Der weiße Planet – Barry Lopez "Arktische Träume"

„Der gefrorene Ozean selbst wälzt sich in seinem Winterschlaf wie ein Drache.“ 

Es ist das Land abseits jeglicher Vorstellungen und des ewigen Eises, wo der Tag oder die Nacht endlos ist, wo alles in Bewegung erscheint oder im tiefen Schlaf versinkt. Der amerikanische Naturforscher Barry Lopez, 1945 in Port Chester geboren, war während seiner zahlreichen Reisen über den Polarkreis hinweg Teil dieser arktischen Welt. Seine Erlebnisse und Gedanken, sein Wissen über das Eisland hat er in seinem Buch „Arktische Träume“ zusammengefasst. Sein Werk ist dabei nicht irgendein Sachbuch, das staubtrocken und unemotional nach Erklärungen sucht, es hat, 1986 erschienen, den National Book Award erhalten und damit einen der renommiertesten Literatur-Preise. Und das nicht umsonst.  „Der weiße Planet – Barry Lopez "Arktische Träume"“ weiterlesen

20 years ago – Zurück in die Vergangenheit

Mit 16 fühlte ich mich noch wie ein Kind, obwohl ich langsam begann, zu rebellieren – gegen meine Eltern und meinen „großen“, sieben Jahre älteren Bruder. Mit 16 lebte ich in meinem eigenen Universum, mit dem Buch ging es zur Hofpause, mit dem Rad von der Schule nach Hause – mit Zwischenhalt am Supermarkt, um die Schokoladen-Vorräte aufzufüllen. Meine Lieblingskleidung waren die quietschbunten Hemden meines Bruders, die ich heimlich aus seinem Zimmer klaute. Dass die Knopfleiste auf der falschen Seite war, interessierte mich nicht sonderlich. Oft träumte ich vom Oscar für die beste schauspielerische Leistung, sah mich schon in Hollywood während der Verleihung heulen, Mutti und Vati und ja meinem Bruder schluchzend danken. Manchmal hoffte ich dann wiederum, mit Elton John einmal auf der Bühne zu stehen und „Don’t go breaking my heart“ zu singen – ob mit Vollplayback oder ohne. Ich probte heimlich – mit der Haarbürste in der Hand. Mein Dasein als von der Klasse anerkannter Buchfreak brachte mich dazu, dass ich in den Pausen vor den Deutschstunden manchmal ausplauderte, wie es denn weiterging – mit „Werner Holt“ oder „Macbeth“. Zwischendurch knipste ich alles um mich herum – Mitschüler, Lehrer, das Pferd auf der Weide, die Elbe, den Teich im Garten. Die Kleinbildkamera war ein Geschenk zur Jugendweihe. Und ja, ich habe mich auch in den einen oder anderen verliebt, allerdings ohne nennenswerte Ergebnisse.

Und heute 20 Jahre später? Was ist aus all den Wünschen, Hoffnungen und Talenten geworden. Ich erinnere mich oft an die damalige Zeit – nicht nur jetzt wenige Tage vor dem nächsten Klassentreffen. Mein Gedanke ist dabei immer wieder derselbe und recht paradoxer Art: Als Kind willst du erwachsen sein, als Erwachsener sehnst du dich wieder in die Kindheit zurück. Vielleicht liegt es am ständigen und gefühlt immer schnelleren Vergehen der Zeit. Mit dem Oscar hat es nicht geklappt. Elton John habe ich während eines Konzertes gesehen, er sang ohne mich, und ich glaube, das war gut so. Seine Platten sind immer noch Teil meiner Sammlung, die mit den Jahren kräftig gewachsen ist – mit neuen Namen, neuen Musikstilen. Nur Volksmusik und Schlager bleiben draußen. Ein Leben ohne Bücher kann ich mir immer noch nicht vorstellen. Das Schreiben wurde zum Beruf, die erste eigene Fotoausstellung gehört bereits der Vergangenheit an.

