Sylvain Tesson – „Der Schneeleopard“

„Die Welt war gefrorene Ewigkeit.“ 

Panthera uncia ist ein scheuer Erdenbewohner – und ein mehr als seltener. Nur noch schätzungsweise 4.000 bis 6.000 Exemplare des Schneeleoparden existieren auf der Welt. Heimisch ist er in den Hochgebirgszügen Zentralasiens. An der Seite des renommierten und preisgekrönten Natur-Fotografen Vincent Munier reiste Sylvain Tesson nach Tibet, um die Raubkatze zu sehen und zu beobachten, ohne allerdings zuvor die Gewissheit zu haben, dem einzelgängerischen Tier überhaupt zu begegnen. Daraus entstanden ist das Buch „Der Schneeleopard“. Dabei ist dieser meisterhafte Band über eine kräftezehrende und prägende Tour weit mehr als nur ein Reisebericht.

Meditativer Gedankenstrom  

Ich greife zu diesem dünnen Buch, als ich tief in dem dickleibigen Reisebericht „Hoch oben“ der Autorin und Sozialanthropologin Erika Fatland (Suhrkamp, Besprechung folgt) versinke.  Darin schildert die Norwegerin ihre Erlebnisse und Begegnungen während einer ausgedehnten Himalaya-Tour. Eine Gegend, die mich ähnlich wie die Polar-Gebiete unserer Erde sehr fasziniert. Ist Fatlands Werk eine große lebendige Reportage, führt Tesson, ebenfalls ein Weltenreisender und nördlich des Himalaya im Süden des Kunlun-Hochgebirges unterwegs, mit seinen dichten und ineinander verwobenen Gedanken, einem meditativen Gedankenstrom gleich, über seine Eindrücke und Erlebnisse hinaus in verschiedene Wissensbereiche. Er schreibt von Philosophie, Religion und Spiritualität, von Kunstgeschichte und Naturwissenschaft. Er erwähnt die Evolution, preist den Reichtum der Natur, beklagt Umweltzerstörung, Klimawandel und die Vernichtung unzähliger Arten durch den Menschen. An einer Stelle heißt es: „(….) dass zu den Spuren des Menschen auf Erden seine Fähigkeit zum gründlichen Aufräumen (…) zählt.“ Darüber hinaus gibt der Autor teils private Einblicke in sein Leben. Er denkt mit Trauer zurück an seine verstorbene Mutter, der er das Buch gewidmet hat, und an eine Liebe, die er verloren hat.   

Tesson_neu

Muniers Lebensgefährtin Marie und dessen Assistent Leo, ein Philosoph, machen die Truppe komplett, die wie eine Gruppe von Nomaden von Ort zu Ort zieht, in Hütten oder auch in Höhlen haust – bei bitterlicher Kälte von 20 bis 30 Minusgraden und in mehr als 4.000 Meter Höhe. Umgeben sind die Grenzgänger nicht nur von einer berauschenden, nahezu menschenleeren Landschaft fern der menschlichen Zivilisation und den riesigen schneebedeckten Gipfeln des Kunlun-Gebirges, sondern auch von einer reichen Fauna. Sie sehen Wölfe und Füchse, Yaks und Wildesel, Antilope und Gazelle, Königshuhn und Steinadler. Der Schneeleopard ist ihr unangefochtener Herrscher.     

Die Gabe der Geduld 

Während Marie und Leo bereits mit dem besonderen Verhalten Muniers vertraut sind, muss Tesson, der zuvor bereits mehrfach Zentralasien bereist hatte, sich daran erst anpassen. Es ist ungewohnt für ihn, stundenlang an einem Ort zu verweilen, anstatt weiter zu ziehen. Gerade dieses geduldige Ausharren, eine seltene Gabe, die in der heutigen Zeit verloren zu gehen scheint, wird für ihn zu einer besonderen weil lehrreichen Erfahrung. Einem Jäger gleich wartet Munier in Lauerstellung – allerdings stets in friedlicher Absicht. Er nimmt die Tiere ins Visier, um sie mit seiner Kamera festzuhalten, mit seinen Aufnahmen die Schönheit und Einmaligkeit der Natur zu zeigen. Sein Verhalten ist von Liebe sowie Demut gegenüber der den Menschen umgebenen Welt geprägt. Seinem Begleiter musste der Autor versprechen, die Ortsangaben zu verschlüsseln, um die seltenen Tiere vor Wilderern zu schützen.      

