Julia Phillips – „Das Verschwinden der Erde“

„Die Welt war dazu da, dass die Menschen litten.“

Einst militärisches Sperrgebiet, heute Sehnsuchtsziel für Abenteuerlustige und vermutlich all jene, die eine Mischung aus Sibirien und Island suchen. Wenig ist wohl hierzulande über Kamtschatka bekannt, über jene Halbinsel mit ihren Vulkanen und Geysiren ganz im nordöstlichen Zipfel Russlands gelegen, umgeben vom Beringmeer und dem Nord-Pazifik. Man wird wohl lange suchen müssen, um sie als Schauplatz in der Literatur zu finden. Das ändert nun das eindrucksvolle Debüt „Das Verschwinden der Erde“ der Amerikanerin Julia Phillips. Darin bringt sie dem Leser die dünn-besiedelte Halbinsel mit ihren vielen Gesichtern und Geschichten näher. „Julia Phillips – „Das Verschwinden der Erde““ weiterlesen

Robert Moor – „Wo wir gehen“

„Die Pfade der Menschheit sind weitverzweigt. Und nicht alle Straßen müssen zum Times Square führen.“

Zugegeben: Obwohl mir die ausgiebigen Strandtouren auf der Insel Usedom aus meiner Kindheit bestens in Erinnerung sind, vor allem dieses Durchhalte-Mantra „Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm“, bin ich erst in den vergangenen Jahren zu einer leidenschaftlichen Wanderin und Flaneurin geworden. Kilometerweit am Meer entlang, durch Wälder oder die Straßenschluchten der Großstädte. Gehen ist existenziell, bewusstseinserweiternd, vereint das Gefühl der Freiheit mit dem Drang zur Entdeckung. Dass seit einiger Zeit dieses Thema auch in der Literatur verstärkt zu finden ist, hat sicherlich auch mit der Hinwendung zu Achtsamkeit und Entschleunigung zu tun. Auch der amerikanische Journalist Robert Moor hat über das Gehen und die Bewegung, vor allem über die Bedeutung von Wegen und ihre Entstehung ein ungemein bereicherndes Buch geschrieben.

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Matthias Jügler – „Die Verlassenen“

„Das letzte Mal habe ich meinen Vater im Juni 1994 gesehen.“

111 Kilometer – das ist in etwa die Entfernung von Leipzig nach Erfurt oder von Leipzig nach Dresden. Diesen Umfang erreichen die Akten, die im Stasi-Unterlagen-Archiv zur Recherche lagern. Weitere 60 Kilometer waren nach der Wende unsortiert gefunden worden und sind noch immer nicht vollständig erschlossen. Mehr als 7,3 Millionen Menschen haben bisher Anträge auf Akten-Einsicht gestellt; zahlenmäßig ist das nahezu die Hälfte der damaligen Bevölkerung in der DDR. Der Geheimdienst war tief in der Gesellschaft verankert und hat das Leben von unzähligen Familien zerstört oder für immer verändert. Welche Folgen die Repressalien der Stasi und ihre Spitzel-Tätigkeiten auf die nächsten Generationen und sogar bis in die Gegenwart haben, erzählt der berührende Roman „Die Verlassenen“ von Matthias Jügler. „Matthias Jügler – „Die Verlassenen““ weiterlesen

Im Duett #3: Mirko Bonné – „Der eiskalte Himmel“ & „Seeland Schneeland“

„Fahr ins weiße Land.“

Unendlich weiße menschenleere Weiten fern der Zivilisation: So präsentieren sich die Regionen rund um die beiden Pole unserer Erde. Sehnsuchtsziel der Forscher und Entdecker, das für einige angesichts der unwirtlichen Bedingungen jedoch zur letzten Ruhestätte wurde. Wenige Jahre nachdem der Norweger Roald Amundsen im Dezember 1911 den Wettlauf zum Südpol gewinnt, sein Kontrahent, der Engländer Robert Scott, mit mehreren Männern stirbt, bricht sein Landsmann Ernest Shackleton wenige Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Richung Antarktis auf, um den weißen Kontinent zu durchqueren. An Bord der „Endurance“ ist mit Perce Blackborow ein blinder Passagier, der als Merce Blackboro zum Helden in den beiden Romanen von Mirko Bonné „Der eiskalte Himmel“ und „Seeland Schneeland“ wird. „Im Duett #3: Mirko Bonné – „Der eiskalte Himmel“ & „Seeland Schneeland““ weiterlesen

Michael Crummey – „Die Unschuldigen“

„Der Mensch muss ertragen, was er nicht ändern kann.“

„In jenem Winter waren sie noch Kinder“. Mit diesem Satz beginnt der jüngste Roman des kanadischen Autors Michael Crummey. „Die Unschuldigen“ führt auf die Insel Neufundland an der Nordostküste Amerikas gelegen und in die Zeit, als das 19. Jahrhundert erst begonnen hat. Man ahnt, dass dieser erste Satz zugleich den Beginn einer drastischen Veränderung signalisiert, dass bald nichts mehr so sein wird wie bisher. Für den elfjährigen Evered und seine jüngere Schwester Ada beginnt unfreiwillig ein neues Leben und der Kampf um jenes. 

