Vier Jahre Grauen – Peter Englund "Schönheit und Schrecken"

„Dies ist der Krieg. Nicht die Gefahr zu sterben, nicht das rote Feuerwerk der Granaten, die blind machen, wenn sie mit einem Heulen herunterkommen und einschlagen, sondern das Gefühl, eine Marionette in den Händen eines unbekannten Puppenspielers zu sein (…).“

Der Jubel ist größer als die Skepsis und die Furcht zusammen. Europa taumelt mit unbändiger Freude in einen Krieg, der Städte und Staaten, ganze Kontinente mit sich reißen wird. 100 Jahre sind vergangen seit Beginn des Ersten Weltkrieges. Und unter den zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema leuchtet ein besonderes Buch heraus. Es lässt sich schwer in normale literarische Kategorien einordnen, ist nicht nur Chronik und Sachbuch, sondern Tagebuch und Roman zugleich. In seinem Band „Schönheit und Schrecken“ nimmt der Schwede Peter Englund den Leser mit in jene Zeit und macht ihn vertraut mit 19 unterschiedlichen Menschen, die es wirklich gegeben hat. „Vier Jahre Grauen – Peter Englund "Schönheit und Schrecken"“ weiterlesen

Das (Un)Gewöhnliche – Jón Kalman Stefánsson "Das Licht auf den Bergen"

„Die Träume des Dichters erscheinen am Himmelsgewölbe. Ihr anderen seht auf!“

Irgendwo im Westen Islands. Irgendwann Ende der 70er Jahre. Die Bewohner eines kleinen Ortes aus verstreuten Bauernhöfen bestehend leben ihren Alltag und lieben ihre Gewohnheiten: die hingebungsvolle Pflege ihrer Tiere, der Blick auf die Weite des Landes, der Kaffee zum Nachmittag und das süße Schmalzgebäck. Dazwischen liegen die Dunkelheit und die Sterne, der Schnee und der Regen. Manchmal findet sich auch ein Vogel ein, oder ein Troll. „Das (Un)Gewöhnliche – Jón Kalman Stefánsson "Das Licht auf den Bergen"“ weiterlesen

Unzertrennlich – Abraham Verghese "Rückkehr nach Missing"

„(…) daß alles, was man sieht und tut und berührt, jeder Samen, den man aussät oder nicht aussät, Teil der eigenen Bestimmung wird (…).“

Sie nennen sich ShivaMarion. Gemeinsam auf die Welt gekommen, in nur wenigen Sekunden Abstand, bleiben sie viele Jahre unzertrennlich. Was die beiden eineiigen Zwillingsbrüder Shiva und Marion vereint, ist nicht nur ein identisches Aussehen und ein gemeinsames Schicksal, sondern auch eine Heimat – Addis Abeba, die Hauptstadt Äthiopiens. Ihr Zuhause ist das christliche Hospital Missing. Ihre Mutter, die engagierte aus Indien stammende Schwester Mary Joseph Preise, ist bei der Geburt gestorben, ihr Vater, der geschätzte englische Chirurg  Thomas Stone, hat nur wenige Minuten nach der schweren und unheilbringenden Entbindung das Weite gesucht, vom Schmerz zerissen, angesichts des Todes seiner großen Liebe.

