Gestrandet – Jean-Michel Guenassia "Der Club der unverbesserlichen Optimisten"

„Überzeugungen und Hoffnung unterliegen nicht der Logik.“ 

 Die Schule ödet ihn an. Gelangweilt ist Michel von Lehrern und dem Unterricht. Den übersteht er nur heimlich lesend. Selbst auf dem Schulweg steckt der Zwölfjährige die Nase in ein Buch. Es sind die 60er Jahre, die Zeit des Rock’n‘ Roll. Auch Michel lässt die Musik nicht mehr los. Nebenbei probiert er sich im Fotografieren und zeigt sich als Champion am Tischkicker. Eines Tages entdeckt der Junge in seinem Stammlokal „Balto“ eine Gruppe mit Männern, die, gut versteckt hinter einem Vorhang, dem Schachspiel frönen. Michel stößt dazu und lernt in den folgenden fünf Jahren die Männer des Clubs der unverbesserlichen Optimisten genau kennen, der dem Roman des Franzosen Jean-Michel Guenassia auch den Namen gibt.

Der Club versammelt Gestrandete, meist Intellektuelle aus Osteuropa, die in der Stalinzeit nach Paris geflohen waren, um ihren möglichen Tod oder einer langen Gefängnisstrafe zu entgehen, wie Igor, ein Arzt aus Leningrad, oder der ungarische Schauspieler Tibor. Auch der Deutsche Werner, der während des Zweiten Weltkrieges in den Reihen der Resistance gekämpft hatte, zählt zu dem illustren Kreis, zu dem die beiden großen Autoren Jean-Paul Sartre und Joseph Kessel dann und wann dazustoßen. All jene und eine ganze Reihe anderer Exilanten und Heimatloser kommen im „Balto“ zusammen, um Schach zu spielen, zu trinken, zu rauchen und zu diskutieren.

Michel wird in diesen Strudel aus verschiedenen Menschen mit ihren ganz verschiedenen Biografien hineingerissen und findet sich oftmals orientierungslos zwischen all den verschiedenen Ansichten und Meinungen über Gott und die Welt, Politik und Religion wieder. Doch auch er wird nicht vom Leben verschont: sein Freund Pierre stirbt im Algerien-Krieg, seine Bruder Franck ist auf der Flucht, weil er desertiert ist. Seine Eltern lassen sich scheiden, der Großvater geht zurück nach Italien, während Michel  die Schule bestehen muss und zum ersten Mal die Schmerzen einer verlorenen Liebe, die zu Camille, kennenlernen muss, die mit ihrer jüdischen Familie Frankreich in Richtung Israel verlässt.

All diese Lebensgeschichten verwebt Guenassia zu einem faszinierenden Porträt einer Zeit, wenn nicht sogar des 20. Jahrhunderts, mit seinen Erschütterungen und Schicksalen. Der 1950 in Algier geborene Autor schuf mit seinem wunderbaren Werk Figuren, die einem mit der Lektüre ans Herz wachsen und deren Erlebnisse erschüttern. Genauso einzigartig wie die Lebensbilder wird im Kopf des Lesers die Stadt Paris entstehen, mit ihren verschiedenen Vierteln, den kleinen Cafés und Bistros und dem Gemisch aus unterschiedlichen Kulturen und Menschenschlägen. Umrahmt wird die Handlung als Rückblick in den 60er Jahren spielend von der Begegnung zwischen Michel und dem Exilanten Pavel, die sich 1980 während der Beerdigung von Sartre wiedersehen.

Hätte der Held dieses Buch in den Händen gehalten, er wäre trotz der Gefahr lesend durch die Straßen gelaufen. Der gut 700-seitige Roman strahlt sehr viel Menschenliebe aus, ohne die Wucht geschichtlicher Ereignisse und die Macht auf einzelne Menschenleben auszublenden. Für sein Buch wurde Guenassia mit dem Prix Goncourt des lyceéns geehrt, für den von der Jugend gewählten besten Roman des Landes. Erwachsene werden ebenfalls begeistert sein und diesen grandiosen Roman sicherlich so schnell vergessen.

