Richard Powers – „Erstaunen“

„Wir sitzen auf einem Felsbrocken im Weltall, und es gibt Hunderte von Milliarden anderer Felsen genau wie unseren.“

Wann haben wir das andächtige Staunen über das Leben verlernt oder verloren wie einen Schlüssel oder eine Münze? Wann war dieses unbändige Gefühl, diese Freude über das Dasein, über die kleinen oder großen Wesen, die Weite des Himmels, Tor zum Universum, verschwunden? Wohl nur noch Kinder tragen es in sich.  Oder Erwachsene, die wissen, wie fragil dieses Leben doch ist. „Erstaunen“ heißt der neue großartige Roman des amerikanischen Schriftstellers Richard Powers, der es vermag, dieses Staunen zurückzugeben. Und wenn es wenigstens für die Zeit der Lektüre ist.

Die Vernichtung der Arten

Bevor Powers Literaturwissenschaften studierte – und mit schließlich einiger Ernüchterung beendete -, nahm er ein Studium der Physik auf. In seinen Romanen nimmt die Wissenschaft stets eine wichtige Rolle ein. Immer verwoben mit aktuellen Problemen und Erscheinungen, politischer wie gesellschaftlicher Art. Für sein vorletztes Buch „Die Wurzeln des Lebens“ erhielt 2019 Powers den renommierten Pulitzer-Preis. Die Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“ kürte es zudem zum Wissensbuch des Jahres. Nun in „Erstaunen“ (Original: „Bewilderment“) wendet er sich einem Thema zu, das von der  Wissenschaft schon seit Jahrzehnten immer wieder in den Fokus gestellt und angemahnt wird und in den vergangenen Jahren durch eine weltweite Bewegung und ihren Anstrengungen mehr und mehr ins Bewusstsein rückt: die Vernichtung der Arten und der Klimawandel.

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Im Mittelpunkt des Geschehens stehen der Astrobiologe Theo Byrne und sein Sohn Robin. Der Junge hat das Asperger-Syndrom. Der Neunjährige ist hochsensibel, ordnungsliebend und hat einen ausgeprägten Sinn für Details. Doch bei seinen unbändigen und schwer zu kontrollierenden Wutausbrüchen tritt und bespuckt er seine Mitmenschen. In der Schule wird er als verhaltensauffälliger Außenseiter schikaniert. Mit der Zeit hat sein Vater, der auf Medikamente verzichten will, eigene Strategien entwickelt, um seinen Sohn zu beruhigen. Mit ihm geht er auf ausgedehnte Wanderungen, mit ihm denkt er sich Planeten aus und welches Leben dort zu finden wäre.

Eines Tages erhält er das Angebot, Robin in einer Versuchsreihe teilnehmen zu lassen.  Bei dem sogenannten Decoded Neuro-Feedback werden die Aktivitäten in bestimmten Gehirn-Regionen gemessen und stimuliert. Mit dieser speziellen Form des Neuro-Feedbacks verändert sich Robin – für seinen Vater auch auf nahezu beängstigende Weise: Der Junge nimmt eine gedankliche Beziehung zu seiner, bei einem Unfall verstorbenen Mutter auf, die vor einigen Jahren bereits an jenen Neuro-Feedback-Sitzungen teilgenommen hatte und von der ein Hirnabdruck entstanden ist. Theos Sohn wird ruhiger, kann seine Begabungen gezielter einsetzen und verblüfft seine Außenwelt mit seinen Fähigkeiten und seinem Wissen. Medien werden auf ihn aufmerksam, er wird unfreiwillig berühmt. Doch die Versuchsreihe gerät in Gefahr, als die Regierung die Mittel streichen will.

