Das Ende vom Anfang – Paul Auster "Sunset Park"

„Man nimmt kein Geld dafür, dass man sich wie ein Mensch verhält.“ 

 Ein verlassenes, vergessenes Haus in Nachbarschaft des Green-Wood Friedhofes in Brooklyn wird ihr neues Domizil und Zuflucht zugleich. Bing, Alice, Ellen und Miles sind Hausbesetzer, immer in Furcht, eines Tages von der Polizei ertappt und rausgeworfen zu werden. Gut, das Haus ist eine reine Bruchbude, aber unterschiedliche Gründe treiben sie unter ein gemeinsames Dach, unterschiedlich wie ihre Lebensläufe und Schicksale sind. Bing hat einen Laden, in dem er kaputte Dinge repariert, von der Schreibmaschine bis zum Bilderrahmen. Alice schreibt an ihrer Doktorarbeit über den Film „Die besten Jahre ihres Lebens“, Ellen arbeitet in einem Maklerbüro und malt erotische Bilder. Miles, der Spross eines Verlegers und einer Schauspieler, ist nach New York geflohen, damit die Beziehung zu seiner noch minderjährigen Freundin Pilar nicht auffliegt.

Alle vier haben indes eines gemeinsam. Alle haben etwas zu verbergen, einen dunklen Fleck in der Vergangenheit. Und sie leben in schwierigen Zeiten. Die Wirtschaftskrise hat das Land erfasst. Nichts ist wirklich sicher. Ein positiver Blick gen Zukunft ist pure Blauäugigkeit. Paul Auster, einer der bekanntesten Autoren Amerikas, ist es in seinem neuen Roman „Sunset Park“ wieder einmal gelungen, besondere und vergessliche Figuren in eine besondere Zeit zu stellen. Sein Erzählen konzentriert sich ganz auf die Charaktere, die er in all ihren Facetten, ihren Zweifeln und Ängsten, ihren Hoffnungen und ihrem Glauben zeichnet. Allen voran Miles, den Verlegerssohn, der über sieben Jahre lang keinen Kontakt zu seinen Eltern hatte, die schon seit seiner frühesten Kindheit getrennt leben. Sein düsteres Geheimnis: Er glaubt, als Jugendlicher den Unfall seines älteren Stiefbruders Bobby herbeigeführt zu haben. Er brach das Studium ab, zog von Stadt zu Stadt, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über dem Wasser. Nun kommt er zurück nach New York und kann nicht ahnen, dass sein Highschool-Freund Bing, seine Eltern über all diese Jahre über sein Leben auf dem Laufenden gehalten hat. In New York kommt es zum Wiedersehen zwischen Miles seinem Vater Morris, dessen Verlag um seine Existenz ringt, und seiner Mutter Mary Lee, die am Broadway ein Zwischenhoch ihrer Karriere feiert.

Große Romane sind besondere Bücher, die existenzielle Fragen der Menschheit oder einer Generation mit dem Alltagsleben der Menschen verbinden. Auster ist bekannt dafür, große Themen in lebendigen Geschichten mit lebendigen Charakteren zu behandeln. So auch hier. Traumwandlerisch verknüpft er alle Schicksale zu einem Abbild der Gesellschaft wenige Jahre nach der Jahrtausendwende, als die Wirtschafts- und Finanzwelt aus dem Ruder läuft, in denen erfolgreiche Unternehmen den Bach hinuntergehen und jeder, egal welche Bildung oder welches Einkommensniveau er hat, betroffen ist. Auster lässt immer wieder teils beängstigende Szenen entstehen – so der Selbstmord einer jungen Frau und Künstlerin, Tochter eines Autors, dessen Werke Morris in seinem Verlag veröffentlichte, der rote Zahlen schreibt.

Die Verlierer sind in der Überzahl und irren orientierungslos wie Miles durch ihr eigentlich noch junges Leben. Er scheint mit seiner Rückkehr nach New York, der neuen Liebe und dem Wiedersehen mit seinem Eltern wieder in die richtige Bahn zurückgekehrt zu sein. Doch der Scheint trügt, das aufkeimende Glück ist nur von kurzer Dauer. Die Polizei rückt in das Haus im Sunset Park ein. Miles beantwortet Gewalt mit Gewalt. Seine mögliche Entscheidung – Auster lässt das Ende ein wenig offen – kippt die Geschichte zur Tragödie. Das Ende des Anfangs schmerzt und lässt den Leser konsterniert zurück. Wer sollte aus einer Krise nicht mit eigenem Willen sich herauskämpfen, wenn nicht die Jugend. Was bleibt ist ein recht  bedrückendes Gefühl.

Der Roman „Sunset Park“ von Paul Auster erschien im Rowohlt Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Werner Schmitz
320 Seiten, 19,95 Euro


Fünf Jahre Amerika – Paula Fox "Kalifornische Jahre"

„Nach einer Weile bin ich entkommen.“
 
Unruhige Jahre schaffen unruhige Menschen. Gerade wenn die Zeit im Umbruch ist, gibt es meist keine Sicherheit. Vielleicht nur jene, dass nur der es schafft, der sich treu bleibt. Im Roman „Kalifornische Jahre“ von Paula Fox begegnet der Leser einem jungen Mädchen, das trotz schwerer Jahre ihren Weg geht.  