Der Roman „Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ von Jean-Michel Guenassia erschien im Insel-Verlag als Taschenbuch, in der Übersetzung aus dem Französischen von Eva Moldenhauer.
685 Seiten
9,99 Euro

Kindheitsmuster – Tomas Tranströmer "Die Erinnerungen sehen mich"

„In mir trage ich meine früheren Gesichter, wie ein Baum seine Jahresringe hat.“ 

Dichter haben viel zu erzählen, auch über ihre Werke hinaus. Sie erscheinen als mitteilsam, ohne dass ihre Worte jemals als überflüssig gelten. Ihre Beschreibungen, Erzählungen, Reflexionen und Analysen zeigen Bilder der Welt. Wie sie zum Schreiben gekommen sind, warum sie schreiben und welche Rolle dieser künstlerische Akt spielt, sind die interessantesten Fragen, die sich Literaturliebhaber stellen können und müssen. So sind Biografien, vor allem autobiografische Werke eine gute Quelle, um Antworten auf diese Fragen zu finden. Mehr noch: Sie zeichnen ein Bild des Künstlers selbst, über seine Werke hinaus.  „Kindheitsmuster – Tomas Tranströmer "Die Erinnerungen sehen mich"“ weiterlesen

Traumatlas – David Mitchell "Number 9 Dream"


„Vertraue nicht darauf, was du denkst. Vertraue darauf, was du träumst.“ 

 Eiji Miyake verschlägt es nach Tokio. Der 19-Jährige ist auf der Suche nach seinem Vater, der ihn kurz nach der Geburt im Stich gelassen hat. Jahre sind seitdem vergangen, der tragische Tod seiner Zwillingsschwester Anju genauso wie die letzte Begegnung mit Eijis Mutter. Doch die Suche gestaltet sich schwierig: Tokio ist eine Millionen-Metropole, durchzogen von Betonpisten und U-Bahn-Röhren, und das plötzliche Auftauchen des Jungen ist alles andere als erwünscht. Eine Kollegin des Vaters und dessen derzeitige Frau versuchen mit allen Mitteln, ein Treffen beider zu verhindern.
Sein Job in einem Fundbüro, seine Gitarre, auf der er Lennon-Songs spielt, die Freundschaft mit seinem Vermieter Buntaro, Besuchen in Spielcasinos und seine Träume halten ihn „über Wasser“, um in diesem technokratischen Moloch und Ameisenstaat, in der auch noch drei Mafiabosse sich gegenseitig ausradieren, nicht unterzugehen.

Das kleine, wie große Wort „Dream“ findet sich deshalb auch im Titel des Romans „Number 9 Dream“ von David Mitchell wieder, der bereits drei Jahre vor seinem Bestseller „Der Wolkenatlas“ veröffentlicht wurde. Beide Bücher ähneln sich, ohne damit ihren ganz eigenen Reiz zu verlieren. Denn in beiden spinnt  der Engländer mehrere Fäden, verknüpft mehrere meist wundersame Geschichten miteinander. Da sind zum einen die zahlreichen Träume des Jungen als Spiegel seiner Erlebnisse, Wünsche und Hoffnungen, die schier ineinander fließen. Zum anderen wird eine fantatische Geschichte mit den Abenteuern rund um einen schreibenden Ziegenbock (wie herrlich sein Name – Goatwriter) sowie dessen beide Mitbewohner eine Henne und einen Urmenschen sowie das Tagebuch von Enjis Großonkel eingebunden, der wenige Monate vor Kriegsende als Besatzungsmitglied und Selbstmordattentäter der Kaiten-Torpedo-Flotte während eines Angriffs auf einen Marinestützpunkt der Alliierten sein Leben ließ.

Trotz dieser zahlreichen Charaktere in vielen kleinen Nebenhandlungen bleibt der Fokus auf Enji gerichtet. Er ist ein Held, nicht nur mit Blick auf seine Rolle als Hauptperson des Buches. Der junge Mann überlebt seine Begegnungen mit der Yakuza, der japanischen Mafia, für die ein Menschenleben nicht viel wert ist, genauso wie die zahlreichen Rückschläge bei der Suche nach seinem Vater. Doch trotz all dieser lebensgefährlichen beziehungsweise ernüchternden Erlebnisse hat Enji auch Freunde an seiner Seite. Allen voran Ai, Bedienung in seinem Stammcafé und Musikstudentin, in die er sich verliebt.

