Abseits – T.C. Boyle "San Miguel"

„Ist die Welt nicht ein seltsamer Ort? Sie hat nirgends Platz, außer in sich selbst wie eine Insel.“ Eric Fosnes Hansen 
 

Die wenigsten halten es aus  – in der Einsamkeit und Abgeschiedenheit einer Insel, die, umgeben vom Meer und abseits vom Festland, wie eine Welt für sich erscheint. So ist San Miguel. Inmitten des Pazifiks liegend, Kilometer von der kalifornischen Küste entfernt, leben nur ein Handvoll Menschen: Marantha, ihr Mann Will und die adoptierte Tochter Edith sowie Helfer, die der Familie bei der Bewirtschaftung des Hofes und der Schafherde unter die Arme greifen. Eigentlich soll der Rückzug auf die Insel Marantha von ihrer Schwindsucht befreien. Doch die Freude auf ein Abenteuer, eine neue Herausforderung wird schnell getrübt. Das Herrenhaus entpuppt sich schon am ersten Tag als „feuchte Hütte“, in denen die Mäuse auf den Tischen tanzen, das Eiland zeigt sich mit den regelmäßigen Wetterkapriolen von seiner herben und ungemütlichen Seite. Nur ein Schiff, das die Vorräte transportiert, bildet die einzige Verbindung zum Festland. 

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Alleskünstler – Thomas Föhl: "Henry van de Velde"


Mitteldeutschland erinnert sich an ihn: Anlässlich seines 150. Geburtstages  widmen sich zahlreiche Veranstaltungen dem belgischen Architekten und Designer Henry van de Velde(1863-1957), der von 1902 bis 1917 in Weimar lebte und wirkte. Das Jubiläumsjahr ist mit dem Titel „Alleskünstler“ überschrieben. Und diese Bezeichnung findet sich auch wieder in einer Biografie, mit der  sich die Weimarer Verlagsgesellschaft  dem  Gedenken anschließt. Geschrieben hat sie Thomas Föhl, der sich seit 2001 als Leiter eines Projektes   der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit der Erarbeitung eines Werkverzeichnisses der kunstgewerblichen und raumkünstlerischen Arbeiten van de Veldes beschäftigt. Föhl hält sich nicht mit großen Vorreden zur Kindheit und Jugend des Künstlers auf, sondern konzentriert sich auf die Schaffensjahre, die sowohl Erfolge als auch herbe Niederlagen brachten.
Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Schaffenszeit in Weimar, die Zusammenarbeit mit seinem Protegé Harry GrafKessler und die extensiven Bestrebungen um ein neues Weimar. Beide  Verfechter der Moderne waren dabei einem teils heftigen Gegenwind ausgesetzt. Die gegen van de Velde und Kessler gesponnenen, kleinstädtischen Intrigen  und die Hetze aus Künstlerkreisen vertrieben erst Kessler, schließlich auch den Belgier. Mit welchem Elan und welcher Energie der Architekt und Designer trotz alledem gewirkt hat,  ob bei der Errichtung der Kunstgewerbeschule, dem Bau der Kunstschule  sowie seinen zahlreichen privaten Aufträgen nebenher,    erzeugt Bewunderung. Um das Leben und das Wirken des Universalgenies umfassend nachzubilden, greift der Autor auf meist unveröffentlichte Primärquellen wie Briefe, Akten  und Tagebucheinträge zurück. Gerade diese geben Einblicke in die Familie, Freundschaften und die Person van de Velde, die unermüdlich arbeitete, aber auch von  Selbstzweifeln und Melancholie  ergriffen wurde, Auszeiten  in abgelegenen Gegenden benötigte.
Ein weiteres spannendes  Thema, das man immer wieder in Künstlerbiografien entdecken kann und so auch in diesem Werk, ist die Vernetzung jener Kreise  mit Freundschaften und Gruppen über Landesgrenzen hinweg, die erst damit die Moderne zu einer internationalen Bewegung werden ließen.  Den letzten Kapiteln zu den Nach-Weimar-Jahren in der Schweiz, in Holland und später in seinem Heimatland Belgien schließt sich der umfangreiche wissenschaftliche Apparat aus Quellen- und Literaturnachweisen sowie einem Personenregister mit Kurzbiografien an.  Föhl verzichtet indes gänzlich auf Fußnoten. Auch auf diese Weise erscheint  das  mehr als 400-seitige Buch mit einer Vielzahl an Fotografien leserfreundlich.
Der Autor hofft, wie er im Vorwort bemerkt, auf eine besondere Wirkung seines Werkes. Er schreibt: „Dass  aber Henry van de Velde als einer der bedeutendsten europäischen Künstler bis heute in Weimar unterrepräsentiert ist, befremdet zusehends. Ob der vorliegende biografische Abriss hier für Abhilfe sorgen kann, bleibt dem geneigten Leser überlassen.“ Eine Erfüllung dieser Hoffnung  ist  Thomas Föhl  für seine bemerkenswerte Arbeit  sehr zu wünschen.
Die Autobiografie „Henry van de Velde“ von Thomas Föhl erschien in der Weimarer Verlagsgesellschaft
424 Seiten, 34 Euro