Mit jenem tragischen Lebensanfang der zwei Brüder nimmt das Schicksal und der Roman „Rückkehr nach Missing“ von Abraham Verghese seinen Lauf. Shiva und Marion wachsen in der Obhut der Hebamme Hema und des künftigen Chirurgen Gosh auf. In einem traditionsreichen Land, das sich stolz auf seine Unabhängigkeit zeigt, allerdings von Konflikten, einem Vielvölkergemisch und Armut geprägt ist. All das schlägt sich nieder im Leben der Brüder, die in der geschützten Atmosphäre aufwachsen und von allen Hospital-Mitarbeitern nahezu vergöttert werden. Mit der Zeit erfahren die beiden eine Abnabelung voneinander. Es ist Marion, der die Geschichte erzählt und von den wachsenden Unterschieden zu seinem Bruder berichtet. Der Spalt wird größer, als Marion sich in Genet verliebt, die Tochter der Dienerin Rosina. Doch Shiva drängt sich dazwischen – ein Verhalten, das vermutlich ungewollt das Leben beider verändert. Denn als Genet sich in der eritreischen Volksbefreiungsfront aktiv wird, muss Marion aus dem Land fliehen, das nach einem Machtwechsel nun unter der Herrschaft eines Militärdiktators steht. New York wird Marions zweite Heimat, in einem Krankenhaus versieht er als Mediziner seinen Dienst. Mit den Jahren steigt er die Karriereleiter hinauf, während sein Bruder Tausende Kilometer entfernt Hema bei ihrer Arbeit unterstützt und zu einem Experten in seinem Fachgebiet wird. Doch ein tragisches Ereignis bringt nicht nur beide wieder zusammen, sondern auch ihren Vater zurück in die Familie.

Doch ein guter Familienroman kennt kein Happy-End, keine Sicherheit für seine Helden. Und „Rückkehr nach Missing“ ist ein besonders guter Familienroman, der einen zeitlichen Faden von dem Ende der 50er Jahre bis in die 90er Jahre zieht. Erneut muss der Leser mit dem Schicksal der beiden Zwillingsbrüder hadern, das auf eine Art ein versöhnendes Ende nimmt, aber erneut einen schmerzlichen Verlust fordert. Die Gefühle fahren Achterbahn, denn ergreifend und ungemein spannend ist das Buch bis zum Schluss. Verghese, selbst in Äthiopien aufgewachsen und als Mediziner praktizierend, weiß seine Helden wunderbar zu formen, ihnen einen eigenen Charakter, eine eigene Lebensgeschichte zu geben und sie in ein farbenprächtiges Panorama zu setzen, ohne die Armut und das Elend im Land zu verhehlen. Sicherlich auch Dank seiner eigenen Erfahrungen und Erlebnisse. In diesem Buch wie festgesogen, wird der Leser Teil der Geschichte, er sieht nicht nur das Hospital, das quirlige Leben in Addis Abeba, sondern riecht auch die verschiedenen Gerüche, hört die Geräusche von Menschen, Tieren und Fahrzeugen. Zudem gibt der Autor Einblicke in die Medizin der damaligen Zeit. „Rückkehr nach Missing“ ist ein besonderes Buch, weil es sehr viel Wissen rund um das Land und Geschichte sowie ergreifende Geschehnisse in einem großartig erzählten Epos vereint.     

„Rückkehr nach Missing“ von Abraham Verghese erschien bereits als Taschenbuch im Insel Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz.
839 Seiten, 9,99 Euro
  

Oben – John Boyne "Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket"

Schon als Baby strebt Barnaby nur in eine Richtung: nach oben. Bereits wenige Sekunden alt, kann nur die Decke des Kreißsaales das Neugeborene aufhalten. Seine ganz normalen Eltern Alistair und Eleanor sind aus dem Häuschen: Ihrem jüngsten Kind sind die Gesetze der Schwerkraft schnurzpiepegal. Es schwebt wie eine Feder. Nur mittels Sandsäcken oder Leinen verliert er den Kontakt zum Boden nicht. Matratzen an der Decke verhindern, dass sich das Kind verletzt. Und das wird sich auch im Laufe der Jahre nicht ändern, da helfen weder die Wutausbrüche der Eltern noch drakonische Maßnahme wie der Aufenthalt im Heim für unerwünschte Kinder etwas. Barnaby ist und bleibt anders, Aber das ist gut so, denn sonst hätte er gar nicht jene unglaublichen Abenteuer erleben können, die John Boyne niedergeschrieben hat.