Nichts hält sie mehr in New York. Ihr Vater, ein Künstler, kennt sie nur beim Namen, ihre Mutter ist vor vielen Jahren gestorben. 1940 begibt sich die 17-jährige Annie Gianfala auf den Weg in den Westen nach Kalifornien. Um ein neues Leben zu beginnen, einen Job zu finden, Geld zu verdienen – auch wenn die Weltwirtschaftskrise weiterhin ihre Schatten wirft. Während sie über den Kontinent als Mitfahrerin einer flüchtigen Bekannten oder als Tramperin reist, nimmt ihr um einige Jahre älterer Freund Walter Vogel das Schiff. Beide wollen sich in San Diego wieder treffen.
Doch auch Walter ist wie Annies Vater ein Flüchtender, immer unterwegs, nie an einem Ort. Zudem sympathisiert er mit den Kommunisten, will Annie ebenfalls für deren Ideen begeistern. Sie muss allerdings erst einmal auf die eigenen Beine kommen, hangelt sich von Job zu Job, von einer Wohnung zur nächsten, lernt Leute kennen, die ebenfalls an der kalifornischen Küste „gestrandet“ sind, ihr Glück, vor allem Geld und Ruhm im Westen suchen. Vielleicht als Schauspieler in Hollywood, als Musiker oder Drehbuchschreiber. Mal arbeitet Annie als Kellnerin beim Griechen oder im Drive-In eines Schnell-Imbisses, mal in großen Fabriken oder als Nacktmodell. Die spätere Ehe mit Walter ist schließlich nur von kurzer Dauer. Wieder steht die junge Frau allein da. Doch sie schafft es, sich ihr eigenes Leben aufzubauen. Auch dank einiger Freunde, vor allem Männer. Als im August 1945 mit der Kapitulation Japans für Amerika der Krieg beendet ist, fasst Annie einen Entschluss. Sie will nicht nur Kalifornien, sondern vielmehr Amerika ganz verlassen.

Fünf Jahre Amerika, fünf Jahre begleitet der Leser eine junge Frau, die ihren Weg sucht und auch findet. Trotz der ständigen Hindernisse. Blickt man auf die Erlebnisse und Etappen der Heldin erscheint Paula Fox’ Roman „Kalifornische Jahre“ zuerst einmal als Entwicklungsroman, nimmt man den Hintergrund der Geschichte näher unter die Lupe, wird deutlich: Es ist vor allem ein Roman über Amerika, über den Zustand eines Landes, zwischen Krieg und Frieden, zwischen Kommunismus und Rassismus, zwischen Schein und Sein. Ein Land, das irgendwie zerklüftet ist, keine feste Spur geht. Ein Land, das grau erscheint, trotz der Glitzerwelt Hollywoods. Kaum einer der Protagonisten kann glücklich genannt werden. Jeder ist irgendwie in Kalifornien gestrandet, egal welcher Herkunft er entstammt, welche Hautfarbe er hat, welche weltanschaulich-politische Sicht er vertritt. Und sie hasten aneinander vorbei, bauen kaum feste Bindungen auf. Jeder ist auf der Suche nach seinem passenden Leben, nach Erfolg und Reichtum. So ist keiner der Personen wirklich greifbar, keinen kann der Leser in irgendeiner Weise Sympathie entgegenbringen.

Der Fokus liegt auf Annie, die an ihren Herausforderungen wächst, wenn auch oft unter  widrigen Umständen. Ob die Armut und das Leben aus dem Koffer, der üble Charakter ihres Mannes, die unerfüllte Liebe zu Max, Tragödien, wie der Selbstmord eines Freundes oder die ständigen rassistischen Attacken gegenüber Farbigen. Warum sie dennoch aus sich herauswächst, ist erklärbar: Annie „umschifft“ die großen Moden, mit denen sie mit Hilfe ihrer Freunde und Bekannten in Berührung kommt. Weder dem Kommunismus noch der Gier nach Ruhm und Geld kann sie etwas abgewinnen. Auf den Punkt gebracht: Sie bleibt sich selbst treu, auch wenn sie zu Beginn immer wieder aufgrund ihrer Jugend und Unerfahrenheit verspottet wird.

Viel rund um die Personen berichten muss der Erzähler des Buches nicht. Meist sind die Charaktere eingebunden in lange Dialoge, die sich den wichtigsten Themen widmen: dem eigenen Lebensweg, dem Geld, Politik und Krieg. Manches Gespräch erinnert an eine Szene eines Theaterstückes. Was wirklich berührt, ist die intensive Ausgestaltung des Innenlebens der Figuren und ihres Charakters, ihrer Gefühle und Gedanken, ihrer Befindlichkeit. Beschreibung von Orten findet man weniger und wenn, dann nur zur Gestaltung wichtiger Szenen, um Situationen kräftiger zu zeichnen.

„Kalifornische Jahre“ ist ein großer Roman; für all jene, die Entwicklungsromane mögen, die gern über den „Zustand“ eines Landes lesen. Wer unterhaltsame Spannung sucht, wird das Buch möglicherweise enttäuscht zur Seite legen. Eine Spannung findet sich in diesem Roman nur in der fabelhaften Zeichnung eines Landes und seiner Menschen.

