Judith Fanto – „Der Betrachter“

„In mir war es Nacht.“

Es hätte eine Freundschaft für das ganze Leben werden können, als Hermann, Béla, Lotte, Bertl, Max und Franzi sich im Sommer 1917 in einer Jugendherberge in Altaussee kennenlernen. Eine eingeschworene und unzertrennliche Gemeinschaft entsteht in jenen sechs Sommern – trotz unterschiedlicher Herkunft, Interessen, Meinungen. Die gemeinsamen Aufenthalte in der Sommerschule in der Steiermark prägen sie für immer.

Wenn die Stimmung kippt

Aus Jugendlichen werden Erwachsene. Nach dem Aus der musikpädagogischen Sommerschule und einem späteren freudigen Wiedersehen und Wiederfinden in Wien wird jedoch alles anders: Das alte Kaiserreich zerbricht, eine antisemitische Stimmung macht sich breit, Hitler marschiert in Österreich ein. Der schwule Béla, Max, Spross einer jüdischen Familie, und Franzi, eine jüdische Sozialdemokratin, müssen um ihr Leben bangen. Bertl und Lotte, mittlerweile ein Paar, finden hingegen am Nationalsozialismus Gefallen und sehen ihre Zeit gekommen. Die Stimmung in der Gruppe kippt. Hermann steht zwischen den Stühlen und wird unfreiwillig zum Betrachter der Ereignisse, wobei er letztlich weiß, auf welcher Seite er zu stehen hat.

Die niederländische Autorin Judith Fanto holt für die Geschichte ihres neuen Romans „Der Betrachter“ weit aus. Nicht nur Österreich, sondern auch die Niederlande werden zu Schauplätzen, was sich auch mit Blick auf ihre Biografie erklären lässt. Hermann wird als Sohn einer Niederländerin und eines österreichischen Offiziers, der letztlich wegen seines Hangs zum Alkohol unehrenhaft entlassen wird, geboren. Als seine Mutter und seine Großmutter tragisch versterben, holt ihn seine missliebige Tante nach Österreich, wo Hermann, von allen Manno genannt, weiter aufwächst. Seine zeichnerische Begabung wird ihn später den Weg zur Kunstakademie ebnen, wo er zum Restaurator ausgebildet wird und schließlich auch lehrt.

Detailfreudiger und aufmerksamer Blick

Manno übernimmt die Rolle einen aufmerksamen und mit einem detailfreudigen Blick ausgestatteten Ich-Erzählers, ist quasi Chronist der Ereignisse, die mehrere Jahrzehnte rund um den Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie den Aufstieg des Faschismus umfassen und von denen er im Nachgang berichtet. Vielleicht kann der eine oder andere Lesende schon etwas vom Lauf der Dinge erahnen angesichts der im Text erwähnten Jahreszahlen. Die emotionale Wucht bleibt – und erschüttert zusehends mit jedem Schickalsschlag, der die Freunde ereilt – verursacht durch Verrat, Lügen und abgeklärtes wie unmoralisches Kalkül.

„In der natürlichen Ordnung tragen selbst kleinste Details zum großen Ganzen bei.“

Fanto erweist sich als große Meisterin in der spannungsgeladenen Schilderung der unterschiedlichen Beziehungen, ihren Besonderheiten und Dynamiken im Laufe der Zeit. Vor allem zwischen Manno und Béla wächst die Nähe. Beide ziehen auf ihren Duftstreifzügen – Béla kreiiert Parfüms – durch Wien, ohne dass jedoch daraus eine sexuelle Beziehung erwächst. Manno versucht ihn zu beschützen, nachdem die Schwulen-Szene zusehends ins Visier der Gestapo gerät. Auch Max und Franzi wird er später entscheidend helfen. Aus dem zuerst passiven Beobachter wird ein Lebensretter, dem jedoch die dunkle Zeit zusehends verzweifeln lässt.

Kein Leben lassen diese politischen wie gesellschaftlichen Verwüstungen unberührt, auch Mannos nicht, der schließlich Österreich verlässt und in die Niederlande zurückkehrt, wo er zum Zeugen der schrecklichen Folgen der deutschen Besatzung wird und an der Rettung niederländischer Kunstschätze beteiligt ist. Bertl und Lotte führen hingegen mittlerweile das Bilderbuch-Leben einer nationalsozialistischen Familie, die ein menschenverachtendes Weltbild über jegliche Integrität und Mitmenschlichkeit stellt, um aufzusteigen.

„Unserem Dasein liegen keine festen Strukturen oder mathematischen Muster zugrunde, und das Leben führt nicht zu vorhersehbaren Ergebnissen – dafür ist der Mensch viel zu opportunistisch und unmoralisch.“

Fanto, 1969 als Geertje Judith van den Heuvel in Delft geboren, studierte in Nimwegen, Amsterdam und London und arbeitet als Juristin und Rednerin. 2020 erschien mit „Viktor“ ihr Debüt, das auf den Schicksalen ihrer Wiener jüdischen Familie basiert, sich in den Niederlanden erfolgreich verkaufte und mehrere Übersetzungen, so auch ins Deutsche, erfuhr. Fanto ist der Name ihrer Vorfahren, den sie als Pseudonym verwendet.

„Der Betrachter“, ein tiefgründiger wie sinnlicher Roman, schließt nicht mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die einstigen Freunde treffen sich wieder. Die einen gezeichnet von Trauer ob menschlicher Verluste, die anderen völlig frei von jeglichem Schuldbewusstsein. Am Ende stellt sich nicht nur die Frage nach Schuld und Gerechtigkeit, sondern speziell für den Leser auch die Frage, auf welcher Seite hätte man selbst gestanden. Eine Frage, die wohl kaum aktueller sein könnte.


Judith Fanto: „Der Betrachter“, erschienen im Kein & Aber Verlag, in der Übersetzung aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt; 464 Seiten, 26 Euro

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2 Kommentare zu „Judith Fanto – „Der Betrachter““

  1. Mich beschäftigt vor allem Manno als „Betrachter“. Das klingt zunächst angenehm passiv, fast wie eine Charaktereigenschaft, die niemandem wehtut. Nur lässt sich Geschichte bekanntlich schlecht aus sicherer Entfernung betrachten, sobald die Menschen neben einem plötzlich verfolgt werden.

    Gerade deshalb scheint mir der Übergang vom Beobachter zum Helfenden der interessanteste Punkt. Man kann lange glauben, Haltung bestehe vor allem darin, die Dinge richtig zu erkennen. Irgendwann genügt Erkennen aber nicht mehr.

    Besonders bitter ist, dass andere aus demselben Freundeskreis den entgegengesetzten Weg nehmen und den Nationalsozialismus nicht nur hinnehmen, sondern für den eigenen Aufstieg nutzen.

    Vielleicht liegt darin die unangenehme Frage des Romans:

    Nicht, was man damals gedacht hätte.

    Sondern ab welchem Punkt man aufgehört hätte, nur Betrachter zu sein.

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    1. Diese Entwicklung vom passiven Zuschauer zum aktiven Handelnden finde ich auch die maßgebliche Entwicklung des Romans und sehr interessant. Mich haben vor allem die Folgen des Nationalsozialismus/Faschismus einmal mehr erschreckt, auch angesichts der aktuellen Lage. Vor allem war für mich erschütternd, wie die spätere Generation die Phrasen der Eltern wiederholt, ohne dass ein Einsehen geschehen ist und die Täter sich als Opfer angesehen haben. Ich werde mir jedenfalls auch den früheren Roman von Fanto noch kaufen und lesen. Viele Grüße und vielen Dank für den Kommentar

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