In vielen Szenen des Buches zieht man Vergleiche mit den Romanen von Haruki Murakami in denen ebenfall die Grenzen zwischen der erzählten Fiktion einer durchaus realen Story und einer zweiten,  fantastischen Ebene verschwimmen. Mit diesem Vergleich kann man mit reinem Gewissen nicht nur dieses Buch von Mitchell empfehlen. Nein, man sollte es preisen als einen ungewöhnlichen und fesselnden Roman, der nicht nur Unterhaltungswert besitzt, sondern mit seinen zahlreichen Anspielungen, gesellschaftstkritischen Anmerkungen und einer hochpoetischen Sprache vor allem eines abverlangt: Geist.   

Der Roman „Number 9 Dream“ von David Mitchell erschien als Taschenbuch im Rowohlt-Taschenbuch-Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Volker Oldenburg.
544 Seiten
Preis: 12,99 Euro



Auch Hundertjährige wollen doch nur spielen!

Manch Spielenachmittag verhilft zu existenziellen Erkenntnissen. In jenem Fall ist ein Spielevormittag gemeint, nach einem reichlichen Frühstück mit frischem Kaffee und Brötchen, Honig und Familiennutella-Glas als Gast bei den Erdmanns in gemütlicher Runde. Zwischen den ersten Partien eines Kartenspiels, bei der der blutige Laie mit dem Glück des Anfängers jubelnd, gar kreischend die alten Hasen schlug, fiel der Blick auf die Verpackung des Spiels. Bei der Angabe des Alters für mögliche Spieler waren die Zahlen 10 und 99 vermerkt. Nun, fragten wir uns, warum sollte es Hundertjährigen nicht gestattet sein, mitzuspielen.

Schließlich können die Betagten auch durchaus agil sein und wie im Fall eines derzeit berühmt-berüchtigten schwedischen Helden („Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“) sogar aus Altersheimen türmen und die gesamte Nachbarschaft im Umkreis mehrerer Kilometer auf den Kopf stellen. Gut, Altersbeschränkungen gibt es ja  bekanntlich viele im Verlauf unseres Lebens, von blutigen oder allzu erotischen Kinofilmen über den Alkoholausschank bis zur Wahlberechtigung und die Heiratsfähigkeit. Aber für einen Hundertjährigen muss doch mittlerweile die Welt offen stehen – sowohl für die „Nur für Personen ab 18 Jahren“-Ecke in der Videothek bis hin zu den Spielen, die selbst Kinder nutzen können.

Aber womöglich sind die Senioren im dreistelligen Alter zu weise und zu ausgebufft. Sie würden jeden Teilnehmer der Runde blass aussehen lassen. Oder die Spielunternehmen haben Angst, dass sie eines Tages verklagt werden, weil während einer Partie einer der Teilnehmer angesichts der körperlichen oder nervlichen Belastung verstirbt und die anderen mit einem Traumata zurücklässt. Aber wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Also sollte vielleicht eine Petition gemacht werden, um im Grundgesetz eindeutig zu verankern, dass Spiele ein Grundrecht sind, für das Kind wie für den hundertjährigen Erwachsenen. Nur so wachsen die Generationen zusammen, und wer sagt denn, dass sie nicht einen besonderen Effekt auf das Wohlbefinden haben. So ein herzlicher Jubelschrei ist doch ein Jungbrunnen, und wenn dann noch die anderen Mitspieler bei der nächsten Partie erneut alt aussehen – bingo!

Foto: Lupo/pixelio.de

Die Gondel im Keller – Wlodzimiercz Odojewski "Ein Sommer in Venedig"

„… da war dieses kaum spürbare Etwas, das wie der Flügelschlag eines Vogels im Flug kurz sein Bewußtsein gestreift und ihn hatte erschaudern lassen, gleich wieder ganz weit weg.“ 

Perlen sind bekanntlich kostbar, aber klein und gut versteckt. Und auch in Bücherregalen gibt es diese Schätze von geringer Gestalt. Man muss sie nur finden zwischen all den voluminösen Bänden mit den wohlklingenden Titeln von wohlbekannten Autoren. Bei der deutschen Ausgabe des Romans „Ein Sommer in Venedig“ des Polen Wlodzimierz Odojewski reizt indes schon das Titelfoto. Sowohl auf der gebundenen Ausgabe als auch in der als Taschenbuch horcht ein Junge an einer Muschel, seine Augen sind geschlossen, ein zartes Lächeln im Gesicht. Er scheint tief versunken, ganz den Geräuschen zugetan.

