Tim Flannery – „Europa“

„Ernst Haeckels Name für unsere Neandertaler-Vorfahren, Homo stupidus, mag immer noch einige Gültigkeit besitzen – und zwar für uns.“

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, erinnere ich mich an einen Film, der mich damals begeistert hat und noch immer fasziniert. „Reise in die Urzeit“ erzählt die Geschichte von vier Jungen, die sich nach dem Fund eines versteinerten Trilobiten mit einem Boot auf eine Reise in die Vergangenheit begeben. In jeder Epoche entdecken sie die darin typischen Pflanzen und Tiere. Für seinen Streifen erhielt der tschechische Regisseur Karel Zeman (1910 – 1989) bei den Filmfestspielen in Venedig 1955 den Preis für den besten Kinderfilm. Eine Art Zeitmaschine in die prähistorische Ära hält auch der australische Zoologe und Biologe Tim Flannery mit seinem herausragenden Band „Europa. Die ersten 100 Millionen Jahre“ bereit.

Der Kontinent, ein Archipel

Flannery kam in den 1980er-Jahren erstmals nach Europa, um die Sammlungen des Naturhistorischen Museums in London zu studieren. Erstaunt war er von der Natur und Vielfalt des alten Kontinents, der sich vor 100 Millionen Jahren – jene längst vergangene Zeit, in der dieses Buch seinen Anfang nimmt, um sich in Richtung Gegenwart zu bewegen – auf einer Landkarte ganz anders zeigte. Europa war einst ein tropischer Archipel, aus verschiedenen Inseln bestehend und vom Wasser des Tethys- und des Borealmeers umgeben. Weitreichende geologische sowie klimatische Änderungen haben dem Kontinent über Jahrmillionen seine heutige Form gegeben. In diesem für unser Vorstellungsvermögen nur schwer zu fassenden Zeitraum entstanden neue Arten, andere verschwanden oder fanden auf anderen Erdteilen ein neues Zuhause. Mit den Dinosauriern herrschten eindrucksvolle Giganten auf unserem Planeten. Zudem nahm bekanntlich die Evolution des Menschen ihren Lauf.

dav

„Europa“ ist ein Band, der über stetige Veränderungen, die noch immer anhalten, erzählt. Im Rampenlicht stehen besondere Arten, die noch immer existieren oder im Laufe ihres Bestehens ein spezielles, ja nahezu bizarres Äußere ausgebildet haben, als ob die Natur sich ausprobieren wollte. Der Grottenolm, die Geburtshelferkröte oder das Anisodon, das einen Kopf wie ein Pferd und ein Hals wie ein Okapi besaß, sich aber wie ein Gorilla fortbewegte, seien an dieser Stelle genannt. Zu den weiteren „Protagonisten“ zählen bekannte und weniger bekannte Wissenschaftler: So der transsilvanische Adlige und erste Paläobiologe Franz Baron Nopcsa von Felső-Szilvas, der britische Anatom Sir Richard Owen, der den Begriff „Dinosaurier“ prägte, oder der britische Geologe Charles Lyell, der den geologischen Perioden ihren Namen gegeben hat. Nicht immer waren sich die Forscher einig, es gab Missgunst und Intrigen, auch darüber erzählt der Autor.

Die Bedeutung von Migration

Flannerys Werk ist reich an interessanten Fakten. Der Leser erfährt, dass der Tsunami nach dem Asteroiden-Einschlag vor 66 Millionen Jahren, der zum Aussterben der Dinosaurier geführt hat, rund ein Kilometer hoch war und dass Überreste eines riesigen urzeitlichen Korallenriffs in einem englischen Dorf gefunden wurden; allgemein nehmen Fossilien und ihre Fundorte, als Fenster in eine längst vergangene Zeit, eine besondere Bedeutung ein. Der Leser erlebt nicht nur eine Zeitreise, sondern auch eine spannende Tour zu verschiedenen Orten in unterschiedlichen europäischen Ländern. Zwei spezielle Erkenntnisse prägen dabei dieses ungemein lehrreiche Buch. Erkenntnisse, die wohl einigen Zeitgenossen nicht behagen werden: Die Evolution wird durch Migration geprägt, Bewegungen, die sich über weite Strecken und von Kontinent zu Kontinent, auch dank Landbrücken, vollziehen. Und es sind im Besonderen die Hybriden, die Mischformen, die die Entwicklung als Motor beschleunigen. Der Europäer ist selbst solch ein Mischwesen, entstanden aus der Vermischung dunkelhäutiger Menschen aus Afrika mit den hellhäutigen Neandertalern.

„In der Abenddämmerung landen wir in einer feuchten, grünen Welt. Das Erste, was uns auffällt, ist das Getöse des abendlichen Chors. Die Schreie von Enten, Fasanen, Raben, Fröschen und Insekten erfüllen die Luft, und schon flitzen die ersten Fledermäuse über unsere Köpfe hinweg. Dieser Ort fühlt sich eher wie das heutige Louisiana denn wie Mitteleuropa an.“

Flannery, Jahrgang 1956 und Mitbegründer des Climate Council, ist ein wunderbarer Lehrer und Erzähler, der von der Naturgeschichte Europas in Geschichten und Anekdoten sowie dank eigener Erlebnisse und Begegnungen berichtet. Nie wirkt der Inhalt des zudem bebilderten und mit Zeittafeln versehenen Bandes staubtrocken, sondern vielmehr bildhaft, atmosphärisch und erhellend, teils sogar humorvoll. Zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen existieren keine Grenzen: Der Australier schreibt sowohl über seine Fachgebiete als auch über Geologie, Kunst und Kultur. Für manche lateinischen Namen und Fachbegriffe sollte der Laie jedoch ein Lexikon oder eine Suchmaschine zur Hand haben. Eine Liste mit Erklärungen zu gängigen Termini wäre überaus nützlich gewesen.

Je näher der Leser der heutigen Gegenwart kommt, desto größer wird der Einfluss des Menschen auf das Leben auf der Erde. Klimawandel und Artensterben bedrohen Flora und Fauna. Wer sich dazu mehr belesen möchte, dem sei an dieser Stelle auch der Band „Das sechste Sterben“ (Suhrkamp) der amerikanischen Pulitzer-Preisträgerin Elizabeth Kolbert empfohlen. Allerdings wird der Mensch zunehmend sich seiner Aufgabe als Beschützer und Gestalter bewusst. Flannery schreibt zum Schluss über das Bestreben, in Europa Wildnisgebiete, so in den Niederlanden und in Rumänien, einzurichten und zu erhalten. Und dann gibt es noch eine faszinierende Zukunftsvision: Die sogenannten großen Fünf, dazu zählen unter anderem Waldelefant, Wasserbüffel und Nilpferd, leben in Europa – wie einst. Und mittendrin: ein Mammufant.


Tim Flannery: „Europa. Die ersten 100 Millionen Jahre“, erschienen im Insel Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Frank Lachmann; 380 Seiten, 28 Europa

Photo by Simon Infanger on Unsplash

2 Gedanken zu „Tim Flannery – „Europa““

    1. Ich war ganz happy, als ich gesehen habe, dass es auf youtube den ganzen Film zu sehen gibt. Den werde ich mir in den kommenden Tagen anschauen und in Erinnerungen schwelgen. Viele Grüße und vielen Dank für Deinen Kommentar

      Gefällt 1 Person

Schreibe eine Antwort zu Christoph Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.