Zwillinge – Pat Barker „Tobys Zimmer“

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„Aber Trauer ist etwas Seltsames, Unbändiges.“

Der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918 kostete rund 900.000 englischen Soldaten der British Army das Leben. Sowohl jene, die einen Sohn, einen Enkel, einen Bruder verloren haben, waren von dem Verlust gezeichnet, als auch jene zwei Millionen Verletzte, die verstümmelt oder mit körperlichen wie seelischen Wunden in die Heimat zurückgekehrt waren. Von beiden Seiten erzählt die englische Schriftstellerin Pat Barker in ihrem Roman „Tobys Zimmer“, der auf der Grundlage realer Geschehnisse zudem von der Beziehung zwischen Kunst und Krieg zu berichten weiß.

Toby und seine wenige Jahre jüngere Schwester Elinor sind unzertrennlich. Ihre enge Beziehung begleitet ein großes, sehr intimes Geheimnis, das sie beide verstört, allerdings noch enger  aneinander bindet. Während Toby Medizin studiert, beginnt seine Schwester ein Kunststudium an der Slade School of  Fine Art in London bei dem renommierten Künstler und Chirurgen Henry Tonks (1862 – 1937). Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs dient Toby als Offizier und Arzt im Royal Army Medical Corps in den Schützengräben Frankreichs. Im Frühjahr 1917 erhält die Familie, allen voran Elinor die schockierende Nachricht, dass Toby „vermisst, vermutlich gefallen“ ist. Der Verlust zerreißt die Familie noch weiter, denn weder zur Schwester Rachel noch zu Mutter und Vater pflegte Elinor zuvor ein besonders gutes Verhältnis. Sie ist nahezu allein mit ihrem Schmerz angesichts des großen Verlustes. Erst als ihr Freund Paul verwundet nach England zurückkehrt und sie sich vollends der Malerei widmet, findet sie ein wenig Stabilität, obwohl ihre Bindung nicht ohne Spannungen ist. Hinzu kommt, dass auch ihr einstiger Studienkollege Kit ebenfalls verletzt in die Heimat zurückgekommen ist und in einem Krankenhaus, das für Gesichtskonstruktionen bekannt ist und wo Elinor unter Leitung von Tonks Zeichnungen der Patienten anfertigt, versorgt wird. Er war gemeinsam mit Toby an der Front, diente in der Einheit als Krankenträger, war sein Untergebener und weiß, wie Elinors Bruder zu Tode gekommen ist.

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Setzt Barker im ersten Teil ihres eindrucksvollen Romans, der von Ereignissen im Jahr 1912 erzählt, den Fokus auf die Beziehung zwischen Toby und seiner Schwester und ihr großes Geheimnis, das sie für immer beeinflussen soll, so findet sich der Leser im zweiten Teil im Jahr 1917 wieder. Mit diesem umfangreicheren Part öffnet die Autorin die Geschichte weit für weitere Perspektiven und Facetten des Romans, der vor allem über eine Generation zu erzählen weiß, die vom verheerenden Krieg und vom Tod gezeichnet ist. Obwohl sich in England keine Front befindet, an der sich große Armeen aufreiben, sondern vielmehr Angriffe aus der Luft für Angst, Schrecken und Opfer sorgen, begegnen die Einwohner dem Krieg und seinen Auswirkungen stets und ständig: das sind die Lazarett-Züge mit den Verwundeten und Sterbenden auf den Bahnhöfen, die Todesnachrichten zusammen mit dem Geruch der Front, den die zurückgesendeten Besitztümern der Toten von sich geben. Catherine, eine Freundin Elinors aus Südafrika, wird fälschlicherweise als Deutsche angesehen und ist dadurch Schmähungen ausgesetzt. Ist Paul mit seiner Beinverletzung zu einem Invaliden geworden, hat eine Verletzung Kits Gesicht verletzt, worunter er vor allem psychisch leidet. Im Krankenhaus setzen ihm Albträume zu, die ihn zurück in das Grauen der Front führen.

„Den Mann ohne Kiefer erkannte sie wieder, von ihrer Begegnung im Korridor. Für sich wäre jedes Porträt bemerkenswert gewesen; derart geballt, Reihe für Reihe, waren sie überwältigend. Handelte es sich um Porträts oder medizinische Illustrationen? Porträts inszenieren die Identität des Models. Alles – die Kleidung, die sie gewählt haben, der Hintergrund, die Gegenstände auf einem Tisch neben dem Stuhl – führt das Auge zum Gesicht zurück. Und das Gesicht macht die Person aus. Hier, auf diesen Porträts, war die Wunde im Mittelpunkt.“

Im Queen Mary’s Hospital wurden einst speziell die im Gesicht verwundeten Soldaten versorgt und chirurgisch behandelt. An der Seite ihres einstigen Mentors Tonks, der seine frühere Schülerin zu sich geholt hat, zeichnet Elinor die Patienten. In ihren Anmerkungen am Schluss des Buches weist Barker, Preisträgerin des renommierten Booker-Preises und des Literaturpreises der Zeitung „Die Welt“, auf ihre historischen Quellen hin: allen voran ein Archiv im Internet, das neben Tonks Bildern auch Fotos und Krankengeschichten der Patienten versammelt. Innerhalb des Romans finden sich mehrfach Gedanken zu der Verantwortung der Kunst, den Krieg, in dem ein Menschenleben nichts zählt und das in Sekunden ausgelöscht wird, in Bildern zu bannen, auf seine Unmenschlichkeit und Grausamkeit hinzuweisen mit den Möglichkeiten eines dem Realismus angelehnten Stils.

„Tobys Zimmer“, der ohne Frage als einer der bemerkenswertesten und ausdrucksstärksten Anti-Kriegs-Romane der letzten Jahre  gelten kann, habe ich mit Trauer und Bestürzung gelesen, weil er verschiedene persönliche und ergreifende Schicksale vereint, an diese zudem sehr nah heranführt, sowie große Fragen zu den Themen Krieg und Frieden, Liebe und Freundschaft sowie die Rolle der Kunst aufgreift.


Pat Barker: „Tobys Zimmer“, erschienen im Dörlemann-Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Miriam Mandelkow; 400 Seiten, 24 Euro

Foto: pixabay

6 Comments

    1. vielen Dank für Deinen Kommentar. Nein, dieser Roman ist für sich abgeschlossen und hat im Original den Titel „Toby’s Room“. Ich finde es im Übrigen wichtig, als Bloggerin auch auf weniger bekannte und besprochene Bücher oder Titel aus der Backlist hinzuweisen. Viele Grüße

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    1. Das „Problem“ ist mir sehr vertraut, vor allem, wenn neue Taschenbücher erscheinen und ich die Titel eigentlich schon gelesen haben wollte. Ich vesuche, jetzt immer nach Bauchgefühl und Stimmung zu lesen, deshalb gern auch ältere Titel. Dir auch einen schönen Sonntag und viele Grüße

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