Simon Stålenhag – „The Electric State“

„Wann hat es eigentlich begonnen?“  

Die Zeiten sind derzeit schwer und unsicher. Dabei mutet es nahezu ein wenig befremdlich an, dass gerade in Hard-Times wie diesen die Literatur über Krisen, wie Kriege und Katastrophen jeglicher Art, wieder mehr in der Öffentlichkeit steht. Ja, es werden sogar ganze Listen mit Titeln empfohlen. Dabei lohnt sich der Blick in diese düstere Literatur sehr wohl, weil sie uns zeigt, wie sich die Menschen in schweren Zeiten verhalten (können) und worin die Ursachen für den plötzlichen oder allmählichen Niedergang liegen. Schon seit einigen Jahren beschäftigen mich dystopische Bücher. Nun habe ich zu einem wohl einzigartigen gegriffen: zu Simon Stålenhags illustrierten Roman „The Electric State“.

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Katya Apekina – „Je tiefer das Wasser“

„Warum uns wieder da hineinziehen? Wir waren Kinder.“ 

Was will uns dieses Cover sagen? Mir erschien es etwas rätselhaft und mysteriös. Dieses Weiß unter den blauen Lettern des Titels, diese Augen. Doch wer das Debüt der russisch-amerikanischen Schriftstellerin Katyna Apekina bis zum Ende liest, wird den Sinn erkennen und erneut erschauern. Ihr großartiger, indes auch teils verstörender Roman erzählt von einer außergewöhnlichen Familie – die außergewöhnliche Beziehungen und Emotionen pflegen, die schließlich zu tragischen Ereignissen führen. Katya Apekina – „Je tiefer das Wasser“ weiterlesen

Jan Costin Wagner – „Sommer bei Nacht“

„Wie lange braucht der böse Mann, um das Böse zu tun.“

Es sind oftmals nur wenige Momente, um ein Leben und das weiterer Menschen von Grund auf zu verändern. Es sind nur wenige Sekunden, als der kleine Jannis während eines Flohmarktes einer Wiesbadener Grundschule verschwindet. Sekunden, in denen Mutter und Schwester nicht auf das Kind achten. Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Doch Christian Sandner und Ben Neven müssen schnell erkennen, dass die Suche nach dem Jungen mehr als schwierig ist. Jan Costin Wagners neuer Roman ist ein bedrückendes dunkles Meisterwerk über tragische Verluste.

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Frédéric Brun – „Perla“

„Mein Schmerz lässt mich verstehen, dass der eigentliche Lebensweg ins Innere führt und Perla in mir ist.“

Am 31. Juli 1944 setzt sich von Frankreich aus der Konvoi 77 mit rund 1.300 Personen, darunter mehrere Hundert Kinder, in Bewegung. Das Ziel: das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Unter ihnen: Perla, eine junge, lebenslustige und attraktive Frau. Sieben Monate lang durchleidet sie die unerbittliche Gewalt, Qualen, Hunger. Sie sieht andere sterben, riecht den Geruch der Verbrennungsöfen, hört die Schreie und das Stöhnen. Perla überlebt und kehrt nach Frankreich zurück, ihre Erlebnisse brennen sich als Schmerz in ihr Innerstes ein. Gepaart mit einer unauslöschlichen Angst verursacht dieser starke Depressionen.  Frédéric Brun hat ein Buch über seine Mutter geschrieben, ein nur schmaler, indes preisgekrönter Band, der Worte für das Unfassbare findet und den Leser tief berührt und prägt. Frédéric Brun – „Perla“ weiterlesen

Roy Jacobsen – „Die Unsichtbaren“

„Der Gegensatz zwischen Meer und Land war immer schon da, in Gestalt einer Unruhe oder einer Sehnsucht.“

Barrøy – eine kleine Insel, die auf keiner realen Karte Norwegens eingezeichnet, sondern „nur“ auf einer literarischen Karte des nordischen Landes zu finden ist. Das von Wind und Meer umtoste, abgelegene wie karge Eiland, einige Ruderstunden vom Festland entfernt, ist Schauplatz der beeindruckenden Romantrilogie „Die Unsichtbaren“ des norwegischen Schriftstellers Roy Jacobsen – und die Heimat von Ingrid, die auf der Insel geboren wird und hier aufwächst, die hier die Zeit des Krieges erlebt, um später ihr Zuhause zu verlassen und sich auf die Spuren eines Mannes zu begeben.

