Robert Mcfarlane – „Im Unterland“

„Nicht nur Flüsse verschwinden und tauchen an unerwarteten Orten wieder auf, auch Geschichten.“ 

Alice hat es getan. Und auch Professor Otto Lidenbrock. Beide haben das Land unter der Erde gesehen. Die Helden aus den Klassikern „Alice im Wunderland“ und „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ von Lewis Carroll beziehungsweise Jules Verne finden sich denn auch in dem Band „Im Unterland“ des britischen Naturschriftstellers Robert Macfarlane ein. Doch seine persönliche Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde, wie es im Untertitel des Buches heißt, ist hingegen wahrhaftig und real. Er erzählt von seinen Begegnungen mit Wissenschaftlern, von entlegenen Orten und gefährlichen Touren. 

Informationen, Gedanken, Literatur-Hinweise 

Macfarlane braucht man wohl nur wenigen vorzustellen. Seine Bücher wie „Berge im Kopf“, „Karte der Wildnis“, „Die verlorenen Wörter“ oder „Alte Wege“ (alle Matthes & Seitz) haben viele Leser erreicht. Er zählt zu den angesehensten Naturschriftstellern. Die Liste der Preise, die er erhalten hat, ist lang. Ich wollte ihn schon immer mal lesen. Für die Reha hatte ich mir eben „Karte der Wildnis“ mitgenommen. Doch als ich in einer Leipziger Buchhandlung stöberte, fiel mir unweigerlich „Im Unterland“ ins Auge; sicherlich auch wegen des markanten Covers. Ich las nur wenige Zeilen und um mich war es geschehen. Leseliebe auf den ersten Blick. Ein Buch, das mich schließlich einige Wochen begleitet hat, von dem ich mich nur schwer lösen kann. So viele Informationen, Gedanken, Literatur-Verweise und -Zitate vermittelt dieses wundersame Buch. 

Unterland

Dafür ist der Brite viel gereist. Sein Buch führt in Regionen seiner Heimat, nach Frankreich, Italien und Slowenien, nach Norwegen, Grönland und Finnland.  Er erzählt von alten Begräbnisstätten, dem faszinierenden Raum unter dem Wald, in dem Bäume miteinander kommunizieren, steigt ab in Tagebaue, in denen nach der Dunklen Materie geforscht wird, und in nordische Höhlen zu sagenhaften prähistorischen Malereien. Seine Recherche führt ihn zudem in die faszinierende Unterstadt von Paris, in denen Subkulturen ein Zuhause gefunden haben. Er begleitet Forscher und Fischer sowie Kataphile, jene Menschen, die angstfrei in die Unterwelt von Metropolen hinabsteigen. Es sind verschiedene Elemente in unterschiedlichen Erscheinungen, mit denen sich Macfarlane auseinandersetzt: Stein und Erde, Wasser und Eis. Das Land unter der Erde hat für den Menschen dabei schon immer eine besondere Bedeutung: Ihm vertrauen wir an, was wir fürchten und loswerden wollen und was wir lieben und bewahren wollen, wie es in dem Prolog mit dem Titel „Erste Kammer“ heißt. 

„Wir sitzen auf diesem herrlichen Gipfel in der Sonne, eine Stunde, eine Ära. Es wird wenig geredet. Sprache scheint hier oben unpassend, fast unmöglich, sie prallt tölpelhaft von der Landschaft ab, deren Größe jeden Vergleich und jede Metapher absurd erscheinen lässt. Ich bin noch nie an einem solchen Ort gewesen. Er entblößt jede Erzählung, verhindert die gewohnten Zuschreibungen von Bedeutung.“ 

Die Entdeckungstouren des Briten sind dabei nicht immer ungefährlich. Eine falsche Entscheidung, eine falsche Bewegung und es gibt keine Rückkehr. Seine Reisen führen zu von Geschichte aufgeladenen Orten oder jenen Gegenden, in denen sich gerade die Lebensbedingungen dramatisch verändern und die Zukunft dramatischer werden könnte.  Wie der Mensch in Landschaften und natürliche Prozesse eingreift – Wissenschaftler haben dafür den Begriff des Anthropozäns geprägt -, ist ein großes Thema dieses Buches: Umweltverschmutzung und Klimawandel – Macfarlane sieht die Auswirkungen hautnah.  Vor allem in Grönland, wo die Gletscher an Größe verlieren, ganze Buchten mittlerweile eisfrei sind. In Nord-Norwegen erfährt er vom Protest gegen die Öl-Industrie. Ein Land, das sich zwischen Tradition und einem Wirtschaftsboom, der Milliarden in die Kasse spült, entscheiden muss.  

Erzähler und Lehrer und Mahner

Der berühmte Naturschriftsteller überwindet wissenschaftliche Grenzen, schreibt über Geschichte und Geologie genauso wie über Biologie und Soziologie. Es ist eindrucksvoll, wie er die unterschiedlichsten Bereiche und Themen verknüpft. Macfarlane ist sowohl Erzähler und Lehrer als auch Mahner – in allen drei Rollen grandios, selbst wenn er an manchen Stellen gestehen muss, dass es Landschaften gibt, für die er keine Worte findet, die ihnen gerecht werden. Sprachlosigkeit als Ausdruck von Ehrfurcht und Demut. Seine Texte sind nicht nur meisterhafte Reportagen, sondern eindrucksvolle Literatur, die das Oben und Unten unserer Welt im Zusammenspiel, unsere Erde als Ganzes mit all ihrer Geschichte, ihren Geschichten betrachtet und immer auch die Reichtümer von Flora und Fauna beschreibt. Das Buch, ausgezeichnet mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis 2019, lehrt vieles, sensibilisiert und berührt. Und „Im Unterland“ lohnt die mehrfache Lektüre – so wie auch eine bekannte Landschaft immer noch spannende Entdeckungen bereithält.   


Robert Macfarlane: „Im Unterland. Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde“, erschienen im Penguin Verlag, aus dem Englischen von Andreas Jandl und Frank Sievers; 560 Seiten, 24 Euro (Taschenbuch 560 Seiten, 12 Euro) 

Foto von Tsvetoslav Hristov auf Unsplash

4 Thoughts

  1. Ein großartiges Buch. Besonders, weil es nicht zurückschreckt, all den besonderen Orten auch sprachlich zu begegnen, statt sich mit dieser sauberen Prosa plus paar Bilder zu beschränken, durch die sich fast alle neuere Literatur immer ähnlicher wird. Die deutschsprachige Übersetzung war besonders in der ersten Hälfte einer der sprachlich stärkeren und in jedem Fall unerwarteteren Texte, die ich an Neuerscheinungen in den letzten Jahren gelesen habe.

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