Auður Ava Ólafsdóttir – „Eden“

„,Außer dir kenne ich keinen einzigen Menschen, der von einzelnen Wörtern träumt‘, sagt meine Schwester.“

Sie hat einen speziellen Job, ist darin auch anerkannt. Und sie hat ein gutes sicheres Zuhause. Dennoch entscheidet sich Alba Jakobsdottir von einem Tag auf den anderen für eine grundlegende Veränderung in ihrem Leben, das sie nahezu auf den Kopf stellt. Die Linguistin verlässt Reykjavik und zieht aufs Land. Die isländische Schriftstellerin Auður Ava Ólafsdóttir erzählt von einer Frau, die aus ihrem Leben ausbricht und ein besonderes Ziel verfolgt.

Die Liebe zur Sprache

Dem einen oder anderen ist Ólafsdóttir vielleicht schon durch ihren Roman „Miss Island“ bekannt. Auch hier steht eine Frau – in diesem Fall eine junge Schriftstellerin – im Mittelpunkt, die ihr Leben selbstbewusst nach eigenen Vorstellungen gestalten will. Alba, benannt nach dem bekannten Theaterstück „Bernadas Albas Haus“ des spanischen Autors Federico García Lorca, ist hingegen Linguistin. Beide vereint ihre Liebe zur Sprache. Die Wissenschaftlerin forscht zu seltenen und vor dem Aussterben bedrohten Sprachen. Sie lehrt an der Universität und reist von einem Fach-Kongress zum nächsten. Nebenbei korrigiert sie für mehrere Verlage verschiedene Manuskripte – vom Lyrikband bis zum Krimi.

Eine Anzeige bringt sie nunmehr dazu, ein etwas heruntergekommenes Haus nebst riesigem, 22 Hektar großen Grundstück in der tiefsten isländischen Einöde zu erwerben. Sie will hier im waldärmsten Landstrich Europas Bäume pflanzen, um so ihren CO2-Fußbabdruck zu verkleinern, und einen Garten anlegen. Nicht aus einem Missionsgedanken, sondern aus einem ganz persönlichen Bedürfnis heraus. Ihren Job an der Uni hängt sie später ebenfalls an den Nagel. Während ihr Vater Kurt auf den neuen Lebenswandel seiner Tochter mit Wohlwollen und Interesse reagiert, sieht ihre Schwester Betty die Pläne indes mit einiger Skepsis. Doch nach und nach verwandelt sich das Land, und Tausende Birken, Sibirische Lärchen, Beerensträucher sowie ein kleiner Obsthain wachsen.

Im Dorf spricht sich die neue Anwohnerin mit einer berühmten Schauspielerin als Mutter herum, schließlich kennt hier jeder jeden. Nachbar Álfur, Schafbauer und Bruder der früheren Besitzerin, schaut sich Albas ökologische Umtriebe regelmäßig genauer an. Håkon, Inhaber des Dorfladens, vermittelt ihr nicht nur die richtigen Handwerker, er fragt sie, ob sie nicht Flüchtlinge in Isländisch unterrichten will. Alba lernt so den 16-jährigen Danyel kennen, der ohne Eltern nach Island gekommen war.

Klimawandel und Migration

In „Eden“ verarbeitet Ólafsdóttir viele verschiedene Themen wie Klimawandel, Migration und den schmutzigen Handel mit Wasser, aber auch die Sprache, die Liebe zu ihr und deren Wandel. Wer den Roman liest, wird eine kleine Lektion in Isländisch erfahren, das von gerade mal etwa mehr als 300.000 Menschen weltweit gesprochen wird. Der Lesende findet Wörter, Hinweise zu ihrer Herkunft und sogar Deklinationstabellen. Trotz ernster Themen schwingt im Roman ein ganz spezieller, allerdings nie spöttischer Humor mit. Ólafsdóttir nimmt ihr Heimatland mit gewissem Augenzwinkern auf die Schippe, wenn sie darüber erzählt, dass gefühlt jeder Isländer ein Buch schreibt oder schreiben will. So manches Krimi-Manuskript, das Alba erhält, stammt aus der Feder eines Politikers. Im Dorfladen finden die Linguistik-Bücher, die die Protagonistin und Ich-Erzählerin nach ihrem Umzug kistenweise loswerden will, reißenden Absatz. Das nordische Literaturland lässt grüßen!

„Wozu Kommas benutzen? Die Lehrerin in mir würde antworten: um aus einem Loch in der Eisdecke aufzutauchen und nach Luft zu schnappen. Sich um zuschauen. Festzulegen, wohin die Reise als Nächstes gehen soll.“

Auður Ava Ólafsdóttir, 1958 in Reykjavik geboren, zählt zu den angesehensten Schriftstellerinnen ihres Landes. Sie schreibt Romane, Theaterstücke und Gedichte. Ihre Werke wurden bereits vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit den Prix Médicis étranger. Für „Hotel Silence“ („Ör“) wurde sie mit dem renommierten Literaturpreis des Nordischen Rates geehrt. Bereits 2016 bekam sie dafür den Isländischen Literaturpreis verliehen. Die deutsche Übersetzung ihres Romans „Eden“ von Tina Flecken war für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominiert.

„Danach fragt er mich nach meiner Lieblingsfarbe und vor welchem Tier ich am meisten Angst hätte. Ich antworte Lila und der Mensch. Dann gesteht er mir, dass er Gedichte schreibt.“

Ein großes Thema vereint indes alle Themen des Romans. Es geht um stetigen Wandel und Veränderungen – ob im Leben jedes Einzelnen oder auf der ganzen Welt. Darüber hinaus beschäftigt sie sich mit der Frage nach dem Ort fürs Leben. Die Isländerin findet dafür einen ganz speziellen Ton und gibt ihrer sehr szenisch angelegten Geschichte gefüllt mit markanten Charakteren reichlich Wärme, Menschlichkeit und Hoffnung. Was wir in der heutigen Zeit wohl besonders gebrauchen können.


Auður Ava Ólafsdóttir: „Eden“, erschienen im Insel Verlag, in der Übersetzung aus dem Isländischen von Tina Flecken; 251 Seiten, 25 Euro

Foto von Dima Solomin auf Unsplash

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