Das Ziel ist der Weg – Rachel Joyce "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry"

„Er maß die Entfernung nicht mehr in Kilometern, sondern in Erinnerungen.“ 

Mit einem Brief in der Hand lässt er den ersten Postkasten hinter sich, schließlich auch den zweiten und dritten, das Postamt sowie seine Ehefrau Maureen. Aus einem Kurz-vor-die-Tür-treten wird eine mehrwöchige Pilgerreise vom tiefen Süden Englands nach Norden an die schottische Grenze, vom Ärmelkanal an die Nordsee, vom Haus in Kingsbridge bis zum Hospiz in Berwick. Dabei wollte der frisch pensionierte Harold Fry nur sein Antwortschreiben versenden, nachdem seine einstige Kollegin Quennie ihm mitgeteilt hat, dass sie, unheilbar an Krebs erkrankt, in einem Hospiz die letzten Tage und Wochen ihres Lebens erwartet.

Zugegeben: Pilgern ist trotz seiner religiösen Tradition derzeit eine Modeerscheinung, egal auf welchen Wegen. Aber der Roman „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ von Rachel Joyce mit seinem langen Namen erzählt eine wunderbare weil aufmunternde und zugleich tieftraurige Geschichte.

Doch setzen wir erst einmal einen Fuß vor den anderen an der Seite von Harold: Der zieht los, wie er gerade das Haus verlassen hat. An den Füßen nur ein Paar Segelschuhe, ohne Handy, ohne Karten, ohne Kompass. Nach den ersten Kilometern will er schon umdrehen, als eine junge Frau in einer Tankstelle ihm ihre Geschichte erzählt und ihm Mut zuspricht. Viele solcher Begegnungen sollen auf dieser per-pedes-Tour über eine Strecke von 1.000 Kilometer folgen. Harold trifft eine Ärztin aus der Slowakei, die nun als Putzfrau arbeitet und ihm seine schmerzenden und von Blasen übersäten Füße verarztet, er spricht mit einem Onkologen, einer Frau, die sich das Leben nehmen wollte, einem berühmten Schauspieler. Mit der Zeit findet Harold Gefallen am Laufen, sieht die Schönheit der Welt in ihrem alltäglichen Wachsen und Sein, den stetigen Ablauf von Tag und Nacht. Und er vermisst mehr und mehr auch Maureen, obwohl sich beide nicht mehr allzu viel zu sagen haben – nach 45 Ehejahren. Unterwegs schreibt er Karten an seine Frau und Queenie, die er inständig bittet, durchzuhalten.  Zwischen all den Beobachtungen der Landschaft und den Gedanken an seine Familie, vor allem auch an seinen Sohn David, mischen sich Erinnerungen: die erste Begegnung mit seiner Frau, das Aufwachsen seines Sohnes, seine Arbeit und die Freundschaft zu Queenie, die gemeinsam mit Harold in einer Brauerei arbeitete, aber vor 20 Jahren nach einer ungerechtfertigten Kündigung den Ort verlassen musste. Seitdem haben sich beide weder gesprochen noch gesehen. Schließlich wird Harold zu einem Star, als die Medien Wind von seiner verrückten Aktion bekommen. Auf der Reise schließen sich weitere Pilger mit eher zweifelhaften Ambitionen an, die Harold meist ein Klotz am Bein bedeuten.

