„Die Welt ist viel zu alt. Seele ist Geist ist Hirn ist Körper. Ich bin du, und du bist es, und es wird immer Sieger bleiben.“
Er könnte ein glückliches, erfolgreiches und zufriedenes Leben führen. So viele positiven Eigenschaften und Möglichkeiten verbinden sich mit Tim Farnsworths Leben. Als Anwalt und Partner einer New Yorker Kanzlei wird er geachtet. Seine Frau Jane und seine Tochter Becka lieben ihn. Gemeinsam wohnen sie in einem großen Haus im Grünen. Doch die Idylle kippt mit der Sucht des Mannes. Oder ist es ein eigener innerer Antrieb? Tims unerklärlichen Märsche, die plötzlich beginnen und in unbekannte Viertel und Straßen führen, bleiben unerklärlich. Er läuft und läuft und läuft. Viele Kilometer lässt der Held im Roman „Ins Freie“ von Joshua Ferris zurück. Bis zur Erschöpfung ist er unterwegs, bis er schließlich in einen Schlaf fällt. Wenn er aufwacht, weiß er meist nicht, wo er sich befindet. Denn Strecke und ihr Zielpunkt sind immer wieder verschieden. Mal ist auf einem Friedhof Schluss, mal auf einer Parkbank, an Müllcontainern oder im Fahrerhaus eines Lieferwagens. Das Wetter spielt keine Rolle. Es kann regnen, schneien, Hitze herrschen – Tim ist unterwegs. Weder ein wichtiger Termin kann ihn stoppen noch die Bitten seiner Familie. „Draußen – Joshua Ferris "Ins Freie"“ weiterlesen
Schluss mit Süßkram
Häufig werde ich derzeit mit einer Frage konfrontiert: „Na, was macht das Fasten?“. Als ob „Fasten“ mein Wellensittich wäre, der die Mauser hat. Doch auch ich habe sprichwörtlich Federn gelassen. Denn zugegeben: So ein Stück Quarkkuchen wäre jetzt gar nicht so schlecht. Doch ich versuche, eisern zu bleiben. Schon allein die Tatsache, dass eine Kollegin sich ebenfalls dem Süßkram verweigert, bringt den Ehrgeiz wieder auf Touren. Sollte doch gelacht sein, wenn das nicht zu schaffen wäre – dachte ich zuerst.
Denn schon vor Aschermittwoch begann die Diskussion, was unter Süßkram denn alles fällt. Kuchen, Schokolade und Kekse sind klar. Aber wie sieht es mit dem Schokoraspeln im Müsli oder der Marmelade auf dem Brötchen aus? Als mir Verena Jähn während eines Besuches in ihrem derzeit veganen Haushalt eine Praline reichte, streifte mich schon ein Hauch des schlechten Gewissens. Das leckere Stück bestand weder aus Schokolade noch aus Zucker oder Milch, redete ich mich heraus. Meine Kollegin lächelte jedoch nur verschmitzt – ganz nach dem Motto „1:0 für mich“. Zum Ausgleich und zur Reue reichte ich einem Kollegen das Tiramisu vom Nachtisch.
Selbst schuld, werden jetzt einige meinen. Und sicherlich erscheint Fasten vielen nur als Verzicht. Aber es ist mehr: Es bietet die Chance, über den eigenen Konsum nachzudenken. Denn seien wir ehrlich: Oft heißt es zwar, ich will mir nur etwas gönnen, aber meist beginnt dann erst das große Fressen ohne Seele und Verstand.
Foto: PeeF/pixelio.de
Zwischen den Kulturen – Joseph Boyden "Durch dunkle Wälder"
„Zeit ist bloß ein Gedanke.“
Will liegt im Koma. Der Cree-Indianer wurde Opfer eines brutalen Überfalls, kurze Zeit nachdem er aus der Wildnis wieder in die Siedlung Moosonee hoch oben im Norden Ostkanadas zurückgekehrt war. Seine Nichte Annie harrt an seinem Krankenbett aus und erzählt ihm ihre Erlebnisse, die sie in die Big-Cities Toronto und New York auf der Suche nach ihrer Schwester Suzanne führten, die spurlos verschwunden war. Annie hat dabei viel zu erzählen: von ihrer Begegnung mit dem stummen Gordon, der, ebenfalls indianischer Abstammung, nicht mehr von ihrer Seite weicht, von ihrer Zeit als Model in der Glitzerwelt der Mode, in deren Kreise auch ihrer Schwester zu finden und bekannt war.