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Ben Smith – „Dahinter das offene Meer“

„Es gibt kein Raus.“

Es ist eine eintönige Welt. Nichts als Meer, Wasser bis zum Horizont und darüber hinaus. Hunderte Windräder strecken sich in die Höhe. Ein Wald aus Metall, der allmählich rostet und verfällt, ein letztes, indes brüchernes Bollwerk der modernen Zivilisation. Wo einst Land war, ist nur Wasser. Mittendrin: eine Plattform. Das Zuhause eines alten Mannes und eines Jungen. Gemeinsam reparieren sie die Windräder. Eine nahezu sinnlos erscheinende Arbeit. Denn Ersatzteile gibt es nicht, nagen Salz und Wasser an den Konstruktionen. Stetig sinkt die Energieleistung. Im Meer schwimmen mehr Plastik-Teile als Fische. Es ist ein beklemmendes Szenario, das der britische Autor Ben Smith in seinem Debüt „Dahinter das offene Meer“ beschreibt.

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Backlist #14 – Maylis de Kerangal „Die Lebenden reparieren“

„Wo er sich befindet, existiert die Zeit nicht mehr.“

Simon ist 19 und ein leidenschaftlicher Surfer, der das Meer, die Wellen, den Wind liebt. Nach einem Surfausflug mit seinen Freunden stirbt er bei einem tragischen Unfall. Von einer Sekunde auf die andere wird er aus dem Leben gerissen, sein noch kurzes Dasein auf Erden beendet. Die Ärzte stellen seinen Hirntod fest. Wenige Stunden später fassen seine Eltern eine folgenreiche Entscheidung: Sie geben Simon zur Organspende frei. In ihrem meisterhaften Roman beschreibt die französische Autorin Maylis de Kerangal den vielschichtigen Prozess eines solchen Ereignisses – vom tragischen Unfall bis zur Implantation der Spenderorgane in den Körper eines sehr kranken Menschen. Backlist #14 – Maylis de Kerangal „Die Lebenden reparieren“ weiterlesen

Jørn Lier Horst – „Wisting und der Tag der Vermissten“

„Wir sind nicht entweder-oder, sondern sowohl-als-auch.“

Zwei Frauen sind verschwunden. Nie wurden ihre Leichen gefunden, nie ein Tatort ermittelt. Noch immer ist unklar, ob sie tot sind oder mittlerweile an einem unbekannten Ort leben, ob ein Zusammenhang zwischen ihnen besteht. Mehr als 20 Jahre sind ins Land gegangen. Vor allem der Fall um Katharina Haugen beschäftigt William Wisting noch immer. Regelmäßig holt der erfahrene Ermittler die Fallakten aus seinem Schrank und liest darin. Jedes Jahr am Tag ihres Verschwindens besucht er deren Ehemann Martin. Schließlich nimmt Adam Stiller von der Einheit für ungeklärte Fälle Kontakt zu Wisting auf. Der Grund: Neue Erkenntnisse im Zusammenhang mit der vermissten 17-jährigen Nadia Krogh, die bereits zwei Jahre vor Katharina spurlos verschwunden war, machen Martin Haugen zum Verdächtigen. Jørn Lier Horst – „Wisting und der Tag der Vermissten“ weiterlesen

Jean Stafford – „Die Berglöwin“

„Die Berge aber trugen die Gefahr unübersehbar in ihren narbigen Gesichtern.“

Berglöwen, hierzulande besser bekannt unter dem Namen Puma, sind kräftige wie bewegliche Katzen. Sie gelten als Einzelgänger und scheu. Ihre Zahl wurde in Nord- und Südamerika vom Menschen drastisch reduziert. Die Ureinwohner des Kontinents schätzen sie, verbinden mit ihnen Stärke, Treue, Mut. „Die Berglöwin“ (im Original „The Mountain Lion“) heißt der 1947 erschienene Roman der amerikanischen Pulitzer-Preisträgerin Jean Stafford (1915 – 1979), den es dank einer Neuübersetzung nun neu zu entdecken gibt und in dem die schöne Katze eine symbolische Bedeutung erhält. Jean Stafford – „Die Berglöwin“ weiterlesen