So auch der Held in diesem dünnen, gerade mal nur wenig mehr als 120 Seiten umfassenden Roman mit dem Namen Marek. Statt im Sommer auf eine Fahrt nach Venedig, in die Stadt der Gondeln und Kanäle, aufzubrechen, muss er zu Tante Weronika. Der Junge ist verärgert, hatte er sich doch auf die Sommerreise sehr gefreut und sich in seinen Gedanken schon alles ausgemalt. Die Schwester seiner Mutter bewohnt auf dem Land eine schmucke Jugendstilvilla, die von Obstbäumen und verwunschenen Gärten umgeben wird. Die Bewirtschaftung des Gutes verlangt ihre ganze Aufmerksamkeit, ihren Wunsch, ein Kurhotel zu eröffnen, träumt sie nur. Doch eines Tages findet Marek im Keller eine Quelle. Eine weitere Schwester von Mareks Mutter, Barbara, stößt ebenfalls zu Marek und seiner Tante hinzu.

Die Villa wird so zur Zufluchtsstätte für Familie und Freunde. Doch dann verwandelt Barbaras Idee von einem Tag auf den anderen jedoch das unheilvolle Geschehen, als im Sommer 1939 der Krieg ausbricht, auch Mareks Vater an die Front muss. Im Wasser bilden hastig in den Keller gebrachte Möbel Brücken, Waschzuber verwandeln sich in Gondeln. Und leuchtende Lampions dürfen auch nicht fehlen. Der Neunjährige wird zu einem Teil dieser berückenden Szenerie, die sich als fantasievolle Idylle gegen die Höhle des Krieges stellt und die eigentliche Reise an den Originalschauplatz von Gondeln und Kähnen vergessen lässt. Doch auch den Krieg bekommt Marek zu spüren, obwohl die Erwachsenen versuchen, ihre Angst und Sorgen dem Kind nicht spüren zu lassen. Doch Bomben fallen, Menschen flüchten in Scharen von Ost nach West später wieder von West nach Ost, es gibt Tote. Marek sieht einen gefallenen Soldaten, der in einem Bombentrichter liegt. Und auch der kommende Holocaust kündigt sich an in der Person des jüdischen Jungen Naumek, der so wunderbar Geige spielen kann und in Mareks Traum von Unbekannten abgeführt wird.

Wer den Krieg überlebt hat und wer nicht, lässt Odojewksi offen. Einzig das Schicksal Mareks erzählt er, der die grauenhaften Jahre übersteht und in der späteren Zeit die Welt gesehen hat – ausgenommen Venedig. Das bezaubernde Buch schließt damit und hinterlässt Spuren, vor allem eine bedrückende Melancholie. Auch wenn die Geschichte ein gutes Ende findet und diese für den Jungen geschaffene Insel der Freude im Keller von Tanta Barbara ihre Aufgabe erfüllt hat: dem Kind ein Stück Kindheit zu erhalten, abgeschlossen von dem Entsetzen der großen Welt, die in Scherben fällt.

Odojewski ist eine poetische Perle von Buch gelungen, eine, mit deren Geschichte und Charakteren man sehr mitfühlt und die in einem lange nachhallt. Trotz seines eher unauffälligen Umfangs.

Der Roman „Ein Sommer in Venedig“ von Włodzimierz Odojewski erschien als gebundene Ausgabe im SchirmerGraf Verlag, als Taschenbuch im dtv-Verlag in der Übersetzung aus dem Polnischen von Barbara Schaefer.
128 Seiten, 7,90 Euro  

Abgetaucht – Juli Zeh "Nullzeit"

„An der Welt prallst Du einfach ab.“ 

Sven lernt Jola kennen, der Tauchlehrer die Schauspielerin. Er lebt seit einigen Jahren als Tauchlehrer auf einer Atlantikküste (Lanzarote?), sie braucht Tauchunterricht, um ihre Traumrolle zu ergattern und dem trögen Dasein als Serienstar zu entfliehen und die letzte Chance als ernsthafte Darstellerin zu nutzen. Zwischen beiden prickelt es recht schnell, doch zwischen ihnen steht Theo, der Freund Jolas, ein Schriftsteller, der mit seinem Debüt zu Ehre gekommen ist. Indes der Ruhm lässt noch auf sich warten, wie auch der finanzielle Erfolg. Und auch Sven hat eine Partnerin – die um einige Jahre jüngere Antje, die ihm bei seiner Tauschschule zur Seite steht, für die Logistik des Unternehmens verantwortlich ist.