Bekannt ist der irische Autor vor allem durch seinen Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“ geworden, der auch verfilmt wurde. Und auch jene Geschichte rund um Barnaby und seine achso-normale Familie ist eine ganz besondere. Zwar findet sich darin nicht der Schrecken der Geschichte wieder, dafür aber ein alltägliches Thema auf spezielle Weise erzählt. Denn dass seine Erfahrungen auch andere erleben, dass Menschen mit besonderen Eigenschaften ausgegrenzt werden – sowohl von der Gesellschaft als auch von der eigenen Familie -,  muss Barnaby erfahren, der von der Mutter  auf heimtückische Art zurückgelassen wird und unfreiwillig zu einer Reise rund um die Welt aufbricht. Vom heimischen Sydney geht es nach Südamerika und Nordamerika, schließlich  nach Europa und Afrika. Ganz fantastisch wird es mit einem Ausflug in den Weltraum, wo er auf die Besatzung einer multinationalen Weltraumstation stößt. Barnaby lernt Menschen kennen, die ebenfalls „anders“ sind. Da sind Ethel und Marjorie, die mit einem Ballon reisen, in Brasilien eine eigene Kaffeeplanatage führen, da ist der New Yorker Künstler, der, um finanziell über die Runden zu kommen, die Scheiben der Wolkenkratzer putzt, oder der Kunstkritiker, der als Kind bei einem Brand schwer im Gesicht  verletzt und deshalb von der Familie ausgestoßen wird. Während die Geschichten rund um Barnabys „Leidensgenossen“ durchaus realistisch sind, brachte der Autor die Erlebnisse des Jungen mit viel Fantasie und Humor aufs Papier. 

Boyne hält der Gesellschaft einen Spiegel vor, ohne jedoch daran wirklich zu glauben, dass das herzlose und intolerante Verhalten gegenüber andersartigen Menschen sich in absehbarer Zukunft ändern wird. Dafür spricht der Schluss des Buches und die Melancholie, die an einigen Stellen immer wieder durchscheint. Für seinen eigenen weiteren Lebensweg nach der Weltreise und der Rückkehr nach Sydney weiß Barnaby nur den geliebten Familienhund Captein W.E. Johns an seiner Seite, dem es schnuppe ist, ob der Junge nun schweben kann oder mit beiden Beinen auf der Erde steht.  

Der Roman bietet sowohl für Kinder als auch Erwachsene ein einzigartiges Abenteuer, das mit viel Fantasie und Humor geschrieben ist, aber auch auf liebevolle sowie berührende wie nachdenkliche Weise die Erlebnisse des besonderen Jungen schildert. Zudem ist das mit herrlichen Illustrationen von Oliver Jeffers gestaltete Buch auch ein Plädoyer, das eigene Anderssein mit Mut und Durchsetzungskraft zu verteidigen.

„Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket“ von John Boyne erschien im Fischer Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Adelheid Zöfel.
288 Seiten, 14,99 Euro

Zerbrochen – Jonathan Franzen "Schweres Beben"

„Wie tief sie alle in die Welt gebettet waren, wie tief sie selbst  es war – ein Dasein nicht auf der dünnen Haut der Welt, sondern tief in ihr, in einem Ozean aus Atmosphäre und wogenden Bäumen (…).“

Die Erde rund um Boston wird von einem Erdbeben erschüttert. Das einzige Todesopfer ist Rita, die letzte Frau des vermögenden Jack Kernaghan, Vorstandmitglied des Chemiekonzerns Sweeting-Aldren. Das Unternehmen ist reich geworden wurden durch Lycra-Kunststoff in Bademoden sowie Entlaubungsmittel, das im Vietnam-Krieg zum Einsatz kam. Rita fiel sturzbetrunken vom Stuhl, als die Erde zitterte. Weitere Beben folgen. Von da an zeigen sich auch innerhalb der Familie Holland erste Risse, die als Erben vor einem riesigen Geldvermögen in Form von Sweeting-Aldren-Aktien stehen – die kleinen und großen familiären Tragödien, für die Jonathan Franzen als Autor des 2001 mit dem National Book Award gekrönten Romans „Die Korrekturen“ bekannt ist, nehmen bereits in seinem zweiten, einige Jahre zuvor erschienenen Roman „Schweres Beben“ ihren Lauf.

