Mathijs Deen „Über alte Wege“

„Veränderung beginnt damit, dass man einen neuen Weg geht, selbst wenn es nur eine Spur ist.“

Europastraßen: Sie bilden ein dichtes Netz, das sich über Europa und weite Teile Asiens legt. Sie führen von Norden nach Süden, von Westen nach Osten und machen nicht an Grenzen halt. Rund 250 von ihnen gibt es, mal mehr, mal weniger gut gekennzeichnet und ausgebaut. Diese Pisten für Fernfahrer und Touristen sind jedoch keine Erfindung der letzten Jahrzehnte. Ihre Geschichte reicht vielmehr sehr weit zurück. Und immer hatten sie eine besondere Bedeutung. Auf eine wundersame Reise in Raum und Zeit lädt der Niederländer Mathijs Deen mit seinem faszinierenden Buch „Über alte Wege“ ein.

Besiedlung eines Kontinents

Mit diesen Wegen, diesen heutigen grenzüberschreitenden und transkontinentalen Straßen erzählt Deen bekannte und weniger bekannte Kapitel der europäischen Geschichte. Die Erinnerungen aus seiner Kindheit an die Fahrten mit den Eltern zu den Großeltern von Boekelo nach Leersum in den 60er-Jahren setzen den Anfang. Nach einem Recherche-Ausflug in die Genfer Verwaltung der UNECE Transport Division und dem Besuch der „Aufseherin“ der Europastraßen beginnt die eigentliche Zeitreise. Den Beginn macht die Besiedlung Europas von Afrika über den Nahen Osten als Zwischenstation vor rund 800.000 Jahre aus. Das letzte Kapitel erzählt von einem marokkanischen Auswanderer, der wieder in seine Heimat zurückgekehrt ist und Remigranten unterstützt.

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Deens Geschichten sind dabei nicht Ergebnisse seiner Fantasie und Einbildung. Der Niederländer ist für sein Buch viel gereist, er hat mit Wissenschaftlern gesprochen und wichtige historische Schriften und Dokumente gelesen. Jedes Kapitel, das in die Vergangenheit führt, hat eine Gemeinsamkeit: Der Autor vermischt die Gegenwart, also seine Recherche, Reisen, Erlebnisse, mit dem Erzählen der damaligen Zeit, von früheren Europäern, die den Kontinent bereist haben. Immer wegen eines anderen Grundes. Deutlich wird, dass die Wege und Straßen unterschiedliche Bedeutungen hatten und haben. Die Isländerin Gudridur begibt sich nach ihren weiten und gefährlichen Schiffsreisen nach Grönland und sogar nach Amerika auf eine Pilgerreise nach Rom. Der portugiesische Jude Jacob Barocas flieht über die Pyrenäen und Frankreich nach Amsterdam, um der Inquisition und damit seinem Tod zu entkommen. Conrad Nell, ein Vorfahre Deens, wird trotz gesundheitlicher Probleme von der napoleonischen Armee zwangsrekrutiert und begibt sich mit einem Infanterieregiment auf den weiten und aufreibenden Marsch nach Russland, wo die Armee vernichtend geschlagen wird. Der Engländer Charles Jarrott, Sohn eines Schmieds, zählt zu den teils berühmten Teilnehmern der aufsehenerregenden Autorennen zwischen großen Städten wie Paris, Wien und Berlin.

„Wer durch Europa reist, reist immer jemanden nach. Unter jedem Fußabdruck liegt ein noch älterer.“

Jene insgesamt acht Geschichten über die Vergangenheit Europas ermöglichen dank ihrer wundersam anschaulichen und bildhaften Erzählweise und dank eindrucksvoll plastischer Protagonisten einen sehr lebendigen Einblick in die damalige Zeit. Selbst die ersten europäischen Siedler, deren Spuren jüngst bei Ausgrabungen im englischen Norfolk ans Tageslicht kamen, erhalten eine Art Gesicht. Deen führt den Leser indes nicht nur vor Augen, wie Straßen für den Handel und  Kriegszüge, im Namen der Religion und der Suche nach einem sicheren Dasein genutzt wurden. Er erzählt von den damaligen Lebensbedingungen und widmet sich ganz unterschiedlichen thematischen Bereichen: Ein spezielles Stück Theatergeschichte wird in der Geschichte über Jacob berichtet, der Technikwahn um die Jahrhundertwende steht in dem Kapitel zu den Rennfahrten im Mittelpunkt. 

Ein wichtiges Buch der Stunde

„Über alte Wege“ bereitet nicht nur eine sehr lehrreiche, erhellende Lektüre. Der Band mit den verschiedenen Schicksalen ist spannend erzählt; gerade durch den faszinierenden Kontrast zwischen den Recherchen und Gesprächen des Autors in der jüngsten Vergangenheit und all jenen Rückblicken in die vergangenen Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende. Man fühlt, welcher Aufwand sich dahinter verbirgt, aber auch welche Reiselust und Neugierde den Autor umtreibt. Es erinnert sehr an das ebenfalls sehr empfehlenswerte Buch „In Europa“ seines Landsmanns Gert Maak, der darin sowohl die Geschichte des 20. Jahrhunderts als auch von seinen Reisen zu den historischen Stätten Europas erzählt.

Das Werk des 57-jährigen Niederländers, von dem nahezu zeitgleich in diesem Frühjahr auch ein Romandebüt mit dem Titel „Unter den Menschen“ im mare Verlag erschien, ist ein wichtiges Buch dieser Stunde, zeigt es doch klar und deutlich auf, dass Migration und die Wanderungen der Menschen schon seit jeher die weitere Entwicklung des Kontinents bestimmt haben und sie Europa zu dem Erdteil werden ließen, wie er heute ist. Denn schon immer waren Menschen aus den unterschiedlichsten Gründe heraus auf der Flucht und auf der Suche nach einem sicheren Ort – ob wegen des Krieges, Katastrophen, Hungersnöten oder Verfolgung. Schon seit Hunderttausenden von Jahren.


Mathijs Deen: „Über alte Wege. Eine Reise durch die Geschichte Europas“, erschienen im Dumont Buchverlag, in der Übersetzung aus dem Niederländischen von Andreas Ecke; 416 Seiten, 24 Euro

Foto von fsHH auf Pixabay

2 Gedanken zu „Mathijs Deen „Über alte Wege““

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