Was wohl die anderen erlebt, durchlebt haben? Haus gebaut, Familie gegründet, ins Ausland gegangen, erfolgreich im Beruf? Ab und an gehen die Erinnerungen aber auch an jene Mitschüler und Kommilitonen, Lehrer und Professoren zurück, die es nicht mehr gibt. Trotz des traurigen Rückblickes oder vielleicht gerade deswegen denke ich, welch Riesengeschenk das Leben ist mit all seinen Begegnungen, nur wird uns dies viel zu selten wirklich bewusst, weil uns das Leben manchmal selbst keine Zeit dafür gibt.

PS: Das Foto entstand 1991.     

Das sich selbst besingende Land – Wolfgang Büscher "Hartland. Zu Fuß durch Amerika"

„‚Wo bist Du her?‘, ‚Aus Berlin, das liegt in Deutschland.‘ Die Großmutter krächzte laut auf, es war ihre Art zu lachen, sie fand es lustig, plötzlich einen Marsmenschen im Auto zu haben.“

Es ist Winter, als er seinen ersten Fuß in das Land setzt. Es ist kalt,  und Schnee ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Doch nicht die Wettereskapaden halten ihn an der Grenze zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten von Amerika auf. Es ist ein Mann an der Grenzstation, der nicht glauben will, dass einer zu Fuß über den Kontinent läuft, dem es merkwürdig erscheint, dass jener auch noch Stempel  als Andenken von Aufenthalten in China und Jordanien im Pass hat. Doch schließlich ist Wolfgang Büscher drüben. Und nach dem ersten Schritt werden Hundertausende folgen – quer durch die Staaten, quer durch das Hartland, zu Fuß durch Amerika, wie der Autor sein Reise- und Erinnerungsbuch benannt hat. Von einer Tour, die am Ende einen besonderen Lohn nach unzähligen Strapazen bereithält: Nicht nur ein Land gesehen, sondern auch in sein Innerstes geschaut zu haben. Doch sollten wir an dieser Stelle nicht schon vom Finale berichten, wenn auf den Herausforderer in Outdoor-Kluft und einen Rucksack im Rücken noch viele Anstrengungen warten. „Das sich selbst besingende Land – Wolfgang Büscher "Hartland. Zu Fuß durch Amerika"“ weiterlesen

Der Gedankenleser – Hanns-Josef Ortheil "Das Kind, das nicht fragte"

 „Etwas aufzuschreiben bedeutete, dem Fantasierten eine eigene Wahrheit zu verleihen.“ 

 Die Insel bedeutet Zuflucht und später die Wende. Für Forschungen reist der  Ethnologe Benjamin Merz nach Sizilien. Zurücklässt er nur wenig: die Wohnung unterm Dach im Haus seiner Eltern, die vier älteren Brüder, die sowieso nur mit ihren Bevormundungen nerven, sowie den hektischen Hochschulbetrieb. Mit dem Leben und den Einwohnern des sizilianischen Mandlica, einem idyllischen Städtchen an der Südküste gelegen, kommt er schnell zurecht, obwohl sich in den ersten Tagen beide Seiten – der Ethnologe und die von zahlreichen Ritualen und Bräuchen, wie der Herstellung der Dolci (Süßigkeiten), beherrschte Einwohnerschar – erst „beschnuppern“ müssen.Merz wohnt in einer Pension, die von zwei deutschen Schwestern geführt werden – von Maria und Paula. Während erstere versucht, Merz zu erobern, finden letztere und der Ethnologe schließlich zusammen. Und nicht nur diese wunderbare, seelenvoll erzählte Liebesgeschichte zeichnet den neuen Roman „Das Kind, das nicht fragte“ von Hanns-Josef Ortheil in Vollendung aus.