Während Mutter Melanie nicht weiß, was sie mit dem bald fließenden Reichtum von knapp 22 Millionen Dollar anfangen soll, erhält Tochter Eileen regelmäßige Finanzspritzen aus Mutterhand, Sohn Louis indes geht leer aus. Selbst dann, als er seinen Job als Radiotechniker verliert, nachdem der Prediger Stites die Station übernimmt, um für seine Gemeinde und seine Anti-Abtreibungskampagne die Werbetrommel zu rühren. Louis‘ einziger Trost: die neue Beziehung zu Renée, die einige Jahre älter und als Seismologin an der Harvard-Universität tätig ist. Sie stößt bei ihren Forschungen auf nahezu Unglaubliches: Das Unternehmen Sweeting-Aldren verursacht die Erdstöße, in dem sie giftigen Restmüll kilometertief in die Erde pumpen. Innerhalb ihrer Forschungen lässt Louis Renée sitzen, nicht weil ihm das Ganze zu heiß wird, sondern weil seine frühere Freundin Lauren plötzlich auftaucht.

Schon jetzt wird klar, in diesem Roman gibt es kaum eine ruhige Minute. Alles ist immerzu in Bewegung, die Erde bebt, die Menschen nähern sich an, um sich wenig später wieder abzustoßen. Hinzu kommt der Blick auf das Gesamtgesellschaftliche und die Geschichte des Landes. Beide Themen umhüllen und durchwirken die Entwicklung in der Familie und die Katastrophen. Franzens Blick ist kritisch, sein moralischer Zeigefinger ein hoch erhobener: Er klagt die Ausbeutung und Verschmutzung der Erde an, die in der Neuen Welt schon begonnen hat, als erste Siedler das Land in Beschlag genommen hatten, um nicht nur von den Schätzen des Landes zu leben, sondern auch Profit aus ihnen zu erzielen. Diese Gier findet sich nun wieder im neuen Vorstand von Sweeting-Aldren, der nicht nur weiter, an den Forderungen des Umweltamtes vorbei, Gift in die Tiefe abpumpen lässt, sondern auch in der Seismologin eine Gefahr sieht. Renée wird angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Und selbst dann kehrt keine Ruhe ein: die Erde bebt ein weiteres, stärkeres Mal. Allerdings in jenem Moment, wo Louis – in der Zwischenzeit zu Renée zurückgekehrt -,seine Schwester Eileen und ihr Verlobter Peter dessen Vater,  den Unternehmsvorstand Stoorhuys, in die Mangel nehmen.

Ohne Frage – das Buch ist trotz einiger Längen wegen einiger (moral)-philosophischer Abhandlungen sehr spannend, und Franzen erweist sich als ein begnadeter Erzähler, der für den Blick auf die Charaktere und ihr Innenleben nicht nur zur Lupe, sondern vielmehr zum Mikroskop greift, und die Familiengeschichte in das ganz große Gesellschaftliche einbettet. Am Ende ist jeder gezeichnet – sowohl von den ungeheuren Kräften der Erde als auch von den Brüchen und Konflikten innerhalb der Familien, die aufgrund eigener Fehleinschätzungen und charakterlicher Schwächen entstanden sind. Für Louis Beziehung zu seiner Liebe Renée deutet sich indes eine positive Wende an, die den Katastrophen-Gesellschafts-Familien-Roman noch mit einer berührenden Liebesgeschichte „würzt“. Und auch die Vorstandsmitglieder von Sweeting-Aldren geht es nach der verheerenden Katastrophe im Übrigen blendend – so viel sei an dieser Stelle schon einmal verraten.

„Schweres Beben“ erschien 2006 im Rowohlt Taschenbuch Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Thomas Piltz.
688 Seiten, 9,99 Euro

Wunschkind – Eowyn Ivey "Das Schneemädchen"

Der Schnee macht aus Mabel und Jack wieder Kinder. Sacht und leise fallen die Flocken, die Kälte beißt, während das Ehepaar sich mit Schneebällen bewirft, um im Rausch dieser Leichtigkeit schließlich eine Figur zu formen. Ein Schneemädchen entsteht – mit einem niedlichen Gesicht sowie wärmenden Fäustlingen und einem Schal. Am nächsten Tag ist das Mädchen zerstört, Handschuhe und Schal sind spurlos verschwunden. Wer kann in der Wildnis Alaskas, wo die nächsten Nachbarn mehrere Kilometer entfernt wohnen, dies getan haben, fragen sich die beiden. Eine Antwort erhalten sie wenig später: Ein blondes kleines Mädchen taucht plötzlich auf.