Wir lassen ihn weitergehen, denn an dieser Stelle soll das Ende nicht erzählt werden. Auch nicht die vielen Überraschungen, die auf den Leser warten und das bezaubernde Buch immer in einem anderen Licht erscheinen lässt. Nur so viel sei als Vorwarnung verraten: Der Roman lässt einen nicht los, er rüttelt am Nervenkostüm und treibt das Gefühlskarussell stetig an. Zugleich verzaubert er nicht nur mit dieser einzigartigen Geschichte. Joyce Sprache ist sehr poetisch und herzerfrischend, mit viel Liebe für Details, Stimmungen und ihren Helden.  Am Ende hat man genauso oft gelacht wie geschluchzt. Ja, Taschentücher sollten parat liegen. Dieser Roman spricht vieles an, erzählt von Liebe, Freundschaft und Entscheidungen im Leben, vom Reiz des Schenkens sowie den kleinen und großen Entdeckungen einer Pilgerreise. Doch nach und nach rücken auch die kritischen Themen in den Fokus: der Tod, der sowohl Schmerz als auch Erlösung bedeuten kann, Betrug, falsche Vorwürfe und die Gefahr, die im Unausgesprochenen liegt.

Wer womöglich „Die Eleganz des Igels“ von Murial Barbery liebt, wird auch jenes Buch in seine Bestenliste aufnehmen. Apropos Bestenliste: Rachel Joyce, erfolgreiche Verfasserin von Hörspielen für die BBC, stand mit ihrem Debütroman auf der Longlist des renommierten Booker-Prizes.

Der Roman „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ erschien im Krüger Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Maria Andreas und ist bereits als Taschenbuch erhältlich.
384 Seiten, 18,99 Euro

  

Drei Lebenspfade – Alex Capus "Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer"

„Sie ist eine erfahrene Reisende und weiß, dass man einander normalerweise nur einmal begegnet, weil jede vernünftige Reise in möglichst gerader Linie vom Ausgangspunkt zum Ziel führt und zwei Geraden sich nach den Gesetzen der Geometrie nicht zweimal kreuzen.“ 

Die drei Leben rauschen aneinander vorbei, an jenem Novembertag im Jahr 1924 im Bahnhof Zürich. Was sie sich wohl zu erzählen hätten, wenn sie sich Jahre später an einem anderen Ort getroffen hätten? Sicherlich eine ganze Menge, denn Laura d’Oriano, Emile Gilliéron und Felix Bloch haben Geschichte geschrieben und in den Lauf der Geschichte eingegriffen, obwohl ihre Namen heute nur wenigen bekannt sein werden. Alex Capus hat ihre Geschichten aufgeschrieben, die Geschichte der Spionin, des Fälschers und des Bombenbauers, die im Weltenlauf womöglich einmal nah gekommen sind.

Die Handlung des neuen Romans des 1961 in der Normandie geborenen Schweizer Autors setzt an jenem Novembertag im Züricher Bahnhof ein. Das Mädchen Laura ist im Orientexpress auf dem  Weg nach Frankreich, der junge Felix schaut den Zügen hinterher, tief versunken in seinen Überlegungen, welches Studium er beginnen soll. Der Kunstmaler Emile sitzt in einem Zug, seine Reise geht nach Deutschland. Während der Künstler sich bereits auf der Höhe seiner Laufbahn befindet und nach der Arbeit an der Seite seines gleichnamigen und bekannten Vaters Emile Gilliéron für den bekannten Troja-Entdecker Heinrich Schliemann nun den englischen Archäologen Arthur Evans bei seinen Grabungen auf Kreta und seiner Suche nach der minoischen Kultur begleitet, muss Felix eine wichtige Entscheidung treffen. Laura träumt hingegen noch von einer Karriere als Sängerin. Der Schweizer wird schließlich zu einem der bekanntesten Atomphysiker, Laura treibt es hingegen nach Gelegenheitsjobs in Kneipen, Bars und Geschäften sowie einer gescheiterten Ehe in die Arme des französischen Geheimdienstes.