Randvoll ist dieses Buch mit Lebensgeschichten. Denn Merz ist ein Spezialist für die Menschen, ihr Leben, ihre Beziehungen, ihr Verhalten untereinander. Mit Hilfe des Buchhändlers Alberto bekommt er schnell Anschluss an die Einheimischen, die er in Gesprächen interviewt und die ihm schließlich sehr viel Respekt erweisen, allen voran der Bürgermeister, der ihn sogar für ein großes EU-Projekt einspannen will.  Merz blickt hinter ihr Leben und ihren Alltag, entdeckt Verbindungen und sogar Geheimnisse, wie das des Restaurant-Inhabers und Marias Ehemann Lucio, der einst mit Paula verlobt war. Im Mittelpunkt steht indes vor allem Merz selbst, sein angespanntes Verhältnis zu seinen älteren Brüdern, die ihn nicht wirklich respektieren, ihn in seiner Kindheit und Jugend nahezu kaum zu Wort haben kommen lassen. Einzig die Eltern lassen Benjamin reden und hören ihm vor allem zu. Bei keinem anderen Menschen hat er das Gefühl auch im kommunikativen Sinne, aufgehoben zu sein. Bis eben Paula in sein Leben tritt, mit ihrer Gabe, die nicht viele Menschen auszeichnet.

Ortheil führt diese verschiedenen Geschichten, Themen und Zeiten mit Herz für seine Helden und viel Sprachgefühl zusammen. Man findet sich unweigerlich hineinversetzt in dieses Städtchen und in das Leben seiner charismatischen Bewohner. Fast riecht man die Orangen und Zitronen, spürt die sonnige Atmosphäre Siziliens. Es wäre nicht verwunderlich, wenn dank dieses Buches manch Reiseveranstalter eine erhöhte Zahl an Sizilienreisen verzeichnet. Doch gegen diese Idylle setzt Ortheil die Vergangenheit von Merz, seine daraus entstandenen Selbstzweifel und sein Leben mit dem Fuß auf dem Bremspedal. Seine spätere Entscheidungskraft, die ihm schließlich den Lebensweg öffnen wird, entlässt den Leser zum Schluss schließlich positiv gestimmt aus der Geschichte, ohne in Kitsch und seichter Romantik abzugleiten. Ganz im Gegenteil: „Das Kind, das nicht fragte“ ist ein warmherziges und weises Buch, das einen rührt und vieles lehrt  und ganz nebenbei zu einer wundervollen Reise nach Sizilien einlädt. Begleitet wird das Buch und das Geschehen im Übrigen von Auszügen aus Gedichten des sizilianischen Lyrikers und Nobelpreisträgers Salvatore Quasimodo (1901-1968). Wer Ortheils wunderbares Schreiben – er wurde unter anderem bereits mit dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet – noch nicht kennt, für den könnte dies eine zweite Entdeckung sein.

Der Roman „Das Kind, das nicht fragte“ von Hanns-Josef Ortheil erschien 2012 bei Luchterhand.
432 Seiten, 21,99 Euro

Napoleons Niedergang – Stekovics-Verlag mit Prachtband

Was sie sich wohl sagen würden, sich zu erzählen hätten, wenn sie aufeinandertreffen würden? Im zeitlichen Raum trennen  Wallenstein, Gustav II. Adolf und Napoleon 170 Jahre. Von der räumlichen Dimension jedoch gesehen, haben sie nahezu auf gleichem Boden gekämpft. Im Jahr 1634 stirbt während der Schlacht bei Lützen Wallensteins Widersacher,  Schwedenkönig Gustav II. Adolf,  der „kleine“ Franzose erringt  bei Großgörschen einen Sieg, bevor seine Truppen    bei Leipzig die entscheidende Niederlage hinnehmen müssen.  In der Gegenwart kommen  die drei großen Heerführer  nun doch auf besondere Weise zusammen – im Buchregal. „Napoleons Niedergang – Stekovics-Verlag mit Prachtband“ weiterlesen

Zeiten in Moll – Jaume Cabré "Das Schweigen des Sammlers"