So prallen zwei unterschiedliche Kulturen im Roman „Durch dunkle Wälder“ des kanadischen Autors Joseph Boyden aufeinander: die ursprüngliche und einfache Lebensweise der Indianer in der Wildnis gegen die moderne Welt des Westens mit ihren Gefahren und Verlockungen, denen auch Will und Annie ausgesetzt sind beziehungsweise sich nicht entziehen können. Will ist dem Alkohol verfallen, nachdem er durch ein schreckliches Unglück seine Familie verloren hat. Mit seinen beiden Kumpanen trinkt er meist über den Durst. Die Zeit, als er als Pilot Touristen geflogen und damit sein Einkommen gesichert hat, ist längst vorbei. Der Rückzug in die Wildnis, in der sich Eisbär und Wolf „Guten Tag“ sagen und in der jeder kleine Fehler mit dem Tod bestraft werden kann, sollte ein Neuanfang sein, nachdem er wegen der stetigen Bedrohung durch Gang-Mitglieder zur Waffe greift. Doch wenige Wochen später entscheidet er sich für die Rückkehr mit fatalen Folgen.
Boyden, 1967 in Kanada geboren und selbst Nachfahre von Indianern, lässt beide, sowohl Will als auch Annie, rückblickend zu Wort kommen. Beide berichten abwechselnd von ihren Erfahrungen und Erlebnissen. Will erinnert sich zudem an seine Kindheit und seinen Vater, der im Ersten Weltkrieg in Europa zum Einsatz kam. Jene Geschichte, die sich einem kaum bekannten Thema widmet, findet sich in Boydens Romandebüt „Der lange Weg„, mit dem der Kanadier auch hierzulande lobende Kritiken eingeheimst hatte und dadurch bekannt wurde.
Dabei setzt der Nachfolger nicht nur an das Geschehen fast nahtlos an. Auch „Durch dunkle Wälder“ besticht durch eine besondere Geschichte, erzählerisches Können, eindrucksvolle Charaktere und einem ernsten, gesellschaftlich relevanten Thema, das tiefgründig aufgearbeitet wird. Boydens neuestes Werk kann man auf zweierlei Weise lesen: sowohl als spannenden Thriller als auch als wichtige und kritische Auseinandersetzung mit den Kulturen. Denn Boyden hält nicht nur der modernen westlichen Welt einen Spiegel vor. Auch das Scheitern seiner indianischen Landsleute, die von den Auswüchsen der Moderne schier vergiftet zu sein scheinen, stehen hier am Pranger. Der Rückzug in die Wildnis, sofern dafür geeignet, scheint ein Ausweg zu sein. Ein anderer könnte in der Gemeinschaft liegen – wie das Happy-End am Schluss des Buches beweist.
„Durch dunkle Wälder“ von Joseph Boyden erschien 2010 im Knaus-Verlag, 2012 als Taschenbuch bei btb, in der Übersetzung aus dem Englischen von Ingo Herzke.
448 Seiten, 10,99 Euro
Rache für Hobbes – Gerard Donovan "Winter in Maine"
„Vielleicht gibt es für viele Dinge gar keinen Grund, und sie passieren nur, weil die Menschen sie tun.“
Julius Winsome ist ein Einzelgänger. Zurückgezogen lebt er in einer Jagdhütte in den Wäldern von Maine. Die Wände des kleinen Hauses sind mit Bücherregalen tapeziert. Die Zeit der Einsamkeit verbringt Winsome mit Lesen. Vor allem die Werke Shakespeare und dessen Sprache sind es immer wieder, die ihn beschäftigen. Er hat eine Wörterliste angelegt, um jeden shakespearschen Wort eine heutige Bedeutung zuzuweisen.
Julius‘ einziger Mitbewohner ist Hobbes, ein kleiner Pitbullterrier, der nicht von seiner Seite weicht. Es könnte alles so idyllisch sein in dem Roman „Winter in Maine“ von Gerard Donovan. Doch eines Tage findet Julius seinen treuen Begleiter angeschossen nicht vom Haus entfernt, der Hund stirbt wenig später. Seine letzte Ruhestätte findet er umringt von Blumen. Winsome sinnt nun auf Rache. Denn das Beste, was er hatte, ist von ihm genommen werden. Doch nicht nur eine harmlose Vergeltungsmaßnahme nimmt ihren Lauf, bei der der Täter nur erschreckt werden und seine Lehre daraus ziehen soll. Julius beginnt einen Rachefeldzug sondersgleichen, so viel sei an dieser Stelle verraten, doch nicht in welcher Form, denn dann würde der Roman viel von seiner Wirkung, seiner Wucht verlieren. Nur so viel noch: Gewalt scheint für Julius die einzige Antwort zu sein. Dass es dabei auch Unschuldige trifft, scheint ihn und seinem Gewissen nicht zu stören.
