Von Schriftstellern, dem Schreiben und der DDR – Max Frisch "Aus dem Berliner Journal"

„Die Langweile zu leben. Weil durch ,leben‘ kaum eine neue Erfahrung aufkommt. Wenn es zu Erfahrungen kommt, so nur noch durch Schreiben.“

Die Schreibmaschine und das Fenster mit Blick auf die Straße vor ihm, in der Hand die Tabakspfeife, an der er andächtig zieht, rechts die Schreibtischlampe, die sich lang macht und sich über die Schreibmaschine beugt. Die bekannte Fotografin Renate von Mangoldt hat Max Frisch 1973 in dessen Berliner Wohnung in der Sarrazinstraße porträtiert. Diese Aufnahme, die wie keine zweite das Wesen eines Schriftstellers einfängt, hat Eingang gefunden in Frischs neuestes Werk. „Von Schriftstellern, dem Schreiben und der DDR – Max Frisch "Aus dem Berliner Journal"“ weiterlesen

Ein Märchendichter auf Reisen – Beate Hagen „Auf den Spuren von Hans Christian Andersen“

Er hat der kleinen Meerjungfrau Unsterblichkeit verliehen, unzählige Leser mit dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ zum Lachen gebracht. Hans Christian Andersen hat einen literarischen Schatz hinterlassen. Sein Werk füllt nahezu jedes heimische Buchregal. Während seine Märchen Weltruhm erlangten, ist das Leben des dänischen Nationaldichters nur wenigen bekannt.

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Der (Un)Geliebte – Tilmann Lahme "Golo Mann"

„Einmal in diesem Wasser muss man schwimmen und schwimmen, bis man untergeht.“

Sein Leben war Flucht und Streben zugleich. Er flüchtete vor dem Schatten seines Vaters und vor einer gewalttätigen Diktatur. Er strebte, vielleicht auch unbewusst, den Namen Mann gerecht zu werden. Trotz jener Hassliebe zu seiner Familie, die ihn prägte, in der er jedoch wenig Liebe und Anerkennung erfuhr. Golo Mann ist nicht nur dem riesigen Namen gerecht geworden. Er hat als Historiker, Journalist und Literat Respekt und große Anerkennung erworben – vielleicht wie keins der sechs Kinder von Katia und Thomas Mann. „Der (Un)Geliebte – Tilmann Lahme "Golo Mann"“ weiterlesen

An seiner Seite Dora – Michael Kumpfmüller "Die Herrlichkeit des Lebens"

„Ist nicht alles Weg?“


Die letzte Zeit bricht für ihn an, für den ganz Großen, für den Literat mit der traurigen Gestalt. Er, der mit seinen Werken, den Erzählungen und Romanen, noch immer unzählige Leser vor Rätsel stellt, über den mehr geschrieben worden ist, als ihm selbst gelungen ist, wird wieder ein Teil der Literatur. Michael Kumpfmüller beschreibt in seinem aktuellen Roman „Die Herrlichkeit des Lebens“ die letzten Monate im Leben von Franz Kafka und damit die Zeit seiner großen Liebe.  Man schreibt das Jahr 1923. Im Sommer lernt der hagere „Doktor“ im Ostseebad Müritz Dora Diamant kennen, die Köchin des dortigen Ferienheims. Mit langen Spaziergängen entlang des Strandes und langen Gesprächen verknüpft sich  ihr Leben. Beide fühlen eine tiefe Verbundenheit und Liebe zueinander, obwohl zwischen ihnen ein Altersunterschied von 15 Jahren besteht, Kafka selbst Schwierigkeiten hat, eine Beziehung einzugehen.

Kafka verlässt mit seinen Schwestern Ottla und Elli nach einigen Tagen den Ferienort, die Reise geht zurück in die Heimat Prag.  Der Schriftsteller und die aus Polen stammende Köchin halten mit Briefen den intensiven Kontakt aufrecht. In Berlin sollen sie schließlich beide nach mehrmaligen Umzügen in einer bescheidenen Wohnung  ein gemeinsames Zuhause finden. Auch wenn die Situation nicht immer ungetrübt ist: Das Geld ist knapp, die Inflation herrscht.  Franz leidet unter den Beschwerden seiner Tuberkulose-Erkrankung. In der Großstadt macht sich zudem der Antisemitismus breit, der Jahre später ein Großteil von Kafkas Familie in den Vernichtungslagern von Chelmno und Auschwitz den Tod bringen wird. Der große Schriftsteller wird dies nicht erleben: Er stirbt genau einen Monat vor seinem 41. Geburtstag im Juni 1924 im Sanatorium Kierling in Niederösterreich. An seiner Seite: Dora. Auch wenn ihr Vater, ein orthodoxer Jude, die Heirat mit dem pensionierten Angestellten einer Versicherungsanstalt und bereits bekannten Künstlers verweigert.

All jene gegensätzlichen Stimmungen fließen in jenem wunderbaren Roman zusammen, jene heitere und hoffnungsvolle, ausgelöst durch die Beziehung, sowie jene erdrückende und düstere Atmosphäre, die durch den kritischen Gesundheitszustand Kafkas und die gespannte Situation in Berlin verursacht wird.
Wie Kumpfmüller das Wachsen der Gefühle beschreibt, ist meisterhaft, nicht minder, wie er ehrlich und unumwunden den Niedergang des weltbekannten Schriftstellers und das Leid des Paars erzählt, das nur wenige gemeinsame Monate erlebt hat. Doch neben den privaten Seiten Kafkas widmet sich Kumpfmüller auch dem Thema Schreiben. Immer wieder finden sich in dem Roman, wie dem große Autor die Schaffenspausen  aufgrund seiner Erkrankung  zu schaffen machen. Selbst sein größter Unterstützer Max Brod kann ihm wenig helfen. Kaum eine Zeile bringt er zu Papier, kommen wieder gute Zeiten, zeigt sich Kafka glücklich. Selbst in den letzten Tagen bringt ihm die Korrektur von Druckfahnen frohen Mut.