Um diese drei Biografien literarisch zu verarbeiten, hat Capus aufwendige Recherchen betrieben. Mit viel Herz und Einfühlungsvermögen lässt er den Erzähler über die Lebensstationen seiner Helden berichten, ohne indes ihre Handlungen und Entscheidungen zu bewerten. Ob nun Bloch seine jüdische Familie in den gefährlichsten und dunkelsten Jahren in Europa zurücklässt, ob Laura ihre beiden Töchter und ihren Mann klammheimlich verlässt, Emile mit den archäologischen Funden und dank seines Talentes und seiner Geschäftstüchtigkeit kräftig abkassiert. Alle drei Lebensläufe stehen jedoch nicht nur für sich, sie bilden zudem ein Abbild jener Zeit. Obwohl an manchen Stellen ein augenzwinkernder Ton herrscht – in den Beschreibungen des Krieges, seiner Gewalt und Vernichtungskraft übernimmt eine Melancholie und leise Niedergeschlagenheit das Zepter. Vor allem Felix Bloch und Laura d’Oriano haben zwar in den Lauf der Geschichte eingegriffen, sie als Spionin, er als Miterbauer der ersten Atombombe, letztlich sind sie wie jeder Einzelne nur ein von der Geschichte getriebener Mensch. Denn alle drei scheitern: die Spionin wird zum Tode verurteilt, der Physiker, der später den Nobelpreis erhalten wird, hat seine Moral verraten, der Kunstmaler verliert sein Prestige.

Wie Capus die drei Lebensläufe miteinanderverbindet, ist einzigartig. Auch wenn es in den vergangenen Jahren immer wieder bemerkenswerte Romane gegeben hat, die verschiedene Biografien in einer Handlung zusammenführen, auch über Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg – so zum Beispiel „Die Stunden von Michael Cunningham“ oder „Der Wolkenatlas“ von David Mitchell – Capus Werk bleibt ebenfalls im Gedächtnis des Lesers, als Roman, der berührt, fesselt und Wissen vermittelt. Rundum er ist ein Schmöker, der einen so schnell nicht loslässt – vom Lesen und Nachsinnen – und so unendlichen Lesegenuss beschert.  

Der Roman „Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“ von Alex Capus erschien im Hanser-Verlag.
288 Seiten, 19,99 Euro

Das Jahrhundert der Wölfe – Robert Littell "Das Stalin-Epigramm"

„Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr, 
Wir reden, dass uns auf zehn Schritte keiner hört, (…).“

Die Jahre des Erfolgs und des Ruhms gehören der Vergangenheit an. Sein Name wird nur noch geflüstert, das Wissen um seine Dichtkunst negiert. Einst war er ein gefeierter Poet, nun ist er ein Verfolgter. Seine systemkritischen Werke bringen Ossip Mandelstam an den Rand der Gesellschaft und in das Visier der Geheimpolizei. Stalins Schatten hat das Land überzogen. Es herrschen Angst und Hunger. Die Verhaftungen und Zwangsdeportationen sowie die Nöte der Bauern angesichts der Zwangskollektivierungen treibt den Dichter um. Mit seiner Waffe, dem Wort, will er ein Zeichen setzen. Und scheitert – wie viele, ob Kritiker oder Mitläufer des Systems. „Das Jahrhundert der Wölfe – Robert Littell "Das Stalin-Epigramm"“ weiterlesen

Der Fremde – Matthias Wegehaupt "Die Insel"

„Diese Bilder zerreißen keine Nebel. Nirgendwo leuchtet die erbarmungslose grelle Helligkeit einer Erkenntnis. Ungepflügtes Land, dachte er plötzlich. Land, das man nicht pflügt, bringt bald keine Frucht mehr. (…) Aber auf den Leinwänden kannst du pflügen, wenn du nicht ängstlich bist.“ 

Des Künstlers Heimat ist das Eiland. Unsmoler heißt er, sein Name von den Einwohnern der Insel verliehen. Sein ganzes Leben dreht sich nur um die Kunst, um  seine Bilder, die während oder nach langen Strandgängen entstehen. Unsmoler lebt abgeschieden vom Dorf in einer kleinen, bescheidenen Kate. Ruhe könnte er reichlich haben, wenn nicht da der Staat wäre, der in Form des Großen Vorsitzenden die urige und sicherlich auch etwas hinterwäldlerische Insel nach seinen Vorstellungen umkrempelt. Ein ganzes Land, die einstige DDR, findet sich auf diesem kleinen Stück Land inmitten der Ostsee wieder. Wie Uwe Tellkamp in seinem Roman „Der Turm“ die damaligen Geschehnisse im Leben eines Dresdner Viertels und einer Familie widerspiegelt, so setzt Matthias Wegehaupt die DDR eben auf jene Insel.