„Kalifornische Jahre“  von Paula Fox erschien im Berliner Taschenbuch Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Röckel.
510 Seiten, 11,90 Euro

Living Stories – John Updike "Die Tränen meines Vaters"

„Das menschliche Bewusstsein hatte sonderbare Fähigkeiten. Wie groß auch immer Dinge waren, es konnte sie umfassen, als sei es selbst noch größer.“

Das Leben ist ungerecht, sagen wir, glauben wir.  Nie haben wir ein ganzes Leben Glück. Selbst die Suche danach führt in die Irre. Glück darf nicht gefunden werden, es findet uns. Mit dem Unglück ist es dasselbe. Leben ist Wandel. Und nicht immer gehen unsere Pläne auf.

Was heißt es zu leben, zu lieben, über Tragödien zu stolpern und doch wieder aufzustehen? Einer weiß es und erzählt darüber. Wer das Leben mit allen seinen Höhen und Tiefen, seinen Besonderheiten und seinen trivialen Alltag lesen will, sollte zu John Updikes Werken greifen. Zwei Jahre nach dem Tod des großen amerikanischen Erzählers veröffentlichte der Rowohlt-Verlag den Band „Die Tränen meines Vaters“ mit 18 Erzählungen aus dem Nachlass.

Es sind die großen Lebensthemen, denen sich Updike darin widmet: das Leben und die Liebe, Irrungen und Wirrungen innerhalb der Familie, die inneren und äußeren Brüche, vor allem aber das Vergehen der Zeit. Recht zahlreich sind deshalb die Rückblicke – auf die Kindheit, die Jugend, Menschen, persönliche Fehler. Die Spannung liegt nicht in den großen Katastrophen, sondern in den Veränderungen der Personen und deren Leben, die sich meist still und leise anbahnen und dann doch die anderen überraschen. Der Lebenskenner Updike schaut hinter die Kulissen, offenbart sowohl Stärken als auch Schwächen, die Hoffnungen wie auch die Ängste. Die Handlungsorte sind weit verstreut, reichen von der amerikanischen Provinz, über Indien, Spanien bis nach Marokko. Der Zeitbogen ist ebenfalls weit gezogen, umfasst eine Spanne, die von 30er Jahren des vergangenen Jahres bis in in das neue Jahrtausend reicht. Besonders eindrucksvoll: die Erzählung „Spielarten religiöser Erfahrung“, in denen Updike den 11. September literarisch verarbeitet, das Schicksal mehrere Personen in einer Geschichte bündelt.

Erzählungen haben es als Genre im Gegensatz zum Roman leider um vieles schwerer. Manch einer entdeckt die Lebensweisheit und Wucht von gut geschriebenen Erzählungen erst spät. Wer von ihrer Qualität überzeugt werden will, ohne Wenn und Aber, sollte zu diesem Band greifen. Über die Größe von John Updike, der 2009 verstarb und dem es leider nicht vergönnt war, den Literaturnobelpreis entgegenzunehmen, brauch an dieser Stelle nicht geschrieben werden. Und wenn, dann nur dieser Hinweis: Eine Erzählung just aus diesem 360-seitigen Werk sollte für ein respektvolles Staunen über den großen Erzähler schon genügen.

„Die Tränen meines Vaters“  von John Updike  erschien 2011 im Rowohlt Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Maria Carlsson.
368 Seiten, 19,95 Euro

Respekt vor dem Leben – Wallace Stegner "Vor der Stille der Sturm"

„Es  gibt keinen Plan, keine Kontinuität, keine Dauer.“ 

 Joe hat sich zurückgezogen. Aus der Hektik New Yorks, aus seinem Beruf als Literaturagent. Gemeinsam mit seiner Frau Ruth bewohnt er ein Haus in Kalifornien, abseits der großen Cities, mittendrin in der reinen Natur. Auf der Terasse genießen beide die Ruhe, ihren Garten pflegen sie hingebungsvoll, dann und wann muss ein  Schädling dran glauben wie der tückische Giftsumach oder ein fieses Nagetier, das sich an die Pracht in den Rabatten wagt.

In nur wenigen Tagen verändert sich das beschauliche Leben des Ehepaares. Mit Peck wagt sich ein Vertreter der Hippie-Kultur auf das Grundstück der Allstons. Er baut ein Baumhaus, lebt von Obst und Gemüse und plant, eine Universität des freien Geistes zu errichten. Mit der Zeit verwandelt sich allerdings das Gelände zum Lebensraum einer kleinen Kommune und Peck zum Guru – zum Ärger von Joe, der nicht an die Ideale der Hippies glaubt und sich verärgert zeigt, dass er sich von dem jungen loddrigen Mann übers Ohr hauen lässt; schließlich nutzt dieser still und heimlich seinen Strom und das Wasser. Zudem lässt der Aussteiger Joe an seinen Sohn Curtis erinnern, der mit seinen Eltern gebrochen hatte, kein Fuß ins Leben fand und mit 37 Jahren während eines Surfunfalls ums Leben gekommen war.