Christiane Neudecker – „Der Gott der Stadt“

„Die Toten kehren wieder zum Datum ihres Untergangs.“

Zwischen Leben und Tod liegen manchmal nur wenige Sekunden. Kurze Momente, in denen das Unvorstellbare, ein Unglück geschieht. Georg Heym (1887 – 1912) galt als einer der großen literarischen Namen des frühen Expressionismus. Ein langes Leben war ihm nicht beschieden: Mit nur 24 Jahren starb er bei dem verzweifelten Versuch, seinen Freund Ernst Balcke, der beim Schlittschuh-Laufen im Eis des Wannsees eingebrochen war, zu retten. Doch Heyms Werke leben weiter, werden bis heute gelesen. Erst 100 Jahre später, im Januar 2012, wird indes sein weniger bekanntes „Faust-Fragment“ am Berliner Ensemble unter der Regie von Manfred Karge auf die Bühne gebracht. Ob diese Aufführung Christiane Neudecker die Inspiration für ihren Roman „Der Gott der Stadt“ gab?

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Øistein Borge – „Kreuzschnitt“

„Wieso sollten auch Werke von einigen der anerkanntesten Künstlern Europas an der Wand dieses unansehnlichen Bauernhauses hängen?“

Geld schützt nicht vor Mord. Der Immobilienmogul Axel Krogh, einer der reichsten Männer Norwegens, wird in seiner Villa an der Côte d’Azur tot aufgefunden. Sein Leichnam wurde geschändet, im Rücken des bereits betagten Mannes hat der Mörder ein blutiges Kreuz hinterlassen. Kroghs Tochter Ella und Erik Jacobsen, Konzernchef der Krogh-Gruppe, finden den Toten und entdecken, dass auch ein Gemälde eines unbekannten Künstlers aus dem Anwesen gestohlen wurde. Der Osloer Kommissar Bogart Bull wird für die Ermittlungen nach Frankreich entsendet, wo er auf ein dunkles Geheimnis der Familie stößt und dass der Maler des Bildes nicht wirklich unbekannt ist. Øistein Borge – „Kreuzschnitt“ weiterlesen

Stefanie de Velasco – „Kein Teil der Welt“

„Sich vorzustellen, dass die Welt untergeht, ist nicht einfach, selbst wenn man damit groß geworden ist.“

Manchmal sind sie mit ihrem Stand in belebten Einkaufsstraßen anzutreffen. Der eine oder andere ist ihnen vielleicht an der Haustür begegnet. Sie klingeln und reden über ihre Welt – mit der Zeitschrift „Der Wachturm“ in der Hand. In Deutschland gibt es mehr als 160.000 Zeugen Jehovas. Die Religionsgemeinschaft, die einige auch als Sekte titulieren, ist wohl den meisten dafür bekannt, dass ihre Mitglieder Bluttransfusionen verweigern. Einen eindrücklichen Einblick in die Gedankenwelt, Regeln und das System der „Zeugen“ gibt Stefanie de Velasco mit ihrem aktuellen Roman „Kein Teil der Welt“.

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Lars Saabye Christensen – „Die Spuren der Stadt“

„Das ganze Leben ist eine Frist.“

Es gibt Schriftsteller, die füllen mit ihren Werken mit der Zeit nicht nur die Regale ihrer Leser. Sie sind Begleiter – über Jahre, Jahrzehnte. Für mich ist der Norweger Lars Saabye Christensen ein solcher Autor. Ich lernte ihn mit seinem Roman „Yesterday“ kennen, in dem vier Jungen im Mittelpunkt stehen, die in Oslo der 1960er-Jahre die Beatlesmania hautnah erleben. Ich verschlang vor einigen Jahren Christensens preisgekröntes Werk „Der Halbbruder“, zuletzt verschaffte mir der dicke Wälzer „Magnet“ eine eindrückliche Lektüre. Vor einigen Monaten erschien in deutscher Übersetzung sein Roman „Die Spuren der Stadt“ – sein nicht ohne Grund vermutlich bisher persönlichstes Buch.

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Marieke Lucas Rijneveld – „Was man sät“

„Taff sein beginnt mit dem Unterdrücken der Tränen.“

Ihr kindlicher Wunsch erfüllt sich. Eine Tragödie bricht über die Familie herein, nach der nichts mehr ist, wie es einst war. Statt des kuschligen Kaninchens Dieuwertje, das vom Vater gemästet wird, stirbt der große Bruder. Kurz vor dem Weihnachtsfest. Das Eis, auf dem er unbekümmert Schlittschuh läuft, trägt Matthies nicht. Aus sechs werden fünf, bleiben fortan ein Stuhl am Esstisch und ein Kinderzimmer für immer leer. Wie die junge niederländische Autorin Marieke Lucas Rijneveld über Trauer, Schmerz und Schuld, über die Kehrseiten der Religion sowie über menschliche Kälte und Gewalt in ihrem Roman „Was man sät“ schreibt, ist imponierend, wenn nicht sogar unvergesslich. Marieke Lucas Rijneveld – „Was man sät“ weiterlesen