Während Sven es noch nicht wagt, den ersten Schritt zur Affäre zu wagen, macht Jola keinen Hehl daraus und lässt die Welt davon wissen. Auch wenn eigentlich nichts geschehen ist, wie es so schön heißt. Doch Theo glaubt ihr und warnt Sven davor. Sie sei gefährlich und nicht die, für die er sie hält, so sein Rat. Am Ende soll er in dieser Dreiecksgeschichte Recht behalten. Denn vor dem großen Paukenschlag, einem Unfall während eines Tauchgangs zur Entdeckung eines Wracks, zu dem Sven an seinem 40. Geburtstag aufbricht, gibt es immer wieder eine Reihe gefährlicher Situationen, die tragisch enden könnten. Gerade, wenn zwei Laien in eine ihnen unbekannte Unterwasserwelt abtauchen. Juli Zeh ist bekannt für psychologische Spielchen ihrer Charaktere, die es in ihrem neuen Roman „Nullzeit“ ebenfalls gibt. Allen voran Jola, die am Ende des Buches als janusköpfig erscheint, als strebsame Schauspielerin, die ihrem herrschsüchtigen und gewalttägigen Partner entfliehen will sowie als tückische Frau, die keine Skrupel kennt und nicht nur das Leben Svens zerstören, sondern das von Theo beenden will. Sie täuscht falsche Geschehnisse vor. Wie – sei an dieser Stelle nicht verraten, denn gerade darin liegt die Raffinesse dieses Buches.

Die 1974 in Bonn geborene Autorin zählt für mich zu den herausragendsten deutschen Schriftstellerinnen der Gegenwart und zu den kritischsten. Auch in „Nullzeit“ kommen gesellschaftliche Entwicklungen und Stimmungen, bekannte Moden nicht gut weg. Die Szene, als die High Society aus bekannten Künstlern und Intellektuellen auf einem Luxussegler eine Party feiert, ist dafür beredtes Beispiel. Wie auch der Blick hinter die Fassade der Glamour-Welt des Filmes, in der Beziehungen mehr wert sind als Talent. Und selbst in der Person des Sven, in dessen Ausgestaltung und Entwicklung liegt ein kritischer Blick auf die Abgründe des Hier und Jetzt.  Für ihn wird am Ende nichts mehr so sein, wie es einst war. Die Insel, einstige Zuflucht vor dem „Kriegsgebiet“ Deutschland, in dem jeder seine Meinung über andere hat und sich kräftig in das Leben der anderen einmischen kann, wird ebenfalls zur Sackgasse, in der sich die Welt gegen ihn verschworen zu haben scheint. Damals hatte er seine ganze Existenz als Jurist in spe aufs Spiel gesetzt und war desillusionierend ausgewandert, um an einem anderen Ort auf der Welt das Glück und vor allem Ruhe zu suchen. Der Begriff „Nullzeit“ kommt im Übrigen aus dem Tauchsport und bezeichnet jene Zeit, die ein Taucher braucht, um ohne gesundheitliche Schäden wieder an die Oberfläche zu gelangen.

Die Insel in ihrer herben Schönheit aus heftiger Atlantikbrandung, einsamen Buchten und schroffen Lavalandschaften zeichnet Juli Zeh auf wunderbare Art und Weise. Immer wieder finden sich herrlich poetische Szenen, wie vom Unruheherd Menschheit entrückt. Vor allem unter Wasser scheint es die perfekte Idylle zu geben – jedenfalls für Sven. Am Ende hat man das Gefühl, ein Buch mit vielen Gesichtern gelesen zu haben. Es erscheint sowohl als ein spannender Psychothriller als auch eine besondere Form der Robinsonade.

Der Roman Nullzeit von Juli Zeh erschien bei Schöffling & Co.
265 Seiten, 19,95 Euro