Doch es ist vor allem das Wesen von Marian, einer jungen Frau, die mit ihrem Mann John und der kleinen Tochter Debby in die Nachbarschaft gezogen ist, die den mürrischen Ruheständler schier gefangen nimmt. Und nicht nur ihn. Der Leser wird diese Heldin – dieser euphorische Ausdruck ist in diesem Fall wirklich verdient – aus dem Roman „Vor der Stille der Sturm“ des Amerikaners Wallace Stegner (1909 – 1993) so schnell nicht vergessen.

Marian ist eine Heldin des Lebens. Erst nach einiger Zeit erfahren Joe und Ruth, dass ihre lebensbejahende und herzliche Nachbarin an Krebs erkrankt ist. Die gemeinsamen Monate mit den Allstons, die nahezu die Rolle von Eltern angenommen haben, sind auch ihre letzten, obwohl vor allem Joe immer noch die Hoffnung auf eine Genesung hat. Marian wird ihm indes eine Lektion erteilen, in der Schmerz und Kummer zum Leben gehören, die Geburt und der Tod unabänderlich sind. Doch nie ist in ihren intensiven Gesprächen vom Schicksal die Rede, vielmehr sei es der Lauf der Natur, des Lebens an sich. Ihr Tod,  vor allem die letzten Tagen, in denen sich die junge Frau ihren Schmerzen bewusst gegenüber stellen will, hinterlassen in dem Ruheständler tiefe Spuren. Vor allem die Frage, warum sie sich für ihr noch ungeborenes Kind aufgeopfert und sich nicht für den Versuch einer Therapie entschieden hat.

Wie Stegner die Person der jungen Frau, ihre letzten Wochen und Tage, den Abschied und die Gespräche mit den Allstons in Form von Joes Erinnerungen beschreibt, lässt einen innerlich tief erschüttern und berührt ungemein. Das Buch piesackt nicht nur, es sticht in Wunden und wühlt auf, obwohl wunderbar ironisch erzählte Szenen in die ernste Handlung hineingeflochten werden. Gute, ehrliche und weise Literatur ist in ihrer Wirkung zwiespältig, sie erheitert und schmerzt – so auch hier. Denn in all der Trauer um einen besonderen Menschen hat Stegner nicht die Pracht des Lebens vergessen. Seine poetische Sprache findet Worte für sowohl große Stimmungen als auch kleine Details. Liest man die Naturbeschreibungen, enstehen im Kopf einzigartige Bilder, ja, man hört und riecht eine einzigartige Landschaft. Und selbst die Selbstopferung Marians und ihr Bekenntnis zum Tod, enthält die Kraft des Lebens und das Bewusstsein der eigenen, bescheidenen Rolle im Weltenlauf.
Wenn auch hier eine Reihe anderer Figuren nur am Rande erwähnt werden, wie die Welds, die kein Gespür für ihr kostbares Land haben und es Stück für Stück verscherbeln, oder die LoPrestis, deren Tochter in der Hippie-Kommune versumpft, hat es einen Grund. Marian und ihre eindrucksvolle Lebensphilosophie sind der Mittelpunkt, nicht mehr und nicht weniger.

Der Roman des Amerikaners, der mit seinem Buch „Zeit der Geborgenheit“ und der Erstausgabe im Deutschen Taschenbuch Verlag in Deutschland im Jahr 2008 aus der Vergessenheit geholt wurde, ist ein Wunder. Wenn jemand nur ein Buch in diesem Jahr lesen will, es sollte „Vor der Stille der Sturm“ sein. Kein Buch der letzten Zeit hat so viel Kraft und emotionale Momente zu bieten wie dieses.

„Vor der Stille der Sturm“  von Wallace Stegner erschien im Deutschen Taschenbuch Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Chris Hirte.
360 Seiten, 14,90 Euro

 

Allein – David Vann "Im Schatten des Vaters"

„Die Dinge waren sie selbst, und sonst nichts.“

Die Insel soll Vater und Sohn wieder zusammenführen. Hier ruft die Wildnis, nur eine Hütte bietet Obdach, rundherum herbe Landschaft und Weite, hohe Berge, Meer und Bären. Doch die vermeintliche Idylle trügt. Für Jim und seinen dreizehnjährigen Sohn Roy bildet die Fahrt mit dem kleinen Flugzeug nach Sukkwan, einem Eiland vor Alaska, den Beginn einer Familientragödie. Schon die ersten Tage des Vater-Sohn-Gespannes werden zur Zerreißprobe. Das Funkgerät streikt, der Bau eines kleinen Depots, um Wild und gefangene Fische zu lagern, endet im Fiasko. Und Roy muss jede Nacht zuhören, wie sein Vater sich in den Schlaf weint. Denn Jim, vom Beruf Zahnarzt, plagen nicht nur Reuegefühle ob des Scheiterns der kleinen Familie, er leidet zudem unter extremen Kopfschmerzen. Beides sind jedoch keine Gründe so unvorbereitet in eine der entlegensten Gebiete zu reisen und dann ein Jahr gemeinsam mit dem Sohn leben zu wollen.

