„Wäre Hanna eine Blume gewesen, dann am liebsten eine Hortensie.“
Nach Hannas Ende kommen die Zwergsonnenblumen. Sie wachsen, begrenzen das Grundstück, auf dem einst der Laden gestanden hat, wo sie als Floristin gearbeitet hatte. Da ist Hanna schon nicht mehr, oder in einer besonderen Weise doch? Ihr Leben war lang und wechselvoll – und gezeichnet von der Zeit. Fast ein Jahrhundert, vier politische Systeme und zwei Weltkriege (über-)erlebte die Heldin in Annett Gröschners großartigen Roman „Schwebende Lasten“.
„Das neue Leben muss anders werden als dieses Leben, als diese Zeit.“
Alles beginnt mit einer Begegnung: Das kleine schüchterne Schulmädchen Kathinka trifft auf den großen Präsidenten Wilhelm Pieck. Verewigt auf einer Postkarte, die Jahrzehnte später die nunmehr erwachsene Kathinka zerreißen und im Papierkorb entsorgen wird. Da ist das Land namens DDR fast von der Karte verschwunden – und das Leben vieler meist nicht mehr, wie es einst war. Egal aus welcher Schicht sie stammten, ob sie Arbeiter oder eben jene Funktionäre waren, denen sich Christoph Hein in seinem neuesten voluminösen Roman „Das Narrenschiff“ zuwendet.
„Niemand kann sich aussuchen, was über ihn hereinbricht.“
Wenn es plötzlich nicht an der Tür geklopft hätte, sie die Fremden nicht eingelassen hätten, wie wäre diese Nacht für Hallstein und Sissel verlaufen? Die Geschwister sind zum ersten Mal allein, für einige Stunden auf sich gestellt. Denn ihre Eltern sind für eine Beisetzung in das Nachbardorf gefahren. Es ist der Beginn einer unvorhersehbaren und folgenreichen Begegnung und das Ende einer unbeschwerten Kindheit. Der norwegische Schriftsteller Tarjei Vesaas (1897-1970) konfrontiert die jungen Protagonisten seines Romans „Frühlingsnacht“ mit den Herausforderungen des Lebens und bricht mit den Erwartungen der Leser.
Fremde in Not
Es ist eine Frühlingsnacht im Norden, die schon Anzeichen des kommenden Sommers in sich trägt: Es ist warm, die Tage sind gefühlt fast endlos. Hallstein erkundet die Pflanzen- und Tierwelt auf der von Engelwurz übersäten Wiese vorm Haus, denkt an seine imaginäre Freundin Gudrun, die er am Fensterchen zu sehen glaubt. Doch dann stehen Fremde vor der Tür: vier Erwachsene und eine Jugendliche, die so heißt wie Hallsteins Freundin im Geiste. Gudrun scheint lebendig geworden zu sein. Doch die Fremden sind in Not. Ihr Auto hat eine Panne. Die jüngere Frau, Grete, erwartet ihr Kind und liegt in den Wehen. Eine Hebamme muss her.
Doch die anstehende Geburt fern einer Klinik ist nicht die einzige Herausforderung für die beiden Geschwister. Sie werden mit den Konflikten innerhalb der fremden Familie konfrontiert. Gretes Mann Karl war im Krieg. Zwischen seinem unentschlossenen wie hilflosen Vater Hjalmar und seiner zweiten Frau Kristine gibt es Spannungen, die dazu geführt haben, dass sie das Sprechen und Gehen verweigert, sich tragen lassen muss und sich nicht äußern will. Mit ihren persönlichen Problemen und Befindlichkeiten und Wünschen nehmen sie vor allem Hallstein in Beschlag, der hin und hergerissen wird und in dieser Extremsituation zwischen den Stühlen steht – ohne wirklich zu wissen, wie all die Differenzen entstanden sind. Auch der Leser bleibt darüber im Ungewissen. Vesaas Buch erzählt viel, aber eben auch nicht alles, doch sein Blick geht in die Tiefe. Aus dem für die Geschwister vertrauten Raum, dem Haus der Familie, wird ein Ort der Konflikte.
„Alles war voller Spiel und Farben und Sehnsucht, man konnte es hören, erkennen wie undeutliche Versprechungen. Irgendwann würde man das alles bekommen.“
Manche Figur bleibt im Hintergrund, eine andere rückt nach vorn: allen voran Hallstein, der von Beginn an im Zentrum des Romans steht. Der 14-Jährige lebt in seiner eigenen Welt und hat das Herz auf dem rechten Fleck, sein vier Jahre älter Schwester vergöttert er. Mit dem Überraschungsbesuch der Fremden wird er mit der Realität konfrontiert – den hellen und dunklen Seiten des Lebens. Er hegt Gefühle für die lebendige Gudrun. Bereits zu Beginn kommt ein neuer Mensch, am Ende geht ein Mensch für immer. In „Frühlingsnacht“ liegt viel Dramatik. Im Kopf spielt sich während der Lektüre kein Film, sondern vielmehr eine Tragödie auf einer Theaterbühne mit einer reduzierten Kulisse ab.