„Kunstwerke sind Rätsel, die sich der Vernunft entziehen.“ 

Gut geschützt und sicher liegt sie im Tresor des Antiquitätenhändlers Felix Ardevol: die wertvolle Storioni-Geige aus dem 18. Jahrhundert. Adrià, sein Sohn, erhält nie die Gelegenheit, auf ihr zu spielen, geschweige denn sie einmal für längere Zeit in die Hand zu nehmen. Eines Tages geschieht jedoch das Unglück: Adrià, der das Instrument aus dem Tresor heimlich entwendet und seinem spielenden besten Freund Bernat zum Üben überlässt, verliert seinen Vater. Ardevol, der zu einem geheimen Treffen mit der Übungsgeige seines Sohnes anstatt mit der vermeintlichen Storioni-Geige loszieht, wird auf grausame Art und Weise ermordet.
Und es soll nicht das einzige Geheimnis bleiben, das erst Jahre später ans Tageslicht kommen soll. Der neue Roman „Das Schweigen des Sammlers“ des katalanischen Autors Jaume Cabré, der, 1947 in Barcelona geboren, vor einigen Jahren in Deutschland mit seinem Roman „Die Stimmen des Flusses“ sehr erfolgreich war, ist voller Rätsel, die sich mit den Seiten des überaus dicken Werkes auflösen.

Cabré spannt einen zeitlichen Bogen, der nicht nur das Leben des Adriá beinhaltet, seine eher schwierige Kindheit und Jugend angesichts strenger Eltern, sein umfassendes Studium, das spätere erfolgreiche Berufsleben als Geisteswissenschaftler und seine Liebe zu Sara. Der Spanier nimmt den Leser auf eine spannende Reise durch die Jahrhunderte – vom Mittelalter und der Geschichte eines abgelegenen Klosters, über jenen Mann, der im 18. Jahrhundert das Holz für die Geige ausfindig macht bis hin zur dunklen NS-Zeit und das Trauma des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust. Denn der Antiquitätenhändler ist alles andere als ein feiner Mann. Mit der Hilfe von Unterhändlern macht er Geschäfte mit dem Besitz jüdischer Familien, die noch fliehen konnten oder in den Konzentrationslagern getötet werden. Auch jene Geige erzählt eine solche erschütternde Geschichte einer Familie, die von der SS in Holland festgenommen und bis auf ein Mitglied der Familie in Auschwitz umkommen wird.      

Cabré stellt in diesem Zusammenhang auch die Frage, was das Böse ist, was es auszeichnet, wie es entsteht. Er wagt dabei nicht nur einen Blick in die Vorhöfe der Hölle in Auschwitz-Birkenau, er erzählt, wie zwei ranghohe Ärzte, verantwortlich unter anderem für grausame Versuche an Kindern, nach dem Krieg untertauchen, weiter praktizieren, in einem Beispiel allerdings auch Buße tun. Besonders in jenen Szenen fällt jenes stilistisches Merkmal des Romans auf: die schnellen Übergänge von Zeit und Raum. Kein Absatz, keine Überschrift trennen die einzelnen Zeiten voneinander, manchmal fließen sie nahezu ineinander über, wie die Szenen in Auschwitz mit denen des Mittelalters, wo die Inquisition Gewalt aussät im Namen der Kirche. Dabei stellt nicht nur jenes Karussell der Epochen eine Herausforderung an den Leser, bei dem sich Zeiten und Schauplätze manchmal sogar schnappschussartig abwechseln, auch die Erzählweise wandelt sich. Mal lässt Cabré Adrià aus der Ich-Perspektive berichten, mal in der Er-Form. Erst am Ende wird auch dieses Rätsel gelöst.

Dieses rund 840-seitige Buch ist dabei sowohl stilistisch als auch thematisch ein Wunderwerk. Cabré versammelt viele Themen des Lebens und widmet sich ihnen auf unheimlich kluge Art. Die Bedeutung von Kunst findet sich hier ebenso wie die Rolle der Freundschaft und die Kraft der Liebe. Geschaffen hat der Katalane eine spannend zu lesende Geschichte und Personen, deren Geschichte und Schicksal ans Herz gehen, sei es die jüdische Familie, die des Holzexperten Jachiam oder Adriàs Frau Sara, die vor ihrem Mann eine lange Zeit ein trauriges Geheimnis verbirgt. Diesem unheimlich aufwühlenden wie auch erhellenden Roman sind viele Leser zu wünschen. Sein Schöpfer hat acht Jahren daran geschrieben.  

Der Roman „Das Schweigen des Sammlers“ von Jaume Cabré erschien im Insel-Verlag, mittlerweile auch als Paperback-Ausgabe im Insel-Taschenbuch-Verlag, in der Übersetzung aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt und Petra Zickmann.
845 Seiten, 9,99 Euro