Erste Anzeichen für die kommende Tragödie setzt David Vann in seinem Roman „Im Schatten des Vaters“ immer wieder, sehr dezent, aber merklich. Der Junge spürt, dass sie mit falschen Vorstellungen, fehlender Ausrüstung und mangelnden Fähigkeiten in den hohen Norden gereist sind, in jene Region, die von ihren Bewohnern alles abverlangt. Dies ist nicht nur Blauäugigkeit, sondern vielmehr eine erschreckende Fähigkeit, der Realität nicht ins Auge sehen zu können und im Verlauf des Geschehens nicht aus Fehlern zu lernen. Vorräte helfen nicht, wenn ein Bär sie erbarmungslos plündert. Eine magere Fangausbeute mit der Angel sorgt nicht für regelmäßige Nahrung. Und die Einsamkeit erdrückt vor allem den Sohn, der nach der Scheidung kaum noch eine Verbindung zum Vater hat und nun allein mit ihm Mutter und die kleinere Schwester vermisst. Der einzige Funke Zuneigung zum Vater zeigt sich in der Hoffnung, ihm in seiner psychisch labilen Verfassung zur Seite zu stehen, ihn nicht allein zu lassen. Der dramatische Moment, der schließlich die erzwungene Idylle zu einem Ort des Grauens verwandelt, lässt einen erschüttert zurück, denn es trifft den Falschen, der andere muss mit einer Schuld leben und schließlich um das Überleben kämpfen.

Vann, 1966 auf Adak Island geboren, stammt selbst aus Alaska, kann so von der herben Schönheit der dortigen Landschaft aus eigenen Erfahrungen berichten. Tief dringt er zudem in die Psychologie seiner Figuren ein. Der Vater, von Verzweiflung und Gewissensbissen gekennzeichnet steht im Gegensatz zum Sohn, der seinem Vater helfen will, aber schließlich selbst in den Abgrund gerissen wird. Mit klarer Sprache wird das Geschehen erzählt. Der amerikanische Autor braucht keine stilistische Effekte, um den Leser an sein Werk zu binden. Er schreibt, was passiert. Allein die dramatisch inszenierte Geschichte fesselt ungemein. Dass auch dünnere Romane durchaus von Wert sind, beweist dieses Buch, das einen tief berührt zurücklässt.

Der Roman „Im Schatten des Vaters“ von David Vann erschien bei Suhrkamp in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow
184 Seiten, 8,99 Euro

Abschied – Willy Vlautin "Lean on Pete"

„Es ist schwer zu begreifen, warum es einen so bedrücken kann, etwas Schönes zu sehen, aber manchmal ist das so.“

Enge Verbindungen zwischen Mensch und Tier schreiben die schönsten und emotionalsten Geschichten, jene, die einen zutiefst bewegen, ob sie nun ein Happy End oder einen tragischen Ausgang haben. So viel schon einmal vorweg: der Jugendroman „Lean on Pete“ des Amerikaners Willy Vlautin geht gut aus. Hätte ich nur geschrieben, dass seine Story sehr traurig ist, würden die meisten sicherlich jetzt das Lesen beenden. Traurige Geschichten haben einen schweren Stand. Kaum einer will an die Abgründe und Tücken des Lebens erinnert werden, nicht einmal durch wunderbare Literatur.

Erzählt wird die Geschichte von Charley. Er ist 15. Mit seinem Vater Ray ist er wieder einmal in eine neue Stadt gezogen. Denn der hält es nie lange an einem Ort aus. In Portland ziehen sie in ein Haus, der Vater hat einen Job. Charley nur keine Freunde. Er vertreibt sich die Zeit der Ferien mit Joggen und entdeckt eines Tages eine Pferderennbahn und Del, der seine Pferde in die Rennen schickt. Oft auf abgesteckten Feldwegen, oft mit Medikamenten im Blut. Charley wird sein Handlanger, sein Helfer, der schlecht, manchmal gar nicht bezahlt wird. Und da auch sein Vater sich kaum um ihn kümmert, ist der 15-Jährige oft auf sich allein gestellt. Bei der Arbeit macht er die Bekanntschaft mit dem Pferd Lean on Pete. Er kümmert sich rührend um ihn, erzählt ihm seine Erlebnisse, seine Ängste und Hoffnungen. Charleys Vater wird bei einem Zusammentreffen mit dem Mann seiner Geliebten schwer verletzt. Im Krankenhaus verstirbt er wenige Tage später. Charley bleibt allein zurück. Als jedoch Lean on Pete wegen einer Verletzung und schlechten Rennergebnissen der Tod droht, flieht Charley mit dem Pferd. Er begibt sich auf die Suche nach seiner Tante. Doch die Reise von Portland nach Denver quer durch das karge Land der Wüste gerät zu einer Odyssee…

… die als ein Roadmovie im Kopf  des Lesers erscheint. Viele Gesichter hat dieses Buch, das einen nicht nur in das Leben des Jungen einführt, sondern auch seine Entwicklung beschreibt. Der Roman ist also Tiergeschichte, Amerika-Roman, Jugendbuch, Aussteiger-Geschichte und Entwicklungsroman in einem. Auf hochsprachliche Poesie muss man indes verzichten. Vielmehr lässt Vlautin den Jungen in seiner recht einfachen Sprache berichten. Nur so kann auch die besondere Bindung entstehen, die es zwischen dem Helden und dem Leser gibt. Charley lernt man kennen und dann lieben. Er ist ein zäher Bursche, der sich durchbeißt, auch wenn er nahezu am Abgrund steht, sowohl pleite als auch einsam ist. Während sein Halt das Pferd ist, werden ihn später seine Erfahrungen und das große Durchsetzungswillen zur Seite stehen. Er muss und will zu seiner Tante, das einzige Familienmitglied, die er noch hat. Auf dem Weg dahin trifft Charley schlechte und gemeine Menschen, die ihn ausnutzen, übers Ohr hauen und ausrauben, aber er macht auf seinem langem Trip durch einen Teil Amerikas auch die Bekanntschaft von hilfsbereiten Menschen. Der Junge lernt dabei außerdem die Widrigkeiten der Gesellschaft wie Armut, Obdachlosigkeit und Kriminalität sowie menschliche Untugenden wie Gewinnsucht und Grausamkeit kennen.

