Vor und nach der Stunde Null – Melvin J. Lasky "Und alles war still. Deutsches Tagebuch 1945"

„Ein Waldstück war weggesprengt worden, und die kahle Stelle war über Kilometer hin sichtbar, ein Beweis am Himmel, dass nichts gegen menschliche Teufelei immun ist.“

Er sieht Trümmerberge, Leichen, Städte mit ausgebombten Straßenzügen, Dörfer ohne jegliches Leben. Als der Amerikaner Melvin J. Lasky im Februar 1945 nach Europa kommt, erlebt die Welt ihren Krieg. Den zweiten seiner Art, der Millionen von Menschen den Tod bringt und Länder an den Abgrund drängt. In der Uniform des amerikanischen Militärs ist Lasky, Nachkomme einer polnisch-jüdischen Familie und 1920 in New York geboren, als Militärhistoriker tätig. Seine Aufgabe ist es, den Verlauf von Kämpfen und anderer Kriegsgeschehnisse aufzuarbeiten und zu dokumentieren. Von Frankreich aus kommt er schließlich nach Deutschland. Seine Wege führen ihn unter anderem auch in die Schweiz und Nordeuropa.  „Vor und nach der Stunde Null – Melvin J. Lasky "Und alles war still. Deutsches Tagebuch 1945"“ weiterlesen

Auf den Spuren der Geschichte – Geert Mak "In Europa"

Reisen bildet. Wer eine Reise macht, hat viel zu erzählen. Viele Redewendungen ranken sich um das Reisen. Die beiden oben genannten treffen dabei voll und ganz auf ein besonderes Werk zu: auf das Werk „In Europa“ von Geert Mak. Der Titel ist dabei treffender Verweis auf das spezielle Projekt des holländischen Publizisten. Im Jahr 1999 reiste er durch Europa, unzählige Orte  in vielen Ländern besuchte er, mit zahlreichen Zeitzeugen kam er ins Gespräch. Sein Ziel: die Spuren der Geschichte des 20. Jahrhunderts finden. Mak, unterwegs mit der Bahn, mit einem Wohnmobil oder Flugzeug, verknüpft dabei seine Erlebnisse mit den wichtigsten historischen Ereignissen sowie politischen und gesellschaftlichen Strömungen auf dem Kontinent. Das Wien als Hauptstadt der Doppelmonarchie Österreich und Ungarn ist ebenso Ziel wie das Berlin zu Beginn des Dritten Reiches. „Auf den Spuren der Geschichte – Geert Mak "In Europa"“ weiterlesen

Was bleibt vom Leben? – Rohinton Mistry "Das Gleichgewicht der Welt"

„Damals schien mir, dass man vom Leben nicht mehr erwarten konnte. Eine harte Straße, die mit spitzen Steinen übersät war und, wenn man Glück hatte, etwas Getreide. Später entdeckte ich, dass es verschiedene Arten von Straßen gab.“

Es herrschen Ausbeutung und Aberglauben, Unterdrückung und Willkür der Macht. Indien, das Land der Farben, bietet wenig Lebensfreude. Man schreibt das Jahr 1975. Dina, die Tochter eines Arztes, schlägt sich durch das Leben. Allein, ohne Mann, mit einem herrschsüchtigen Bruder in der Familie. Ihr Mann, mit dem sie eine glückliche Beziehung führte, starb kurz nach der Hochzeit bei einem Verkehrsunfall. Um halbwegs über die Runden zu kommen, eröffnet sie in der Wohnung eine kleine Schneiderwerkstatt und sucht Mitarbeiter. Eines Tages stehen Ishvar und sein Neffe Omprakash vor ihrer Tür. Das besondere Quartett soll wenig später Maneck, der Sohn einer Schulfreundin, vervollständigen, der in Bombay ein Studium beginnt und eine Bleibe benötigt. „Was bleibt vom Leben? – Rohinton Mistry "Das Gleichgewicht der Welt"“ weiterlesen

