Stephan Thome – „Pflaumenregen“

„Der Vergangenheit ist es egal, aus welchem Grund sie uns nicht loslässt.“

Formosa, „schöne Insel“, nannten portugiesische Seefahrer das asiatische Eiland im Westpazifik nach dessen Entdeckung. Heute heißt es Taiwan oder auch Republik China. Bezeichnungen, die auf eine wechselvolle Geschichte hindeuten. In der Inselhauptstadt Taipeh, seiner zweiten Heimat, lebt zeitweise der deutsche Schriftsteller und Sinologe Stephan Thome. In seinem aktuellen und bereits fünften Roman „Pflaumenregen“ erzählt er von einer taiwanesischen Familie und den Wirren des 20. Jahrhunderts – auf eine meisterhafte und einnehmende Weise.

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Mathijs Deen – „Der Holländer“

„Das Meer macht keinen Unterschied zwischen den Menschen.“

Es sind keine unendlichen Weiten, aber die Weite ist hier mehr als deutlich zu spüren. Wenn das Meer sich zurückgezogen hat, der Blick gen Horizont geht, keine Gischt die Aufmerksamkeit an sich bindet. Das Watt ist eine ganz eigentümliche, karge wie wilde und von der Kraft der Gezeiten geprägte Landschaft, die indes auch ihre Tücken hat. In seinem ersten Kriminalroman weist der Niederländer Mathijs Deen ihr eine besondere Rolle zu, die mehr ist, als nur reine Kulisse zu sein.

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Von wegen Kummerkasten – Ein Brief an Stine

Liebe Stine,

nun hast Du (ich darf doch Du sagen? In Skandinavien sieht man das ja etwas lockerer, oder?) dieses Buch geschrieben, und ich wollte einfach mal ein paar Zeilen an Dich richten. Nein, nein, Du sollst nicht mein Kummerkasten sein, meine Probleme kennen nur mein Bonsai und mein Tagebuch. Es soll vielmehr um Dein Buch gehen. Eine lange und langweilige Besprechung wollte ich Dir ersparen und auch nicht unbedingt ein mit Filter aufgehübschtes Bild trendig auf Instagram posten (zugegeben: ich bekomme das mit den prächtigen Grünpflanzen und hübschen Cappucchino-Milchkaffee-Tassen eh nicht wirklich gut hin).  Ich klaue mir einfach mal die Idee von Tobias, alias the last man reading von Buchrevier, und schreibe Dir einen Brief, meinen ersten an eine Autorin überhaupt. Mein persönliches Debüt sozusagen. „Von wegen Kummerkasten – Ein Brief an Stine“ weiterlesen

Kent Haruf – „Ein Sohn der Stadt“

„Jeder in Holt County weiß, was er getan hat.“

Er ist zurück, sitzt, etwas massiger geworden über die Jahre, in einem protzigen roten Cadillac in der Hauptstraße von Holt. Ralph Bird, Besitzer eines Bekleidungsgeschäfts, sieht und erkennt ihn zuerst: Jack Burdette, früher eine Sportskanone und ein Mann mit gutem Ruf und Ansehen, der mittlerweile gewaltig Dreck am Stecken hat. Denn vor acht Jahren war er von einem Tag auf den anderen verschwunden und mit ihm eine stolze Summe der Farmer-Kooperative, deren Chef er war. Jacks überraschende Rückkehr bringt erneut Unruhe in die sonst verschlafene Kleinstadt, in der nichts mehr ist, wie es einst war. In seinem zweiten, 1990 erschienenen Roman „Ein Sohn der Stadt“ erzählt Kent Haruf allerdings nicht nur die Geschichte des Betrügers. „Kent Haruf – „Ein Sohn der Stadt““ weiterlesen

Damon Galgut – „Das Versprechen“

„Auch viele Lebende sind bloße Schatten ohne Ziel (…).“ 

Am ersten Tag nach Rachels Tod findet die Familie sich ein. Anton reist aus der Kaserne an, seine jüngere Schwester Amor wird aus dem Internat abgeholt. Sie treffen auf ihren Vater, ihre Schwester Astrid, Tante wie Onkel. Nach der Beerdigung zerstreuen sich die Swarts jedoch wieder in alle Himmelsrichtungen. Ohne zu ahnen, dass sie sich als Familie erst wieder in neun Jahre wiedersehen. Zeit, in der der letzte Wunsch Rachels und das Versprechen ihres Mann sich nicht erfüllen wird. Ein Versprechen, das wie ein Katalysator die Spannungen in der Familie befeuert, ein Versprechen, in dem sich die Beziehung zwischen Weißen und Schwarzen in Südafrika ablesen lässt  – und nach dem Damon Galgut letztlich seinen preisgekrönten Roman benannt hat.