„Die Nacht war blau und still. Ein wunderlicher Stoß durchzuckte ihn: Dass man so viel Neues lernen kann! Der Gedanke ließ alles ringsum freundlich wirken.“
Vesaas Roman erschien 1954 mit dem Originaltitel „Vårnatt“. Nach „Das Eisschloss“, „Die Vögel“ und „Der Keim“ ist es der mittlerweile vierte Roman, den der Berliner Guggolz Verlag, ins Deutsche erneut meisterhaft von Hinrich Schmidt-Henkel übertragen, herausgegeben hat, um damit hierzulande eine Vesaas-Begeisterung förmlich zu entzünden. In seiner norwegischen Heimat gilt Vesaas als einer der großen literarischen Stimmen. Nach ihm ist ein Preis benannt, den er mit dem Preisgeld, das er für den Literaturpreis des Nordischen Rates erhalten hatte, gestiftet hat, selbst war er mehrfach für den Literaturnobelpreis vorgesehen. Seine Werksliste ist lang, umfasst neben einer Vielzahl an Romanen – der Guggolz Verlag hat also noch reichlich Stoff für die nächsten Jahre – auch Kurzprosa, Dramen und Lyrik – alle in Nynorsk, eine der beiden norwegischen Schriftsprachen, verfasst.
„Lässt die Stimmungen gleiten“
Vesaas Romane sind keine Leichtgewichte – sowohl inhaltlich als auch in ihrer sprachlichen Schönheit. Vielmehr fordern sie heraus, sich den Extremsituationen und -stimmungen der jeweiligen Protagonisten mit zu stellen, deren Inneres nach außen gekehrt wird. Am Ende ist nichts, wie es zu Beginn war. Alle sind verändert – auch der Leser, dessen Erwartung auf den Kopf gestellt wird. Eben auch in dieser dann doch dunklen „Frühlingsnacht“ mit all ihren Hoffnungen, aber auch Schrecken und Schmerzen.
Die norwegische Autorin Hanne Ørstavik schreibt in ihrem, mehr um sie selbst drehenden Text für eine Anthologie, anlässlich des 125. Geburtstags des Schriftstellers 2022 erschienen und nun der deutschen Ausgabe als Nachwort beigegeben: „Vesaas hat seine Art und Weise, er gleitet in seine Sätze hinein, lässt die Stimmungen gleiten, folgt Nuancen und lässt sie zum Wichtigen werden, zum Sichtbaren, zu dem, was ist und was zu Veränderung führt.“
Mit diesem Band – im Übrigen wie mehrere seiner Romane einst in den 70er-Jahren verfilmt worden – bekommt die kleine Vesaas-Bibliothek einen weiteren meisterhaften Neuzugang. Doch das Reich des Norwegers ist groß – wie die Vorfreude auf weitere Perlen aus dessen literarischen Schatzkiste.
Wir müssen die Zeit weit zurückdrehen für diesen Roman, der in der Gegenwart angesiedelt ist. Vor etwa 40.000 Jahren existierte der letzte Neandertaler. In Europa und Asien ansässig, lebten die urzeitlichen Menschen mit dem kräftigen Körperbau und dem markanten Schädel zuletzt an der Seite ihres „Verwandten“ – unseres Vorfahrens, des Homo sapiens. Doch was wäre, wenn der Neandertaler nicht ausgestorben wäre? Wäre die Welt eine bessere – nicht Kriegen und Umweltzerstörung ausgesetzt? Dieser Frage geht Rachel Kushner in ihrem neuesten Roman „See der Schöpfung“ nach, der auf faszinierende wie eindrückliche Weise das Gestern mit dem Heute sowie Spannung mit Philosophie und Geschichte verknüpft.
„Im Skagafjord gibt es Geistergeschichten wie Muscheln am Strand.“
Er ist ein Hüne, der nach Gammelhai stinkt und Robbenblut trinkt. Tag ein, Tag aus setzt er mit seiner Seilfähre Mensch und Tier über die Tiefen des Skagafjords. Bei Sturm und bei Sonnenschein. Im äußersten Norden Islands, dort wo die Grönlandsee das herbe Land ablöst, ist Ósmann eine Institution. Nach seinem Helden Kalmann hat Joachim B. Schmidt eine weitere besondere Gestalt zum Leben erweckt – oder sollte man vielmehr sagen: wiedererweckt.
„Die Geister waren keine namenlosen Wesen mehr, keine Zahlen in irgendwelchen Geschichtsbüchern.“
Manchmal gibt es Zeiten, in denen besondere Erfahrungen aufeinandertreffen, die reale Erlebnisse mit Literatur und deren Lektüre verknüpfen. Es ist der 28. März, als ich mit mehr als 30 Schülern kurz vor 3 Uhr in Naumburg einen Bus besteige, der acht Stunden später und nach mehr als 700 Kilometern die südpolnische Stadt Oświęcim erreicht. Auschwitz – das ist der Ort, der heute als Symbol des Holocaust und für eine beispiellose Auslöschung von Leben gilt, der 1942 auch Ephraim und Emma Rabinovitch sowie ihre beiden Kinder Noémie und Jacques, 19 und 17 Jahre alt, zum Opfer fallen. Drei von ihnen starben in der Gaskammer, Noémie überlebte eine Typhus-Erkrankung nicht.