Ron Rash – „Der Friedhofswärter“

„Es hatte Blackburn immer berührt, dass etwas so Fragiles wie eine Blume die Toten länger ehren konnte als Stein. Länger als die Erinnerungen sogar, viel länger.“

Er ist jung, die Toten und ihre letzte Ruhe sind für ihn Alltag. Blackburn Gant ist gerade mal 16, als er Friedhofswärter in dem kleinen Ort Blowing Rock in North Carolina wird. Es sind die 50er-Jahre. Nach dem großen weltumspannenden Krieg ziehen erneut junge Männer an die Front. Blackburns Freund Jacob kämpft auf der anderen Seite der Erde in Korea. Als er lebend, aber versehrt zurückkommt, ist nichts mehr, wie es war. Ron Rash erzählt in seinem Roman „Der Friedhofswärter“ von einer ungeheuerlichen Intrige, aber auch von bedingungsloser Freundschaft und Loyalität.

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Elsa Morante – „La Storia“

„Du hast jetzt traurigere Augen.“ 

Vielleicht mag die kommende Frankfurter Buchmesse im Oktober Anlass sein, dass man „La Storia“ von Elsa Morante (1912-1985), einer der großen italienischen Romane des 20. Jahrhunderts, in einer Neuübersetzung wieder- und neuentdecken kann und sollte. Schließlich steht die Literatur vom „Stiefel“ im Mittelpunkt, Italien ist Gastland. Aber der Wälzer mit seinen mehr als 700 Seiten ist und bleibt eines: aktueller denn je. An vielen Stellen der Welt herrscht Krieg, der je nach Schauplatz mehr oder weniger Schlagzeilen erzeugt. Vom gewaltvollen Aufeinanderprallen von Mächten, dem keiner entfliehen kann, handelt Morantes Meisterwerk, das mich tief berührt hat wie zuletzt kein Buch. „Elsa Morante – „La Storia““ weiterlesen

Ross Macdonald – „Wer findet das Opfer“

„Der Tod schnatterte mir ins Ohr.“

Ob er in der heutigen Zeit womöglich überlebt hätte? 1954 gab es weder Handys für den schnellen Notruf noch Rettungshubschrauber. So stirbt Tony Aquista trotz eines Helfers, der ihn im Straßengraben am Highway aufliest, wenig später im Krankenhaus. Lew Archer, seines Zeichens Privatdetektiv, der eigentlich auf dem Weg nach Sacramento ist, sammelt den jungen Mann in der kalifornischen Pampa nahe der Kleinstadt Las Cruces auf. „Ross Macdonald – „Wer findet das Opfer““ weiterlesen

José Henrique Bortoluci – „Was von meinem Vater bleibt“

„Wörter waren die Geschenke, die mir mein Vater in meiner Kindheit in seinem Lkw mitbrachte.“ 

Seinen Vater sieht er in seiner Kindheit selten. José „Didi“ Bortoluci ist Fernfahrer, auf den Straßen Brasiliens unterwegs; meist mehrere Wochen am Stück. Der Truck ist beladen mit den unterschiedlichsten Gütern: Waren wie Kastanien und Wein, Werkzeug, Maschinenteile und Baumaterial, das zu großen Bauprojekten gebracht werden muss. Didi ist einer von vielen, die im vergangenen Jahrhundert für den Aufbau des südamerikanischen Landes arbeiteten, der zugleich einen gigantischen Raubbau bedeutete und kostbare Naturschätze unwiderruflich zerstört hat. Der Soziologe José Henrique Bortoluci erzählt in „Was von meinem Vater bleibt“ die Geschichte seines Vaters und verknüpft sie mit der jüngsten Historie Brasiliens.

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Im Duett #6: Percival Everett „James“ & „Erschütterung“

„Hat nich jeder Mensch das Recht, frei zu sein?“, fragte Huck.

1884/85 erschien ein Buch, das wohl in sehr vielen Regalen steht, oft verfilmt wurde und den späteren Ruhm des amerikanischen Schriftstellers Mark Twain (1835-1910) begründet hat: „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“. Dessen Landsmann und Literaturnobelpreisträger Ernest Hemingway stellte das Werk gar an den Anfang der gesamten neueren amerikanischen Literatur. Percival Everett, der mit seinem Roman „Erschütterung“ hierzulande einem breiteren Publikum bekannt wurde, greift die weltbekannte Geschichte nun auf, erzählt deren Geschehnisse allerdings anders: aus der Sicht des Sklaven Jim. Es wird Zeit für einen Autor „im Doppelpack“, denn beide Bücher des US-amerikanischen Autors habe ich nacheinander – quasi in einem Rutsch -, aber vor allem mit sehr viel Begeisterung gelesen.

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Rosa Liksom – „Über den Strom“

„Er sagte, der Krieg überrascht ein Volk immer, auch wenn die hohen Herren schon seit Jahren zündeln.“

Sie sind auf der Flucht. Das Mädchen und seine Kühe. Gemeinsam mit weiteren Dorfbewohnern verlässt die junge Ich-Erzählerin das Land, um über den Fluss nach Schweden zu kommen. Wo bereits die Mutter und der Onkel in Sicherheit sein sollen. Die Stiefbrüder sind im Krieg gefallen, der Vater ist noch an der Front. Er hatte der Familie während seines Evakuierungsurlaubs zum Weggang geraten. Das Mädchen ohne Namen ist gerade mal 13 Jahre alt – und auf sich allein gestellt.  „Rosa Liksom – „Über den Strom““ weiterlesen