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Lars Mytting – „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund“

„Unser Leben ist ein Schatten.“ 

Ach, was war es doch für ein schmerzhafter Abschied zum Abschluss des Romans „Die Glocke am See“. Astrid und Gerhard sterben getrennt voneinander, sie bei der Geburt der gemeinsamen Zwillinge, er in seiner sächsischen Heimat an den Folgen einer Lungenentzündung. Doch Lars Mytting schreibt die Geschichte des norwegischen Dorfes Butangen, in dem beide damals ihre Liebe gefunden haben, weiter. In „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund“ begegnen wir erneut Pfarrer Kai Schweigaard, den das tragische Schicksal, der allzu frühe Tod der beiden, geprägt hat. Und wir lernen Jehahns kennen. Der Sohn von Astrid und Gerhard, der angeblich einzig und allein überlebt haben soll, begegnet eines Tages bei der Rentierjagd in den Bergen Victor, einem jungen Schotten, der ihm allzu ähnlich ist. „Lars Mytting – „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund““ weiterlesen

Anna Seghers – „Der Kopflohn“

„Man sieht nicht an, wer wen frißt.“

Es sind häufig gestellte Fragen: Wie konnte das damals alles geschehen? Wie kam es zum Aufstieg des Nationalsozialismus, zur Machtübernahme Adolf Hitlers am 30. Januar 1933, dieser Begeisterung der Massen, zu diesem menschenverachtenden Fanatismus? Bereits wenige Monate nach diesem folgenreichen Tag, nach dem zwölf Jahre später Deutschland und Europa sowie Teile der Welt in Schutt und Asche lagen und Millionen Menschen ihr Leben verloren haben, erschien der Roman „Der Kopflohn“. Darin schildert Anna Seghers (1900 – 1983) die Ereignisse um die Reichstagswahl im Sommer 1932. Schauplatz ist ein fiktives Dorf in ihrer rheinhessischen Heimat.

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Álvaro Enrigue – „Jetzt ergebe ich mich, und das ist alles“

„Die Apachen besaßen nichts, und sie selbst nannten sich ndee, Menschen, Volk, Stamm.“ 

Selbst ohne viel Wissen über die Geschichte Nordamerikas und dessen Ureinwohner gibt es Namen, die wohl jeder kennt. Geronimo (1829 – 1909), eigentlich Gokhlayeh oder Goyathlay, gilt als eine der angesehensten historischen Persönlichkeiten. Als Kriegshäuptling und Schamane der Apachen leistete er gegen die Besetzung seines Stammeslandes sowohl gegen mexikanische als auch US-amerikanische Truppen erbittert Widerstand, um sich allerdings nach jahrelangen Kämpfen 1886 mit seinen nur noch wenigen Stammesangehörigen zu ergeben und bis an sein Lebensende in verschiedenen Forts gefangen gehalten zu werden. Bei seiner Festnahme soll er gesagt haben: „Einst war ich frei wie der Wind, jetzt ergebe ich mich … und das ist alles.“ Nach diesem berühmten Zitat hat der mexikanische Schriftsteller Álvaro Enrigue seinen Roman genannt, der nicht nur über die leidvolle Geschichte der Apachen berichtet. Er verbindet auf einzigartige Weise die Vergangenheit mit der Gegenwart der USA.

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Gine Cornelia Pedersen – „Null“

„Nichts ist traurig nur seltsam wie ein Déjà-vu“

Null – als Zahl ist sie weder positiv noch negativ. Ihr wird kein Wert zugeschrieben. Sie steht für die Leere, aber auch für einen Neuanfang. „Null“ heißt das preisgekrönte Debüt der norwegischen Autorin und Schauspielerin Gine Cornelia Pedersen. Ein extremer Roman, der wiederum die herkömmliche Form des Romans aufgibt. Denn die Heldin und Ich-Erzählerin berichtet auf eine spezielle Weise von ihrem Leben als junge ungestüme Frau, die unter ihrer psychischen Erkrankung leidet und eine Achterbahn-Fahrt des Lebens, Höhen wie Abgründe, erlebt.

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Antonio Muñoz Molina – „Schwindende Schatten“

„Die Zukunft hat Zeit, und Geschichten aus der Wirklichkeit enden abrupt.“

Die halbe Welt kennt James Earl Ray, als er mit einem Flugzeug aus London im Mai 1968 in Lissabon landet. Tausende Polizisten sind hinter dem Attentäter her, der am 4. April Martin Luther King, die Ikone der Bürgerrechtsbewegung, in Memphis erschossen hat. Ray, nun in Europa auf der Flucht, taucht unter. Er ist ein Schauspieler, er wechselt die Identitäten wie manche ihre Kleidung. Das Gefühl, als einer der meist gesuchten Verbrecher zu gelten, schmeichelt ihm. 2012 begibt sich der spanische Schriftsteller Antonio Muñoz Molina in Lissabon auf die Spuren des Amerikaners, seine Erinnerungen an seinen ersten Besuch in der portugiesischen Hauptstadt in den 80er-Jahren begleiten ihn dabei. In seinem autobiografisch gefärbten Roman „Schwindende Schatten“ lässt Molina seine eigene Biografie mit der des Martin-Luther-King-Attentäters verschmelzen.

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