Das Jahrhundert der Wölfe – Robert Littell "Das Stalin-Epigramm"

„Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr, 
Wir reden, dass uns auf zehn Schritte keiner hört, (…).“

Die Jahre des Erfolgs und des Ruhms gehören der Vergangenheit an. Sein Name wird nur noch geflüstert, das Wissen um seine Dichtkunst negiert. Einst war er ein gefeierter Poet, nun ist er ein Verfolgter. Seine systemkritischen Werke bringen Ossip Mandelstam an den Rand der Gesellschaft und in das Visier der Geheimpolizei. Stalins Schatten hat das Land überzogen. Es herrschen Angst und Hunger. Die Verhaftungen und Zwangsdeportationen sowie die Nöte der Bauern angesichts der Zwangskollektivierungen treibt den Dichter um. Mit seiner Waffe, dem Wort, will er ein Zeichen setzen. Und scheitert – wie viele, ob Kritiker oder Mitläufer des Systems. „Das Jahrhundert der Wölfe – Robert Littell "Das Stalin-Epigramm"“ weiterlesen

Der Fremde – Matthias Wegehaupt "Die Insel"

„Diese Bilder zerreißen keine Nebel. Nirgendwo leuchtet die erbarmungslose grelle Helligkeit einer Erkenntnis. Ungepflügtes Land, dachte er plötzlich. Land, das man nicht pflügt, bringt bald keine Frucht mehr. (…) Aber auf den Leinwänden kannst du pflügen, wenn du nicht ängstlich bist.“ 

Des Künstlers Heimat ist das Eiland. Unsmoler heißt er, sein Name von den Einwohnern der Insel verliehen. Sein ganzes Leben dreht sich nur um die Kunst, um  seine Bilder, die während oder nach langen Strandgängen entstehen. Unsmoler lebt abgeschieden vom Dorf in einer kleinen, bescheidenen Kate. Ruhe könnte er reichlich haben, wenn nicht da der Staat wäre, der in Form des Großen Vorsitzenden die urige und sicherlich auch etwas hinterwäldlerische Insel nach seinen Vorstellungen umkrempelt. Ein ganzes Land, die einstige DDR, findet sich auf diesem kleinen Stück Land inmitten der Ostsee wieder. Wie Uwe Tellkamp in seinem Roman „Der Turm“ die damaligen Geschehnisse im Leben eines Dresdner Viertels und einer Familie widerspiegelt, so setzt Matthias Wegehaupt die DDR eben auf jene Insel.

Und nicht alles ist fiktive Spielerei. Wegehaupt, 1938 in Berlin geboren, selbst Maler und Künstler und bis heute auf Usedom lebend, verwandelte die Notizen seines Tagesbuchs in das 2005 erschienene, dickbändige Werk. Aus gut 3000 Seiten wurden 1000 Seiten, in denen nahezu die ganze Geschichte des Landes erzählt wird. Der Roman setzt dabei kurz vor dem Mauerbau im Jahr 1961 ein und endet nach mehreren Zeitsprüngen kurz nach der Wende. Der Leser begleitet nicht nur Unsmoler und die Bewohner der Insel, sondern erfährt, wie der Staat in das  Leben eines jeden Einzelnen eingegriffen hat.  Dabei beginnt alles recht unscheinbar mit der Verwandlung des Eilandes in eine Ferieninsel, denn der Große Vorsitzende will mit positiven Zahlen bei der Parteiführung glänzen. Die Kirche als Institution wird genauso ins Abseits gedrängt wie die ursprünglich lebenden, meist eigenbrötlerischen Einwohner. Unsmoler muss im Gegensatz zu seinem Künstlernachbarn Herrn Akkurat und seine Frau auf Linientreue gebracht werden. Über allem Tun blickt zudem das wachsame Auge der Firma. Später prägen Grenzposten und Teilnehmer vormilitärischer Übungen das Land.

Unsmoler hat es da nicht einfach. Neben Aufträgen für den Kulturverband – plakative und volksaufmunternde Spruchwände –  arbeitet er an Werken, die so gar nicht in die geforderten Kunstdoktrien der Parteiführung passen. Er grenzt sich ab, auch zum Leidweisen seiner Frau, die später mit dem gemeinsamen Kind die Insel verlässt. Unsmoler wirkt von seinem persönlichen Anspruch als Künstler wie gehetzt, pendelt zwischen dem Eiland und der Großstadt, in denen Künstlerkollegen und ehemalige Kommilitonen meist mehr schlecht als recht leben. Als auch noch sein Hund erschossen wird und ein Künstlerkollege nach einer misslungenen Flucht stirbt, steht Unsmoler gänzlich im Abseits, auch wenn er mit einer „Blondine“ von der Firma ein Verhältnis beginnt. Als er ungeschoren aus einer Stasi-Vernehmung wieder auftaucht, glauben die Einwohner fälschlicherweise, er sei einen Pakt mit der Firma eingegangen. Kurz vor der politischen Wende erfährt Unsmoler nach einer verrückten Flucht nach Schweden, wo wirklich seine Heimat ist.

