Abschied im Sommer – Rax Rinnekangas „Der Mond flieht“

„Gerade das Schicksal ist es, das Menschen zu Verrückten macht.“

Es sollte ein besonderer Sommer werden. Ein eigenartiges Gefühl des Aufbruchs liegt in der Luft, als der 13-jährige Lauri mit den Geschwisterkindern Sonja und Leo die Grenzen austestet. Ob hoch oben auf dem Prügelmann, einer alten Fichte, oder im Heu bei den ersten gegenseitigen körperlichen Entdeckungen. Eine innige Freundschaft entsteht, die sich zu einer ersten Liebe verwandelt. Doch ein entsetzlicher Unfall setzt diesem Aufbruch in die kommende Jugend ein furchtbares Ende. 

Schon früh macht der Erzähler – Lauri berichtet das Geschehen und seine Erlebnisse aus seiner Sicht – dem Leser klar, dass die Harmonie und diese Zeit der unbändigen Freiheit ein trauriges Ende nehmen werden. Es sind immer kleine Andeutungen, die in Abständen innerhalb der Geschichte gesetzt werden. Und diese machen das dünne Buch mit dem Titel „Der Mond flieht“ von Rax Rinnekangas zu einer berührenden sowie spannenden Lektüre. Rinnekangas, Jahrgang 1954, zählt zu den vielseitigsten Künstlern Finnlands. Er ist sowohl Filmemacher als auch Fotograf. Weitere biografische Fakten in deutscher Sprache gibt es kaum im Netz. Auf der finnischen Wikipedia-Seite – gut, dass es Google Translator gibt – werden einige Preise aufgezählt: Zweimal erhielt Rinnekangas den Staatspreis seines Landes, so auch für dieses Buch, das mit „Eine Sommergeschichte“ überschrieben ist und bereits 1991 in die finnischen Buchläden kam. Erst im vergangenenen Jahr erschien der Band in der deutschen Übersetzung von Stefan Moster im Graf Verlag. Moster hat im Übrigen selbst bereits mit „Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels“ (mare-Verlag) einen wunderbaren Roman verfasst.

Für „Der Mond flieht“ habe ich die Lektüre des neuen Romans von Jonathan Franzen mit dem Titel „Unschuld“ unterbrochen. Und es war gut so. Denn der schmale Band, dessen Handlung in einer ländlichen Idylle im Norden Finnlands während des Sommers und der Zeit der Heuernte spielt, hat seinen ganz eigenen Reiz, der sich in einer wunderbar bildhaften und sinnlichen Sprache zeigt, die nicht alles beschreibt, aber vieles im Kopf entstehen lässt. Man wird mitgerissen von den zwei völlig gegensätzlichen Stimmungen: Dieser Vergnügtheit und Lebensfreude des ungleichen Trios, das von der etwas älteren Sonja angeführt wird, steht eine dunkle Melancholie infolge des Schocks gegenüber. Mit der Gewissheit, dass ein tödlicher Unfall unwiderruflich ist, setzt eine tiefe Trauer bei den Zurückgebliebenen ein. Jeder versucht auf seine Weise, das dramatische Geschehen zu verarbeiten. Die Familie des Opfers sucht ihr Heil im tiefen Glauben und im Alltag auf dem Hof, Lauri in der Einsamkeit der Landschaft und im Weinen. Ihn quälen zudem die Frage nach der Schuld und ein sehr brisantes Geheimnis, das die drei Jugendliche gemeinsam geteilt haben. Außerdem fühlt sich Lauri bedroht vom Landarbeiter Lotvonen.

„Die Trauer gleicht einer altmodischen Detektivin. Sie hat keine Aufgabe auf dieser Welt, bevor sie jemand braucht und sie engagiert. Dann kommt sie, nimmt ihre Arbeit auf und findet sehr schnell ihre Bedeutung.“

Doch der Junge bekommt Beistand von unerwarteter Seite. Im Dorf lebt der Großvater des Jungen, Mooses mit Namen. Zu seiner Familie, den Kindern und Enkelkindern hat er kaum Kontakt, da er als böser Geist und merkwürdiger Kauz verschrien ist. Hinzu kommt, dass der Alte einst eine schwere Schuld auf sich geladen hat: Als junger Mann ließ er nach dem frühen Tod seiner Frau seine Kinder zurück, um in die Fremdenlegion einzutreten. Die Kinder – so auch Lauris Vater – wuchs als Pflegekind bei den Latvalas, Onkel Eino und Tante Marjaana, auf, die auch die Eltern von Leo und Sonja sind. Als Mooses nach vielen Jahren in das Dorf zurückkehrt, wird er von der Gemeinschaft gemieden und lebt abseits am Waldrand. Die Bindung zwischen Enkel und Großvater beginnt mit einem längeren Gespräch, das beide führen, wie es mit beiden weitergeht, wird indes nicht verraten. Das Buch schließt ab, als Lauri von seinen Eltern wieder abgeholt und nach Hause gebracht wird.

Allgemein würde ich mir wünschen, dass dieses eindringliche und poetische Buch weitergeht. So vieles möchte ich allzu gern noch wissen oder in diese für Skandinavien so bekannte Stimmung, gezeichnet von einer besonderen Hingabe zum Land und seiner Landschaft sowie zu Naturmythen, fühlen. Doch so wird die Geschichte im Kopf weitergesponnen, so wirkt der eigentlich recht dünne Band über seine schmalen Textumfang viel weiter hinaus. „Der Mond flieht“ ist große Literatur im kleinen Format, der man viele Leser wünscht, wie man sie allgemein für die Literatur des hohen Nordens abseits bekannter Namen und Genres erhofft.

Das Buch „Der Mond flieht. Eine Sommergeschichte“ von Rax Rinnekangas erschien im Graf Verlag, in der Übersetzung aus dem Finnischen von Stefan Moster; 160 Seiten, 16,99 Euro

Foto: PeterFranz/pixelio.de

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