Für das Paar geht ein Wunsch in Erfüllung. Sie sehnen sich nach einem Kind, nachdem ihr Sohn vor zehn Jahren leblos auf die Welt kam. Vor allem Mabels Wunsch war es daraufhin, die Heimat im Osten der USA zu verlassen, um im hohen Norden ein neues Leben als Siedler an der neu entstehenden Eisenbahnstrecke zu werden. Das Schneemädchen – so heißt auch der Roman der Autorin Eowyn Ivey – nimmt das Paar auf wie eine Tochter, doch Faina zieht es rätselhafterweise nach kurzen Besuchen im Holzhaus immer wieder zurück in die Kälte und die Wildnis, mit dem ersten Frühlingserwachen bleibt sie gänzlich verschwunden. Während Jack dem Geheimnis des Mädchens auf die Spur kommt, glauben die Bensons, mit denen sich Jack und Mabel anfreunden, nicht an das Kind, das es so lange in der unwirtlichen Landschaft mit ihren wilden Tieren aushält. Auch Jack und Mabel erfahren, wie schwer es ist, in Alaska Fuß zu fassen und zu überleben.

Eines Tages erinnert sich Mabel an ein russisches Märchen, das sie als Kind gelesen hatte und zu dem Bücherschatz ihres Vaters, eines Literaturprofessors, zählte. Darin wird eben dieses Erlebnis des Paares geschildert: ein Schneemädchen wird, von Mann und Frau erschaffen, lebendig. Das traurige Ende verändert Mabels Verhältnis zu Faina. Sie gibt ihr mehr Freiraum, und Faina kommt mit jedem beginnenden Winter zurück.

Doch das ist natürlich nicht das Ende. Die Autorin verändert zwar für ihren Roman den Schluss des Märchens, das die Grundlage bildet, ein Happy End wird es allerdings geben. Allgemein  durchzieht diese wunderbar erzählte, allseits spannende wie anrührende Geschichte ein melancholischer Unterton: Der Wunsch, ein Kind zu bekommen, scheitert, Heimat und Familie sind mit dem Wegzug weit in die Ferne gerückt, das erhoffte Glück mit dem Neuanfang in Alaska muss erst erkämpft werden. Eowyn Ivey stammt selbst aus Alaska, weiß um das schwierige Leben in einem Landstrich, der alles von seinen Bewohnern abverlangt. Sicherlich ist die Natur einzigartig und unglaublich reich, das Überleben darin allerdings nicht selbstverständlich. Für manche wird es deshalb vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig sein, wenn die Autorin die Jagd und das Ausnehmen der erlegten Tiere detailreich beschreibt – auch die feengleiche Faina erscheint nicht als Engel, tötet selbst, um Nahrung zu erhalten. Diese Szenen stehen da im Kontrast zu jenen, in denen die Beziehung der Menschen zueinander geschildert werden: die immer noch sehr warme, herzliche Ehe von Jack und Mabel, trotz kleiner Differenzen, die enge Freundschaft zu den Bensons, diewachsende Bindung zu Garrett, dem jüngsten Sohn der Bensons.

Wer märchengleiche Geschichten mag, wird dieses Buch „verschlingen“. Trotz der geschilderten Kälte des Nordens erwärmt das Buch auf seine Art und Weise. Die gebundene Ausgabe wird der zauberhaften Story durch einen wunderbar gestalteten Einband und kleinen Zeichnungen gerecht und erweist sich als ein besonderes (Weihnachts)-Geschenk für andere oder für sich selbst. 

Der Roman „Das Schneemädchen“ von Eowyn Ivey erschien im Kindler Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Arlinghaus, Margarete Längsfeld und Martina Tichy.
464 Seiten, 19,99 Euro