Am Ende gibt es so einen leichten Seufzer. Der Junge wurde für seine Mühen belohnt, auch wenn die durchlebten Strapazen und entsetzlichen Erlebnisse ihn gezeichnet haben. Doch nicht nur ihn: Der Leser hat eine rührende, jedoch niemals kitschig erscheinende Geschichte erfahren, eine, die sogleich weh tat, aber so viel Lebensklugheit vermittelte – und das auf 300 Seiten und in Form eines Jugendbuchs, das damit ein Meisterstück sowohl für Jugendliche als auch Erwachsene ist.

Der Roman Lean on Pete von Willy Vlautin erschien im Bloomsbury Verlag in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Robin Detje.
304 Seiten, 9,95 Euro

Into the Wild – David Wroblewski "Die Geschichte des Edgar Sawtelle"

 

Es war über eine lange Zeit eine Idylle: die Farm der Sawtelles in Winsconsin, im Norden der USA nahe der Großen Seen. Die Familie, Trudy, Gar und ihr Sohn Edgar, lebt zurückgezogen auf dem Land. Alle drei haben ihr Leben einer großen Leidenschaft verschrieben – der Aufzucht und dem Training ihrer Hunde; ganz besonderen Tiere mit speziellen Eigenschaften. Mit der Zucht hatte Edgars Großvater begonnen, die Familie führt dieses lebendige Erbe fort, das allerdings auch ihr einziges Einkommen bildet.
Während Gar sich den Gesetzen der Zucht und der Aufzeichnung der körperlichen Eigenschaften und Charaktereigenheiten jedes einzelnen Tieres widmet, kümmern sich Trudy und Edgar um das Training. Mit Strenge und eiserner Disziplin. Obwohl der intelligente Junge ein besonderes Handicap besitzt: Er ist seit seiner Geburt stumm und verständigt sich in einer selbst entwickelten Gebärdensprache mit seinen Eltern und den Hunden. Er ist es auch, der mit Hilfe eines Wörterbuches den Tieren ihren Namen gibt.
Als plötzlich Gars Bruder und Edgars Onkel Claude auf der Farm auftaucht, verschwindet der Frieden. Eines Tages stirbt Gar, und Edgar glaubt nicht an einen natürlichen Tod. Er verdächtigt Claude. Als es zu einem weiteren Unfall kommt, flieht der Junge mit einigen Tieren eines Wurfes, den er in Obhut genommen hatte. Gemeinsam mit Essay, Tinder und Baboo verlässt er Hals über Kopf sein Zuhause und schlägt sich durch die Wildnis schlagen. Zurückbleiben seine Mutter und Hündin Almondine, mit der Edgar aufgewachsen ist und zu der er eine enge Beziehung hatte.

Doch dies ist nicht das Ende des Romans „Die Geschichte des Edgar Sawtelle“ des Amerikaners David Wroblewski, dessen Eltern selbst eine Hundezucht führten und der auf einer Farm in Wisconsin aufgewachsen ist. Die Geschichte geht weiter und das muss sich auch. Denn das Buch trägt etwas ganz Besonderes in sich. Es ist nicht nur die Story von Menschen mit ihren Hunden, es ist eine von Hunden mit ihren Menschen. Wie Wroblewksi die enge Bindung zwischen Tier und Menschen beschreibt und jedem Hund einen besonderen Charakter zuweist, ist bezaubernd. Hinzukommen eindrucksvolle Landschaftsbilder und eine Spannung, die einen an den knapp 700-Seiten-Wälzer fesselt.

Der große Held des Buches ist neben den Hunden der Junge Edgar. Der Autor zeichnet ihn als ein überdurchschnittlich intelligentes und sensibles Kind, das allerdings einige Härteprüfungen überstehen muss: der Tod des Vaters, später des Tierarztes der Familie und die beschwerliche Reise durch die Wildnis, bei der er Hunger und Durst leidet, von Stechmücken gepeinigt wird. Was man diesem wunderschönen Buch jedoch kritisch anrechnen muss, ist sein Hang zur Mystik. Edgar kann sich mit den Toten verständigen, und auch das Ende des Romans zeigt recht fantastische Züge und lässt den Leser dann doch recht verwundert zurück.
Trotzdem ist und bleibt diese Geschichte eine, die jeden Tier- und Naturfreund rührt und an deren Lektüre man sich sehr gern erinnert. Der Bestseller-Status in den USA mit anderthalb Millionen verkauften Exemplaren beweist es ebenso.