Christoph Poschenrieder – „Der unsichtbare Roman“

„Staat an Schriftsteller: Hilf uns aus der Patsche, schreib einen Roman.“

Bereits vor einiger Zeit schrieb ich in dem Blogbeitrag zu Colson Whiteheads Roman „Die Nickel Boys“ den Gedanken nieder, dass es für das literarische Erzählen oft nicht einmal der Fantasie bedarf, dass Geschichten vielmehr real sind oder waren und Eingang in die Historie eines Landes, einer Stadt gefunden haben. Dies beweist auch das neue Buch des Münchner Schriftstellers Christoph Poschenrieder der ganz im Gegensatz zum Titel „Der unsichtbare Roman“ sicht- und greifbar ist, mehr noch: eine spannende eindrückliche Lektüre bietet. Christoph Poschenrieder – „Der unsichtbare Roman“ weiterlesen

Claire Lombardo – „Der größte Spaß, den wir je hatten“

„Man ist nicht der Grund für das Glück der Eltern, sondern dafür zuständig, dass sie trotzdem glücklich sind.“

Ein gesundes Bauchgefühl kann uns vor schlechten Entscheidungen bewahren. Unser Instinkt schützt uns davor, in gewissen Situationen etwas Falsches zu machen und unter anderem auch davor – der Leseerfahrung sei dank – ein Buch in die Hand zu nehmen, Zeit mit ihm zu verbringen und zu vergeuden, das uns nicht gefallen wird. Da war dieser dicke Roman. Ein Debüt, das Buch einer jungen Amerikanerin. Auf dem Umschlag lobende Worte, sogar von dem mir sehr geschätzten Pulitzer-Preisträger Richard Russo. Ich war skeptisch! Schob die Lektüre vor mir her. Bis ich „Der größte Spaß, den wir je hatten“ von Claire Lombardo schließlich doch las und die Erfahrung machte, dass das Bauchgefühl manchmal auch komplett daneben liegen kann. Claire Lombardo – „Der größte Spaß, den wir je hatten“ weiterlesen

Backlist #13 – Jochen Missfeldt „Solsbüll“

„Das Schweigen steckte tief. Es steckt in den Muscheln. Es steckt in der Erde. Es steckt auch in den Sternen. Es steckt im Mond. Es steckt in der Ostsee.“

Mit ihrem Debüt „Altes Land“ gelang Dörte Hansen 2015 ein immenser Erfolg. Auch ihr aktueller Roman „Mittagsstunde“, 2018 erschienen, kann sich Bestseller nennen. Manchmal ist es schon erstaunlich, warum ein Buch sich übermäßig gut verkauft ein anderes jedoch nicht; letzteres vielleicht sogar etwas in Vergessenheit geraten ist, nicht die Aufmerksamkeit erhält, die es verdient hätte. Dabei hat „Solsbüll“ von Jochen Missfeldt all das, was beispielsweise die Werke Hansens ausmachen: ein norddeutsches Dorf, bewegende Schicksale und die Geschichte, die sich tief in das Leben der Menschen einprägt. Und „Solsbüll“ hat gar noch einiges mehr.

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Gunnar Staalesen – „Todesmörder“

„Unter all dem ahnte ich ein Muster, eine schwache Skizze von etwas Ungesagtem und Ungesehenen, das langsam an die Oberfläche stieg.“

Jedes Jahr erscheinen neue aufsteigende Sterne am Krimihimmel Skandinaviens. Beim Stöbern durch die Krimiregale und -tische diverser Buchhandlungen gibt es regelmäßig spannende Entdeckungen zu machen. Doch im Jahr der Frankfurter Buchmesse mit Norwegen als Gastland machte ich einen ganz anderen Fund: Im Polar Verlag erschien mit „Todesmörder“ der bereits 15. Roman um den charismatischen Privatermittler Varg Veum aus der Feder des wohl dienstältesten und mehrfach preisgekrönten norwegischen Krimiautoren Gunnar Staalesen. Eine besondere Entdeckung für mich! Gunnar Staalesen – „Todesmörder“ weiterlesen