanischen Spürhund ins Jenseits befördert hat. Die Jagd, an der die Öffentlichkeit mittels Live-Übertragung in jede gute Stube teilnimmt, endet mit dem Tod eines Unschuldigen. Die Stadt wird wenig später durch Bomben in Schutt und Asche gelegt. Guy gerät schließlich mit Hilfe des früheren Literaturwissenschaftlers Faber an eine Gruppe Outsider, meist Gelehrte, die früher an Hochschulen gelehrt hatten, nun abseits der normalen Gesellschaft leben und als lebendige Bücher durch das Land ziehen und den kostbarsten Besitz, die Erinnerungen an gelesene Bücher, in ihrem Geist bewahren.

Fünf Erzählungen hat Bradbury in seinem kurzen, aber unschätzbaren Roman verarbeitet, geschrieben in einer Bibliothek, in der man einen Raum mit einer Schreibmaschine mieten konnte. 2008 brachte der Diogenes-Verlag eine Neuauflage heraus, mit einem Vor- und Nachwort des Autors. Darin schreibt er: „Denn wenn sich die Welt mit Nichtlesern, Nichtlernern, Nichtwissern füllt, braucht man Bücher nicht mehr zu verbrennen. (…) Natürlich ist noch nicht alles verloren. Noch ist Zeit ….“ Bradbury bekanntestes Werk ist Klassiker und Warnung zugleich, ähnlich wie George Orwells Werk „1984“. Beide sollten in Bibliotheken stehen oder in den Buchregalen daheim, die viel eher die Wände schmücken sollten als eben jene Plasmafernseher gigantischen Ausmaßes. Auch wenn diese besonderen Werke bei dem einen oder anderen Angst schüren  vor einer trostlosen Zukunft, besser diese kommende Zeit nur aus Büchern zu kennen, als sie wirklich zu erleben. Die Zeit, eine hoffentlich buchfreundliche, gestalten wir selbst. Bücher zeigen „das Gesicht des Lebens mit allen Poren“.

„Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury erschien in einer Neuauflage 2008 im Diogenes-Verlag in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Fritz Güttinger.
220 Seiten, 9,90 Euro

Tod an der Mole – Johan Theorin "Nebelsturm"

Öland sollte ihr neues Zuhause werden. Joakim und Katrine, zwei Lehrer aus Stockholm, ziehen mit ihren kleinen Kindern Livia und Gabriel auf den einst prachtvollen Bauernhof Åludden. Sie wollen die Hektik der Großstadt hinter sich lassen und das Gut auf Vordermann bringen, Zimmer und Gebäude liebevoll restaurieren. Was sie allerdings nicht wissen: Um diesen abseits gelegenen Bauernhof ranken sich zahlreiche Mythen. Selbst dessen Entstehung ist sagenumwoben, sollen die Häuser doch aus dem Holz errichtet worden sein, das von einem Schiffswrack stammte. An der Wand einer Scheune finden sich zudem Namen von Toten, die einst auf Åludden gelebt hatten und auf meist schreckliche Weise ums Leben gekommen waren. „Tod an der Mole – Johan Theorin "Nebelsturm"“ weiterlesen

Respekt vor dem Leben – Wallace Stegner "Vor der Stille der Sturm"

„Es  gibt keinen Plan, keine Kontinuität, keine Dauer.“ 

 Joe hat sich zurückgezogen. Aus der Hektik New Yorks, aus seinem Beruf als Literaturagent. Gemeinsam mit seiner Frau Ruth bewohnt er ein Haus in Kalifornien, abseits der großen Cities, mittendrin in der reinen Natur. Auf der Terasse genießen beide die Ruhe, ihren Garten pflegen sie hingebungsvoll, dann und wann muss ein  Schädling dran glauben wie der tückische Giftsumach oder ein fieses Nagetier, das sich an die Pracht in den Rabatten wagt.