Zwischen seinen Taten kreuzt er dann und wann in der nahegelegenen Stadt auf, um mit einem Plakat nach dem Täter zu suchen und in aller Ruhe einzukaufen. Dabei trifft er auf Claire, jener Frau, die seine große Liebe war und mit der er sich ein gemeinsames Leben vorstellen konnte. Sie hat ihn auch den Vorschlag gemacht, sich doch einen Hund als Begleiter zu suchen. Allerdings endet die kurze Beziehung so schnell wie sie auch begonnen hat. Winsome blickt während all jener Zeit zurück auf sein Leben. Er erinnert sich an seine früh verstorbene Mutter, an den bücherversessenen Vater, der wie auch der Großvater die Schrecken des Krieg erlebt hatte und den Jungen allein aufgezogen hat. Winsomes Leben scheint so immer wieder von tragischen Ereignissen durchbrochen zu sein, die ihn zu einem Einzelgänger gemacht haben.
Donovan verwendet für die sehr poetische Schilderung der Handlung, die den unvorbereiteten Leser zu Beginn erst einmal in Schockstarre versetzen, als Erzähler die Hauptperson. Ein kluger Schachzug. So werden die Ereignisse nicht bewertet, nach Moral und Unmoral hinterfragt. Wichtig erscheinen nur die Ereignissen und die Beziehung von Winsome zu seiner Familie, zu Claire und natürlich zu Hobbes. An dem Leser ist es, die Taten des Einzelgängers und seine Person zu bewerten. Wer an dieser Auseinandersetzung zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit kein Interesse hat, kann hingegen das nur gut 200-seitige Buch als unheimlich spannenden Krimi lesen und sich nebenbei in eine Idylle im Norden der USA zurückziehen. Denn die bekommt kaum einen Kratzer – trotz der furchtbaren Ereignisse in ihrer Mitte. Dem irischen Autor ist ein atemberaubendes Meisterwerk gelungen, dem man sich nur schwer entziehen kann. Kein Wunder, dass Donovans Werk 2008 von der englischen Zeitung „The Guardian“ zum Buch des Jahres gekürt wurde.
„Winter in Maine“ von Gerard Donovan erschien im Luchterhand-Verlag, später bei btb, in der Übersetzung aus dem Englischen von Thomas Gunkel.
208 Seiten, 9,99 Euro
Das Jahr am Südhang der Geschichte – Florian Illies "1913"
Mit einem Schuss aus dem Revolver begrüßt der zwölfjährige Louis Armstrong das neue Jahr 1913. Die Polizei befördert ihn daraufhin in die Besserungsanstalt. Schlimm möchte man meinen. Doch der kleine Louis bekommt dort eine Trompete in die Hand gedrückt. What a wonderful world. A star is born. Arthur Schnitzler ist es in jenem Jahr schon, seine erotischen Werke machen von sich reden. Am Nachmittag des Silvestertages liest er Ricarda Huchs „Der große Krieg in Deutschland“. Ein Prophezeiung! „Das Jahr am Südhang der Geschichte – Florian Illies "1913"“ weiterlesen
Durchleuchtet – Don DeLillo "Unterwelt"
„(…) die Sandkörnchenunendlichkeit der Dinge, die keiner zählen kann. Alles fällt unauslöschlich der Vergangenheit anheim.“
Wo und wie mit dem Nacherzählen der Geschichte beginnen, wenn diese sich als ein einziges Wollknäuel entpuppt, das nicht nur aus einem einzigen langen Faden besteht, sondern aus vielen, die mal länger, mal kürzer sind. Und wie ein Buch bewerten, wenn der Autor ein Meister seines Faches ist und man zu ihm mit Respekt und Bewunderung hinaufschaut? Ich entscheide mich, an dieser Stelle mal einen anderen Weg zu gehen, nicht die vielen Geschichten nachzuerzählen, sondern zu beschreiben, wie das Buch und ich die vergangenen zwei bis drei Wochen verbracht haben.
