Aleš Šteger – „Neverend“

„Beim Schreiben gibt es keine Wunder.“

In der DDR haben die Bürger für sie angestanden. Wie sie zu ihrer krummen Form kommt, ist eine gern gestellte Frage. In Deutschland verdrückt der Durchschnittsbürger im Jahr rund elf Kilogramm der exotischen Frucht. Die Rede ist von der Banane. Sie spielt keine unwesentliche Rolle im Roman „Neverend“ des slowenischen Schriftstellers Aleš Šteger. Wobei das Buch alles andere ist als eine leichtbekömmliche Lektüre, sondern sich vielmehr als harte weil erschütternde und hochpolitische Kost erweist. 

Europa am Abgrund

Alles beginnt am 2. September mit Bananen. Die 34-jährige Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin, bekommt die Frucht von ihrem Freund wie Geliebten Kafka geschenkt. Mittlerweile sind Bananen rar geworden. Die EU liegt im Clinch mit dem Rest der Welt. Es herrscht ein Handelskrieg. Viele Waren sind zu Raritäten geworden. Die Lage auf dem Kontinent ist angespannt, gegen die EU wird gewettert, in vielen Ländern haben Populisten die Macht erlangt, auch in Slowenien steht mit dem Kandidaten Platano ein unheilvoller Wechsel bevor. Die Heldin steckt in einer Schreibkrise, darüber hinaus quälen sie Schuldgefühle ob des Todes ihrer Mutter sowie Trauer über den verstorbenen Onkel. Kafka verhilft ihr zu einem Job: Sie soll in einem Gefängnis vor den Toren Ljubljanas einen Schreibkurs für Häftlinge geben, begleitet von einem Psychologen. Letztlich findet sich ein kleines Grüppchen von drei Inhaftierten ein, denen sie eine Aufgabe stellt: Sie sollen Texte verfassen zum Thema Krieg. In regelmäßigen Abständen werden ihr die Geschichten per E-Mail zugesendet, ohne dass sie erfährt, wer welche verfasst hat.

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Tag für Tag, Woche für Woche spitzt sich die Lage zu. Platano gewinnt die Wahl und demontiert nach und nach den Rechtsstaat. Während die Heldin die Lage immer beklemmender und als bedrohlich empfindet, steigt Kafka zum Informationsminister auf. Die Inflation nimmt Fahrt auf. Lebensmittel werden knapp. Der Strom fällt aus. Es fahren keine Bahnen und Busse mehr. Der Müll bleibt liegen. Es kommt zu Unruhen und Aufständen, die blutig niedergeschlagen werden. Schließlich ruft der neue Staatschef die Bürger zu den Waffen und zur Verteidigung des Landes auf…

„Trotz allem, ja zum Gespött dessen: Die Geschichte wiederholt sich trotz aller Tribunale, Archive, Aufklärungsprojekte, Schulprogramme, Denkmäler, Gedenk-Feiertage, Familien-Fotoalben und Dokumentarfilme.“

Der Krieg ist vorprogrammiert. Oft hat es ihn in der Vergangenheit gegeben: Kein Jahrhundert ohne Krieg. Es ist dieses Thema, das sich wie ein roter Faden durch dieses ungewöhnliche Buch zieht. Ungewöhnlich deshalb, weil der Slowene mit den Genres spielt. Die Erlebnisse der Ich-Erzählerin und die Ereignisse im Land versammeln sich in einem Tagebuch, das die Heldin von Anfang September bis Ende Dezember führt. Eingeschoben werden die Texte, die die Häftlinge (oder ein anderer) geschrieben haben. Texte, die trotz eines ersten Gedankens an den Balkan-Krieg schwer zu verorten sind, weil der Krieg die immergleiche entsetzliche Fratze trägt: In den Kurzerzählungen geht es um Gewalt und Zerstörung, den Tod und das Auslöschen von einem Moment auf den Nächsten, vor dem auch die Zivilbevölkerung nicht gefeit ist. Einer dieser Texte trägt auch den Namen des Romans: Neverend. Darin wird ein Ort beschrieben, zu dem unzählige Menschen pilgern, der ein Ort der Hoffnung, der Visionen und des Friedens ist. Ein Soldat verleiht ihm schließlich den Namen „Neverend“.

Die Reise des Antonio Scopoli

Neben dem Tagebuch und den Kurzgeschichten gibt es eine dritte Ebene, die in das 18. Jahrhundert führt. Die Autorin hat endlich eine Inspiration gefunden – die Geschichte des Tiroler Naturforschers und Mediziners Antonio Scopoli, (1723-1788) der mit dem berühmten schwedischen Wissenschaftler Carl von Linné (1707-1778) in einem intensiven Briefwechsel steht und sich schließlich auf eine Reise begibt, um dem nordischen Forscher einmal leibhaftig zu begegnen. Scopoli muss eine beschwerliche und kräftezehrende Tour durch ein dystopisches und düsteres, von Armut und Krieg gezeichnetes Europa überstehen. Linné ist nicht nur bekannt geworden durch seinen Beitrag zur modernen botanischen und zoologischen binären Nomenklatur. Er gab der Banane – wobei wir wieder bei der beliebten Frucht sind – ihren botanischen Namen: Musa. Alle drei Teile, die miteinander verbunden sind, stehen zugleich für sich und bieten jeweils eine eindrückliche Lektüre, wobei die Geschichte rund um Linné und Scopoli ein spannendes Thema für einen historischen Roman abgäbe.

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Linné kurz nach seiner Heirat (1739). Bildnis von Johan Henrik Scheffel (1690–1781). (Quelle: Wikipedia)

Šteger, 1973 in Ptuj im ehemaligen Jugoslawien geboren, zählt zu den bekanntesten Autoren seines Landes. Er studierte Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaften. 1995 debütierte er mit einem Gedichtband. Es folgten weitere Lyrik sowie Romane und Essays. Der Slowene ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin, der Akademie der Wissenschaften und Literatur sowie der Deutschen Akademie für Dichtung. Sein Roman „Neverend“ erschien bereits 2017 im Original. Es ist geradezu beängstigend, wie drastisch er das Thema des erstarkenden Rechtspopulismus verarbeitet, Europa als eine ausländerfeindliche Festung und ein Slowenien beschreibt, in der die DNA der Bevölkerung mittels Analysen erfasst werden soll. Mittendrin die schreibende Heldin, die am Schreiben verzweifelt und sich allerdings daran wie eine Art Rettungsanker in einer immer düsteren Zeit klammert.

„Neverend“ ist ein gedankensattes, erschütterndes wie sprachmächtiges Buch, das sich trotz seiner Komplexität flüssig lesen lässt und beweist, dass man die Literatur der osteuropäischen Länder, konkret des Balkans, mehr Aufmerksamkeit schenken sollte. Hat man zu Beginn der Handlung noch über das Bananen-Fiasko leicht geschmunzelt, entwickelt sich nach und nach ein Gefühl der Betroffenheit und Beklemmung. Am Ende findet sich die Heldin dort wieder, wo die verwirrte Paula – eine schrullige Nachbarin der Autorin – zuvor gelebt hat. Mit ihr bewegt sich auch der Leser in Richtung eines Abgrunds, der sich nach der Lektüre eine gewisse Zeit der Auf-/Verarbeitung gönnen sollte.


Aleš Šteger: „Neverend“, erschienen im Wallstein Verlag, in der Übersetzung aus dem Slowenischen von Matthias Görlitz und Alexandra Natalie Zaleznik; 462 Seiten, 26 Euro

Foto von Giorgio Trovato auf Unsplash

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