Familienmensch?! – Karl Ove Knausgård "Lieben"

„Nichts anderes war gut genug, nichts anderes ging. Nur dorthin, zum Wesentlichen, zum innersten Kern menschlicher Existenz würde ich mich bewegen.“ 

Das Leben zieht seine Bahn, füllt den Alltag mit Menschen und Dingen, Begegnungen und Erlebnissen. Nach dem ersten Kind folgt das zweite. Die Stadt wird verlassen, um in eine andere zu ziehen. Freundschaften verstärken sich oder werden gebrochen. Auch wenn dieser Lauf für viele bekannt erscheint, nichts Spannenderes zum Erzählen gibt es. Einer beweist es: der Norweger Karl Ove Knausgård. Sein auf sechs Bände angelegtes Romanprojekt „Min kamp“ feiert Erfolge – nicht nur in seinem nordischen Heimatland. Mittlerweile soll das Virus auch den Rest Europas und Teile Amerikas befallen haben. Nach dem ersten Band „Sterben“, wo der Autor vor allem den Tod seines alkoholabhängigen Vaters in den Mittelpunkt stellt, ist vor einiger Zeit der zweite Band „Lieben“ als Taschenbuch erschienen. „Familienmensch?! – Karl Ove Knausgård "Lieben"“ weiterlesen →

(Zu)Flucht – Lutz Seiler "Kruso"

„Niemand kann dir das Sehen verbieten, niemand kann dir die Sehnsucht verbieten, schon gar nicht bei Sonnenuntergang.“

Ed macht sich aus dem Staub. Er verschwindet aus dem eigenen Alltag, verlässt nach dem Unfalltod seiner Freundin in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ die Stadt, sein Studium, das bekannte Umfeld und landet mit auf der Insel Hiddensee. Ein mythischer Glanz umgibt das kleine Eiland nahe Rügen – als schönste Perle in der Ostsee und umschwärmt von Touristen, als Ort der Inspiration für große Denker wie Gerhard Hauptmann, als letzte Bastion vor dem Westen. Die Insel ist Grenzgebiet und wird streng überwacht. „(Zu)Flucht – Lutz Seiler "Kruso"“ weiterlesen →

Wie die Jahre ziehen – Robert Seethaler "Ein ganzes Leben"

„Der Mensch ist oft allein in dieser Welt.“

Woher er kommt, das weiß er nicht mehr. Auch sein richtiges Geburtsdatum ist nicht bekannt. Als Kleinkind wird Andreas Egger vom Bauer Kranzstocker aufgenommen (und ziemlich oft mit der Haselnuss-Gerte verdroschen). Seine Mutter stirbt an der Schwindsucht, sein eigenes Leben nimmt seinen Lauf inmitten der einzigartigen Bergwelt der Alpen. Und die wird er im Laufe seiner sieben Lebensjahrzehnte nur einmal verlassen – um in den Krieg zu ziehen. Erst einige Jahre später kehrt er zurück nach Krieg und Kriegsgefangenschaft. Aber er lebt, viele andere nicht. „Wie die Jahre ziehen – Robert Seethaler "Ein ganzes Leben"“ weiterlesen →

Kreuzende Lebenswege – Nicolas Dickner "Nikolski"

„Jede Sekunde, jeder Augenblick vollzog sich zum ersten und zum letzten Mal. Es war unmöglich, diesen Prozess zu unterbrechen, umzukehren oder eine Sicherheitskopie davon zu erstellen.“

Die Welt ist voller Bücher und voller Überraschungen. Manchmal kommt auch beides zusammen, überrascht ein Buch oder es gibt eine Überraschung mit einem besonderen Buch. Als ich in einer Bücherkiste in einem Freibad nach dem Roman „Nikolski“ von Nicolas Dickner griff und ihn wenig später auch las, erlebte ich nicht nur schöne Lesestunden, sondern auch eine wunderbare Überraschung. Der Name des Autors sagte mir bis dato nichts. Der Klappentext verhieß, dass es sich um einen Bestseller aus Kanada handelte. Nun gut, ab und an sollte man den Versprechungen der Verlage nicht unbedingt vertrauen. Aber in diesem Fall schon. „Kreuzende Lebenswege – Nicolas Dickner "Nikolski"“ weiterlesen →

Beschützerinstinkt – Derek B. Miller "Ein seltsamer Ort zum Sterben"

„Seine Erinnerungen wurden mit dem Alter einfach immer lebendiger. Die Zeit verstrich auf eine neue Art. Wenn man keine Zukunft mehr hat, besinnt sich der Geist auf sich selbst. Das war keine Demenz. Es war die einzige rationale Antwort auf das Unvermeidliche.“ 

Das Leben liegt nahezu hinter ihm. Doch noch einmal wagt das Schicksal Sheldon heraus – mit einem gewaltigen Satz auf die andere Hälfte der Weltkugel geht es für ihn von New York nach Norwegen, wo seine Enkelin Rhea, verheiratet mit einem Norweger, mittlerweile lebt. Sheldons Frau ist zuvor gestorben, ihr gemeinsamer Sohn schon längst tot. Im Vietnam-Krieg hat er als Soldat sein Leben gelassen, angetrieben von den Ermunterungen seines Vaters. Jetzt könnte der kauzige Amerikaner seinen Ruhestand in einem der reichsten Länder der Welt verbringen, Norwegisch lernen, frischen Fisch genießen. „Beschützerinstinkt – Derek B. Miller "Ein seltsamer Ort zum Sterben"“ weiterlesen →

Bild des Lebens – Donna Tartt "Der Distelfink"

„Aber ist es nicht immer das Unpassende, das, was nicht so recht funktioniert, was uns komischerweise am liebsten ist?“

Wenn die Welt um einen zusammenbricht, hält man sich am Unbekannten fest, weil das Bekannte nicht mehr existiert. Theo macht diese schmerzliche Erfahrung. Gemeinsam mit seiner Mutter besucht der 13-Jährige das New Yorker Metropolitan Museum of Art mit berühmten Kunstwerken der Malerei. Vor allem ein Bild hat es Theos Mutter angetan: die kleine Miniatur „Der Distelfink“ des holländischen Malers Carel Fabritius (1622-1654), eines der wenigen Gemälde, die von dem Künstler geblieben sind. Bei einer Explosion der Delfter Pulvermühle 1654 starb nicht nur Fabritius. Ein Großteil seiner Werke wurde bei dem Unglück vernichtet. Auch Theo erlebt eine Explosion – mehr als drei Jahrhunderte später: Eine Bombe geht im Museum in die Luft. Seine Mutter stirbt, mit dem Ölgemälde unter der Jacke flieht Theo aus dem Museum. „Bild des Lebens – Donna Tartt "Der Distelfink"“ weiterlesen →