„Die Gesetze, nach denen ein Glühwürmchen an diesem Abend in meinem Garten sein Licht aussendet, sind dieselben, nach denen uns das Licht eines explodierenden Sterns eine Milliarde Lichtjahre entfernt erreicht.“

In dem besonderen Vater-Sohn-Gespann, das von der tiefen Trauer über den Verlust von Frau beziehungsweise Mutter gezeichnet ist, vereinen sich zwei verschiedene Haltungen und Blickwinkel, die sich wiederum auf eine spezielle Weise ergänzen. Der Astrobiologe, der zu den Bedingungen für Leben auf fremden Planeten forscht und dafür Programme schreibt, steht für das Bestreben des Menschen, die Weiten des Alls zu untersuchen. Sein hochsensibler Sohn bedrückt es vielmehr, wie die Menschheit mit dem Heimatplaneten, der Erde, ihrer Natur und all ihren Tieren und Pflanzen umgeht. Im Vorfeld seines Protestes für den Artenschutz avanciert die Aktivistin Inga Alder, die statt zur Schule geht protestiert, zu seiner Heldin; die Ähnlichkeiten zu Greta Thunberg sind nicht zu übersehen. Nicht immer finden Vater und Sohn zueinander, oftmals sind sie sich auch fremd, stehen auf unterschiedlichen Seiten. Eine jener „Planetengeschichten“, in der sie sich die Gestalt und das Leben auf einem Fantasie-Planeten ausdenken, zeigt dies und darüber hinaus die Hilflosigkeit des Vaters deutlich.

Existentielle Sorgen der Jüngeren

Gerade in diesen verschiedenen Facetten der Beziehung zwischen Vater und Sohn – und im Übrigen auch in den Beschreibungen der abwesenden Mutter – liegt die Meisterhaftigkeit dieses Romans – genau wie in seiner Wirkung auf den Leser. Ohne belehrenden Gestus vermag es Powers, die Zerstörung der Umwelt und die Ausbeutung der Ressourcen anzumahnen, auf die existentielle Furcht und Sorgen der Jüngeren hinzuweisen. Beide Protagonisten stehen stellvertretend für ihre jeweilige Generation. Manche Worte Robins verblüffen – in ihrer Einfachheit wie Weisheit. Dass Powers einen tragischen Ausgang für seinen Roman wählt, ist zwar für den Leser schmerzvoll, aber wohl in dieser Härte auch konsequent. An mehreren Stellen kritisiert der amerikanische Schriftsteller die Politik seines Landes, konkret die Jahre der wissenschaftsfeindlichen Trump-Regierung. Denn nicht nur die Mittel für die neurowissenschaftliche Versuchsreihe werden gestrichen, auch ein Projekt, an dem Theo Byrne beteiligt ist, bleibt ohne finanzielle Unterstützung und damit ohne Chance, verwirklicht zu werden.

Powers, Jahrgang 1957, zählt zu den namhaftesten amerikanischen Gegenwartsautoren. Er debütierte 1985 mit seinem Buch „Three Farmers on Their Way to a Dance“ und wurde in der Vergangenheit vielfach ausgezeichnet, für „Das Echo der Erinnerung“ erhielt er 2006 den National Book Award, für „Erstaunen“ stand er auf der Shortlist sowohl des britischen Booker Prize als auch des National Book Award. Im Sommersemester 2009 lehrte Powers als Samuel-Fischer-Gastprofessor an der Freien Universität Berlin.  Heute lebt er in den Great Smoky Mountains der Appalachen, die einen wichtigen Schauplatz seines Romans, den Wohlfühlort von Vater und Sohn, bilden.

Eine besondere Gabe

„Erstaunen“ ist ein kluger, berührender und vielschichtiger Roman unserer Zeit und aktueller denn je; mit zwei Helden, die man wohl so schnell nicht vergessen wird. Mit seiner Art, dem Leser die komplexe Wissenschaft auf verständliche Art näher zu bringen, weckt Powers darüber hinaus die Neugierde für die kleinen und großen Dinge unserer Welt und regt uns zum Staunen an. Eine Gabe, die man wiederfinden und festhalten sollte, steckt in ihr doch auch Dankbarkeit und Demut, die Säulen, auf denen das Engagement, unsere Welt zu bewahren, stehen.

Eine weitere Besprechung gibt es jeweils auf den Blogs „FWE-Blog“, „Schabel Kultur-Blog“ und „Bücheratlas“.


Richard Powers: „Erstaunen“, erschienen im S. Fischer Verlag, in der Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié; 320 Seiten, 24 Euro

Foto: Greg Rakozy/Unsplash

4 Kommentare zu „Richard Powers – „Erstaunen“

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