Es war schon mutig, aber auch blauäugig zu glauben, als ich den rund 1.000-seitigen Wälzer aus dem Buchregal nahm (in guter Nachbarschaft anderer Werke amerikanischer Autoren stehend), dass ich mühelos die Seiten durchpflügen würde. Der Beginn las sich wunderbar. Don DeLillo blickt auf ein berühmtes Baseball-Spiel 1951 zwischen den New York Giants und den Brooklyn Dodgers zurück, das nicht nur Persönlichkeiten wie Frank Sinatra und der FBI-Gründer J. Edgar Hoover live im Stadion verfolgten, dass auch mit dem überraschenden Sieg der Giants durch einen Homerun am Spielende Sportgeschichte schreiben sollte. DeLillo verknüpft schon in diesem Kapitel verschiedene Handlungsfäden zusammen und beschreibt das Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven. Diese stilistische Besonderheit zieht sich schließlich durch das ganze Mammut-Werk, wobei in den ingesamt acht Teilen und dem Epilog zum Abschluss die Fäden ineinanderverwoben werden. So lerne ich die Brüder Nick und Matt kennen, deren Vater verschwunden sein soll, als beide Jungen noch Kinder waren. Während Matt später in der Wüste Nevadas in einem militärischen Forschungszentrum unter der Erde arbeitet, wird Nick in den kommenden Jahren zu einem Spezialisten in Sachen Müll. Die atomare Bedrohung und das Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion sowie die kläglichen, jedoch im Umfang riesigen Hinterlassenschaften der Menschheit sind Themen, die das ganze Buch durchziehen – wie auch jener Baseball, der einst von Thomson hoch hinaus geschlagen wurde und im Laufe der Jahre durch viele Hände gehen soll.
Mit der Lektüre reise ich nicht nur durch die Jahre und Jahrzehnte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, meine literarische Tour führt mich auch durch die Staaten – von New York bis Arizona. Selbst das weit entfernte Kasachstan liegt am Schluss meiner Route. Von Kapitel zu Kapitel lerne ich nicht nur all die fiktiven Gestalten kennen, denen DeLillo Leben eingehaucht hat, immer wieder treffe ich auf bekannte Gesichter: Sinatra und Hoover, den legendären Komiker Lenny Bruce. Mit den Tagen und Wochen muss sich das dicke Werk indes ab und an in Geduld üben, manchmal sind nur wenige Seiten zu schaffen, manchmal jedoch pflüge ich wirklich durch die Passagen. Begeistert von der poetischen Prosa, den Szenen und Bildern voller Lebendigkeit und Eindringlichkeit, die einen bannen, festzurren, nicht mehr loslassen wollen. Immer wieder wird mir auch der Grund des Titel klar, finden sich doch markante Anspielungen: ein gleichnamiger, indes fiktiver Film des russischen Filmpioniers Sergej Eisenstein, der Blick von Dächern der New Yorker Wolkenkratzer hinab in die Straßenschluchten, die Bunker und unterirdische Gänge als vermeintlicher Schutz vor der atomaren Verstrahlung.
Große gesellschaftliche Fragen und Themen stehen ebenso auf dem Tableau wie das kleine Leben des Einzelnen gegenüber dem unausweichlichen Lauf der Geschichte. Alle entscheidenden Themen der Menschheit kommen hier in einem einzigartigen Panorama zusammen: die Macht der Wirtschaft, die Macht der Elite, die Klauen des Krieges und der Gewalt, die Kraft der Kunst. Vietnam ist hier ebenso Teil des menschlichen Handelns wie die riesigen Malereien auf längst vergessenen und ausrangierten Militärbombern in der Wüste Arizonas, ein Projekt der Künstlerin Klara Sax, die mit Nick einst eine kurze, aber heftige Affäre verband, die sich später auf die Suche nach einem jungen Graffiti-Künstler begibt, der am Ende des Romans im Ghetto sein kümmerliches Dasein fristet. Obwohl die Geschichten und Lebensläufe als ein nahezu undurchdringliches Netz erscheinen – zum Schluss fügen sie sich hingegen zu einem großen Mosaik zusammen, das einen indes randvoll mit Melancholie zurücklässt. Weil letztlich so viel Zerstörung geschehen ist und geschieht. Das dicke Buch hat tiefe Spuren hinterlassen und bleibt unvergessen. Und auch ich habe in ihm Spuren hinterlassen: unterstrichene Zeilen, Markierungen am Rande. Auf vielen Seiten, für all die mit Bedeutung und Poesie geladenen Wörter und Sätze.
Der Roman „Unterwelt“ von Don DeLillo erschien 1997 im amerikanischen Original mit dem Titel „Underworld“, 1998 im Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2000 als Taschenbuch bei Goldmann, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Frank Heibert.