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Karin Smirnoff – „Mein Bruder“

„Ich bin zunehmend dankbar für die wenigen Sachen an die ich mich nicht erinnere.“

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Diese Worte Franz Kafkas sind vielen bekannt und werden oft, manchmal allzu oft in Verbindung mit der besonderen Wirkung eines Buches zitiert. Mir ging die Passage immer wieder durch den Kopf, als ich das meisterhafte Debüt der Schwedin Karin Smirnoff mit dem Titel „Mein Bruder“ las. Ein erschütternder, wie zutiefst menschlicher Roman, der die Abgründe der menschlichen Seele, Schmerz und Leid schildert.

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Jan Seghers – „Der Solist“

„Ein Haus, eine Straße, ein Platz aber logen nicht. Sie erzählten Geschichten.“

Der islamistische Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz nahe der Gedächtniskirche am 19. Dezember 2016 hat für Entsetzen und Fassungslosigkeit, Wut und Trauer gesorgt. Elf Menschen starben, 55 wurden damals verletzt, als ein Lkw in die Besuchermenge auf dem Weihnachtsmarkt fuhr. Der tunesische Attentäter Anis Amri hatte zuvor den polnischen Fahrer des Lasters ermordet. Ein Jahr später, wenige Wochen vor der Bundestagswahl, muss die Sondereinheit „Terrorabwehr“ einen Mord an dem Juden David Schuster aufklären. Bei der Leiche wurde ein Bekennerschreiben mit Verweis auf den damaligen Attentäter gefunden. Jan Seghers hat mit seinem neuen Roman „Der Solist“ ein hochpolitisches Buch über einen charismatischen Ermittler geschrieben, das nicht mit Kritik geizt und zur richtigen Zeit kommt.
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Colum McCann – „Apeirogon“

„Wir fliehen vor unserem Schmerz in unseren Schmerz.“

Apeirogon bezeichnet eine Figur mit einer zählbar unendlichen Menge an Seiten. Der Name geht auf das griechische Wort „apeiron“ zurück, das „das Unbegrenzte“, „das Unbestimmte“ bedeutet. Nach diesem Begriff aus der Geometrie ist der neue Roman des irischen Schriftstellers Colum McCann benannt. Von zahlreichen Seiten schaut er dabei auf den langjährigen und gewalttätigen Nahost-Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Im Mittelpunkt stehen dabei zwei reale Personen, die einen schmerzlichen Verlust erleben mussten und schließlich trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft einen gemeinsamen Weg verfolgen.

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Callan Wink – „Big Sky Country“

„Hast du darüber schon einmal nachgedacht? Dass der schwärzeste Himmel den weißesten Schnee machen kann?“

Nordamerika bedeutet Weite. Der riesige Kontinent zwischen Atlantik und Pazifik vereint viele verschiedene Klima- und Vegetationszonen, viele verschiedene Landschaften. Landschaften, die das Leben der Menschen prägen. Die Beziehung zwischen Mensch und Landschaft spielt in dem Debüt des amerikanischen Autors Callan Wink eine wesentliche Rolle. Sein eindrücklicher Coming-of-Age-Roman erweckt widerstreitende Gefühle und erzählt über die Suche nach dem eigenen Lebensweg. „Callan Wink – „Big Sky Country““ weiterlesen

Olive Schreiner – „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“

„In ihrer bittersten Not sind alle Seelen allein.“

Zugegeben: Es gibt Regionen dieser Erde, die sind literarisch gesehen weiße Flecken, wenn ich an meine vergangene Lektüre zurückdenke. Dazu zählen weite Teile Asiens und Afrikas. Speziell bei Südafrika fallen mir nur J. M. Coetzee und Kenneth Bonert als Gegenwarts-Autoren ein. Wer historisch weiter zurückgehen möchte, dem sei der Roman „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ von Olive Schreiner (1855 – 1920) ans Herz gelegt, eine Wiederentdeckung eines Werkes und seiner Autorin, für die man dankbar sein sollte.

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