In nur wenigen Tagen verändert sich das beschauliche Leben des Ehepaares. Mit Peck wagt sich ein Vertreter der Hippie-Kultur auf das Grundstück der Allstons. Er baut ein Baumhaus, lebt von Obst und Gemüse und plant, eine Universität des freien Geistes zu errichten. Mit der Zeit verwandelt sich allerdings das Gelände zum Lebensraum einer kleinen Kommune und Peck zum Guru – zum Ärger von Joe, der nicht an die Ideale der Hippies glaubt und sich verärgert zeigt, dass er sich von dem jungen loddrigen Mann übers Ohr hauen lässt; schließlich nutzt dieser still und heimlich seinen Strom und das Wasser. Zudem lässt der Aussteiger Joe an seinen Sohn Curtis erinnern, der mit seinen Eltern gebrochen hatte, kein Fuß ins Leben fand und mit 37 Jahren während eines Surfunfalls ums Leben gekommen war.

Doch es ist vor allem das Wesen von Marian, einer jungen Frau, die mit ihrem Mann John und der kleinen Tochter Debby in die Nachbarschaft gezogen ist, die den mürrischen Ruheständler schier gefangen nimmt. Und nicht nur ihn. Der Leser wird diese Heldin – dieser euphorische Ausdruck ist in diesem Fall wirklich verdient – aus dem Roman „Vor der Stille der Sturm“ des Amerikaners Wallace Stegner (1909 – 1993) so schnell nicht vergessen.

Marian ist eine Heldin des Lebens. Erst nach einiger Zeit erfahren Joe und Ruth, dass ihre lebensbejahende und herzliche Nachbarin an Krebs erkrankt ist. Die gemeinsamen Monate mit den Allstons, die nahezu die Rolle von Eltern angenommen haben, sind auch ihre letzten, obwohl vor allem Joe immer noch die Hoffnung auf eine Genesung hat. Marian wird ihm indes eine Lektion erteilen, in der Schmerz und Kummer zum Leben gehören, die Geburt und der Tod unabänderlich sind. Doch nie ist in ihren intensiven Gesprächen vom Schicksal die Rede, vielmehr sei es der Lauf der Natur, des Lebens an sich. Ihr Tod,  vor allem die letzten Tagen, in denen sich die junge Frau ihren Schmerzen bewusst gegenüber stellen will, hinterlassen in dem Ruheständler tiefe Spuren. Vor allem die Frage, warum sie sich für ihr noch ungeborenes Kind aufgeopfert und sich nicht für den Versuch einer Therapie entschieden hat.

Wie Stegner die Person der jungen Frau, ihre letzten Wochen und Tage, den Abschied und die Gespräche mit den Allstons in Form von Joes Erinnerungen beschreibt, lässt einen innerlich tief erschüttern und berührt ungemein. Das Buch piesackt nicht nur, es sticht in Wunden und wühlt auf, obwohl wunderbar ironisch erzählte Szenen in die ernste Handlung hineingeflochten werden. Gute, ehrliche und weise Literatur ist in ihrer Wirkung zwiespältig, sie erheitert und schmerzt – so auch hier. Denn in all der Trauer um einen besonderen Menschen hat Stegner nicht die Pracht des Lebens vergessen. Seine poetische Sprache findet Worte für sowohl große Stimmungen als auch kleine Details. Liest man die Naturbeschreibungen, enstehen im Kopf einzigartige Bilder, ja, man hört und riecht eine einzigartige Landschaft. Und selbst die Selbstopferung Marians und ihr Bekenntnis zum Tod, enthält die Kraft des Lebens und das Bewusstsein der eigenen, bescheidenen Rolle im Weltenlauf.
Wenn auch hier eine Reihe anderer Figuren nur am Rande erwähnt werden, wie die Welds, die kein Gespür für ihr kostbares Land haben und es Stück für Stück verscherbeln, oder die LoPrestis, deren Tochter in der Hippie-Kommune versumpft, hat es einen Grund. Marian und ihre eindrucksvolle Lebensphilosophie sind der Mittelpunkt, nicht mehr und nicht weniger.

Der Roman des Amerikaners, der mit seinem Buch „Zeit der Geborgenheit“ und der Erstausgabe im Deutschen Taschenbuch Verlag in Deutschland im Jahr 2008 aus der Vergessenheit geholt wurde, ist ein Wunder. Wenn jemand nur ein Buch in diesem Jahr lesen will, es sollte „Vor der Stille der Sturm“ sein. Kein Buch der letzten Zeit hat so viel Kraft und emotionale Momente zu bieten wie dieses.

„Vor der Stille der Sturm“  von Wallace Stegner erschien im Deutschen Taschenbuch Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Chris Hirte.
360 Seiten, 14,90 Euro