Kumpfmüller, der 1961 in München geboren wurde, heute in Berlin lebt und für seinen Roman „Nachricht an alle“ mit dem Döblin-Preis geehrt wurde, webt in seinen wunderbar poetischen Roman Kafkas Texte behutsam ein, Tagebücher, Briefe und Notizen und eine ganze Zeit finden so ihren Weg in ein großes Stück Literatur. Ein Teil der Korrespondenz sowie Notizen wurden indes 1935 von der Gestapo beschlagnahmt  und gelten bis heute als verschwunden. Dem Verfasser standen zudem die beiden Germanisten Prof. Peter-André Alt und Prof. Klaus Wagenbach zur Seite.

Wer sich vor den meist düsteren Werken Kafkas bis jetzt fürchtete, wird mit dem Roman einen anderen, weil persönlicheren Bezug zu Kafka finden und möglicherweise seine Texte in einem ganz anderen Licht sehen. Zu wünschen wäre es. Und eines darf nicht vergessen werden. Mit dem Buch wird auch einer besonderen Frau ein Denkmal gesetzt:  Dora Diamant, die ihre Liebe um 20 Jahre überleben wird. Sie starb 54 Jahre alt in London.

Der Roman  „Die Herrlichkeit des Lebens“ von  Michael Kumpfmüller  erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch im August 2011.
240 Seiten, 18,99 Euro

Das Märchen eines Märchendichters – Jens Andersen: "Hans Christian Andersen"

Er hat mehr als 150 Märchen geschrieben und wurde zum Nationaldichter seines Heimatlandes Dänemark. Dabei erscheint schon die Erzählung seines  Lebens wie ein klassisches Märchen mit seinem guten Ausgang.
Als Sohn eines Schuhmachers, 1805 geboren, verlässt Hans-Christian Andersen mit gerade mal 14 Jahren seine Heimatstadt Odense auf Fünen und geht in die große Stadt Kopenhagen. Er vertraut allein seinen Talenten, seiner Begabung für das Theaterspiel und der Hingabe zur Sprache und Fantasie. Noch in den ersten Jahren als kleiner Poet und Laiendarsteller auf der Opernbühne verschrien, erringt er in den kommenden Jahren und Jahrzehnten Respekt und Anerkennung.  „Das Märchen eines Märchendichters – Jens Andersen: "Hans Christian Andersen"“ weiterlesen

Schreiben übers Schreiben – Siegfried Lenz "Selbstversetzung"

Er zählt zu den stillen Autoren. Wenig hört man von ihm. Die Herren Grass und Walser sind da schon lauter, öffentlichkeitswirksamer. Erscheint indes ein neues Werk von ihm, liest man einige Rezensionen in der Tagespresse. Sonst bleibt es ruhig um Siegfried Lenz. Nach Romanen wie „Deutschstunde“, „Arnes Nachlass“ oder „Schweigeminute“, letztere beide wunderschön, aber auch tieftraurig, fiel mir mit „Selbstversetzung“ kürzlich ein Buch mit Essays in die Hand.

Der recht schmale Band, vor fünf Jahren bei Hoffmann und Campe anlässlich des 80. Geburtstags  des Schriftstellers erschienen, enthält neun Texte, die sich vor allem dem Schreiben und der Literatur widmen. Der 1926 in Ostpreußen geborene Autor erzählt in ihnen vom Beginn seiner unter dem Wirken seines Deutschlehrers erwachten Leseleidenschaft, von seinem ersten Roman „Es waren Habichte in der Luft“, über den großen Einfluss Ernest Hemingways auf sein Schaffen und dem wachsenden Bekanntheitsgrad als Schriftsteller. Viel verrät Lenz dabei von sich: Er berichtet von seiner Kindheit, dem schnellen Erwachsenwerden im Krieg, seinen ersten Schritten als Schreibender, als Journalist. Mit einer nicht kühlen, von oben herabschauenden, sondern vielmehr einer herzenswarmen Ironie erzählt er unter anderem von seiner Straße, in der er mit seiner Frau ein Domizil gefunden hat.  Es sind somit sehr persönliche Erinnerungen und Erfahrungen – von einem großen deutschen Schriftsteller, der in der Jugend auch schon mal zu Groschenheften griff, um seine Lesesucht – Lenz schreibt, er wurde „mit Literatur infiziert“ – zu stillen.

Die Essay entstanden in den 60er und 70er Jahren und vermitteln ein persönlicheres Bild als es eine Biografie jemals zu zeichnen vermag. Wenn man die Werke von Lenz schätzt, sollte man auch zu jenem schmalen Band greifen, um einen Einblick in die Motivation für sein Schreiben zu erhalten. Denn es ist immer die große Frage: Warum schreiben, wenn es doch schon Literatur, gute Literatur gibt? Lenz dazu: „Ich wollte gleichzeitig verstehen und zugeben: so begann ich zu schreiben.“

Und wer Lenz noch nicht kennt? Sollte ihn kennenlernen. Nein, muss ihn kennenlernen. Wenn ich nur fünf Bücher auf eine einsame Insel mitnehmen könnte, ein Lenz wäre sicherlich dabei.

Selbstversetzung von Siegfried Lenz erschien bei Hoffmann und Campe.
Februar 2006
104 Seiten, 25 Euro