„Es war eine religiöse Erscheinung. Noch heute umgibt die

Erinnerung an diesen Augenblick etwas Heiliges.“ 

Tessons Band ist eine interessante literarische Quelle, zitiert er doch aus zahlreichen Büchern – eine umfassende Liste befindet sich im Anhang des Bandes – und verweist im Text auf weitere Titel, wobei sich einige der Gattung des Nature Writing zuschreiben lassen. Wie Rachel Carson und ihr Klassiker „Der stumme Frühling“, Jules Renards „Naturgeschichten“ oder Peter Matthiessen, der sein Buch ebenfalls den Titel „Der Schneeleopard“ gegeben hat und das kürzlich in deutscher Übersetzung einer Neubearbeitung erschienen ist (Matthes & Seitz). Der Amerikaner war 1973 gemeinsam mit dem Biologen Georg Schaller zu einer Reise nach Nepal aufgebrochen, das wundersame Tier hat er selbst dabei jedoch nicht gesehen, wie Tesson schreibt. Widmet sich Matthiessen in seinem Werk dem tantrischen Buddhismus, geht der Franzose vielmehr an mehreren Stellen auf die chinesische Lehre des Dao, Grundlage des Daoismus, ein.   

Bildband ergänzt literarisches Werk

Wer nun denkt, der Band enthält zahlreiche atemberaubende Fotografien Muniers, den muss ich an dieser Stelle leider enttäuschen. Nur zwei Schwarz-Weiß-Bilder sind in diesem Buch zu finden. Allerdings kann eines eine besondere Geschichte erzählen: Es zeigt im Vordergrund einen Falke, im Hintergrund in der Unschärfe verschwommen einen Schneeleoparden, der aufmerksam den Fotografen beobachtet, während der den scheuen Einzelgänger in jenen Moment gar nicht wahrgenommen hatte. Erst später, beim Durchsichten seiner Fotografien entdeckte Munier die Raubkatze. Rund 200 Aufnahmen des Fotografen sowie Gedichte Tessons versammelt hingegen der Bild-Band „Zwischen Fels und Eis. Auf den Spuren der letzten Schneeleoparden in Tibet“ (Knesebeck Verlag).   

snow-leopard-g5b8a8bcbe_1920
Schneeleopard (Foto: Pixel-mixer/pixabay)

Während Munier mehrfach mit dem Wildlife Photographer of the Year Award geehrt wurde, erhielt sein schreibender Landsmann 2009 den Prix Goncourt. Für „In den Wäldern Sibiriens: Tagebuch aus der Einsamkeit“ wurde der gebürtige Pariser und studierte Geograf mit dem Prix Médicis essai geehrt. Für sein jüngstes Werk „Der Schneeleopard“ bekam Tesson 2019 den Prix Renaudot verliehen, obwohl er nicht auf der Liste der Finalisten stand.  Der Band avancierte in Frankreich zu einem Bestseller.  An der schmalen, wenngleich überaus kostbaren literarischen Perle werden auch hiesige Naturfreunde wohl nicht vorbeikommen. Belohnt werden sie mit einer lehrreichen und prägenden Leseerfahrung.   


Sylvain Tesson: „Der Schneeleopard“, erschien im  Rowohlt Verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen von Nicola Denis; 192 Seiten, 20 Euro. Es existiert auch eine Ausgabe der Büchergilde Gutenberg

Foto von Eknbg auf Pixabay

3 Kommentare zu „Sylvain Tesson – „Der Schneeleopard“

Schreibe eine Antwort zu wolfgang weiland Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..