Neben den Zeitsprüngen und Rückblenden in die Kriegs- und Nachkriegszeit, als Unsmoler als Kind mit der Familie aus Ostpreußen geflohen auf der Insel eine neue Heimat findet, arbeitet Wegehaupt auch stilistisch zweigleisig. Beschreibungen über das Wirken der Parteigenossen haben einen ironischen, sogar sarkastischen Zug, die Kapitel und Absätze über Unsmoler, sein und das Verhältnis vom Staat zur Kunst zeigen sich hingegen ungemein poetisch und melancholisch. Hier liegt dieser große Reiz des Buches, das sich im Gegensatz zu Tellkamps „Turm“ nicht in schwerverträglichen Bandwurmsätzen verrennt. Kurze und prägnante Sätze, die sich ins Gedächtnis brennen, prägen dieses Schwergewicht von einem wortgewaltigen Buch. Trotz dieses Umfangs ist dem grandiosen Werk eines zu wünschen: Dass es genauso viele, wenn nicht sogar mehr Leser gewinnt als der „Turm“. Und noch ein Rat an die sogenannten „Lehrplan-Bevollmächtigten“: In Sachen DDR-Aufarbeitung ist „Die Insel“ unbedingt zu empfehlen.

Der Roman „Die Insel“  von Matthias Wegehaupt ist im Buchhandel als Ausgabe des List-Taschenbuch-Verlages erhältlich.
1024 Seiten, 12,95 Euro 

Der weiße Planet – Barry Lopez "Arktische Träume"

„Der gefrorene Ozean selbst wälzt sich in seinem Winterschlaf wie ein Drache.“ 

Es ist das Land abseits jeglicher Vorstellungen und des ewigen Eises, wo der Tag oder die Nacht endlos ist, wo alles in Bewegung erscheint oder im tiefen Schlaf versinkt. Der amerikanische Naturforscher Barry Lopez, 1945 in Port Chester geboren, war während seiner zahlreichen Reisen über den Polarkreis hinweg Teil dieser arktischen Welt. Seine Erlebnisse und Gedanken, sein Wissen über das Eisland hat er in seinem Buch „Arktische Träume“ zusammengefasst. Sein Werk ist dabei nicht irgendein Sachbuch, das staubtrocken und unemotional nach Erklärungen sucht, es hat, 1986 erschienen, den National Book Award erhalten und damit einen der renommiertesten Literatur-Preise. Und das nicht umsonst.  „Der weiße Planet – Barry Lopez "Arktische Träume"“ weiterlesen

Das sich selbst besingende Land – Wolfgang Büscher "Hartland. Zu Fuß durch Amerika"

„‚Wo bist Du her?‘, ‚Aus Berlin, das liegt in Deutschland.‘ Die Großmutter krächzte laut auf, es war ihre Art zu lachen, sie fand es lustig, plötzlich einen Marsmenschen im Auto zu haben.“

Es ist Winter, als er seinen ersten Fuß in das Land setzt. Es ist kalt,  und Schnee ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Doch nicht die Wettereskapaden halten ihn an der Grenze zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten von Amerika auf. Es ist ein Mann an der Grenzstation, der nicht glauben will, dass einer zu Fuß über den Kontinent läuft, dem es merkwürdig erscheint, dass jener auch noch Stempel  als Andenken von Aufenthalten in China und Jordanien im Pass hat. Doch schließlich ist Wolfgang Büscher drüben. Und nach dem ersten Schritt werden Hundertausende folgen – quer durch die Staaten, quer durch das Hartland, zu Fuß durch Amerika, wie der Autor sein Reise- und Erinnerungsbuch benannt hat. Von einer Tour, die am Ende einen besonderen Lohn nach unzähligen Strapazen bereithält: Nicht nur ein Land gesehen, sondern auch in sein Innerstes geschaut zu haben. Doch sollten wir an dieser Stelle nicht schon vom Finale berichten, wenn auf den Herausforderer in Outdoor-Kluft und einen Rucksack im Rücken noch viele Anstrengungen warten. „Das sich selbst besingende Land – Wolfgang Büscher "Hartland. Zu Fuß durch Amerika"“ weiterlesen

Der Gedankenleser – Hanns-Josef Ortheil "Das Kind, das nicht fragte"

 „Etwas aufzuschreiben bedeutete, dem Fantasierten eine eigene Wahrheit zu verleihen.“ 