Flucht – Antonio Muñoz Molina "Die Nacht der Erinnerungen"

„Begeisterung und Panik wogten wie parallele Welten durch die Hitze der Nacht, in einem Fieber von Karneval und Katastrophe.“

Das Chaos zerreißt sein bisheriges Leben. Ignacio Abel, ein anerkannter Architekt und Bauhaus-Schüler, sieht sich 1936 an einem Abgrund stehen. Der Krieg hat Spanien erfasst. Die Hauptstadt Madrid wird Schauplatz des Klassenkampfes, die Gewaltspirale dreht sich und fordert unzählige Opfer. Männer, Frauen und Kinder, die durch Bomben, Straßenkämpfe und Hinrichtungen getötet werden. Mittendrin Ignacio auf der Suche nach seiner Geliebten Judith, die er ein Jahr zuvor kennengelernt hatte. Die Amerikanerin ist spurlos verschwunden, nachdem Ignacios Frau Adela dessen heimliche Beziehung entdeckte hatte und nachfolgend einen Selbstmord verübte, den sie indes überlebte. Mit den zwei Kindern zieht sich Adela in das Wochenend-Haus in den Bergen zurück. Nicht nur die erkaltete Beziehung des Paares auch Adelas Freitod-Versuch und das kritische Verhältnis zwischen ihren Eltern und ihrem Bruder Victor zu Ignacio belastet diese Ehe. „Flucht – Antonio Muñoz Molina "Die Nacht der Erinnerungen"“ weiterlesen

Rückkehr nach dem Schrecken – Irène Némirovsky "Feuer im Herbst"

„Das Kriegsgebiet hatte die Männer gepackt, hatte sie zermahlen, und diejenigen, die noch nicht gefressen worden waren, gab es nur ungern wieder her.“

Beide ziehen in den Krieg. Martial als gestandener Arzt mit Unwillen, Bernard als 18-jähriger Jungspund mit reichlich Euphorie. Martial lässt seine Ehefrau Therese zurück, die er kurz vor dem Einzug in die Armee geheiratet hatte, Bernards Eltern können ihren Sohn nicht halten. Wie Europa mit Jubel den Beginn des Ersten Weltkrieges feiert, um später nach einer beispiellosen Vernichtung von Menschen und Land Millionen von Opfern zu betrauern – darüber gibt es bekanntlich viele Bücher. „Rückkehr nach dem Schrecken – Irène Némirovsky "Feuer im Herbst"“ weiterlesen

Kampf der Kulturen – Kim Leine "Ewigkeitsfjord"

„In diesem Land verstreicht die Zeit nur langsam, und die Jahre vergehen schnell. Dies ist ein Land, das viel nimmt, stimmt er zu. Mehr, als es gibt, erwidert sie.“

Sein Ziel ist das Land des Eises, auch wenn der legendäre Wikinger Erik der Rote der großen Insel hoch oben im Norden den Namen „grünes Land“ gegeben hat. Auf Grönland herrschen nicht nur die Kälte und die Dunkelheit in der langen Winterzeit. Die Sitten sind andere als in seiner Heimat Dänemark. Das wird dem angehenden Pfarrer und Sohn eines norwegischen Schulleiters Morten Falck schnell bewusst, als er nach einer mehrwöchigen strapaziösen Schifffahrt den Westen der Insel erreicht. Doch es sind nicht die rauen Sitten der Ureinwohner Grönlands, die den jungen Missionar bei seiner Ankunft erschüttern. Vielmehr wird in den kommenden Jahren der Geistliche, der eigentlich den Beruf eines Mediziners erlernen wollte, mit den unmenschlichen Verhalten der dänischen Kolonialherren gegenüber den Ureinwohnern konfrontiert. „Kampf der Kulturen – Kim Leine "Ewigkeitsfjord"“ weiterlesen