Und nicht alles ist fiktive Spielerei. Wegehaupt, 1938 in Berlin geboren, selbst Maler und Künstler und bis heute auf Usedom lebend, verwandelte die Notizen seines Tagesbuchs in das 2005 erschienene, dickbändige Werk. Aus gut 3000 Seiten wurden 1000 Seiten, in denen nahezu die ganze Geschichte des Landes erzählt wird. Der Roman setzt dabei kurz vor dem Mauerbau im Jahr 1961 ein und endet nach mehreren Zeitsprüngen kurz nach der Wende. Der Leser begleitet nicht nur Unsmoler und die Bewohner der Insel, sondern erfährt, wie der Staat in das  Leben eines jeden Einzelnen eingegriffen hat.  Dabei beginnt alles recht unscheinbar mit der Verwandlung des Eilandes in eine Ferieninsel, denn der Große Vorsitzende will mit positiven Zahlen bei der Parteiführung glänzen. Die Kirche als Institution wird genauso ins Abseits gedrängt wie die ursprünglich lebenden, meist eigenbrötlerischen Einwohner. Unsmoler muss im Gegensatz zu seinem Künstlernachbarn Herrn Akkurat und seine Frau auf Linientreue gebracht werden. Über allem Tun blickt zudem das wachsame Auge der Firma. Später prägen Grenzposten und Teilnehmer vormilitärischer Übungen das Land.

Unsmoler hat es da nicht einfach. Neben Aufträgen für den Kulturverband – plakative und volksaufmunternde Spruchwände –  arbeitet er an Werken, die so gar nicht in die geforderten Kunstdoktrien der Parteiführung passen. Er grenzt sich ab, auch zum Leidweisen seiner Frau, die später mit dem gemeinsamen Kind die Insel verlässt. Unsmoler wirkt von seinem persönlichen Anspruch als Künstler wie gehetzt, pendelt zwischen dem Eiland und der Großstadt, in denen Künstlerkollegen und ehemalige Kommilitonen meist mehr schlecht als recht leben. Als auch noch sein Hund erschossen wird und ein Künstlerkollege nach einer misslungenen Flucht stirbt, steht Unsmoler gänzlich im Abseits, auch wenn er mit einer „Blondine“ von der Firma ein Verhältnis beginnt. Als er ungeschoren aus einer Stasi-Vernehmung wieder auftaucht, glauben die Einwohner fälschlicherweise, er sei einen Pakt mit der Firma eingegangen. Kurz vor der politischen Wende erfährt Unsmoler nach einer verrückten Flucht nach Schweden, wo wirklich seine Heimat ist.

Neben den Zeitsprüngen und Rückblenden in die Kriegs- und Nachkriegszeit, als Unsmoler als Kind mit der Familie aus Ostpreußen geflohen auf der Insel eine neue Heimat findet, arbeitet Wegehaupt auch stilistisch zweigleisig. Beschreibungen über das Wirken der Parteigenossen haben einen ironischen, sogar sarkastischen Zug, die Kapitel und Absätze über Unsmoler, sein und das Verhältnis vom Staat zur Kunst zeigen sich hingegen ungemein poetisch und melancholisch. Hier liegt dieser große Reiz des Buches, das sich im Gegensatz zu Tellkamps „Turm“ nicht in schwerverträglichen Bandwurmsätzen verrennt. Kurze und prägnante Sätze, die sich ins Gedächtnis brennen, prägen dieses Schwergewicht von einem wortgewaltigen Buch. Trotz dieses Umfangs ist dem grandiosen Werk eines zu wünschen: Dass es genauso viele, wenn nicht sogar mehr Leser gewinnt als der „Turm“. Und noch ein Rat an die sogenannten „Lehrplan-Bevollmächtigten“: In Sachen DDR-Aufarbeitung ist „Die Insel“ unbedingt zu empfehlen.

Der Roman „Die Insel“  von Matthias Wegehaupt ist im Buchhandel als Ausgabe des List-Taschenbuch-Verlages erhältlich.
1024 Seiten, 12,95 Euro