 Die Insel bedeutet Zuflucht und später die Wende. Für Forschungen reist der  Ethnologe Benjamin Merz nach Sizilien. Zurücklässt er nur wenig: die Wohnung unterm Dach im Haus seiner Eltern, die vier älteren Brüder, die sowieso nur mit ihren Bevormundungen nerven, sowie den hektischen Hochschulbetrieb. Mit dem Leben und den Einwohnern des sizilianischen Mandlica, einem idyllischen Städtchen an der Südküste gelegen, kommt er schnell zurecht, obwohl sich in den ersten Tagen beide Seiten – der Ethnologe und die von zahlreichen Ritualen und Bräuchen, wie der Herstellung der Dolci (Süßigkeiten), beherrschte Einwohnerschar – erst „beschnuppern“ müssen.Merz wohnt in einer Pension, die von zwei deutschen Schwestern geführt werden – von Maria und Paula. Während erstere versucht, Merz zu erobern, finden letztere und der Ethnologe schließlich zusammen. Und nicht nur diese wunderbare, seelenvoll erzählte Liebesgeschichte zeichnet den neuen Roman „Das Kind, das nicht fragte“ von Hanns-Josef Ortheil in Vollendung aus.

Randvoll ist dieses Buch mit Lebensgeschichten. Denn Merz ist ein Spezialist für die Menschen, ihr Leben, ihre Beziehungen, ihr Verhalten untereinander. Mit Hilfe des Buchhändlers Alberto bekommt er schnell Anschluss an die Einheimischen, die er in Gesprächen interviewt und die ihm schließlich sehr viel Respekt erweisen, allen voran der Bürgermeister, der ihn sogar für ein großes EU-Projekt einspannen will.  Merz blickt hinter ihr Leben und ihren Alltag, entdeckt Verbindungen und sogar Geheimnisse, wie das des Restaurant-Inhabers und Marias Ehemann Lucio, der einst mit Paula verlobt war. Im Mittelpunkt steht indes vor allem Merz selbst, sein angespanntes Verhältnis zu seinen älteren Brüdern, die ihn nicht wirklich respektieren, ihn in seiner Kindheit und Jugend nahezu kaum zu Wort haben kommen lassen. Einzig die Eltern lassen Benjamin reden und hören ihm vor allem zu. Bei keinem anderen Menschen hat er das Gefühl auch im kommunikativen Sinne, aufgehoben zu sein. Bis eben Paula in sein Leben tritt, mit ihrer Gabe, die nicht viele Menschen auszeichnet.

Ortheil führt diese verschiedenen Geschichten, Themen und Zeiten mit Herz für seine Helden und viel Sprachgefühl zusammen. Man findet sich unweigerlich hineinversetzt in dieses Städtchen und in das Leben seiner charismatischen Bewohner. Fast riecht man die Orangen und Zitronen, spürt die sonnige Atmosphäre Siziliens. Es wäre nicht verwunderlich, wenn dank dieses Buches manch Reiseveranstalter eine erhöhte Zahl an Sizilienreisen verzeichnet. Doch gegen diese Idylle setzt Ortheil die Vergangenheit von Merz, seine daraus entstandenen Selbstzweifel und sein Leben mit dem Fuß auf dem Bremspedal. Seine spätere Entscheidungskraft, die ihm schließlich den Lebensweg öffnen wird, entlässt den Leser zum Schluss schließlich positiv gestimmt aus der Geschichte, ohne in Kitsch und seichter Romantik abzugleiten. Ganz im Gegenteil: „Das Kind, das nicht fragte“ ist ein warmherziges und weises Buch, das einen rührt und vieles lehrt  und ganz nebenbei zu einer wundervollen Reise nach Sizilien einlädt. Begleitet wird das Buch und das Geschehen im Übrigen von Auszügen aus Gedichten des sizilianischen Lyrikers und Nobelpreisträgers Salvatore Quasimodo (1901-1968). Wer Ortheils wunderbares Schreiben – er wurde unter anderem bereits mit dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet – noch nicht kennt, für den könnte dies eine zweite Entdeckung sein.

Der Roman „Das Kind, das nicht fragte“ von Hanns-Josef Ortheil erschien 2012 bei Luchterhand.
432 Seiten, 21,99 Euro

Napoleons Niedergang – Stekovics-Verlag mit Prachtband

Was sie sich wohl sagen würden, sich zu erzählen hätten, wenn sie aufeinandertreffen würden? Im zeitlichen Raum trennen  Wallenstein, Gustav II. Adolf und Napoleon 170 Jahre. Von der räumlichen Dimension jedoch gesehen, haben sie nahezu auf gleichem Boden gekämpft. Im Jahr 1634 stirbt während der Schlacht bei Lützen Wallensteins Widersacher,  Schwedenkönig Gustav II. Adolf,  der „kleine“ Franzose erringt  bei Großgörschen einen Sieg, bevor seine Truppen    bei Leipzig die entscheidende Niederlage hinnehmen müssen.  In der Gegenwart kommen  die drei großen Heerführer  nun doch auf besondere Weise zusammen – im Buchregal. „Napoleons Niedergang – Stekovics-Verlag mit Prachtband“ weiterlesen