Die Geschichte des Edgar Sawtelle von David Wroblewski erschien in der Deutschen Verlags Anstalt und als Taschenbuch im btb-Verlag.
704 Seiten, 12,99 Euro

Leben nach dem Ende – Denis Johnson "Fiskadoro"

Die Erde war zu Staub geworden, die moderne Zivilisation bis auf kümmerliche Reste hinweggefegt. Wenige Jahre nach einem verheerenden Atomkrieg lernt Mr. Cheung, der frühere Manager des Miami Sinfonieorchesters, den Fischersohn Fiskadoro kennen und bringt ihm das Klarinetten-Spielen bei. Mehr recht als schlecht. Es gibt Wichtigeres als die Kunst und Musikunterricht –  in jenem künftigen Florida, das zerstört ist von einer Atombombe. Eine weitere war damals nicht detoniert und liegt als warnendes Denkmal noch immer sichtbar nahe des Strandes. Leben nach dem Ende – Denis Johnson "Fiskadoro" weiterlesen

Der weiße Planet – Jørn Riel "Das Haus meiner Väter"

Der weiße Planet: eine von Eis und Schnee überzogene Landschaft, Monate der Dunkelheit wechseln sich mit Wochen im Schein der Mitternachtssonne ab. Nur die am besten Angepasstesten, ob Tier oder Mensch, überleben im rauen Klima der Arktis oder Antarktis. Doch trotz der unwirtlichen Verhältnisse – die Gegend rund um Nord- und Südpol zieht sowohl Entdecker als auch Naturfreunde magisch an.  Der weiße Planet – Jørn Riel "Das Haus meiner Väter" weiterlesen

Eine Welt auf zwölf Quadratmetern – Emma Donoghue: "Raum"

Jacks Welt besteht aus einem Raum, etwas mehr als einen Dutzend Quadratmeter groß, mit Bett und Badewanne, Teppich und Fernseher und einem Kleiderschrank, in dem der fünfjährige Junge schläft. Ein Fenster gibt es nicht. Nur ein Oberlicht gibt dem Raum etwas Helligkeit, die den Tag von der Nacht trennt. Manchmal erblickt der Junge dort den Mond – der einzige Beweis für die Welt da draußen und der einzige, wenn auch leblose Zeuge der schrecklichen Geschehnisse. Geschehnisse, die einen an entsetzliche, indes auch reale Nachrichten von Entführungen und jahrelangen Missbrauchs erinnern, die trauriges Vorbild für den Roman „Raum“ der Amerikanerin Emma Donoghue sind.

Der Täter im Buch trägt den Namen Old Nick. Vor sieben Jahren entführte er Jacks Ma, damals eine junge Collagestudentin von gerade mal 19 Jahren. Er sperrte sie in den Raum, errichtet in einer Gartenlaube, abseits der Stadt und vergeht sich seitdem an ihr. Mehrmals, regelmäßig. Auch Jack – Ergebnis einer Vergewaltigung – wird diese Greueltaten erleben. Er schildert die Ereignisse und die Personen aus seiner kindlichen Sicht, mit seiner begrenzten, fehlerhaften Sprache, die sowohl Folge jener schrecklichen Lebensverhältnisse ist als auch das besondere sprachliche Merkmal des Buches bildet, das zum fünften Geburtstag des Jungen einsetzt und mit einem Neuanfang für Mutter und Kind im Draußen und nach vielen, ebenfalls schmerzhaften Ereignissen endet. Ereignisse, die den Leser sehr berühren, sich regelrecht eingraben und gerade durch die Perspektive des Kindes an Wirkung gewinnen.

Denn seine Erfahrungen begrenzen sich auf jenen Raum, auf die wenigen, abgenutzten Dinge oder jene Sachen, mit denen Old Nick die beiden versorgt. Jack kennt nicht die Welt da draußen, sondern eine künstliche Welt, die für seine Mutter und ihn in Form des licht- und schalldichten und versiegelten Raumes geschaffen wurde und die sich ab und an auch in Fernsehsendungen zeigen. Jacks Verhältnis zu seiner Mutter ist deshalb sehr eng. Sie versucht ihm so gut es den Umständen geht, ein „normales“ Leben über die reine Existenz hinaus zu bieten und ihn zu erziehen. Diese starke Bindung wird im Laufe des Buches indes auf eine Belastungsprobe gestellt, als das Kind nach der gelungenen Flucht mit jener anderen Welt konfrontiert wird und diese erste entdecken muss, jeden Quadratmeter, kleine und große Personen und Dinge und sich ob dieser Fremdheit Sehnsucht nach dem engen Raum hat.
Mit diesem Roman ist Donoghue ein besonderes Buch gelungen. Es packt einen, es beißt regelrecht und lässt einen so schnell nicht los. Man leidet mit, man lacht allerdings auch ab und an aufgrund Jacks kesser und neugieriger Blick auf die Welt und trotz der tieftraurigen und unvorstellbaren Erlebnisse. Man erfährt eine Achterbahn der Gefühle, vor allem weil es der Autorin wunderbar gelingt zu zeigen, dass die kleinen schönen Dinge des Lebens in ihrer Mehrzahl sowie Liebe, Hoffnung und Glaube manches Mal nicht von Schmerz, Gewalt und Qualen überwältigt werden können.

„Raum“ ist trotz seiner schockierenden Geschichte somit ein recht positives Buch – auch wenn die Realität meist ein Happyend nicht kennt. Donoghue setzt der engen Beziehung zwischen Mutter und Kind ein literarisches Denkmal, während sie einige Gesellschaftsbereiche dagegen scharf angreift, wie beispielsweise die sensationsgierige Medienwelt, die das Schicksal von Mutter und Sohn so gut es geht verkaufen will. Worauf allerdings die Autorin mit ihrer Geschichte keine Antwort weiß – wie kann so viel Gewalt und Menschenverachtung überhaupt entstehen.

Raum von Emma Donoghue ist im Piper-Verlag erschienen.
In der Übersetzung von Armin Gontermann
August 2011
416 Seiten, 19,99 Euro

Jonathan Lethem – "Chronic City"

Nichts ist mehr, wie es war. Der einst erfolgreiche Serienstar Chase lebt nur noch von den Tantiemen für seine jetzigen Mattscheiben-Auftritte in Endlosschleife und vertrödelt den Tag in einem weichplüschigen Kinosessel mit Blick auf die aktuellen Leinwand-Stars, der berüchtigte Rockkritiker Perkus verkrümelt sich dagegen in seiner heimischen Rumpelkammer, mit ein paar selbst gedrehten Joints und Verschwörungstheorien a la „Brando lebt“ lebt es sich halt gut. Und New York? Nun, New York macht weiterhin wie gehabt kräftig Schlagzeilen, von einem Tiger ist immer wieder die Rede, der Häuser einstürzen lässt. Hat man so etwas schon gesehen? Aber was man nicht gesehen hat, liest, hört oder sieht man ja in den Medien, der Ersatz der realen Wirklichkeit schlechthin.

Auch Chase erhält seine Informationen über seine Verlobte Janice, die als Astronautin im All in gefährlichen Nähe zu einem von den Chinesen ausgesetzten Minengürtel herumschwirrt, aus der Presse: Ihre Liebesbriefe werden in der Zeitung abgedruckt und sorgen für Gesprächsstoff. Und nicht nur das. Chase muss seine Rolle als Verlobter der wagemutigen Astronautin spielen, ob er will oder nicht. The Show must go on – gerade in einer von den Medien inszenierten und diktierten Welt, wie sie im Roman „Chronic City“ des amerikanischen Autors Jonathan Lethem entsteht.

Hier tummeln sich nicht nur Chase und der frühere Rockkritiker Perkus. Zum Zirkus makabrer Gestalten gesellen sich Richard, ein einstiger Hausbesetzer, der jetzt einen recht ruhigen Posten im New Yorker Rathaus innehat, und Oona, Ghostwriterin obskurer Autobiografien und Geliebte von Chase. Man trifft sich auf High-Society-Partys oder im von Jointrauch durchnebelten Appartement von Perkus. Manchmal auch auf einen Burger in einem Imbiss um die Ecke.

Die Geschichte entlang eines roten Fadens nachzuerzählen, fällt schwer, wenn dies nicht sogar ein Ding der Unmöglichkeit ist. Die Figuren und Episoden drehen sich förmlich umeinander. Manchmal entsteht der Eindruck einer nahezu willkürlich zusammengesetzten Collage oder eines gestörten Fernsehempfanges, wie zu DDR-Zeiten, als der Empfang des West-Fernsehen gestört war und das Bild über die Mattscheibe rollte. Der rote Faden bilden neben den Personen Symbole, deren rätselhafte Bedeutung und Inhalt im Laufe des Romans erklärt werden, wie jenen Tiger, der sich als außer Kontrolle geratene Maschine entpuppt oder jenes so genannte Kaldron, ein virtueller Heiliger Gral, auf dessen vergebliche Suche sich Perkus, Chase und Richard machen.

All dies stellt Ansprüche an den Leser, fordert Geduld und Mut zu verqueren Deutungen. Belohnt wird man indes mit humorvollen Szenen, einem Haufen wunderbar gestalteten schrägen Figuren und einer Geschichte, die auch über das Lesen hinaus zum Nachdenken anregt dank weiser Sätze, vor allem aus dem Mund des einstigen Musikkritikers, dessen Gedankenwelt geformt aus Film- und Song-Interpretationen schließlich keine Verschwörungstheorien, sondern die Wahrheit darstellen.
Am Ende des Buches fragt man sich, was ist Wirklichkeit, was nur ein umkonstruiertes Abbild der Realität, fern derselben? Welche Rolle spielt jeder Einzelne? Ist dieses New York des Romans eine Science-Fiction-Welt oder vielmehr ein übersteigertes Bild der modernen Metropole. Was man schließlich diesem wunderbaren Werk einzig und allein vorwerfen könnte, ist das Fehlen der Bemühungen, die Figuren dem Leser ans Herz wachsen zu lassen. Sie erscheinen plastisch, aber allzu oft fern. Wie Janice, die sich schließlich im All auflöst, nur noch als Briefschreiberin in Erscheinung tritt, aber am Ende ist auch das ein Trugschluss.

Chronic City von Jonathan Lethem erschien bei Klett-Cotta
In der Übersetzung von Johann Ch. Maass und Michael Zöllner
Februar 2011
490 Seiten, 24,95 Euro